Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 28. 12. 1994
neuere artikel

Aus der presse

Nachgeführt 24. 7. 2011, 3. 6. 2011


28. 12. 1994

> Nolte, Dorothee: Lustobjekt oder Regelwerk? Der Tagesspiegel, 28. 12. 1994, Literaturspiegel

Schreibregeln sind keineswegs heilig, sondern unterliegen wie alle sprachlichen Phänomene dem Wandel. Wie schnell man sich an zuvor Unvorstellbares gewöhnt, ist fünf Jahre nach dem Mauerfall und ein Jahr nach der Umstellung der Postleitzahlen jedem klar. Wir hätten auch die totale Kleinschreibung überlebt. […] Die Experten wollten halt niemandem weh tun, die Gebildeten nicht verprellen und auch die nicht völlig enttäuschen, die angesichts zunehmender Schwierigkeiten von Schülern mit der Rechtschreibung für eine radikale Vereinfachung plädierten.

3. 12. 1994

> Kutschera, Walther: Wer den Fortschritt liebt, darf sich freuen ... (I). "Der Geküsste büßte den Kuss an der Küste" (26. November). Die Presse, 3./4. 12. 1994, nr. 14.03, Spectrum, s. XIV, Tribüne der Leser

Bisher gehörte es zum Unterricht, die gewohnte Rechtschreibung zu lehren; die Schüler konnten mit Aufmerksamkeit und Fleiß bis auf den heutigen Tag die Rechtschreibung unserer Väter erlernen. Im übrigen kommen Wirtschaft, Wissenschaft, Gerichtsbarkeit und Presse mit der bisher geübten Rechtschreibung vortrefflich aus.

> Kashofer, Brigitte: Wer den Fortschritt liebt, darf sich freuen ... (II). "So oder auch anders" (23. November). Die Presse, 3./4. 12. 1994, nr. 14.03, Spectrum, s. XIV, Tribüne der Leser

Einfacher wird die Rechtschreibung dadurch nicht — ganz im Gegenteil. Die Kinder müssen sich statt bisher eine nun mehr zwei Möglichkeiten der Rechtschreibung merken, und es wird immer noch unzählige Schreibweisen geben, die nicht gestattet sind.

2. 12. 1994

Zimmer, Dieter E. Bitte nicht lachen. Die Zeit, 2. 12. 1994, nr. 49, s. 63

Es handelt sich also nicht um eine große Vision besessener Sektierer, die sich des Allgemeinguts Sprache bemächtigen wollen, sondern um eine bescheidene Unfugbereinigungsaktion. So empfiehlt es sich, den Plan jetzt nicht kaputtzulachen. So bald gäbe es keinen anderen.

28. 11. 1994

Zu-cker für Theo. Der Spiegel, 28. 11. 1994, nr. 48, s. 221—222, Wissenschaft

So schrumpfte das allumfassend geplante Reformwerk, das > Mentrup als Hauptbearbeiter und Koordinator zu verwirklichen trachtete, auf einen ortografischen Minimalkonsens — was vor allem jene bedauern, die keine Erinnerung mehr an häßliche Diktatzensuren haben. Immerhin aber ist das neue Regelwerk die erste Reform seit dem Jahre 1901, als auf der Berliner Orthographischen Konferenz die althergebrachte Thür abgeschafft und das Wörterbuch des Hersfelder Gymnasialdirektors Konrad Duden zum Wachorgan über die deutsche Sprache bestellt wurde.

26. 11. 1994

Schweighofer, Christina: Der Geküsste büßte den Kuss an der Küste. Die Presse, 26./27. 11. 1994, nr. 14.025, s. 3, Die Seite drei

Umstrittenster Punkt der Reform war die Groß- und Kleinschreibung. Gegen die einstimmige Empfehlung der Kommission wird die gemäßigte Kleinschreibung […] nicht eingeführt. Vielmehr kommt die „modifizierte Großschreibung“. Zu deutsch: Noch mehr Wörter als bisher werden groß geschrieben. Die Kleinschreibung scheiterte letztlich politisch, und zwar am Widerstand einiger BRD-Länder. So bleibt das Deutsche die einzige Sprache mit Substantivgroßschreibung.

25. 11. 1994

dpa, AP: Reform für lange Zeit. Viele Reaktionen auf die neue Rechtschreibung. Stuttgarter Zeitung, 25. 11. 1994, 50. jg., nr. 272, s. 18, Feuilleton

Das neue Regelwerk, das in Deutschland erst nach Zustimmung der Kultusminister und des Bundesinnenministeriums in Kraft treten wird, „ist unantastbar für lange Zeit“, sagte der deutsche Professor > Gerhard Augst. Eine weitere Reform der Rechtschreibung würde bei den Bürgern nur Verunsicherung schaffen.

