Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2000-7

Zwanzig jahre Bund für vereinfachte rechtschreibung

Ein rechenschaftsbericht

Gedruckt bei Stämpfli & cie., Bern

Wenn wir uns anschicken, im herbst 1944 auf den seit zwanzig jahren vom schweizerischen «Bund für vereinfachte rechtschreibung» zurückgelegten weg zu blicken, so muss uns daran liegen, zu zeigen, dass die bestrebungen der rechtschreibreformer auf schweizerischem und ausserschweizerischem boden viel früher begonnen haben als die organisierte tätigkeit unserer vereinigung. Es würde eine übertrieben liebenswürdige oder auch unverdient übelwollende verdrehung der tatsachen bedeuten, wollte man etwas anderes behaupten oder die lage anders darzustellen versuchen.

Unbestreitbar war die schreibung der alt- und mittelhochdeutschen texte viel einfacher, natürlicher und lautgetreuer als diejenige der heutigen neuhochdeutschen sprache. Ist der buchdruckerkunst einerseits die ziemlich rasche verbreitung der ausgleichenden schriftsprache zu verdanken, so trägt sie anderseits auch wohl die hauptverantwortung für das entstehen einer bestimmten schreibweise, die nach und nach überlieferten formen und regeln gehorchte. Wir als anhänger einer vernünftigeren und einfacheren rechtschreibung sind weit von der geradezu abergläubischen auffassung entfernt, das heute geltende regelwerk habe sich seiner güte wegen gebildet und durchgesetzt, stelle die möglichst beste lösung dar und wäre anders gar nicht praktisch durchführbar gewesen. Wir glauben unbeirrt, der zufall mit all seinen launen habe eine unerfreulich grosse rolle gespielt. Es ist keine bloss teoretische annahme, dass sozusagen von anfang an neben sich langsam durchsetzenden rechtschreibregeln auch gegenmeinungen vertreten wurden, die zu andern regeln geführt hätten, wenn der sieg auf ihrer seite gewesen wäre. Im 15. jahrhundert bereits befassten sich deutsche grammatiker mit rechtschreibfragen und wandten sich gegen das, was sie für falsch hielten. Manchmal beeinflussten sie den gang der dinge — ob gut oder falsch, das ist je nach dem standpunkt eine angelegenheit für sich. Wie sehr aufs geratewohl geschrieben und geregelt wurde, zeigt etwa der rat des Gothaischen Schulmethodus vom jahr 1642: In zweifelsfällen solle man sich an den pfarrer, an das lesebuch, besonders aber an die bibel wenden, was eine sonderbare mischung von rechtschreibung und wortgläubiger formnachahmung ergeben musste. 1653 forderte Girbert als erster die grossschreibung aller hauptwörter. Nicht zufällig war es in der zeit der grossen politischen und kulturellen verwahrlosung, dass es zu solchen festlegungen kam und sich das bedürfnis nach ordnung und regel einstellte. Noch 1684 aber erschien die bernische Piscatorbibel in kleinschrift — ehre solcher bernischen langsamkeit! —, 1707 verwarf Grüwel die dehnungszeichen, und 1723 wandte sich Frisch gegen die «beschwerliche und unbegründete» grossschreibregel. Es kam Gottsched mit seinem regelwerk, Adelung mit seinen fonetisch begründeten forderungen, Klopstock mit seinen recht weitgehenden vereinfachungsvorschlägen. Dem sonst so angesehenen Jakob Grimm glückte 1819 und später der angriff auf die grossschrift und auf andere abweichungen von der einfacheren schreibweise nach mittelhochdeutscher art nicht mehr. Rudolf von Raumer seinerseits vertrat eine auf lautgerechter schreibung beruhende reform ohne erfolg. Im jubiläumsjahr 1944 sei an Sidêriôns reformschrift «zum widergebrauch der richtigen alten schrift unserer sprache» von 1844 erinnert. Der brüder Grimm Deutsches Wörterbuch brachte 1854 erneut eine scharfe kritik an der üblichen schreibweise. Gottfried Keller bezeugte 1860 seine sympatie für eine «klassisch abbrevierte schreibart etwa im grimmschen sinne», der in Aarau wirkende Rochholz forderte 1864 reformen in fonetischer richtung und 1865 der zürcher Lüning tiefgreifende vereinfachungen. Man sieht, die Schweiz hat früh genug von ihrem natürlichen mitspracherecht auf diesem gebiet gebrauch gemacht. Wir können weiter nennen des zürchers Gut reformschrift «Di fereinfachung unserer shrift und shreibveise» von 1871, die vorschläge des luzerners Bucher von 1869 und 1870 und diejenigen des aargauers Hürbin von 1871. Vergessen wir schliesslich nicht Konrad Dudens sehr reformfreundliche arbeit vom jahr 1872!

