Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 29. 12. 1997

Aus der presse (bis 1997)

Nachgeführt 15. 4. 2010

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29. 12. 1997

> Güntner, Joachim: Am Ende wollen alle Traditionalisten sein. Rechtschreibereform in Deutschland: ein Streit mit grotesken Zügen. Neue Zürcher Zeitung, 29. 12. 1997, nr. 301, s. 23, Feuilleton (1984 wörter)

Die Argumente sind ausgetauscht, die Gemüter verhärtet, die Gerichte haben das Wort: Wie in Deutschland über die Rechtschreibereform gestritten wird, spottet nüchterner Beschreibung. […] Längst trägt der Reformstreit die Züge eines Glaubens-, ja Daseinskampfes. […] «Beneidenswert» nennt ein Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium die Unaufgeregtheit, mit der in der Schweiz die orthographischen Neuerungen debattiert werden. […] Wenn […] die Reformgegner fordern, jede Neuregelung der Orthographie müsse sich innerhalb der «herkömmlichen Bahnen» bewegen, beanspruchen die Reformer, genau dies zu tun. […] Ihre Devise «Die Grundregeln stärken, den Wildwuchs der Ausnahmen beschneiden» wollen sie als ein Zurück zu den Ursprüngen verstanden wissen. […] So möchten, kurios genug, am Ende selbst Reformer als Traditionalisten dastehen.

> Blinn, Fred: Ein heilloses Tohuwabohu. Neuer Kompromiß-Vorschlag zur Rechtschreibreform. Saarbrücker Zeitung, 29. 12. 1997, Themen des Tages; Leitartikel, Kommentare, Glosse

Eine echte Reform ist das Geplante nie gewesen. Bestenfalls ein Reförmchen. Aber selbst auf dieses kann man sich offensichtlich nicht einigen. […] Kann man dies alles überhaupt noch ernst nehmen? 1000 Fälle, in denen jeder nach Gusto so oder anders schreiben kann. Da bleibt selbst von dem vorgesehenen Reförmchen kaum noch etwas übrig. Das soll aber "für mehr Akzeptanz" sorgen, meinen besagte Experten. Pustekuchen, kann man da nur sagen. Lassen wir's dann doch besser ganz.

24. 12. 1997

Wassner, Fernando: Der Zugriff des Staates auf das Wort hat Grenzen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 12. 1997

Die Frage, die der ansonsten so veraltete Roman [Orwell: "1984"] wieder einmal aufwirft, ist unverändert aktuell: Welche Lehrinhalte darf der Staat seinen Schulen vorgeben?

17. 12. 1997

Schnäuzen sie sich besser? Die Presse, 17. 12. 1997, Kultur & Medien

Weniger Fehler ortet eine Studie des Unterrichtsministeriums bei jenen Schülern, die nach den neuen Rechtschreibregeln lernen.

Bühler, Hanns Hermann: Reaktionen: Rechtschreibreform. Die Presse, 16. 12. 1997, Kultur & Medien

Der Diplom-Dolmetsch Dr. Hanns Hermann Bühler ist Lektor an der Universität Wien. […] Sich über die deutsche Rechtschreibung den Kopf zu zerbrechen, ist pure Zeitverschwendung. Die deutsche Orthographie ist verglichen etwa zur englischen und französischen viel phonetischer, daher wesentlich leichter zu erlernen. Die Groß- und Kleinschreibung ist vielleicht ihre wertvollste Eigenheit, hilft sie doch beim raschen Lesen und Verstehen eines Textes.

13. 12. 1997

gon: Eltern-Initiative für die neue Rechtschreibung. Die Presse, 13. 12. 1997, Innenpolitik

Verunsicherung bei Schülern und Lehrern: Das wäre die Folge bei einer Rücknahme der Rechtschreibreform, meint die Initiative Schüler, Lehrer und Eltern. Der Start der neuen Rechtschreibung in Österreichs Schulen sei problemlos gelungen; hunderttausende Volksschulkinder würden durch eine Rücknahme der Rechtschreibreform zum Umlernen gezwungen.

8. 12. 1997

Gerber, Thomas: Schreibreform läßt Eidgenossen kühl. Die neuen Regeln sind für Schweizer kein Herz-Thema: Der gesprochene Dialekt ist viel wichtiger. Saarbrücker Zeitung, 8. 12. 1997, Themen des Tages

Die Schweizer dagegen schauen dem Streit um die neue Schreibweise weitgehend emotionslos zu.

30. 11. 1997

Spörri, Balz: Gemse oder Gämse? Jetzt entscheidet das Gericht. Ein Alt-Politiker klagt gegen die Erziehungsdirektoren. Sonntags-Zeitung, 30. 11. 1997, 11. jg., nr. 48, s. 13, Nachrichten

Erstmals beschäftigt sich ein Schweizer Gericht mit der deutschen Rechtschreibreform. […] Kläger vor der Zivilabteilung des Gerichtskreises VIII Bern-Laupen ist der ehemalige liberale Baselbieter Landrat Jacques Messeiller. Der 63jährige Rentner aus Binningen ärgert sich, dass die EDK "im Tempo des gehetzten Affen" die Kantone angewiesen habe, Lehrmittel nach neuer Rechtschreibung zu drucken. Er verlangt deshalb, dass die EDK im Sinne einer vorsorglichen Massnahme "sämtliche Schritte zur Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung so lange sistiert, bis in der Bundesrepublik Deutschland ein endgültiger Entscheid in dieser Angelegenheit getroffen sein wird".

Siehe stellungnahme des Bundes für vereinfachte rechtschreibung!