Da schweizer bürger weniger angst vor verunsicherung haben, halten wir es mit > Gallmann.

7. 1993

neu Stang, Christian: Der Bindestrich – Regelausweitung, heutiger Gebrauch, Reformbestrebungen. Deutsch als Fremdsprache, 7. 1993, nr. 3, s. 163 bis 166

Abstract: Der Beitrag beschäftigt sich nach einer allgemeinen Einführung mit der Entwicklung der Regeln zum Gebrauch des Bindestrichs von 1876 bis zum heutigen Tage. Der Vf. geht dabei vor allem auf die Regelauffächerung seitens der „Duden"-Rechtschreibung ein. Beschrieben wird zudem der heutige Gebrauch und die daraus entstehende Problematik. Vorgestellt werden abschließend die Neuregelungsbestrebungen.

neu Barz, Irmhild: Graphische Varianten bei der substantivischen Komposition. Deutsch als Fremdsprache, 7. 1993, nr. 3, s. 167 bis 171

Abstract: Der Beitrag behandelt substantivische Komposita (Typ Tomaten Ketchup), die weder zusammengeschrieben noch durch Bindestrich gekoppelt werden. Diese „diskontinuierlichen Komposita" verbreiten sich zunehmend. Die Vfn. zeigt, unter welchen Einflüssen sie entstehen und wie sie sich funktional in die deutsche Gegenwartssprache einordnen.

4. 1992

neu > Gallmann, Peter, und > Sitta, Horst: Zu den Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung. Deutsch als Fremdsprache, 4. 1992, nr. 2, s. 72 bis 84

Abstract: Die Vf. erläutern Vorschläge zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die von Expertengruppen aus den deutsch­sprachigen Ländern an die Regierungen übergeben wurden. Veränderungen soll es in folgenden Bereichen geben: Laut-Buchstaben-Zuordnungen, Getrennt- und Zusammenschreibung, Schreibung mit Bindestrich, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende.

21. 9. 1990

Drieschner, Frank: Reform oder Rewoluzjon. Siebenhundert Experten warnen vor dem "Analphabtentum". Die Zeit, 21. 9. 1990, nr. 39, s. 85 (563 wörter)

Wo die Herrschenden stur jede Reform verhindern, wo mit dem Druck von außen die Unzufriedenheit im Inneren wächst, da, lehrt uns die jüngste Geschichte, ist die Revolution nicht weit. Das gilt auch in der Rechtschreibung. […] Wie es tatsächlich um den äußeren Druck auf die Rechtschreibung steht und wie um unsere Fähigkeit zur Bewahrung der althergebrachten Orthographie, lehrt uns eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur. „UNESCO: Analphatentum eine Herausforderung an das Weltgewissen.“ dpa schreibt diesen Satz Federico Mayor zu, dem Generaldirektor der Organisation. Vielleicht war dem Mann angesichts von 42 Millionen Analphabeten allein in den reichen Ländern der Welt die Orthographie wirklich schnuppe; vielleicht hatte auch nur ein Redakteur keine Lust mehr zum Dienst nach Vorschrift des Dudens. Beides würde auch erklären, wieso trotz der „Fortschritte in der Schulbildung“ für Mayor laut dpa „der Analphetismus Anlaß zur großer Sorge“ bleibt.

15. 3. 1990

> Haberthür, E.: Rechtschreibreform und kein Ende. print, 15. 3. 1990, nr. 11, s. 844, Magazin, Leserbriefe (473 wörter)

Die angebliche Kleinschreibung im Englischen und Französischen ist in der Praxis viel problematischer als die vielgeschmähte Regelung im Deutschen. Die «gemässigte Kleinschreibung» für das Deutsche einzuführen wäre wahrlich ein Schildbürgerstreich, wie ihn nur praxisferne (druckereiferne) Theoretiker aushecken können. […] Die anscheinend unaufhaltsame «Aufweichung» der Rechtschreibregeln […] und EDV-Neuerungen wie Textübernahme ab Disketten und Desktop-Publishing untergraben die Stellung des Druckereikorrektors. […] Man mag es bedauern, aber es scheint unausweichlich: Das Ende einer mehr als 500jährigen Tradition der Sprach- und Rechtschreibpflege durch die Buchdrucker ist absehbar.