So aussichtsreich erschien zu jener zeit der kampf gegen die überlieferte recht- oder vielmehr schlechtschreibung, dass die Schweizerische Lehrerzeitung von 1873 bis 1881 in vereinfachter schreibweise gedruckt wurde, und zwar in kleinschrift, ohne dehnungszeichen, ohne v, ph, tz, ck (von 1879 an wieder mit den dehnungszeichen). Duden kommentierte 1876 die rechtschreibkonferenz von Halle und ihre heute noch unausgeführten vorschläge und äusserte ideen, die noch weiter gingen. Immer wieder wurden arbeiten veröffentlicht, die reformen grundsätzlich forderten oder ganze systeme aufstellten. Gegen das ende des jahrhunderts bemühte man sich besonders um die einigung der noch bestehenden verschiedenheiten, damit wenigstens, schlecht oder recht, eine gemeinsame schreibweise auf dem gebiet der deutschen sprache gelte. In der Schweiz waren das th in deutschen wörtern und das e in der silbe -ieren ziemlich einheitlich abgeschafft. 1892 befasste sich eine interkantonale konferenz mit der schweizerischen rechtschreibung, befürwortete den anschluss an die schreibung der wörterbücher von Duden, die konsequente behandlung des th und weitere vereinfachungen und schlug eine internationale konferenz vor.

1901 kam es endlich zur amtlichen einigung zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im grossen und ganzen flaute nun die reformbewegung ab, hörte aber nie ganz auf. Duden selber bezeichnete 1902 die berliner einigung unmissverständlich als ein zwischenziel. Philologen, liebhaber, künstler und beruflich interessierte fuhren fort, die geltende rechtschreibung und besonders die grossschreibung der hauptwörter zu beanstanden, und es bildeten sich reformvereine. Während des ersten weltkrieges nahmen — und nicht etwa nur in der Schweiz — die reformbestrebungen wieder zu, und der zusammenbruch und umsturz von 1918 bedeutete geradezu das signal zu zahlreichen angriffen auf die amtliche schreibweise. 1920 aber lehnte die reichsschulkonferenz von Berlin eine änderung ab.

In der Schweiz jedoch erlosch der funke nicht mehr, so wenig wie in Deutschland. Schriften, aufsätze und vorträge (es seien als damalige träger der bewegung genannt Sessler, Schrag, Moser, Strebel, Cornioley, Giger, Kaiser, von Greyerz, Klötzli, Schwarz, Löw, Frey) hielten das interesse wach und bewirkten zahlreiche kundgebungen zugunsten einer vereinfachung — freilich auch etliche gegenäusserungen. Am 7. september 1924 besprach eine versammlung von reformfreunden in Olten die ganze frage und gründete den schweizerischen «Bund zur vereinfachung der deutschen rechtschreibung» (später zu «Bund für vereinfachte rechtschreibung» abgekürzt).

Über jene gründungsversammlung schrieb Hans Schaffner, lehrer in Anwil, einen bericht in die bernische zeitschrift «Die Schulreform», die im frühling 1924 zur kleinschrift übergegangen und stets den reformgedanken zugänglich war. Zur sitzung hatten eingeladen die «Schweizerische pädagogische gesellschaft» und der «Schriftbund», ein vorläufer des rechtschreibbundes. Fritz Schwarz, der schriftleiter der «Schulreform», leitete die verhandlungen, die insofern zu einem neuen ergebnis führten, als eine grundsätzliche zweiteilung der bestrebungen als wünschenswert bezeichnet wurde. Einer «kleineren reform, die sofort durchführbar ist», einem «minimalprogramm» oder «kleinen ziel» stand eine «grosse reform», ein «maximalprogramm» oder «grosses ziel» gegenüber. Als kleines ziel wurde beschlossen: «Alle wörter werden klein geschrieben, eigennamen und satzanfänge im allgemeinen gross. Es ist kein verstoss, im satzzusammenhang besonders wichtig erscheinende wörter gross zu schreiben.»

Die versammlung von Olten beschloss sodann die gründung des rechtschreibbundes und wählte den ersten vorstand. So wurde der «Bund für vereinfachte rechtschreibung» ins leben gerufen, der bis heute unentwegt am werk gewesen ist, um seine ziele zu erreichen.

H. Cornioley

Die hauptarbeit des neuen bundes, abgekürzt b. v. r., galt vorläufig dem kleinen ziel, der verbreitung der gemässigten kleinschreibung. Doch wurde bald der von O. v. Greyerz befürwortete zusatz, «es ist auch kein verstoss, im satzzusammenhang besonders wichtige wörter gross zu schreiben», fallengelassen, da er bei vielen mitgliedern auf widerstand stiess. Im jahre 1936 sodann wurde auf beschluss der jahresversammlung eine erweiterung des kleinen ziels vorgenommen, indem die letzten h nach t auch noch gestrichen und ferner ph durch f ersetzt wurde, also «teater, rabarber und filosofie». Schon damals tat der b. v. r. den schritt, den nach den neusten zeitungsmeldungen aus Deutschland kürzlich das reichsministerium des innern durch eine verordnung getan hat! — Vorläufig also sollte das kleine ziel ganz in den vordergrund gerückt und in erster linie an seiner verwirklichung gearbeitet werden.

Daneben aber wurde als grosses ziel eine umfassende reform ins auge gefasst, die alle strittigen probleme, wie die dehnung, die v-f-frage usf. anpacken sollte. Ein vorläufiger reformplan wurde von dr. Löw und dr. E. Haller ausgearbeitet, doch bis auf weiteres in die schublade gelegt.

Die leitung des bundes wurde einem jährlich zu wählenden vorstand übertragen. Erster vorsitzender wurde A. Sumpf, Arlesheim, der jedoch seine charge bald an dr. Löw, Sissach, abtrat. Doch übte auch dieser sein amt nicht lange aus, da er 1926 nach Südamerika auswanderte. Daraufhin wurde der vorsitz dr. E. Haller, Menziken, später Aarau, übertragen, der heute den b. v. r. noch leitet.

Nun galt es, mitglieder zu werben, und zwar fanden sich diese hauptsächlich unter der lehrerschaft; doch legte man von anfang an wert darauf, auch in den andern ständen festen fuss zu fassen. Brennpunkte der werbetätigkeit waren zuerst die kantone Aargau, Baselland, St. Gallen und Thurgau. Der erste vorstoss in die öffentlichkeit wurde an der kantonalkonferenz der aargauischen lehrerschaft unternommen, und noch im selben jahr wurde die rechtschreibreform auf breiter grundlage in allen 11 bezirkskonferenzen behandelt, mit dem ergebnis, dass sich die lehrerschaft von 10 bezirken mehrheitlich für die «gemässigte kleinschreibung aussprach, für den fall, dass die frage auf eidgenössischem boden gelöst würde».

Am 26. mai 1926 fand in Baden eine interkantonale versammlung statt, an der vertreter der lehrerorganisationen und weitere freunde der reform aus den kantonen Aargau, Appenzell A.-Rh., Baselland, Baselstadt, Graubünden, Luzern, Solothurn und Zürich teilnahmen. Nach einem umfassenden referat von dr. E. Haller sprach sich die versammlung grundsätzlich für die förderung des reformgedankens aus. Es wurde beschlossen, alle kantonalen lehrerverbände der deutschen Schweiz aufzufordern, die rechtschreibereform in den konferenzen zu behandeln. Die ausführung dieses beschlusses übernahm der schweizerische lehrerverein, indem er sich an die konferenz der erziehungsdirektoren wandte.

In den folgenden jahren wurde die frage in vielen kantonen teils an der kantonalkonferenz, teils an den bezirkskonferenzen behandelt, das letztere in den grossen kantonen. Bis ende 1932 hatten sich für das kleine ziel, d. h. die gemässigte kleinschreibung, ausgesprochen: 1925 Aargau, 1926 Baselland, Baselstadt, Schaffhausen, 1927 Graubünden, Glarus, 1928 Appenzell A.-Rh., Thurgau, 1929 Luzern — und zwar mit ganz besonders wuchtigem mehr sowohl der kanton als ganzes wie auch die lehrerschaft der stadt — besass die reformbewegung doch einen freund in dem damaligen luzernischen erziehungsdirektor, dr. Siegrist — 1929: lehrerverein Schwyz, doch nicht die offizielle kantonalkonferenz, im kanton St. Gallen die bezirke Gaster, Sargans, See, Oberrheintal, und 1931 auch Obertoggenburg und die vereinigten konferenzen von Alttoggenburg; ferner der solothurnische lehrerverein — noch nicht die kantonalkonferenz, 1931 der kantonale lehrerverein Zug und vom kanton Bern die bezirke Oberhasli und Interlaken. Im kanton Zürich wurde die rechtschreibreform mit der schriftfrage, die damals akut war — antiqua (Keller) oder Hulligerschrift? — verknüpft, d. h. es sollten beide fragen gemeinsam behandelt werden —, dies zum schaden der erstem —; denn es wurde dann doch zuerst die schriftfrage als die brennendere allein behandelt, die rechtschreibreform aber zurückgestellt.

1928 befasste sich die konferenz der schweizerischen erziehungsdirektoren mit der rechtschreibreform. Es wurde beschlossen, den «Bund für vereinfachte rechtschreibung» zu ersuchen, mit ähnlichen organisationen im ausland fühlung zu nehmen und bei ihren regierungen die prüfung des problems anzuregen. Im gleichen jahre wurde von nationalrat Roth (Interlaken) ein postulat beim bundesrat eingereicht, des inhalts, der h. bundesrat möge sich mit den regierungen Deutschlands und Österreichs wegen der vereinfachung der rechtschreibung in verbindung setzen. Damit in zusammenhang machte der bund für vereinfachte rechtschreibung eine eingabe an bundesrat und bundesversammlung, die auch vom schweizerischen lehrerverein und dem schweizerischen lehrerinnenverein unterzeichnet war. Ein ausführliches begleitschreiben begründete die eingabe. Es wurde eine umfassende erneuerung der deutschen rechtschreibung auf internationalem boden beantragt — einberufung einer fachmännischen konferenz — und für den fall einer ablehnung von seiten der deutschen und österreichischen regierung auf die möglichkeit hingewiesen, die kleinschreibung allein auf schweizer boden durchzuführen.

Erst 1932 erfolgte dann die beantwortung des in eine kleine anfrage umgewandelten postulats Roth durch den bundesrat. Dieser erklärte sich bereit, mit den regierungen Deutschlands und Österreichs fühlung zu nehmen, um von ihnen zu erfahren, wie sie sich zu einer reform der rechtschreibung stellen. Selber die initiative zur einberufung einer konferenz zu ergreifen, lehnte er ab. Im herbst 1933 wurde dem b. v. r. das ergebnis des bundesrätlichen schrittes mitgeteilt. Die antwort der deutschen regierung bezeichnete die verwirklichung des vorhabens als noch in weiter ferne liegend und lehnte es zur zeit ab, eine konferenz einzuberufen. Viel ermutigender klang der bescheid aus Wien: dort bekundete man ein lebhaftes interesse an einer durchgreifenden vereinfachung der deutschen rechtschreibung und betonte die bereitwilligkeit, all diese bestrebungen zu fördern. Doch lehnte auch die österreichische regierung ab, selber den ersten schritt zu tun.

Inzwischen war auch in handelskreisen die frage brennend geworden. Im Kaufmännischen Zentralblatt und im Jungkaufmann wurde die reformfrage erörtert, und der kaufmännische verein veranstaltete da und dort vorträge zur abklärung der frage, wobei sich die referenten zum teil aus den reihen des b. v. r. rekrutierten. Ja, es machten sogar einige firmen praktische versuche. So führte 1930 die altbekannte buchdruckerei und verlagsanstalt Stämpfli & cie. in Bern die kleinschreibung im geschäftsverkehr ein, der sie bis heute treu geblieben ist. In einem rundschreiben an ihre kunden und geschäftsfreunde äusserte sich die leitung der firma über ihre erfahrungen wie folgt: «Nach innen, das heisst, in unserm geschäftsbetrieb, übersteigt die wirkung der änderung unsere erwartungen. In der kürzesten zeit hatten sich alle angestellten mit der kleinschreibung vertraut gemacht. Insbesondere vereinfachte sich die bedienung der schreibmaschinen in einem masse, dass niemand, der an der schreibmaschine arbeitet, zur alten schreibweise zurückkehren möchte. Bemerkenswert ist auch, dass zahlreiche angestellte und arbeiter von sich aus für ihren eigenen schriftverkehr zur kleinschreibung übergegangen sind. — Die wirkungen nach aussen liessen sich, wie bereits bemerkt, aus zahlreichen zuschriften und zeitungsartikeln erkennen, die mit freudiger überzeugung unser vorgehen gutheissen. Noch erfreulicher war, dass einige grosse firmen und eine anzahl von privaten unser beispiel befolgten.»

Solche firmen waren: kartonnagefabrik gebr. Hoffmann, Thun, C. Wunsch, reformhaus Jungbrunn, Basel, apoteke Studer, Bern, chemische fabrik Merz & Benteli, Bern-Bümpliz, rechtsanwaltsbüro Wenger, Zürich, Jean Bruderer, kaufmann, Frick — später Thusis, ersparniskasse Fraubrunnen, städtische einkaufszentrale Biel, gebrüder Schnegg, eisenwaren, Biel und Burn, kaufmann Kosthofen bei Suberg.

Andere firmen verwendeten die kleinschreibung in radikaler form, d. h. ohne irgendwelche grossbuchstaben, zu reklamezwecken, aufschriften usf. Ebenso begann sich in den fortschrittlichen kreisen des baugewerbes und im grafischen gewerbe die kleinschreibung bahn zu brechen, und zwar ohne majuskeln, wie sich auch in Deutschland manche reformfreunde der radikalen kleinschreibung zuwandten. Damit wurde unserseits eine abklärung und abgrenzung zwischen den beiden richtungen nötig, die auch in den «Mitteilungen» des b. v. r. erfolgte.

Beziehungen zum ausland

Schon von anfang an war sich der b. v. r. bewusst, dass er einerseits seinen schweizerischen weg in selbständigkeit gehen, dass er aber zugleich auch die verbindung mit den reformbestrebungen in Deutschland und Österreich herstellen müsse. Denn eine tiefgreifende erneuerung unserer rechtschreibung kann nur in zusammenarbeit aller beteiligten länder durchgeführt werden; darüber war man sich von anfang an klar. Doch ist es nicht so, wie unsere gegner es oft dargestellt haben, dass es belanglos sei, was wir in der Schweiz tun. Man beobachtete jenseits des Rheins sehr genau, was bei uns vorging. Mitglieder meldeten sich aus allen teilen des reichs, und der bund für vereinfachte rechtschreibung trat in beziehung zu vielen ältern und jüngern reformern auf dem gebiet der rechtschreibung. Als dann 1929 durch den buchdrucker Walter Kirchner in Berlin ein neuer rechtschreibbund gegründet wurde, traten wir in gegenseitigen engen kontakt und austausch des materials. Ebenso hatten wir verbindung mit all den verschiedenen lehrerorganisationen, wie dem leipziger, dresdener, hamburger lehrerverein, die zu anfang der dreissiger jahre sich intensiv mit der erneuerung der deutschen rechtschreibung befassten und mit umfangreichen programmen an die öffentlichkeit traten. Die verbindung wurde auch mit dem bildungsverband der deutschen buchdrucker hergestellt, der ebenfalls ein reformprogramm veröffentlichte. — Dazu gesellten sich noch einzelgänger, die uns ihre oft sehr radikalen vorschläge unterbreiteten. Nur der eingeweihte weiss, wie viele menschen sich um 1930 herum mit der erneuerung und vereinfachung der deutschen rechtschreibung befassten.

Doch das augenmerk des b. v. r. ging über die grenzen des deutschen sprachgebiets hinaus. Er verfolgte auch die reformbestrebungen in Holland, den skandinavischen und angelsächsischen ländern sowie im französischen sprachgebiet. Von alledem findet sich der niederschlag in den «Mitteilungen des b. v. r.», die seit 1930 herausgegeben werden, und zwar als beiblatt zur Schweizerischen Lehrerzeitung. Eine zusammenstellung der wichtigsten reformpläne, die in den «Mitteilungen» jeweils kurz zusammengefasst und kritisch beleuchtet wurden, möge das oben gesagte erhärten:

Reformprogramm des leipziger lehrervereins 1932, des dresdener lehrervereins 1932, das erfurter programm des bildungsverbandes deutscher buchdrucker 1932, «ein plan zur verbesserung der deutschen rechtschreibung von dr. Th. Steche, Göttingen, im auftrag des deutschen ministerialdirektors im reichsinnenministenum» 1934, Hans Schmidt-Stölting, «umbruch in fibel und setzkasten» 1940, dr. med. Werner Kaufmann, Dresden, «ein plan zur dringlichen erneuerung der deutschen rechtschreibung» 1941 — in engem zusammenhang mit den reformabsichten Kirchners und des rechtschreibbundes; «ein reformvorschlag aus Süddeutschland» von dr. Fritz Rahn, Stuttgart, 1942; «denkschrift zur ortografiereform» von T. Kerkhof, Leer, Ostfriesland, 1943.

Einige weitere rosinen aus dem kuchen der «Mitteilungen» mögen von deren inhalt zeugen:

«Die lesbarkeit der gross- und kleinschreibung», psychologische untersuchung von J. Burkersrode und F. Burkhardt am pädagogisch-psychologischen institut des leipziger lehrervereins (1932), (von dr. E. Haller);

«Gemässigte oder radikale kleinschreibung», eine auseinandersetzung und abgrenzung, die den standpunkt des b. v. r. darlegt;

«Deutsche sprache oder schreibe» (von Schmidt-Stölting);

«Soll und kann die Schweiz in der frage der ortografiereform und kleinschreibung eigene wege gehen?» (von J. Stübi, korrektor);

«Reger pulsschlag der reformbewegung im ausland» (übersicht); «Die neue rechtschreibung in den Niederlanden während der übergangsperiode» (4. A. Daman, Utrecht);

«Konrad Duden contra "Duden"; zur 25. wiederkehr seines todestages» (E. Haller);

«Stimmen aus der kaufmännischen praxis»;

«Ist die vereinfachung der rechtschreibung eine modeströmung?»;

«Regelung der schreibung der schweizerdeutschen (alemannischen) mundarten»;

«Rechtschreibereform in Dänemark» (von dr. Henning Henningsen, lektor der dänischen sprache und literatur in Hamburg);

«Mundartschreibung und rechtschreibereform» (E. Haller);

«Kleinschreibung und geistige landesverteidigung» (E. Haller);

«Die anwendung der majuskeln bei den substantiven» (von O. Müller, Wettingen);

«Der b. v. r. an der landesausstellung in Zürich 1939» (von Th. Niklaus, Liestal);

«Der b. v. r. als gast im Pestalozzianum 1939» (von E. Lutz, Herisau); «Schreibmaschine und kleinschreibung; was ein fachmann zu diesem tema zu sagen weiss» (zu den tabellen und der statistik des schreibbüros Rothenfluh, Zürich, von E. Haller);

«Otto v. Greyerz und die rechtschreibreform» (zu seinem tode, von H. Cornioley, Bern);

«Die bemühungen für rechtschreibereform seit 1920» (von 4. Kaiser, Paradies);

«Neuestes von jenseits des Rheins. Antiqua wieder trumpf!»;

«Die deutschen buchdrucker regen sich»;

«Die 10 forderungen der deutschen buchdrucker»;

«Zur schriftvereinfachung (von 4. Sack, Bern);

«Textprobe aus dem grossen reformplan des b. v. r.»

