Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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1999-1-20

Jahresbericht des vorsitzers für 1994

Generalversammlung
Publikationsorgan "Rechtschreibung"
In seinem 71. jahr sieht der Bund für vereinfachte rechtschreibung erstmals konkrete früchte seiner arbeit. Die früchte sind zwar sehr klein geraten, und geerntet sind sie noch nicht, aber sie sind fast durchwegs bekömmlich und lassen hoffen, dass es nicht die letzten sind.

Vom 22. bis zum 24. november 1994 fanden in Wien die 3. gespräche zur neuregelung der deutschen rechtschreibung statt. Delegationen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Rumänien, der Schweiz und Ungarn genehmigten das im herbst 1992 vom internationalen arbeitskreis für ortografie präsentierte gesamtregelwerk. Im anschluss an die politische willensbildung in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz wird die unterzeichnung eines abkommens für ende 1995 angestrebt. Anschliessend kann das regelwerk entsprechend den möglichkeiten der länder in kraft treten; seine verbindliche einführung sollte bis zum jahre 2001 abgeschlossen sein. Man nimmt an, dass bereits 1995 eine neue dudenausgabe erscheinen wird.

Das regelwerk, das dasjenige von 1901 ersetzen soll, ist das am besten durchdachte, das die deutsche sprache je besessen hat. Alle bereiche der rechtschreibung und ihr zusammenspiel sind verbessert worden. Der BVR muss alles in seiner macht stehende tun, dass die reform verwirklicht werden kann. Ein scheitern müsste zur erkenntnis führen, dass die deutsche rechtschreibung überhaupt nicht reformiert werden kann.

In zwei punkten hat die jahrhundertkonferenz leider ihren historischen auftrag nicht erfüllt. Zum einen hat man die einheitlichkeit, die man immer als oberstes politisches prinzip hinstellt und in deren namen man gerne reformen verhindert, bei der s-schreibung nicht erreicht. Zum anderen konnte man sich bei der gross- und kleinschreibung nicht zu einer echten lösung durchringen. Herausgekommen ist (mindestens in der Schweiz) eine ortografiereform, die kaum über die bandbreite normaler dudenanpassungen und individueller schreibgewohnheiten hinausgeht. Überspitzt gesagt: Ausser vielleicht bei der NZZ wird man ihre einführung in der praxis gar nicht bemerken.

Man hat es geschafft, ein regelwerk zu entwickeln, das kaum mehr widerspruch weckt. Dagegen sei die substantivkleinschreibung nicht konsensfähig, heisst es jeweils. Nun, konsensfähig ist in der politik selten etwas, deshalb funktioniert die demokratie nach dem mehrheitsprinzip. Dagegen gilt in der ortografie das vetoprinzip. Würde auf allen gebieten so entschieden, hätten wir keine strassen, aber auch keine eisenbahnen und gewiss auch keine teater.

Den politikern mutlosigkeit vorzuwerfen bringt uns nicht weiter. Eigentlich haben sie sehr viel erreicht. Haben sie überhaupt einen grösseren spielraum? Je grösser die angestrebte veränderung ist, desto schärfer stellt sich das problem der legitimation. Man muss sich im klaren sein, dass die wiener konferenz über nichts anderes als die lehrpläne der volksschule beriet, und die betreffen 99% der schriftbenützer überhaupt nicht. Dass aber letztlich alles daran hängt, steigert zwar unsere erwartungen, aber es erhöht nicht den spielraum der politiker — ja, es verringert ihn sogar.

Etwas ist also grundsätzlich falsch. Wer "macht" denn die ortografie? Wir alle! Leider gibt es hier einen teufelskreis: die erwachsenen (unter ihnen die verleger) richten sich nach der schule — und die schule richtet sich nach der praxis. Hier hat der BVR seine aufgabe: er muss an beiden stellen ansetzen.

Auf der anderen seite muss man sich aus politischer sicht fragen, ob die politiker die ortografie nicht als das behandeln sollten, was sie in wirklichkeit ist: eine allgmein verbindliche, international festgelegte norm wie masse und gewichte. Die geplante einsetzung einer "zwischenstaatlichen kommission für deutsche ortografie" geht in diese richtung. Aber als reines wissenschaftergremium hängt sie in der luft. Entweder wird die ortografiefrage in das bestehende internationale vertragsnetz der normung eingebettet, oder die einzelnen staaten sollen gleich — was ja auch eine möglichkeit wäre — eine ortografische unabhängigkeitserklärung abgeben.

Den schlusspunkt zu diesen gedanken soll ein zitat von Eckhard Pfeiffer, dem präsidenten der amerikanischen computerfirma Compaq, setzen: "Ist das problem richtig erkannt, muss man klare entscheidungen treffen und diese unerbittlich durchziehen, auch wenn sie unpopulär sind. Mit nachgeben oder kompromisslösungen schiebt man unangenehme probleme nur weiter vor sich her. Dieser entscheidungsprozess — in der industrie als reengineering bekannt — könnte auch auf der ebene einer nation angewendet werden. Es braucht aber den mut zu klaren entscheidungen!"

Die seit november 1992 gesammelten 5000 unterschriften konnten im oktober dem erziehungsdirektor von Appenzell Ausserrhoden, landammann Hans Höhener, überreicht werden. Die übergabe fand am rande der jahrestagung der erziehungsdirektorenkonferenz (edk) vor dem rathaus in Altdorf UR statt. Hans Höhener nahm das "reisegepäck" für Wien mit der zusicherung entgegen, seine kollegen aus Deutschland und Österreich auf die stimmung in der Schweiz aufmerksam zu machen. Dass das nicht ohne wirkung blieb, zeigt ein auszug aus dem bericht unserer schwesterorganisation Österreichische gesellschaft für sprache und schreibung über die wiener tagung: "Die schweizer delegation hat sich einhellig ebenfalls dafür ausgesprochen, die reform nicht als abgeschlossen zu betrachten, sondern als einen fortzuführenden prozess. Insbesondere wollen auch die schweizer auf die kleinschreibung der substantive hinarbeiten."

In den medien nahmen die übergabe unserer unterschriften mässigen, die wiener konferenz dagegen recht breiten raum ein. Kommentare gab es in der Schweiz nicht sehr viele; der grundton war wohlwollend.

BVR

Die generalversammlung fand am 5 februar in Zürich statt. Vorstandssitzungen gab es zwei, nämlich im april und im september. Die kassierin, frau Elisabeth Herold, hat leider auf ende jahr den rücktritt eingereicht.

Im zusammenhang mit der unterschriftensammlung musste auch diverses material für informationsstände und pressemitteilungen bereitgestellt werden. Erwähnt seien das faltblatt "Starten statt warten!", das dazu aufruft, die reformierte ortografie in der praxis anzuwenden, und das lexikonartig aufgebaute "Rechtschreibreform von A bis Z".

Erstmals wurde ein BVR-pin geschaffen. Dieses neue werbemittel konnte nicht zuletzt für die unterschriftensammlung eingesetzt werden, wurde doch die nummer 1 zusammen mit der petition landammann Hans Höhener überreicht.

Anfragen von studierenden machen einen nicht unwesentlichen teil der arbeit des 70-jährigen BVR aus. Im berichtsjahr ist eine lizenziatsarbeit mit dem titel "Die geschichte der rechtschreibreform-bemühungen in der Schweiz von 1945 bis 1960" zu erwähnen, bei der ein bescheidener beitrag geleistet werden konnte. Es zeigt sich aber immer wieder, dass eine brauchbare archivierung kein leichtes unterfangen ist. Im entstehen ist eine computergestützte bibliografie mit schwerpunkt Schweiz.

Unser organ Rechtschreibung erschien unter der schriftleitung von René Schild dreimal im umfang von insgesamt 24 seiten. Die nummer 162 enthält eine in der NZZ nicht veröffentlichte entgegnung auf den leserbrief von Ernst Leisi und einen hinweis auf die positiven auswirkungen der kleinschreibung in Dänemark. Der schriftleiter beschäftigt sich in nummer 163 unter dem titel "Werden sie wohl in die geschichte der deutschen rechtschreibung eingehen?" mit den politikern und ihrer zaghaftigkeit sowie mit dem problem "das/dass". Arne Hamburger berichtet über "Vereinfachte rechtschreibung im französischen". In nummer 164 versucht Guido Appius, den berühmten Gölter-fall, als der Spiegel den kultusminister mit einem testdiktat in verlegenheit brachte, in der Schweiz nachzuvollziehen. Roman Looser bespricht eingehend das buch "Wo liegt eigentlich der Fehler" von Wolfgang Mentrup.

Im berichtsjahr starb in Basel unser früheres vorstandsmitglied prof. dr. Heinz Rupp. Er verlieh der reformdiskussion entscheidende impulse, und es ist nur zu bedauern, dass er später mit seiner offenen, unkomplizierten art nicht noch mehr einfluss auf den gang der dinge nehmen konnte.

Allen mitgliedern des BVR danke ich für ihre treue. Den vorstandsmitgliedern und anderen helfern danke ich für ihren einsatz.

Zürich, 11. februar 1995

Der vorsitzer
Rolf Landolt