28. 11. 1997

Braun, Johanna und Günter: Ein Staatsmann stellt sich vor das H in der Thür. Bismarck drohte mit Strafen, und Gustav Nagel schreckte die Behörden. Rheinischer Merkur, 28. 11. 1997, nr. 48, seite 26, Kultur

Noch toleranter wäre es, meint Herr Z., wenn wir den Zustand der Vordudenzeit zurückbekämen. Jedem Lehrer und jedem Drucker seine eigene Orthographie. Ob so ein Antrag meinerseits Erfolg haben könnte? Wie es heute aussieht, scheint dieser Zustand sich bereits von selbst wiederherzustellen.

21. 11. 1997

Kuballa, Wolfgang: "Die neuen Regeln sind ein Pfusch und schwachsinnig." Auch in Österreich wächst der Widerstand gegen die Rechtschreib-Reform - Verfassungsgerichtshof hat das letzte Wort. Saarbrücker Zeitung, 21. 11. 1997, Themen des Tages

"Die neuen Regeln sind Pfusch und großteils schwachsinnig", wetterte Wiens Ex-Bürgermeister Helmut Zilk bei einer Podiumsdiskussion. […] Unterrichtsministerin > Elisabeth Gehrer, mit der Durchsetzung der umstrittenen Reform betraut, meint dagegen gelassen: "Die Klagen sind doch an den Haaren herbeigezogen. Man will, daß die Volksschulkinder Englisch lernen, aber das Wort ,daß' mit Doppel-S zu schreiben, soll zuviel für sie sein?"

17. 11. 1997

Wassermann, Rudolf: Die Rechtschreibung als Sache der Rechtsprechung. Wird das Bundesverfassungsgericht das letzte Wort über die Reform sprechen? Die Welt, 17. 11. 1997, Forum

Daß die Rechtschreibreform Sache der Rechtsprechung geworden ist, kann kaum erstaunen. Im Rechtsstaat des Grundgesetzes landet nahezu jedes gesellschaftliche Problem von politischer Relevanz bei der Justiz. […] Der ausgetüftelten Neuregelung der Rechtschreibung, der die Regierungen ihren Segen gegeben haben, fehlt es offensichtlich an Akzeptanz bei der Bevölkerung. Wäre es da nicht besser, die Rechtschreibung der Selbstregulierung zu überlassen, mit der man bisher nicht schlecht fuhr? Die Deutschen, heißt es, sind ein rührend legalitätsbedürftiges Volk. Was die Sprache angeht, so sollte sich jedoch der Staat jedweder Regelung enthalten und darauf vertrauen, daß sich die Normen im Konsens aller entwickeln, die mit der Sprache umgehen. Die Probleme, die jetzt soviel Staub aufwirbeln, erledigten sich dann von selbst.

Selbstregulierung? Aber gewiss doch! Eine entwicklung (z. b. fremdworteindeutschung, unzufriedenheit mit der grossschreibung) bahnt sich an, in teilen der sprachgemeinschaft (sprachwissenschafter) stellt man das fest, nicht so weit gehend wie in anderen teilen der sprachgemeinschaft (z. b. BVR), und irgendwann kann sich auch die schule (staat) nicht mehr gegen die selbstregulierung wehren. Aber zur selbstregulierung gehört, dass teile der sprachgemeinschaft immer anderer meinung sind, die anderen teile also nicht legitimiert sind. Der "Konsens aller" würde mindestens auch die toleranz aller voraussetzen. Für solche fälle hat der staat instrumente mit mehrheitsentscheiden erfunden; ohne sie würden wir immer noch in höhlen leben.

15. 11. 1997

Bollwahn, Barbara: "Ketchup" für Ulrike, Sigurd und Randolf. die tageszeitung Berlin, 15. 11. 1997, nr. 5383, seite 26, Berlin Aktuell

Erfolg für Familienvater und seine drei Rangen: Verwaltungsgericht gab erstmals einer Klage gegen die Rechtschreibreform statt. […] Gestern wurde erstmals der Streit um die Rechtschreibreform von einem Verwaltungsgericht nicht nur im Eilverfahren verhandelt, wie in den bisherigen 22 Verfahren bundesweit, sondern in der Hauptsache selbst.

14. 11. 1997

best: Das Rechtschreib-Pech. Die Presse, 14. 11. 1997, Kultur & Medien

Eine Podiumsdiskussion im Palais Liechtenstein machte vor allem deutlich: Auch die Kommissionsmitglieder sind mit der Rechtschreibreform nicht ganz zufrieden. […] Tenor dieses vom Club der Universität Wien vor allem mit Verfechtern der gemäßigten Kleinschreibung besetzten Podiums: Die Rechtschreibung sei als Bildungsmaßstab überbewertet. Und werde wohl an normativer Kraft verlieren.

7. 11. 1997

Thornton, Evelyn: Reaktionen: Rechtschreibreform. Die Presse, 7. 11. 1997, Kultur & Medien

Evelyn Thornton, Lektorin für Deutschdidaktik an der Universität Wien, über die Rechtschreibreform und deren Boykott durch "Die Presse". Populismus ist heute salonfähig, nicht nur in der Politik, im gesamten öffentlichen und medialen Bereich sorgt er für hohe Auflagen, Zuseherquoten, Bekanntheit. So entdecken auch seriöse Zeitungen den Populismus für sich und begeben sich auf ein bisher nicht gekanntes Niveau.