Die redaktion führte von 1930—1933 H. Cornioley, Bern, 1934/35 J. Stübi, korrektor, Luzern, und dr. E. Haller, Aarau, 1936 J. Jehli, Glarus, 1937—1939 E. Lutz, Herisau, und von 1940 bis zur gegenwart wieder dr. E. Haller, Aarau.

Den höhepunkt erreichte die reformbewegung in den jahren 1932/33, als in Deutschland lehrerschaft und buchdrucker eifrigst über rechtschreibfragen debattierten und in der Schweiz die diskussion in der tagespresse sehr rege war, bundesrat und bundesversammlung sich mit der reformfrage befassen mussten und ende 1933 die stadtverwaltung von Biel die gemässigte kleinschreibung in ihrem betrieb auf eigene faust einführte.

Dann aber kam der rückschlag. Schon von jeher war die reformströmung in den zeitungspolemiken oft in gehässigster weise bekämpft und manchmal mit schmutz beworfen worden. Wenn nur von unsinn oder verhunzung der deutschen sprache gesprochen wurde, ging‘s noch an, und wenn etwa behauptet wurde, dass man bei anwendung der kleinschreibung den sinn für die hauptsachen im leben verliere, so nahm man das mit lächeln hin. Aber es klang auch massiver, besonders als der stadtrat von Biel zum rückzug gezwungen werden sollte. Da warfen die zeitungsschreiber mit ausdrücken wie «nacktbaderei» und «idiotismus» um sich, und mit dem anwurf von «kulturbolschewismus» verschob man das problem heimtückisch auf das politische geleise. Durch rücksichtsloseste unterbindung der freien meinungsäusserung in der presse gelang es denn auch, die stadtverwaltung von Biel zum rückzug zu zwingen und im sommer 1934 die aufhebung des beschlusses durchzusetzen.

Zu gleicher zeit, 1933/34, vollzog sich in Deutschland der politische umschwung durch den sieg des nationalsozialismus. Die freien lehrerverbände wurden aufgelöst und verstummten. Zwar schien anfänglich der nationalsozialistische lehrerbund ihr erbe übernehmen zu wollen, und die neue regierung schickte sich an, die reform der rechtschreibung selber an die hand zu nehmen. Doch bald traten entwicklungen ein, die solche bestrebungen in den hintergrund drängten: das österreichische problem und all das, was zum weltkrieg führte. Diese Vorgänge wirkten auch auf die schweizerische mentalität zurück. Auf geistigem gebiet setzte eine art reaktion ein, welche auch bald für den b. v. r. spürbar wurde. Dazu kam die wirtschaftliche krise mit ihren spartendenzen; die «Mitteilungen» mussten mehrmals im umfang verkleinert werden, da die Schweizerische Lehrerzeitung selber einschrumpfte, die mitgliederzahl fing an zurückzugehen, und als gar der krieg ausbrach, da traten die forderungen des tages, die fragen der nackten existenz, in den vordergrund und nahmen das interesse der menschen gefangen.

Trotzdem hat der b. v. r. durchgehalten. Er sieht es als seine pflicht an, auszuharren bis zu bessern zeiten. Denn er weiss, dass er nicht für den tag, sondern für die zukunft arbeitet und dass die reform der rechtschreibung in friedlichen zeiten von neuem die geister beschäftigen wird, sind es doch fragen, die seit Jakob Grimm immer wieder auftauchen und die nicht nur die schule, sondern das ganze volk berühren, und zwar viel tiefer als die meisten menschen ahnen.

Darum hat der vorstand des b. v. r. auch nicht geruht. Er hat während des krieges den grossen reformplan ausgearbeitet, der als grundlage und diskussionsbasis für eine umfassende reform anzusehen ist. (Siehe textprobe seite 15.)

Ferner ist er im letzten jahr zur herausgabe von schriften in kleinschreibung übergegangen, um die teorie in die praxis umzusetzen. Ein erstes bändchen der b. v. r.-reihe liegt bereits vor.

E. Haller