«Aufweichung» und verbesserung ist nicht dasselbe. — Kurz nach den profetischen schlussworten begann die tradition der sprach- und rechtschreibpflege durch die internetuser.

21. 2. 1989

> Möcker, Hermann: "das/daß": Trennung seit 1333 nachweisbar. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. 2. 1989, Briefe an die Herausgeber

Man muß sich damals wohl etwas gedacht haben, als Artikel/Pronomen "das" von der neuen Konjunktion "daß" rechtschreiblich geschieden wurde.

13. 1. 1989

Krieger, Hans: Wozu Rechtschreibung, wozu Rechtschreibreform? Nicht die Orthographie, sondern der Unterricht bedarf der Reform. Bayerische Staatszeitung, 13. 1. 1989

Der Sinn einer Rechtschreibregelung ist nämlich nicht, daß sie möglichst leicht zu lernen ist, und sie ist auch nicht dazu da, daß möglichst alle Leute im Sinne der Regeln völlig korrekt schreiben. […] Es ist keineswegs notwendig, daß jedermann die deutsche Rechtschreibung mit all ihren Raffinessen völlig beherrscht.

6. 12. 1988

Schreck, Diana: Minister lassen "Keiser" sterben. Kernstück der Rechtschreibereform gekippt. Mannheimer Morgen, 6. 12. 1988

Während die Reform der Laut-Buchstaben-Beziehung definitiv vom Tisch ist, wird über die vier anderen Teile des Reformpakets noch weiterberaten.

28. 10. 1988

Leonhardt, Rudolf Walter: Duden ade? Vom falschen Fummeln an der deutschen Sprache. Die Zeit, 28. 10. 1988, nr. 44

Auf fünf Gebieten haben die vom > Institut angeheuerten Doktoren und Professoren Änderungen für nötig gehalten. Noch einmal wieder auf der Groß- und Kleinschreibung herumzureiten, hat man ihnen vorerst glücklicherweise untersagt.

21. 5. 1984

> Guratzsch, Dankwart: Wie ein Minister den Kleinschreibern auf den Leim ging. Sonderbare, aber erfolgreiche Methoden eines österreichischen Vereins. Die Welt, 21. 5. 1984

Sowohl der > Verein als auch das > Institut kämpfen seit Jahren um die Kleinschreibung. Dieser Kampf ist an sich nicht unehrenhaft. Er hatte in der Vergangenheit hervorragende Geister auf seiner Seite, allen voran Jacob Grimm. Freilich hatte er zu allen Zeiten auch mindestens ebenso prominente Gegner, von Johann Christoph Gottsched bis zur Dichterprominenz unserer Zeit.

6. 8. 1982

Spinner, Urs: Kleinschreibung — Blödsinn oder eine gute Sache? Blick, 6. 8. 1982, nr. 180, 24. jg., s. 5, Leserseite

Mit einem Postulat hat sich Grossrat und Sekundarlehrer Ernst Bopp im Stile Winkelrieds in die Schlacht geworfen. Bedeutet sein Vorstoss eine Wende im Buchstabenkrieg?

9. 11. 1981

Locher, Irmgard: "Der gefangene floh." Die letzte Schweizer Gemeinde gibt die Kleinschreibung auf. Stuttgarter Zeitung, 9. 11. 1981

Ostermundingen im Kanton Bern, Wyssachen im Emmental und nun auch Binningen in Basel-Land haben kapituliert; nach sechs bis acht Jahren der gemäßigten Kleinschreibung sind sie reumütig zum Duden zurückgekehrt.

11. 2. 1981

Amstutz, Peter: Der Duden ist wieder in Kraft. Schweizer Ort gab Kleinschreibung auf. Kölner Stadtanzeiger, 11. 2. 1981

"Da sollte doch jemand endlich einen Anfang machen", dachte sich der heute 60jährige Gemeindeschreiber Hans Minder und tippte am 16. Februar 1972 ein amtliches Schreiben nach den Regeln der gemäßigten Kleinschreibung […] in die Maschine. Als der erwartete Proteststurm ausblieb, wurde mit sechs gegen eine Stimme der Beschluß gefaßt, vom 1. März 1973 an den amtlichen Schriftverkehr nur noch in Kleinschreibung zu veröffentlichen.

7. 2. 1981

eko: Das Ende der Kleinschreibung. Der Gemeinderat von Ostermundigen brach ein Experiment ab. Der Bund, 7. 2. 1981, nr. 31, 132. jg., s. 22, Stadt und Region Bern

Obwohl die seither gesammelten Erfahrungen mehrheitlich positiv ausgefallen sind, hat der Gemeinderat […] das Experiment […] abgebrochen. Der Grund dafür liegt vorab darin, dass die erhoffte Signalwirkung weitgehend ausgeblieben ist.

4. 6. 1979

Warten auf Wien. Der Spiegel, 4. 6. 1979, nr. 23, s. 195 bis 198

Bonns bürokratie blockiert die rechtschreibreform, weil die DDR nunmehr über den alten bonner vorschlag der "gemäßigten kleinschreibung" (siehe nachstehenden text) mit allen deutschsprachigen ländern verhandeln will. […] Klein oder groß, das ist die frage, auf die sich inzwischen die diskussion um die rechtschreibreform zentriert hat. Und während in der DDR, in Österreich und der Schweiz schon weitgehend abgeschlossene reformkonzepte vorliegen, hat Bonn seine 1958 von dem > "arbeitskreis für rechtschreibregelung" erarbeiteten > "Wiesbadener empfehlungen" sang- und klanglos zu den akten gelegt, obgleich noch im mai 1973 die bundesdeutschen > kultusminister einstimmig eine kleinschreibreform gefordert hatten – wie schon vor rund 70 jahren orthographie-papst > Konrad Duden. […] Noch zeigte das bonner innenministerium kein reform-interesse. Die kultusminister wiederum verwiesen lediglich auf ihren beschluß von 1973 über die "gemäßigte kleinschreibung". Beide seiten, so staatssekretär Fröhlich am 17. november 1978, wollten erst einmal eine bestandsaufnahme abwarten, die Österreichs regierung übernommen hat.

29. 5. 1979

hm.: Mässiges Interesse an der Kleinschreibung. SP-Postulat deutlich abgelehnt. Tages-Anzeiger, 29. 5. 1979, 87. jg., nr. 122, s. 19

Die Mehrheit des Parlaments war mit Erziehungsdirektor Alfred Gilgen der Meinung, eine Rechtschreibereform könne nicht vom Kanton Zürich im Alleingang durchgeführt werden. Es gelte vielmehr, eine für alle deutschsprachigen Länder geltende Lösung anzustreben.

18. 4. 1979

> Meier, Fritz: Die «eingeschränkte Kleinschreibung». Wolfgang Mentrup: «Die Gross- und Kleinschreibung im Deutschen und ihre Regeln». Neue Zürcher Zeitung, 18. 4. 1979, nr. 89, s. 31, Feuilleton

Einen ausgefeilten, in Varianten durchdachten Versuch lieferte der Ostdeutsche > Dieter Nerius 1975. Und nun legt der Westdeutsche > Wolfgang Mentrup eine Kritik und eine Modifikation der Neriusschen Regeln vor. Diesen verwandelten Entwurf nennt er «eingeschränkte Kleinschreibung», eingeschränkt gegenüber der radikalen Kleinschreibung. Auch Mentrup lässt es nicht bei einem einzigen Vorschlag bewenden, sondern gibt gleich einen zweiten mit. […] Wolfgang Mentrup arbeitet unter dem Gesichtspunkt der «Benutzbarkeit» und hat es dar auf angelegt, ein narrensicheres und lückenloses, zudem äusserst knappes System zu schaffen. […] Wir haben ihm zu danken für die Aufklärungsarbeit, die er geleistet hat, auch wenn wir seinen Folgerungen nicht vorbehaltlos zustimmen können.

11. 1978

> Müller-Marzohl, Alfons: Die rechtschreibreform ist überfällig. Deutsch-Blätter, 11. 1978, nr. 4, s. 10 bis 18 (2543 wörter)

Es ist weder den barocken grammatikern noch ihren nachfolgern gelungen, genau zu umschreiben, was eigentlich unter einem substantiv zu verstehen wäre. Den begriff “nomen“, der die mittelalterliche grammatik beherrschte, konnte man leichter abgrenzen: Er umfasste alle wörter, die der deklination unterliegen, also neben den nomina propria vor allem auch die adjektive. Wohl unter dem einfluss der philosophischen substanzlehre hat sich dann aber das undefinierbare substantiv theoretisch verselbständigt, und es ist deutschem schulmeisterdenken und deutscher pedanterei (Grimm) gelungen, eine substantivweltanschauung aufzubauen. Ganzer artikel

20. 10. 1978

> Wiesmann, Louis: Kommt die Kleinschreibung? Ergebnisse eines Kongresses in Wien. Neue Zürcher Zeitung, 20. 10. 1978, nr. 244

Der > "Oesterreichischen gesellschaft für sprachpflege und rechtschreiberneuerung" ist es erstmals gelungen, vom 10. bis zum 12. Oktober in Wien Vertreter alle vier deutschsprachigen Länder (der BRD, der DDR, Oesterreichs und der Schweiz) am Verhandlungstisch zusammenzuführen, vorwiegend Hochschuldozenten und Pädagogen, und diese waren am Schluss ihrer Beratungen darüber einig, das Oesterreichische Bundesministerium für Unterricht und Kunst nachdrücklich zu bitten, über die politischen Kanäle die andern deutschsprachigen Länder einzuladen, gemeinsam eine Reform vorzubereiten und zuletzt zu beschliessen, ob man sie wolle oder nicht.

3. 4. 1975

a. b.: Der Gefangene floh — Der gefangene Floh. Eine Ausstellung in der Zentralbibliothek. Der Landbote, 3. 4. 1975, nr. 75 (486 wörter)

Man kann eine ernste Sache auch mit Humor anpacken. So stellt die Zentralbibliothek ihre am 1. April eröffnete Foyer-Ausstellung über die Rechtschreibereform unter die in unserem Titel wiederholte Schlagzeile mit dem variablen Floh/floh. […] Die lehrreiche Ausstellung wurde von > R. Landolt vom Bund für vereinfachte Rechtschreibung in Zusammenarbeit mit R. Diederichs von der Zentralbibliothek Zürich zusammengestellt und aufgebaut.

1975

Ledl, Viktor: Die lesbarkeit der kleinschreibung. Eine untersuchung von prof. dr. Herbert Haberl. die tribüne, 1975, nr. 63

H. Haberl hat durch seine 2. untersuchung bewiesen, dass, gleichgültig ob es sich um erwachsene oder kinder handelt, die kleinschreibung schon nach kurzer gewöhnung leichter bzw. genau so gut gelesen wird wie die grossschreibung.

5. 1974

> Flückiger, Max: Die Schreibweise von Eigennamen. Komplizierung der Regeln und Verlagerung der Schwierigkeiten bei Anwendung der Kleinschreibung. Typographische Monatsblätter, 5. 1974, nr. 5, s. 363 bis 366 (1500 wörter)

Die Befürworter der Kleinschreibung sagen, andere europäische Sprachen kämen auch ohne Substantivgroßschreibung aus und die Benützer dieser Sprachen hätten weniger Schreibprobleme. Dies ist ernstlich zu bestreiten. Schreibprobleme haben zum Beispiel die Engländer und Franzosen […] mindestens so viele wie die Deutschsprachigen. Denken wir bloß an die Schwierigkeiten der Schreibung französischer oder englischer Laute […]. Und was die Verwendung der Großbuchstaben betrifft, so werden auch diese einem besondern, zum Teil sehr willkürlichen und unlogischen Regelwerk unterworfen. […] Wie soll in dieser Materie in den Druckereien eine einheitliche Schreibweise eingehalten werden, wenn vom Regelwerk her dem Chaos Tür und Tor geöffnet werden? […] Der also nicht gelungene Versuch zu einer befriedigenden Regelung der Eigennamenschreibweise beweist, daß die heutigen (ich betone: abgesehen von einigen Spitzfindigkeiten nämlich nicht so sehr großen) Schwierigkeiten der Groß- und Kleinschreibung sich bei Einführung der gemäßigten Kleinschreibung verlagern würden auf das Gebiet der Eigennamenschreibung und dort in verstärktem Maße aufträten. […] Eine Regelung der Rechtschreibung aber, die die Schwierigkeiten bloß verlagert, ist unerwünscht.

18. 7. 1973

intern. hobby, das Magazin der Technik, 18. 7. 1973, 21. jg., nr. 15, s. 1

Die geplante Einführung der gemäßigten Kleinschreibung hat uns im Ehapa-Verlag durchaus nicht überrascht. […] Gerade weil sich hobby an aufgeschlossene, technisch und populärwissenschaftlich interessierte Menschen wendet, ist es vielleicht prädestiniert, einen solchen Schritt heute zu wagen. […] Zunächst soll die Veränderung der Rechtschreibung in hobby wirklich gemäßigt sein, indem wir vorerst nur die Hauptwörter klein schreiben wollen, Satzanfänge und Eigennamen weiterhin groß (siehe hierzu S. 74: Die schönsten Tauchgebiete). Und dann soll's auch nicht das ganze Heft sein. Wenn sich aber herausstellt, daß unsere Leser diese neue Art der Rechtschreibung akzeptieren, können wir getrost weitergehen. und das ganze hobby in dieser Manier gestalten.

2. 4. 1973

neu Busen als Beweis. Der Spiegel, 2. 4. 1973, nr. 14, s. 176 bis 177, Kultur

Für eine gemäßigte Kleinschreibung setzen sich immer mehr Pädagogen, Politiker und Privatleute ein. Deutschlands Orthographie-Papst Professor > Grebe empfahl, schon vor einer Reform klein zu schreiben. […] In zahlreichen Landtagen brachten Abgeordnete klein geschriebene Anfragen ein: ob und warum nicht endlich die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt würde. […] Mitte März einigte sich die gemeinhin kontrovers gestimmte > Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Vorab-Entscheidung, jetzt sei ein "günstiger Zeitpunkt" für die ersehnte Reform erreicht. Nur sei "ein gemeinsames Vorgehen in den Ländern mit deutscher Sprache nach wie vor erforderlich".

5. 3. 1973

Wie, wann, von wem. Der Spiegel, 5. 3. 1973, nr. 10, s. 30, Deutschland

Pädagogen und Politiker opponieren in Hessen gegen neue Rahmenrichtlinien. Sie sehen darin "eine Anleitung zur permanenten Revolution im Klassenzimmer". […] lm Deutschunterricht verlören, ginge es nach den Richtlinien-Autoren, Literatur und Rechtschreibung ihren heutigen Rang. […] Als einen Appell an die Öffentlichkeit wollen die Richtlinien-Autoren ihre Forderung verstanden wissen, die Überbewertung der Rechtschreibung in der Schule abzubauen und sie nicht mehr zum Kriterium von Eignungsbeurteilungen und Versetzungen zu machen. Weil die Verhältnisse aber noch nicht so sind, sollen Schüler immerhin noch "Grundkenntnisse der Rechtschreibung erwerben", um – so die Autoren – "vor ungerechtfertigten Benachteiligungen geschützt zu sein".

23. 2. 1973

neu Matthiesen, Hayo: Gemeinsame Deutschstunde? Reform der Rechtschreibung, die DDR und die Germanistik. Die Zeit (zeit.de), 23. 2. 1973, nr. 9, s. 18, Kultur

Jetzt, so meint > Paul Grebe, könnte die Zeit gekommen sein: „Die Konstellation war noch nie so günstig“ Außer in der Bundesrepublik nämlich arbeiten gegenwärtig ebenfalls in der Schweiz und in Österreich offizielle Rechtschreibkommissionen, was lange Jahre nicht der Fall war. Auch die DDR ist, wie Grebe aus persönlichen Informationen weiß, nicht grundsätzlich gegen eine Reform […]. Daß sich nun immer mehr Germanisten für eine Reform und den Abbau der Diskriminierung durch Sprache engagieren, ist auch deshalb erfreulich, weil die Germanistik im übrigen auch weiterhin als ein Fach in der Dauerkrise gelten darf.

19. 5. 1969

neu Pool von Spielern. Der Spiegel (spiegel.de), 19. 5. 1969, nr. 21, s. 93 bis 94, Deutschland, Bundesländer

Mit Altmeier, dem fülligen Duodezfürsten im Land des Schinderhannes und der Loreley, versinkt am Rhein eine Epoche – mit Kohl, dem emporstrebenden Manager der Christenunion, soll zwischen Rüben und Reben eine neue Zeit beginnen. […] Und als der CDU-Landtagsabgeordnete Helmut Adamzyk unlängst „die Kleinschreibung von Hauptwörtern in unserem Bundesland Rheinland-Pfalz“ forderte, hatte Kohl („Warum denn nicht?“) nichts dagegen. Vogel freilich durchkreuzte das Vorhaben.

25. 11. 1968

neu Es plumpst. Der Spiegel (spiegel.de), 25. 11. 1968, nr. 48, s. 78 bis 81, Deutschland, Erziehung (828 wörter)

[…] der CDU-Landtagsabgeordnete > Helmut Adamzyk, 42, […] ist der Urheber des Vorschlags: Er hat die „Abschaffung der Großschreibung“ angeregt. […] Als der Mainzer Landtag unlängst eine umfangreiche Verwaltungsreform beschlossen hatte, nutzte Adamzyk die Gelegenheit für sein Kleinschreib-Projekt. Stolz verriet er dem Chef: „Ich bin schon dabei, die nächste Reform einzuleiten.“ Kohl („Warum denn nicht?“) gab Adamzyk grünes Licht.

1965

Vater, Heinz: Eigennamen und Gattungsbezeichnungen. Versuch einer Abgrenzung. Muttersprache, 1965, 75. jg., s. 207 bis 213

Trotz der grossen Schwierigkeiten, die sich dadurch ergeben, dass Eigennamen als Gattungsnamen verwendet werden können, lässt sich also doch mit Hilfe einiger formaler Merkmale — vor allem durch den Artikelgebrauch — eine Begrenzung der Kategorie Eigennamen angeben.

12. 5. 1959

Korn, Karl: Nur ein Traditionswert? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 5. 1959 (912 wörter)

Die scheinbar so unscheinbare Frage der Silben „hin“ und „her“ und „vor“ und „hier“ in Verbindung mit „auf“ und „ab“ und „an“ betrifft den Sprachgeist selbst. Und der ist mehr als „ein“ Traditionswert, er ist die Tradition selbst. […] Eine gewisse, vordergründige Ideologie der Modernität versucht den Verteidigern der Sprachtradition Traditionalismus nachzusagen. Bei wem verfängt das noch? Es machen sich überall so viele Pseudomodernisten breit, in der Architektur, im soziologischen Gerede, in der Dekoration und im Espresso- und Barstil, der doch wohl mit Avantgarde soviel zu tun hat wie Papierservietten mit einem gut gebratenen Stück Fleisch, daß man sich das Plakat „Reaktionär“ oder „Traditionalist“ oder was sonst gelassen vor die Haustür kleben läßt.

25. 1. 1956

neu Meer ist mehr als mer. Der Spiegel (spiegel.de), 25. 1. 1956, nr. 4, s. 28 bis 34, Titel (4783 wörter)

Die Diskussion über das Rechtschreibproblem, über die Frage, ob in Deutschland und im gesamten Gebiet der deutschen Sprache, also auch in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg, etwa „ee" statt „Ehe", „kan" statt „Kahn" oder „kann" und – ausgenommen die Satzanfänge – alles klein geschrieben werden soll, ist bald nach dem letzten Kriege wieder aufgelebt. Ihren Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung in den vergangenen beiden Jahren. Beide Seiten – die Fürsprecher einer von allen „Willkürlichkeiten“ der deutschen Rechtschreibung rigoros gereinigten „Stromlinien“-Schreibung und die Verteidiger der oft verwirrend schwierigen Rechtschreibregeln – haben sich in diesem Streitgespräch hoffnungslos ineinander verkrallt und führen es mit auffallender Gereiztheit, die sich in unsachlichen Argumenten und persönlichen Verunglimpfungen widerspiegelt.

1954

> Haller, E.: Die "stuttgarter empfehlungen" der "arbeitsgemeinschaft für sprachpflege". Zeitschrift für Phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft, 1954, 8. jg., nr. 5/6, s. 346 bis 357

Die "empfehlungen" […] gehen wahrscheinlich weiter, als der schulausschuß der kultusminister-konferenz sich ursprünglich vorgestellt haben mochte. Doch ist er keineswegs so radikal, wie es in der presse schon öfters dargestellt worden ist […]. Er ist, da man von vorne herein ein praktisches ziel vor augen hatte, ein kompromißwerk.

1952

> Haller, E.: Bilanz aus der vorschlägen zur reform der deutschen rechtschreibung von Menzerath, Haller, (bvr), Hiehle, Jessen & Klippel (Zeitschrift für fonetik 1948, heft 1/2 & 1949 heft 3/4). Zeitschrift für Phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft, 1952, 6. jg., nr. 3/4, s. 164 bis 169 und 173 bis 179

Allen vorschlägen gemeinsam ist […] das verlangen nach der einführung der antiqua in schrift und druck, ferner anpassung gebräuchlicher fremdwörter an die deutsche schreibweise und drittens die beseitigung möglichst vieler doppelschreibungen. Für die gruppe, die nur annähernd oder grobfonetisch schreiben will […] ergibt sich als minimalprogramm folgendes: gemäßigte kleinschreibung […], teilweise abschaffung der dehnungsbezeichnungen […], fonetische anpassungen […]. Das minimalprogramm […] trägt auch der vernünftigen forderung rechnung, daß das bestehende schriftbild nicht allzu sehr verändert werden dürfe […].

> Haller, E.: Das "Erfurter Rechtschreibungsprogramm", beschlossen 1931 vom 7. vertretertag des bildungsverbandes der deutschen buchdrucker in Erfurt. Zeitschrift für Phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft, 1952, 6. jg., nr. 3/4, s. 169 bis 170

Die bedeutungsvollsten punkte dieses reformprogramms sind zweifelsohne der übergang zur gemäßigten kleinschreibung & die teilweise abschaffung der dehnungsbezeichnungen.

> Haller, E.: Das reformprogramm des lehrerverbandes Niedersachsen. Zeitschrift für Phonetik und allgemeine Sprachwissenschaft, 1952, 6. jg., nr. 3/4, s. 171 bis 173

Es wird ein "bewußte, einsichtsvolle gestaltung der rechtschreibung gefordert, schon im hinblick auf ihre soziale bedeutung".

1. 1945

neu Eine neue Rechtſchreibung? Sprachspiegel, 1. 1945, nr. 1, s. 24 bis 29 (1886 wörter, in fraktur)

Aus Deutſchland kommt die Kunde, der Reichsminiſter für Wiſſenſchaft, Erziehung und Volksbildung habe „von ſich aus“ in die Rechtſchreibung eingegriffen und Regeln erlaſſen, die in einem 96 Seiten ſtarken Büchlein in den nächſten Wochen den deutſchen Schulkindern eingehändigt würden. Über dieſe Regeln […] könnte man reden; ſie bringen außer dem ungewohnten Schriftbild vieler Fremdwörter keine großen Umwälzungen, z.B. nicht etwa die Kleinſchreibung der Dingwörter […]. Was aber das ganze Unternehmen als gründlich verfehlt erweiſt, iſt die Beſtimmung, daß „der gegenwärtige Schreibgebrauch vorläufig auch weiterhin in Geltung bleiben kann“. Das iſt ſo ziemlich das Allerungeſchickteſte, was man in dieſer Sache beſtimmen konnte, denn durch dieſe „Beſtimmung“ wird alles unbeſtimmt; jeder ſchreibt, wie er will […]. Ganzer artikel

15. 10. 1944

neu Wessely, Franz: Wieder eine Reform der deutschen Rechtschreibung. Schweizer Graphischer Zentralanzeiger, 15. 10. 1944, 50. jg., nr. 10, s. 2 bis 3

Nachdem die alte Schreibweise nach Duden „vorläufig“ weiterbestehen kann, wird nur ein Durcheinander entstehen. Der eine Autor schreibt so, der andere nach den neuen Regeln. Kommen zwei solcher Aufsätze in einer Zeitschrift zum Abdruck, dann wird mancher Uneingeweihte beim Lesen den Kopf schütteln und sich über die Arbeitsweise in der Druckerei seine Gedanken machen. Ganzer artikel

14. 9. 1941

neu > Rahn, Fritz: Die Reform der deutschen Rechtschreibung. Ein Vorschlag von Fritz Rahn. Das Reich, 14. 9. 1941, s. 15

Ein Kulturvolk wie das deutsche, das sich mit dem Gedanken trägt, seine Rechtschreibung zu reformieren — und dies so bald wie irgendmöglich —, will durch Vereinfachung des Verwickelten sein geistiges Leben entlasten und ihm dadurch neue Kräfte und Wirkungsmöglichkeiten zuführen. Wir wissen, daß es sich da um ein gefährliches Unterfangen handelt, daß ein bißchen Zuwenig das Vorhaben um seine ganze Wirkung bringen kann und daß ein geringes Zuviel unabsehbare Verwirrung stiften, ungeahnte Gegenkräfte entbinden und unberechenbare Schwierigkeiten herbeiführen kann. Ganzer artikel

10. 11. 1928

Stern, W. H.: "die gerichtssprache ist deutsch." Berliner Tageblatt, 10. 11. 1928 (390 wörter)

[…] das Oberlandesgericht Köln musste sich mit dem exzeptionellen Fall beschäftigen. Es kam zu folgendem Ergebnis: "[…] Der Gebrauch der kleinen Anfangsbuchstaben beeinträchtigt nicht die Lesbarkeit und die Verständlichkeit der Klageschrift." (!!) Wodurch wieder einmal eine sehr wichtige Rechtsfrage in äusserst scharfsinniger und wie man zugeben muss, zufriedenstellender Weise gelöst ist.


nach oben
Rolf Landolt