4. 11. 1997

best: Schreibreform: "Mut, Fehler zu korrigieren!" Die Presse, 4. 11. 1997, Kultur & Medien

Deutschlands Außenminister Kinkel will die Rechtschreibreform aussetzen und fordert die deutschen Bundesländer, Österreich und die Schweiz auf, das Regelwerk noch einmal zu überdenken. Das Büro von Ministerin > Gehrer winkt ab. Kinkel sei in dieser Frage nicht kompetent.

11. 1997

Scherrer, Stephan: Einfach ignorieren! NZZ-Folio, 11. 1997, nr. 11, s. 87, Leserbriefe (21 wörter)

Wie wir uns die Scherereien ersparen, die der «Dudenklüngel» uns zumuten will, fragt Herr Schneider. Ganz einfach: Ignorieren!

Aerni-Henriquez, Cecilia: Versponnene Experten. NZZ-Folio, 11. 1997, nr. 11, s. 87, Leserbriefe (75 wörter)

Das allergrösste Ärgernis ist allerdings, dass eine Handvoll offensichtlich versponnener Experten selbstherrlich über alle Köpfe hinweg diktiert, wie hundert Millionen Menschen zu schreiben haben!

Gysin, Xaver: Inkonsequentes Stückwerk. NZZ-Folio, 11. 1997, nr. 11, s. 87, Leserbriefe (36 wörter)

> Wolf Schneider spricht mir aus dem Herzen, wenn er die Rechtschreibereform zerpflückt, die ausser inkonsequentem Stückwerk nichts bringt.

von Dach, Claude: Plumper und tumber. NZZ-Folio, 11. 1997, nr. 11, s. 87, Leserbriefe (76 wörter)

Wer sich bei den Schreibschwachen anbiedert und dabei sinnvolle Bedeutungsunterschiede einebnet, hat die Sprache nicht reformiert, sondern bloss ein bisschen plumper und tumber gemacht. Einer muss sich immer plagen: entweder der Schreiber oder der Leser.

Irrtum — eine schlechte rechtschreibung ist für alle schlecht.

Meier, Hans-Rudolf: Auf den Punkt gebracht. NZZ-Folio, 11. 1997, nr. 11, s. 87, Leserbriefe (106 wörter)

Ein Bravo den Ausführungen zur Rechtschreibereform!

27. 10. 1997

Büchner-Preis: Über Sprache und Fremdheit; H. C. Artmann nahm in Darmstadt den Büchner-Preis entgegen. Die Presse, 27. 10. 1997, Kultur & Medien

Christian Meier, Präsident der > Akademie für Sprache und Dichtung, kritisierte in seiner Rede das Festhalten der Kultusminister an der Rechtschreibreform. Es sei "nicht schlimm, Fehler zu machen", schlimm sei es, wenn "man sie weitertreibt bis ins Lächerliche hinein".

24. 10. 1997

Rechtschreibstreit vor Gericht. Die Presse, 24. 10. 1997, Kultur & Medien

Für seine Tochter zieht ein oberösterreichischer Anwalt vor das Verfassungsgericht. Den letzten Anstoß zu diesem Schritt gegen die Rechtschreibreform gab der Boykott der "Presse".

23. 10. 1997

König, Ewald: "Rechtschreibreform für Schüler unzumutbar." Die Presse, 23. 10. 1997, Kultur & Medien

Der FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt will die Reform ausgesetzt wissen. Das Durcheinander sei für Schüler unzumutbar.

21. 10. 1997

Deutsche Zeitungen kommentieren Rechtschreibreform. dpa, 21. 10. 1997, 05:00 Uhr

Die bürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ist der Ansicht: " […] Sprache ist nicht einfach Verfügungsgut, Manövriermasse staatlicher Instanzen. Sie muß in ihrer Eigengesetzlichkeit geschützt werden. Eine Rechtschreibreform darf also nicht zum Motor von Veränderungen werden, sie soll Wandlungen nur nachvollziehen."

Gericht in Hamburg läßt Rechtschreib-Reform zu. dpa, 21. 10. 1997, 11:09 Uhr

Nach Ansicht des Oberverwaltungs-Gerichts "gehört die Sprache dem Volk und ist vorstaatlich". Sprache dürfe deswegen nicht hoheitlich geordnet werden. "Der Staat darf nur bereits eingetretene Veränderungen der Sprache normieren, nicht aber Motor der Veränderungen werden, auch nicht aufgrund eines Gesetzes", äußerten die Richter in Hamburg.

König, Ewald: Schreibreform: Warten auf den Bundestag. Die Presse, 21. 10. 1997, Kultur & Medien

Anfang Dezember soll der deutsche Bundestag über die Rechtschreibreform entscheiden. In Niedersachsen, wo die zweite Instanz den Gegnern des Regelwerks recht gegeben hat, wird die Reform nun bis auf weiteres ausgesetzt.

15. 10. 1997

Klauhs, Harald: Frankfurt oder: Das hartnäckige Gedruckte. Die Presse, 15. 10. 1997, Kultur & Medien

Zwei Themen beherrschen die Frankfurter Buchmesse: Die Rechtschreibung und Buchpreisbindung. Kaum ein Thema ist der alljährliche Rekord an Ausstellern. Beim in Deutschland sehr beliebten "juristischen Elf-Meter-Schießen" in der Frage der Rechtschreibreform stehe es, so Kurtze, zur Zeit zehn zu drei für die Reform. Leidtragende bei einer Kehrtwendung wären die kleinen und mittelständischen Verlage, die bisher fast ausschließlich die Kosten der Reform getragen haben.

29. 9. 1997

Pohl, Heinz Dieter: Rechtschreibreform: Reaktionen; der Gang zu Gericht ist der falsche Weg. Die Presse, 29. 9. 1997, Kultur & Medien

Universitätsprofessor Dr. Heinz Dieter Pohl, Institut für Sprachwissenschaft, Universität Klagenfurt, zur Rechtschreibreform und ihren Boykott durch die "Presse". […] Die ganze Aufregung rund um die Rechtschreibreform verstehe ich nicht ganz. Schon seit Jahren ist bekannt, daß sie kommt und es war auch schon lange abzusehen, daß sie keine "Reform", sondern bloß ein "Reförmchen" wird, denn radikale Neuregelungen wie z. B. die sogenannte "gemäßigte" Kleinschreibung waren nicht durchsetzbar. […] Meiner Meinung nach sollte man also bei diesem "Reförmchen" bleiben und manche Auswüchse langsam zurücknehmen. Ähnliches ist Anfang der 60er Jahre in Slowenien geschehen, wo eine Neuerung (eigentlich Rückkehr zu einer alten Schreibung, die mit der modernen Aussprache nicht mehr übereinstimmt) auf Ablehnung weiter Kreise der Bevölkerung stieß.

Zitiert. Die Presse, 29. 9. 1997, Kultur & Medien

Über die Rechtschreibreform und den Boykott der Reform durch die "Presse": Christian Rainer, Herausgeber und Chefredakteur des "trend", Josef Votzi, Herausgeber und Chefredakteur des "profil", und Wolfgang Fellner, Herausgeber des Nachrichtenmagazins "News".

27. 9. 1997

Zu hohe Schulungskosten. Die Presse, 27./28. 9. 1997, Kultur & Medien

Österreichs Unternehmen wurden zur Rechtschreibreform befragt: sie sei unlogisch, nicht notwendig und teuer in der praktischen Umsetzung. […] Eine Kleinschreibung mit logischen Abteilungs- und Beistrichregeln fände wesentlich mehr Zustimmung.

25. 9. 1997

Schaefer Eduard: Die Rechtschreibreform - schon jetzt Sperrmüll? Ein kritischer Überblick über die vorgesehene Neuregelung. Saarbrücker Zeitung, 25. 9. 1997, Kulturleben

Seit langem ist die Großschreibung im Deutschen heftig umstritten, aber selbst die "gemäßigte Kleinschreibung" hat sich nicht durchsetzen lassen. Um so mehr verwundert die vermehrte Großschreibung.

23. 9. 1997

> Schrodt, Richard: Rechtschreibreform: Reaktionen; Rechtschreibfehler entkriminalisieren! Die Presse, 23. 9. 1997, Kultur & Medien

Dr. Richard Schrodt zum Boykott der Rechtschreibreform durch die "Presse". […] Ob die Reform nicht mehr als ein Reförmchen ist, kann nicht so einfach entschieden werden. Tatsächlich konnten einige konsequente und vernünftige Reformschritte wie die Einführung der gemäßigten Kleinschreibung nicht durchgesetzt werden. Aber diese Reform ist wahrscheinlich das Maximum dessen, was man in unserer politischen Situation durchsetzen kann, und da sie in manchen Bereichen entscheidende Verbesserungen und Vereinfachungen enthält, soll man sie nicht grundsätzlich ablehnen. Zudem zeigt sich eindeutig, dass die reformierte Schreibung zu weniger Rechtschreibfehlern führt.

Steiner, Bettina: Wer bereitete die Reform vor, und wer setzt sie um? Die Presse, 23. 9. 1997, Kultur & Medien

Die "Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission" soll nicht nur Unstimmigkeiten klären, sondern auch beobachten, welche Schreibweisen sich letztlich durchsetzen. Es gibt noch Spielraum. > Horst Haider Munske, von Anbeginn dabei, hat seine Arbeit niedergelegt. […] Der Arbeitskreis bereitete die Entscheidungen vor — getroffen wurde sie von der Politik. Blüml jedenfalls wäre, wie auch Richard Schrodt, mit "der Kleinschreibung glücklicher gewesen" (Blüml).

Zitiert. Die Presse, 23. 9. 1997, Kultur & Medien

Ich habe schon 1993 erklärt, daß es nur eine Pflege, keine Reform der Orthographie geben kann. Man muß die Regeln verständlich darstellen und dabei Widersprüche und Spitzfindigkeiten ausräumen. Diese Reform aber versteigt sich bis zur Sprachplanung . […] > Horst Haider Munske, Linguist aus Erlangen, bis vor kurzem Mitglied der zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über seine Gründe, die Kommission zu verlassen.

5. 9. 1997

dpa: Neue Regeln: Befürworter gehen in die Offensive. Saarbrücker Zeitung, 5. 9. 1997, Politik

Alle Lehrerverbände sowie auch der Deutsche Didacta Verband unterstrichen, sie hätten sich eigentlich eine viel weitergehende Rechtschreibreform gewünscht.

Zollinger, Adolf: Abgehobene Experten. Leserbriefe zu: Es herrscht allzu grosse Angst, TA vom 29. 8. (I). Tages-Anzeiger, 5. 9. 1997

Die neue Rechtschreibung bringt tatsächlich Vereinfachungen, und man wird damit leben können, wenn man nicht allzu stur auf "richtig" und "falsch" beharrt. Dass sich die Schreibfehler infolge der neuen Regelungen vermindern werden, darf aber angezweifelt werden.

Aerni-Henriquez, Cecilia: Abgehobene Experten. Leserbriefe zu: Es herrscht allzu grosse Angst, TA vom 29. 8. (II). Tages-Anzeiger, 5. 9. 1997

Wo leben denn eigentlich all die gescheiten Experten, die uns dieses widersprüchliche und schwer vermittelbare Regelwerk eingebrockt haben?

Ehrensperger, Serge: Abgehobene Experten. Leserbriefe zu: Es herrscht allzu grosse Angst, TA vom 29. 8. (III). Tages-Anzeiger, 5. 9. 1997

Eine überflüssige Reformkommission will diese liberale Atmosphäre, die die deutsche Sprache vor Sprachen mit autoritären Akademien auszeichnete, nun zerstören.

von Dach, Claude: Abgehobene Experten. Leserbriefe zu: Es herrscht allzu grosse Angst, TA vom 29. 8. (IV). Tages-Anzeiger, 5. 9. 1997

Linguist Horst Sitta hat nicht nur an der Rechtschreibreform mitgewerkelt — er verdient auch an ihr.

3. 9. 1997

> Reinhardt, Kurt: Naturwissenschaftler sollten ran! Einige eigenwillige Gedanken zur geplanten Reform der Rechtschreibung. Saarbrücker Zeitung, 3. 9. 1997, Politik

Man sollte diese Disziplinen [Philologen und Historiker] auf keinen Fall an der Rechtschreibung herum flickschustern lassen, sondern es einem Naturwissenschaftler oder Mathematiker übertragen, unsere Rechtschreibung nach Gesetzen der Logik auf einen endgültigen Stand zu bringen. […] Philologen sollte die Rechtschreibung nicht ausgeliefert sein und auf keinen Fall Juristen oder Politikern. […] Eine absolut rationale Orthographie wäre eine dringende Notwendigkeit. […] Mit europäischer Integration sollte die Einführung einer rationalen Rechtschreibung schon etwas zu tun haben. Die anderen Länder sollten gleichzeitig mit dem Euro auch eine Laut-bezogene Rechtschreibung einführen. Die absolut verworrenste Orthographie - die englische - sollte in ihrer jetzigen Form endlich verschwinden. […] Wenn man an dem derzeitigen Stand etwas verbessern will, so kann man das nicht mit Demokratie machen, sondern mit klarem Verstand. Philologie ist keine Wissenschaft des logischen Denkens. Folglich müßte man mit der Aufgabe, eine wirkliche Rechtschreibung zu entwickeln, mit der man richtig, einfachstens erlernbar und allgemein verbindlich schreiben könnte, einen Naturwissenschaftler oder Mathematiker beauftragen und nicht sogenannte demokratische Institutionen, sogenannte Geisteswissenschaftler, Politiker, Volksmassen oder sonstwas damit befassen. Man läßt ja auch nicht darüber abstimmen, ob 2x2 = 4 ist. Nun wäre es an der Zeit, alles, was unlogisch an ihnen ist, radikal ohne jegliche philologische und sonstige Kinkerlitzchen zu eliminieren.

9. 1997

> Schneider, Wolf: Wie man drei Völker belästigt. NZZ-Folio, 9. 1997, nr. 9, s. 60, Sprachlese (785 wörter)

Leser haben sich noch nie gewünscht, dass die vertrauten Wortbilder sich ändern.

Man hat eben noch nie gehört, > dass einem Drittel der Schulabgänger selbst die elementaren Lesefähigkeiten abgehen, > Legasthenie werde in einigen Sprachen durch besonders komplizierte Rechtschreibung "forciert", > so mancher schreibt nämlich schon heute nach neuen Regeln, ohne es zu ahnen; > zur Erleichterung des Lesens sollte die Schriftsprache so weit wie möglich an die gesprochene Sprache angelehnt werden.

31. 8. 1997

Rosenbaum, Harry: Rechtschreibung: Schweizer Schulen wollen die Reformen durchziehen. Sonntagsblick, 31. 8. 1997, nr. 35, s. A22

Reformfreudige Schweiz: Selbst wenn Deutschland die Rechtschreibereform abbläst, werden an Schweizer Schulen die Lehrmittel umgestellt. […] «Unser Land kann die Rechtschreibereform auch ohne Deutschland realisieren», so Feller [Verlagsleiter der Interkantonalen Lehrmittelzentrale (ILZ) in Luzern und Präsident der Konferenz der kantonalen Lehrmittelverlagsleiter]. «Die Neuerungen sind nicht gravierend. Neben den üblichen Schweizer Eigenarten in der Schriftsprache fallen sie gar nicht ins Gewicht.»

29. 8. 1997

Furler, Andreas, und Lienert, Konrad Rudolf: "Es herrscht allzu grosse Angst." Tages-Anzeiger, 29. 8. 1997, Kultur

Der Zank um die neue deutsche Rechtschreibung beschäftigt in Deutschland schon Gerichte. Einer von drei Schweizer Vertretern in der Reformkommission war der Zürcher Linguistikprofessor Horst Sitta. Wie steht er zum Streit? […] (Sitta:) Die Debatte scheint mir sehr deutsch zu sein. Bedauerlicherweise geht es praktisch gar nicht mehr um die Inhalte der Reform. Hier liesse sich nämlich sehr leicht zeigen, wie sinnvoll die Neuregelung ist. […] Als man Anfang der neunziger Jahre in Deutschland die fünfstelligen Postleitzahlen und in Österreich die neuen Autokennzeichen einführen wollte, hat es genau das gleiche Phänomen gegeben: Grossen Widerstand am Anfang, heute spricht niemand mehr davon.

26. 8. 1997

> Turner, George: Das angewandte Schreibchaos. Die Rechtschreibreform, ihre Kritiker und die Juristen: Alle machen sich lächerlich. Der Tagesspiegel, 26. 8. 1997, Thema

Es ist lächerlich, was hier vor aller Augen abläuft. Die Reform ist lächerlich (unbedeutend in ihrem Gehalt), die professionellen Kritiker sind lächerlich (in ihrer aufgeblasenen Wichtigtuerei), die Juristen machen sich lächerlich (mit ihrem pseudo-logischen Argumentiergehabe) und die Politiker lachen sich eins, weil sie Stoff im Sommerloch haben, der unverhofft kam und als Ablenkung sehr probat eingesetzt werden kann. Alle zusammen geben sich und Old-Germany der Lächerlichkeit preis. So gesehen ist Elfmeterschießen gar nicht so schlecht. Da weiß man wenigstens, was man hat.

Kahl, Reinhard: Eine ziemlich deutsche Rebellion. die tageszeitung, 26. 8. 1997, nr. 5314, seite 12, Kultur

Die Rechtschreibreform wühlt die Volksseele auf. Darin äußert sich ein paradoxes Verhältnis zum Staat. […] Der Anführer der Rechtschreib-Rebellen, CSU-Mitglied > Friedrich Denk, der immerzu betont, er habe noch nie dem Staat zuwidergehandelt oder auch nur widersprochen, ist der Prototyp der Rechthaber und Rechtschreiber. Er behauptet doch tatsächlich, wenn die Anrede Du und Sie klein geschrieben wird, ginge ein Stück Höflichkeit flöten, und deshalb werde - so folgerten zuletzt Kläger vor dem Verwaltungsgericht in Dresden - das Erziehungsrecht der Eltern berührt.

18. 8. 1997

ap: > FDP für Aufhebung der Rechtschreibreform. Der Landbote, 18. 8. 1997, 161. jg., nr. 188, s. 2

Fraktionschef > Hermann Otto Solms sagte, das ganze Vorhaben müsse begraben werden.

dpa: FDP: Schreibreform endgültig begraben. Bundeskanzler plädiert für eine politische Lösung. Saarbrücker Zeitung, 18. 8. 1997, Politik

Der Streit um die Rechtschreibreform soll nach Auffassung von Bundeskanzler Kohl nicht vom Bundesverfassungsgericht entschieden werden. Statt dessen müsse rasch eine politische Lösung gefunden werden, an der Kultusminister, Ministerpräsidenten, Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat beteiligt sind. […] Dagegen bezeichnete FDP-Fraktionschef > Hermann Otto Solms neue Gespräche von Bund und Ländern über die Reform als "Unsinn" und wandte sich damit gegen den Kanzlervorstoß. […] Solms: "Wir sollten jetzt die ganze Rechtschreibreform begraben." Die Rechtschreibung sollte sich "wie bisher begleitet von der Duden-Redaktion ganz natürlich weiterentwickeln können".

> Gerber, Thomas: Schreib-Reform: Eidgenossen geben sich gelassen. Saarbrücker Zeitung, 18. 8. 1997, Themen des Tages

Der Streit in Deutschland um die Rechtschreibreform macht die Schweizer ratlos. Opposition gegen die Reform gibt es im Alpenland nicht, aber die Begeisterung hält sich in Grenzen. […] Vieles wird für die 4,5 Millionen deutschsprachigen Eidgenossen […] nicht ändern. Mit einer Schwierigkeit müssen sich die Schüler im viersprachigen Alpenland seit 60 Jahren ohnehin nicht herumschlagen: Die Eidgenossen kennen kein Eszett.

15. 8. 1997

Schlicht, Uwe: Der Streit um die Rechtschreibreform. Was sich hinter den juristischen Auseinandersetzungen um Gesetz oder Verordnung verbirgt. Der Tagesspiegel, 15. 8. 1997, Thema

Der Bundeskanzler hat von seinem Feriendomizil am Wolfgangsee zur Rechtschreibreform verlauten lassen: "Ich halte es nicht für zumutbar, daß der normale Bürger jeden Tag etwas anderes liest." Kohl forderte umgehende Gespräche zwischen der Bundesregierung, der Kultusministerkonferenz und den Ministerpräsidenten.

Uthmann, Jörg, von: Nicht die Akademie bestimmt, sondern das Volk. Warum Regierungen in den USA, Grossbritannien und Frankreich auf eine Rechtschreibreform verzichten. Der Tagesspiegel, 15. 8. 1997

In den USA denkt man nicht an eine staatliche Rechtschreibreform.

Bei uns auch nicht. Der staat soll nur in seinem engen bereich — der schule — vollziehen, was volk und wissenschaft wünschen.

13. 8. 1997

neu > Meier, Christian: Kulturpolitik im Panzerverband? Die Rechtschreibreform: Versuch einer Lagebestimmung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 8. 1997, s. 33, Feuilleton

Was immer man von der bisherigen Rechtschreibung und der von den Kultusministern beschlossenen Reform halten mag: Den gegenwärtigen Zustand kann doch wohl kein ernst zu nehmender Mensch mehr verantworten. Schüler, Lehrer, Eltern, Verlage verunsichert; Reformer und Ministerien schalten auf stur, Gegner der Reform nutzen alle Möglichkeiten, sie zu Fall zu bringen. Eine Gesellschaft, die eigentlich Wichtigeres zu tun hätte, in Grabenkämpfen um die eigene Sprache verfangen. So ist es kaum übertrieben, wenn man feststellt: Diese Lage ist unerträglich.

8. 8. 1997

> Karasek, Hellmuth: Recht auf Rechtschreibung. Der Tagesspiegel, 8. 8. 1997

Wenn eine Gesellschaft alle Auseinandersetzungen auf den Rechtsweg schiebt, dann werden uns eines Tages nur noch Gerichte sagen können, was wesentlich und was unwesentlich ist. Am Anfang war das Wort, am Ende steht das Urteil.

4. 7. 1997

> Munske, Horst Haider: Goethe kann sich nicht mehr wehren. Der Tagesspiegel, 4. 7. 1997, Literaturspiegel

Auslöser der Proteste war zweierlei: Die neuen Rechtschreibwörterbücher, die nach dem Reformbeschluß der Kultusministerkonferenz in Millionenauflage auf den Markt kamen, sowie die sofortige Einführung der Reform an den Schulen Bayerns und anderer Bundesländer, zwei Jahre vor dem vereinbarten Termin im Herbst 1998. […] Am schwersten wiegen die Einwände gegen die Ausrichtung der Reform: Für vermehrte Großschreibung und vermehrte Getrenntschreibung, die - nach meiner Meinung - gegen die Grundstruktur unserer Orthographie und gegen die Sprachentwicklung verstoßen und darum intuitive Ablehnung erfahren. […] Rechtschreibreformen sind […] immer ein Gegenstand öffentlicher Debatte. Sie können nur erfolgreich sein, wenn sie hinreichend legitimiert sind und zumindest von einer Mehrheit der gebildeten Öffentlichkeit akzeptiert werden. […] Der Protest der Schriftsteller, der gebildeten Öffentlichkeit, der Einspruch von Linguisten, Juristen, Verlegern und Lehrern richtet sich jedoch nicht allein gegen bestimmte Mängel der Rechtschreibreform, sondern vor allem dagegen, daß diese Interessengruppen von der Willensbildung um eine Reform ausgeschlossen waren. […] Könnte man mit der Rechtschreibreform von vorne beginnen, wäre ein repräsentatives, beratendes Gremium beim Bundespräsidenten das geeignete Instrument, die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung aus der Sicht aller Betroffenen zu prüfen.

7. 1997

> Zimmermann, Harald H: Rechtschreibreform - Vereinfachung oder Verunsicherung? Zur geplanten Neuregelung. Saarbrücker Zeitung, ca. juli 1997

Politische Wegbereitung zu längerfristigen Entkopplung der Standardisierung von staatlichen Regelungen: Die Informationsindustrie (Verlage, Wirtschaftsverbände . . .) sollten in Zukunft in die Verantwortung einbezogen werden, zumal - etwa beim Deutschen Institut für Normung (DIN) - Prozeduren vorliegen, die analog auf die Schreibnormung angewendet werden können. […] Ich hätte mir persönlich eine weitergehende Reform unter Einführung der gemäßigten Kleinschreibung gewünscht. Vielleicht dauert es auch nicht noch weitere 90 Jahre, bis man sich zur gemäßigten Kleinschreibung durchringt: Wir sagen ja auch beim Sprechen nicht jedesmal "Klick", um anzuzeigen, daß jetzt ein Substantiv gesprochen wurde.

7. 6. 1997

Fromme, Friedrich Karl: Die Rechtschreibreform wird zu einer Verfassungsfrage. Die Zuständigkeit des Bundes / Der Wesentlichkeitsgrundsatz. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 6. 1997, s. 2., Politik

Zunächst also wird von den Gegnern der Rechtschreibreform eine Kompetenz des Bundes in Anspruch genommen "kraft Natur der Sache". Weiter aber heißt es, daß auch der Bund eine solche Regelung nicht auf dem Verwaltungswege treffen könne (wie es das Deutsche Reich bei der letzten Rechtschreibreform im Jahre 1901 getan hat). Vielmehr greife hier die vom Bundesverfassungsgericht entwickelte "Wesentlichkeitstheorie" ein, wonach Gegenstände, die von erheblicher Bedeutung sind und in Grundrechte eingreifen, vom Gesetzgeber "selbst" geregelt werden müssen — dann auch mit der verfassungsrechtlich gebotenen Zitierung der jeweils eingeschränkten Grundrechte. Bei der Rechtschreibreform kommen in Frage das allgemeine Persönlichkeitsrecht, aber auch das elterliche Erziehungsrecht.

Siehe stellungnahme des Bundes für vereinfachte rechtschreibung!

2. 4. 1997

Lettau, Marc: Der alljährliche Querschnitt durch den bernischen Humor. Der Bund, 2. 4. 1997, 148. jg., nr. 75, s. 23

Aprilscherz / Was gilt in bernischen Landen heuer als besonders lustig? […] Wahr ist, dass die neue Schreibung der deutschen Sprache unausweichlich auch das Bernbiet erfassen wird. Unwahr ist hingegen, dass gleichzeitig eine orthographische Revolution die bernische Geographie umkrempeln wird: Die im «Bund» von gestern vorgestellten «revidierten» Ortsnamen Tun, Fechingen, Iegensdorf, Itingen, Kersaz, Langental, Lis, Niderbib, Uzensdorf und Zolikofen waren blosse Erfindung, waren ein Scherz.

1. 4. 1997

mul/wd.: Ortsnamen im Wandel: Tun statt Thun. Der Bund, 1. 4. 1997, 148. jg., nr. 74, s. 1

Trotz heftigen Protesten gegen das regierungsrätliche Vorhaben, dieser Tage die ersten bernischen Ortsnamen der neuen deutschen Schreibung anzugleichen: Die Regierung hält an der «unumgänglichen neuen Schreibweise» fest. Die bernische Kantonsregierung beeilt sich für einmal in unbernischem Tempo, die Ortsnamen der Rechtschreibereform anzupassen.

Däpp, Walter, und Lettau, Marc: Thuns Behörde will mit Tun nichts zu Tun haben. Der Bund, 1. 4. 1997, 148. jg., nr. 74, s. 17

Der Kanton Bern prellt in einem Pilotprojekt vor, ohne die Gemeinden begrüsst zu haben: Neu heisst etwa Thun offiziell Tun.

18. 3. 1997

Widmer, Gisela: I love you and Isle of view — glücklich ohne Duden. Basler Zeitung, 18. 3. 1997, 155. jg., nr. 65, s. 2

Während im deutschsprachigen Raum die Duden-Kommission wie ein Strafgericht über gutes und schlechtes Deutsch urteilt, gibt es für die Weltsprache Nummer eins keine entsprechende Institution. Lediglich eine Zweimannshow wacht über die englische Sprache.

16. 3. 1997

Schweizer fordern: Stoppt die Reform! Sonntagsblick, 16. 3. 1997, nr.11, s. 30

Gemäss dem Sonntags-Blick-TED vom letzten Wochenende wollen 92 Prozent der Anrufer die Rechtschreibereform sofort stoppen! Ein Reizthema ist die neue Orthographie vor allem für ältere Menschen. 70 Prozent der Abstimmenden waren älter als 50jährig. […] Der Baselbieter SD-Nationalrat Rudolf Keller hat diese Woche eine parlamentarische Initiative eingereicht. […] Der Schriftsteller und vehemente Reformgegner Adolf Muschg findet politische Massnahmen überflüssig: «Es reicht, die am grünen Tisch ausgeheckte Reform zu ignorieren.»

9. 3. 1997

Cavalli, Rolf: Zu früh korrigiert! Die Rechtschreibereform bereits wieder in Frage gestellt. Sonntagsblick, 9. 3. 1997, nr.10, s. 15

Die Schweizer sind Musterknaben: Lehrer und Schüler büffeln bereits heute die neuen Orthographie-Regeln. […] Doch die pflichtbewussten Schweizer werden möglicherweise bestraft für ihre Eile. Denn in Deutschland wächst der Widerstand gegen die Rechtschreibereform. […] «Wir lassen uns von der Störmusik aus Deutschland nicht beeinflussen und halten uns an die Abmachungen», sagt Christian Schmid von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren bestimmt. […] Schweizer Schriftsteller wie > Peter Bichsel und Adolf Muschg boykottieren die neue Rechtschreibung sowieso. Mit ihnen einige Schweizer Buchverlage. Jetzt melden sich aus dem Nationalrat Stimmen gegen die Reform. Freiheitsparteichef Roland Borer fordert: «Übung abbrechen!» […] Liebe Leserinnen und Leser, uns interessiert Ihre Meinung. Soll die Rechtschreibereform in der Schweiz gestoppt werden?

28. 2. 1997

> Güntner, Joachim: Nun streitet auch Bonn. Rechtschreibreform: Was bewegt die Gegner? Neue Zürcher Zeitung, 28. 2. 1997, 218. jg., nr. 49, s. 45

Es bringe Deutschland nicht voran, wenn das Wort «Schiffahrt» künftig mit drei statt zwei «f» geschrieben werde, hat Theo Waigel am traditionellen politischen Aschermittwoch seiner Partei in Passau erklärt.

> Zimmermann, Harald H: Memorandum zur Rechtschreibreform. Univ. des Saarlandes, informationswissenschaft, www.phil.uni-sb.de/FR/Infowiss/papers/rsreform.html, 28. 2. 1997

Adressaten: fraktionen des deutschen bundestages. Die Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) war und ist zuständig für derartige Regelungen. Niemand hatte dies jahrzehntelang bestritten. […] Ich denke, dass die meisten der "Sorgen" absolut unbegründet sind.

21. 2. 1997

Tippelbrüder. Die Wochenzeitung, 21. 2. 1997, 16. jg., nr. 8, s. 32, die letzte

Wenn «Facts» etwa ein ganzes Dossier mit «Steuertipps» statt «Steuertips» zum besten gibt, denken wir, dass uns das zwar vielleicht Steuern sparen hilft, nicht aber Lesezeit.

> Weinrich, Harald: Die Rechtschreibreform: Ein Vorschlag zur Güte. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. 2. 1997, S. 35, Feuilleton

Eine Rechtschreibreform ist nur dann sinnvoll, wenn sie ohne Gefährdung der Sprachkultur das geltende Regelwerk für die Rechtschreibung durch Toleranz und Deregulierung vereinfacht. Die folgenden fünf Vorschläge sollen diesem Zweck dienen und sind dazu bestimmt, eine von ihrer eigenen Kasuistik und Rabulistik verwirrte Rechtschreibreform überflüssig zu machen: 1. "Scharfes S" entschärfen. 2. Drei gleiche Konsonanten entzerren. 3. Nur eine einzige Kommaregel beachten. 4. Silbentrennung als unwichtig ansehen. 5. Grenzfalltoleranz üben.

2. 1997

Looser, Roman: Überblick über die Geschichte der Bemühungen um eine Rechtschreibreform in der Schweiz von 1901 bis 1996. 2. Teil: Von den siebziger Jahren bis 1996. Sprachspiegel, 2. 1997, 53. jg., nr. 1, s. 17—22

Mit Blick auf die vielen misslungenen und wenigen gelungenen Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung lässt sich festhalten [Gallmann/Sitta]: «Ein gesellschaftliches Normenwerk wie die Rechtschreibung lässt sich nicht eigentlich reformieren; man kann es pflegen, kann Wildwuchs beseitigen, aber nicht mehr.»

28. 1. 1997

sfd: Solidarität kostet etwas. