Nachgeführt 3. 6. 2011, 15. 4. 2010
Looser, Roman: Überblick über die Geschichte der Bemühungen um eine Rechtschreibreform in der Schweiz von 1901 bis 1996. 1. Teil: Von 1901 bis 70er Jahre. Sprachspiegel, 12. 1996, 52. jg., nr. 6, s. 196—205
Die Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung in der Schweiz waren während der hier untersuchten Zeit immer massgeblich von den Reformbemühungen in der Bundesrepublik Deutschland beeinflusst. In den folgenden Ausführungen werden die Ereignisse in Deutschland jedoch nur am Rande angesprochen.
neu Logik von oben. Der Spiegel, 28. 10. 1996, nr. 44, s. 71
Ist die Reform vor den Gerichten zu stoppen? Verfassungsrechtler sehen Chancen. […] "Sobald der Lehrer zum erstenmal ein Wort in der neuen Schreibweise an die Tafel schreibt", sagt der Bundesverwaltungsrichter und Schulrechtsexperte Jörg Berkemann, könne es losgehen: "Ihr müßt es mit einer Unterlassungsklage vor dem Verwaltungsgericht versuchen", ist sein Rat an die Eltern. […] Daß der Rechtsweg gegen "nummerieren" und "Stängel" steinig und langwierig werden könnte, hat erst im Juni dieses Jahres der Jenaer Rechtsprofessor
Rolf Gröschner bescheinigt bekommen. Der legte für sich und seine Tochter Alena, 15, Verfassungsbeschwerde ein - und scheiterte prompt.
Atzgerstorfer, Jürgen: Statt Neues weiterhin Flickwerk. Leserbriefe zu: Widerstand gegen Rechtschreibereform, TA vom 15. 10. (I). Tages-Anzeiger, 23. 10. 1996
Obwohl die ablehnende Haltung so vieler angeblicher Sachverständiger gegenüber den Neuerungen aus menschlicher Sicht verständlich ist — der Wissensvorsprung gegenüber den Laien verringert sich in offenbar unangenehmem Masse —, so ist nicht einzusehen, warum die grosse Mehrheit der Deutschsprechenden und Deutschlernenden sich nur aus Rücksicht auf ein paar Elfenbeinturmbewohner weiterhin das (orthographische) Leben schwerer machen sollten, als es unbedingt nötig ist.
Suter, Adrian: Statt Neues weiterhin Flickwerk. Leserbriefe zu: Widerstand gegen Rechtschreibereform, TA vom 15. 10. (II). Tages-Anzeiger, 23. 10. 1996
Dass das "Fussvolk" am Alten festhalten möchte, kann man noch verstehen. Aber dass die gescheiten Intellektuellen nicht mal einen kleinen Schritt vorwärts wagen, wirkt eher befremdlich.
Artho, Walter: Statt Neues weiterhin Flickwerk. Leserbriefe zu: Widerstand gegen Rechtschreibereform, TA vom 15. 10. (II). Tages-Anzeiger, 23. 10. 1996
Was uns im neuen Duden präsentiert wird, ist nichts als Kosmetik und keine echte Reform. Bei der Umstellung auf die Kleinschreibung würden die Vorteile bei weitem überwiegen.
Studer, Martin: Statt Neues weiterhin Flickwerk. Leserbriefe zu: Widerstand gegen Rechtschreibereform, TA vom 15. 10. (IV). Tages-Anzeiger, 23. 10. 1996
An der neuen Rechtschreibreform der deutschen Sprache hat man zehn Jahre lang herumgebastelt, und dennoch ist eines der grössten Probleme dieser Sprache, die Gross-Klein-Schreibung, beibehalten worden.
Gnädinger, Franz: Statt Neues weiterhin Flickwerk. Leserbriefe zu: Widerstand gegen Rechtschreibereform, TA vom 15. 10. (V). Tages-Anzeiger, 23. 10. 1996
Für mich ist die eher skurrile Reform ämel ein weiterer Anlass, auf Englisch umzusteigen.
Aerni-Henriquez, Stefan: Geht die Politiker nichts an. Leserbriefe zu: Proteste gegen Rechtschreibreform und Kommentar, TA vom 15. 10. (I). Tages-Anzeiger, 22. 10. 1996
"Muss die Heimat wirklich Schaden nehmen", mokiert sich der TA […], "wenn wir Spaghetti einst Spagetti nennen?" Mit Verlaub: Ja, sie nähme Schaden, weil die albernen Spagetti (wohl dann "Spadschetti" ausgesprochen …) wieder ein paar Zentimeter mehr Distanz schüfen zu unseren italienisch sprechenden Landsleuten.
Baumann, Adolf: Geht die Politiker nichts an. Leserbriefe zu: Proteste gegen Rechtschreibreform und Kommentar, TA vom 15. 10. (II). Tages-Anzeiger, 22. 10. 1996
[…] dass bestimmte politisch und kulturell randständige Gruppierungen (zum Beispiel die Kleinschreiber) hinter den Kulissen auf eine Umgestaltung der Orthographie drängen und die Arbeiten daran auf leisetreterische Weise — damit ja keine Hasen aufgescheucht werden — in Gang gekommen sind. (Über die Notwendigkeit einer solchen Reform ist ja nie öffentlich diskutiert worden […])
Scherer, Franz: Geht die Politiker nichts an. Leserbriefe zu: Proteste gegen Rechtschreibreform und Kommentar, TA vom 15. 10. (III). Tages-Anzeiger, 22. 10. 1996
So ist zu hoffen, dass bald ein grosser Schweizer Verlag dem Beispiel des "Spiegels" folgt, die neuen Regeln ignoriert und damit Signalwirkung erzielt. Das Thema würde sich von selbst erledigen.
Denk, Friedrich:
Fremde Federn: Friedrich Denk. Noch ist es nicht zu spät.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. 10. 1996, S. 16, Politik
Kann man den Zug noch stoppen? Jeder Zug kann angehalten werden. Und dieser Zug ist kaum angefahren. […] Die Unterzeichner der "Frankfurter Erklärung" gegen die Rechtschreibreform wollen diese Schreibreform, so wie sie jetzt und erst jetzt erkennbar wird, nicht haben. Sie fordern deshalb die verantwortlichen Politiker auf, diese Reform zurückzunehmen, um jahrzehntelange Verwirrung zu vermeiden, um Millionen sinnlose Arbeitsstunden und Milliarden Mark einzusparen.
Martenstein, Harald: Meister der Kampagne. Der Tagesspiegel, 20. 10. 1996, Literaturspiegel
Vielleicht nur für einen Wimpernschlag der Geschichte ist der Deutschlehrer
Friedrich Denk einer der bekanntesten Männer im Land. […] Friedrich Denk, 53 Jahre alt, kämpft gegen die Rechtschreibreform. Er hat, im Alleingang, eine der wuchtigsten Pressekampagnen der letzten Zeit in Gang gesetzt, und scheinbar war alles ganz einfach. Er mußte mit einer Tüte voller Flugblätter sowie einer Resolution zur Frankfurter Buchmesse reisen, und er mußte ungefähr 70 Repräsentanten des deutschen Geisteslebens anrufen, die fast alle sofort seiner Meinung waren: die Rechtschreibreform soll weg. Dann erschien eine Titelstory im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", seitdem brennt in Weilheim die Luft.
Gallmann, Peter, und Sitta, Horst: "Wir haben vorwiegend an die Lernenden gedacht." Tages-Anzeiger, 18. 10. 1996
Keiner, der das neue Regelwerk ernsthaft prüft, wird mit dem erreichten Ergebnis bis in alle Einzelheiten einverstanden sein. Das gilt auch für uns. Insgesamt haben wir mehr gewollt, einiges wollten wir anders, manches wollten wir nicht. Dies ändert aber nichts an unserer Überzeugung, dass die neue Regelung als Ganzes der bisherigen klar überlegen ist: Sie ist einfacher handhabbar — dies gilt für Kinder wie für Erwachsene —, und sie ist besser lehrbar und lernbar.
Küng, Thomas: "Ich kämpfe für meine alte Gemse." Autoren, Verlegerinnen und Linguisten äussern sich zum Boykottaufruf gegen die Reform der deutschen Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, 18. 10. 1996
Es scheint, also ob die Debatte nördlich des Rheins heftiger geführt werde als bei uns. […] Ruth Schweikert, Schriftstellerin: "Von einer solchen Reform erwarte ich radikale Schritte, wie zum Beispiel die konsequente Kleinschreibung." […] Jürg Laederach, Schriftsteller: "Die Reaktion der deutschen Schriftsteller kommt spät, und ich finde sie seltsam. Auf den Punkt gebracht bedeutet sie: keine Änderung! Das sind ungewohnte Töne aus dieser Ecke." […] Renate Nagel, Verlegerin: "Ich habe mich schon 1994 gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen." […] Kurt Marti, Schriftsteller: "Ich halte nichts von dieser Reform, sie ist unnötig. Ich sehe nicht ein, weshalb die Rechtschreibung von irgendwelchen Kulturbürokraten geregelt werden soll."
Köppel, Roger: Urschrei der Autoren. Kommentar. Tages-Anzeiger, 15. 10. 1996
Muss die Heimat wirklich Schaden nehmen, wenn wir Spaghetti einst Spagetti nennen? […] Am Duden kämpft die deutsche Intellektuellengarde mit Verzweiflung ums Überleben im öffentlichen Raum.
neu
„So überflüssig wie ein Kropf.“
Hans Magnus Enzensberger zur neuen Rechtschreibreform.
Der Spiegel, 14. 10. 1996, nr. 42, s. 266, Titel
Spiegel: Herr Enzensberger, die Landessprache, in der Sie schreiben, soll sich ändern - statt „Gemse“ soll künftig „Gämse“ […] und statt „Haß“ „Hass“ geschrieben werden. Wie finden Sie das? Enzensberger: Eine Clique von selbsternannten Experten will sich wichtig machen, zwei Großverlage schnappen nach dem Monopolgewinn, und die Politik übt sich wie gewöhnlich im Etikettenschwindel. Dabei geht es überhaupt nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung, die von jeher das Steckenpferd aller Besserwisser war.
Immerhin berichtigt Enzensberger, dass es «nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung» geht. – Übrigens war «Steckenpferd» im artikel zufällig getrennt und lebt nun im Spiegel-archiv als «Stekkenpferd» weiter.
neu Kostspieliger Unsinn. Siegfried Lenz zur neuen Rechtschreibreform. Der Spiegel, 14. 10. 1996, nr. 42, s. 268
Erstens: Welch eine Notwendigkeit besteht zu solchen Veränderungen? Zweitens: Wer hat ein Interesse daran? Drittens: Wer besitzt die Legitimation, diese Veränderungen als Regel einzuführen?
neu Ich fahre so fort. Martin Walser zur neuen Rechtschreibreform. Der Spiegel, 14. 10. 1996, nr. 42, s. 270
Ich habe ein Autorenleben lang verhindern müssen, daß die unter Duden-Diktat lebenden Lektorate mir in meinen Büchern "eine Zeit lang" zu "eine Zeitlang" zusammenschweißten. "Eine Zeit lang" soll jetzt sein, dafür muß ich jetzt "leichtbekleidet" gegen rohe Trennung verteidigen. […] Ich fahre fort, die Wörter möglichst so zu schreiben, wie ich sie höre und wie ich sie ihrer Herkunft nach verstehe. […] Solange man abends im Freien sitzen kann, mag ich mich nicht mit Normen belästigen, die mich nicht beleben. Und tagsüber arbeite ich ja. Erst der sach- und fachverständige
Friedrich Denk […] hat mich aus dem verantwortungsscheuen Sommerschlaf geweckt und an die Unterschreibfront zurückgeholt.
neu
Reich-Ranicki, Marcel:
Komma muß bleiben.
Der Spiegel (spiegel.de), 14. 10. 1996, nr. 42, s. 273 (379 wörter)
Einmal in 100 Jahren sollte man sich von dem stets zu erwartenden Widerstand der älteren Generationen nicht beirren lassen und die Rechtschreibung reformieren.
Kronsbein, Joachim, und Stolle, Peter: Spiegel-Gespräch: "Ich fühle mich gedemütigt". Der Schriftsteller Walter Kempowski über die Mißhandlung der deutschen Sprache. Der Spiegel, 14. 10. 1996, nr. 42, s. 276, Titel
Ich bin dagegen, die Schüler unnütz zu quälen, aber diese Rechtschreibreform, die sich unsere Kultusminister ausgedacht haben, ist keine Hilfe, sie ist einfach nur Murks. […] Aber wenn sich die Bürokraten schon daran vergreifen, dann bitte gleich viel radikaler — mit der gemäßigten Kleinschreibung. Damit hätte man jedenfalls an Europa gedacht und sich anderen Schriftsprachen angeglichen. […] Wer hat überhaupt diese Reform beschlossen? Ich hab' den Eindruck, das ist so ein Professoren-Mulm, beschlossen von praxisfernen Gestalten, die nicht wissen, wo der Kellerschlüssel liegt, aber klug daherquasseln.
Ickler, Theodor:
Wie wir schreiben sollten — Die Rechtschreibreform ist bankrott. Die Erneuerung der deutschen Orthographie stürzt nicht über ihre Lächerlichkeit, sie geht an ihren Widersprüchen zugrunde.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 10. 1996, S. 36, Feuilleton
Eine kultivierte Rechtschreibung dient dem Leser, denn sie macht die Bedeutung für das Auge sinnfällig. Für den Schreiber jedoch stellt sie eine Erschwernis dar, denn sie setzt nichts Geringeres voraus als eine fast schon wissenschaftliche Analyse der Sprache. Und die Großschreibung der Substantive? Die zeigt dem Auge, von welchen konkreten oder abstrakten Gegenständen in einem Text die Rede ist. Sehr sinnvoll auch dies.
Reumann, Kurt: Antreiber der Poeten. Porträt Politik. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 10. 1996, s. 12. Politik, Zeitgeschehen
Der 53 Jahre alte, im schlesischen Wohlau geborene und auf der Schwäbischen Alb und in Bayern aufgewachsene Germanist und Romanist [
Denk] ist ein Wirbelwind in allen Gassen der Literatur und Pädagogik. […] Der frühere bayerische Kultusminister Maier ermahnte Denk, er solle sich bei seiner Kampagne gegen das "Portmonee" (statt Portemonnaie) nur keinen Herzinfarkt holen. Prompt antwortete der Unermüdliche: Für den Chikoree (statt Schikoree) zu sterben wäre "ein starker Abgang".
"Nach Belieben." Hessens sozialdemokratischer Kultusminister Hartmut Holzapfel, 52, über den Duden als Regelwerk für die neue Rechtschreibung. Der Spiegel, 7. 10. 1996, nr. 41, s. 20, Panorama (252 wörter)
Die Rechtschreibreform sorgt für Verwirrung an den Schulen: Welches Regelwerk empfehlen Sie den Lehrern? Holzapfel: Jedenfalls nicht den Duden in seiner neuesten Fassung. Der vermischt die neuen amtlichen Regeln mit eigenen Empfehlungen in einer Weise, die für den Benutzer schwer durchschaubar ist.
neu
Heller, Klaus:
Rechtschreibreform.
Deutsch als Fremdsprache, 10. 1996, nr. 4, s. 238 bis 240
Abstract: In dem Beitrag wird über die Prozeduren der Reformvorbereitung nach der Wiener Konferenz 1994 und öffentliche Reaktionen darauf berichtet, werden die letzten Änderungen genannt sowie Termine und Modalitäten der Reformeinführung und geplante Aktivitäten in der Übergangszeit bis zum Jahr 2005 erläutert.
neu Ab-s-t-rak-te Regeln. Der Spiegel, 16. 9. 1996, nr. 38, s. 20, Panorama (176 wörter)
Die neue Rechtschreibung überfordert offenbar auch die Hersteller von Wörterbüchern. Obwohl die Rechtschreibregeln von insgesamt 212 auf 112 reduziert wurden, gibt es Fehler und Widersprüche in neu erschienenen Lexika.
Trösch, Peter Niklaus: Wer den Duden kauft, sieht erst mal rot. Der Duden erscheint nach neuen Regeln — Buch-Verleger sind noch nicht vorbereitet. Tages-Anzeiger, 20. 8. 1996
Wer den Duden vielleicht übermorgen Abend genauer anschaut, wird sich zuerst schnäuzen oder gar einen Katarr kriegen. […] Wer sich da und auch bei den neuen Kommaregeln auskennen will, kommt um diese 21. Duden-Ausgabe nicht herum; der Verlag rechnet mit einer Million verkauften Exemplaren bis Jahresende.
Deutsch, Fibo: DEUTSCH & DEUTLICH über Deutsch. Sonntagsblick, 7. 7. 1996, nr. 27, s. 20
Die Rechtschreibereform, die jetzt eingeläutet worden ist, räumt mit einigem Unsinn auf - indem sie neuen Unsinn einführt.
neu Löffler, Sigrid: Die neue Orthografie. Ein kleiner Kompass für Newcomer, Raubeine, Wandalen und andere Tollpatsche. Süddeutsche Zeitung, 1. 7. 1996 (949 wörter)
Am heutigen Montag, den 1. Juli , unterzeichnen in Wien die deutschsprachigen Länder eine
gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. […] Im Folgenden ein Vorgeschmack, konzipiert anhand des Bertelsmann-Wörterbuchs Die neue deutsche Rechtschreibung. Dass ihr kein überschwänglicher Empfang zuteil würde, der neuen Orthografie, sobald sie zu Stande käme, das war uns bewusst. Dass sie den einen ein Gräuel sein würde, den anderen ein Stuss, kein Quäntchen besser, aber potenziell konfuser und ein bisschen weniger scharmant als die frühere, ist eine Plattitüde. Den Einen ist sie nur ein Sidestepp vor einer substanziellen und essenziellen Rechtschreibreform, die anderen - oder auch nur anders Denkenden - werden ganz gräulich im Ungewissen gelassen, ob sie damit zu Rande kommen werden oder nicht.