Bund für vereinfachte rechtschreibung, ziele, begründung der eigennamengrossschreibung

Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des lesers

aus der sicht des lesers

 

Ist die eigennamengrossschreibung (= substantivkleinschreibung, gemässigte kleinschreibung) ebenso gut lesbar wie die substantivgrossschreibung?

Zu grundsätzlichen aspekten vgl. stellungnahme zu NZZ-artikel, 6. 8. 1999. Hier ein hinweis auf zwei empirische untersuchungen.

 

 

Die Lesbarkeit der Groß- und Kleinschreibung; eine experimentelle Untersuchung

Von Johannes Burkersrode und Friedrich Burkhardt. Pädagogisch-Psychologische Arbeiten aus dem Institut des Leipziger Lehrervereins. 1932, band XIX, 2. teil. Seite 1 bis 50. Leipzig: verlag d. Dürr'schen Buchhandlung. insges. 76 s. abb. tab 8°.

I. Anordnung, Durchführung und Auswertung der Versuche

1. Die Aufgabe der Versuche. 2. Die Versuchspersonen. 3. Das Versuchsmaterial. 4. Die Methode. 5. Die Auswertung.

II. Ergebnisse

a) Fortlaufendes Lesen. 1. Lesen sinnvollen Stoffes. 2. Lesen von Wörtertabellen. 3. Lesen sinnleeren Stoffes.

b) Tachistoskopisches Lesen. 1. Richtig gelesene Wörter. 2. Richtig erkannte Buchstaben. 3. Die Anfangsbuchstaben. 4. Prozentuale Erfüllung der Einzelbuchstaben. 5. Einfluß des Anfangsbuchstabens auf die Dominanzen. 6. Einfluß der Anfangsbuchstaben auf Wörter gleicher Struktur. 7. Einfluß der Anfangsbuchstaben auf die Übbarkeit

Hauptergebnis: Die Versuchsergebnisse zeigen einige Male Gleichheit der Leistungen, in der Mehrzahl der Fälle aber eine wesentliche Überlegenheit der Kleinschreibung über die Großschreibung.

 

Die Lesbarkeit der Kleinschreibung; experimentelle Untersuchungen zu Fragen der Rechtschreibreform

Von Herbert Haberl. 1976. Wien. 96 s., A5.

Bericht von Viktor Ledl in der zeitschrift tribüne, 63/1975:

Die streitfrage, ob die kleinschreibung die lesbarkeit von texten positiv oder negativ beeinflusst, ist experimentell von H. Haberl, direktor des pädagogischen und berufspädagogischen institutes des bundes in Salzburg, erstmals 1969 an 10—12-jährigen hauptschülern untersucht worden (vgl. tribüne nr. 43/1970).

Da H. Haberls ergebnisse damals von gegnern der kleinschreibung wegen der bedingten verallgemeinerung (versuchspersonen waren hauptschüler) und der verwendeten texte (texte aus lesebüchern) angezweifelt worden waren, wiederholte er 1975 im rahmen eines forschungsauftrages des bundesministeriums für unterricht und kunst seine untersuchung an studenten der pädagogischen akademie in Salzburg unter leicht veränderten versuchsbedingungen (vgl. tribüne nr. 62/1975).

Zu beginn seiner zweiten arbeit gibt H. Haberl einen überblick über die tätigkeit der arbeitskreise zur rechtschreibreform und nimmt zu ihren veröffentlichungen stellung. Nachdem er die ergebnisse von untersuchungen zur gross- und kleinschreibung verschiedener autoren (H. Moser, Ch. Winkler, L. Kötter) referiert und einer kritik unterzogen hat, kommt er zu seiner eigenen untersuchung. An dieser nahmen 46 studenten (29 männlichen und 17 weiblichen geschlechts) teil, welche nach einer überprüfung der leseleistung in zwei hinsichtlich ihrer leistung gleichwertige gruppen (versuchs- und kontrollgruppe) eingeteilt wurden. Nach der überprüfung von insgesamt sechs hypothesen kommt er zu folgenden ergebnissen:

1. Die grossen anfangsbuchstaben der substantive gliedern den text sinnwidrig und wirken sich daher beim lesen störend aus.

2. Die erfassung des inhalts (sinnerfassung) wird durch die kleinschreibung nicht beeinträchtigt, sondern sogar erleichtert.

3. Der zeitliche aufwand, der zum lesen und durcharbeiten von texten notwendig ist, um den sinn zu erfassen, ist bei kleinschreibung geringer.

4. In kleinschreibung abgefasste texte werden dort, wo es sich um detailwissen handelt, weniger gut behalten. Dieser effekt dürfte sich durch die umstellung auf die kleinschreibung erklären lassen, der bei entsprechender gewöhnung an das neue schriftbild eliminiert würde.

5. Komplexe und abstrakte texte werden schneller bewältigt, wenn sie klein geschrieben sind.

6. Bei der einführung der "gemässigten kleinschreibung" würde eine erleichterung beim lesen nicht bei allen personen und texten sofort zum tragen kommen. Es ist aber anzunehmen, dass diese umstellungsschwierigkeiten bald verschwinden würden.

Aufgrund der untersuchung H. Haberls, die im anhang dem leser das gesamte statistische material darlegt, können eindeutig die behauptungen, dass die kleinschreibung das leseverständnis und die auffassungsgeschwindigkeit beim lesen beeinträchtigen, methodisch sauber widerlegt werden.

H. Haberl hat durch seine 2. untersuchung bewiesen, dass, gleichgültig ob es sich um erwachsene oder kinder handelt, die kleinschreibung schon nach kurzer gewöhnung leichter bzw. genau so gut gelesen wird wie die grossschreibung.

Man wird im lager der rechtschreibreformgegener in zukunft berücksichtigen müssen, dass die grossschreibung für den leser keine hilfe ist, wie dies immer behauptet wird. Selbstverständlich können mit dieser arbeit ideologische argumente der gegner einer reform in richtung ästhetischer und traditioneller natur nicht entkräftet werden, es bleibt aber zu hoffen, dass der verstand über emotionsgeladene meinungen und festgefahrene vorurteile die oberhand gewinnt.


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Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR), Rolf Landolt, 2000-5-8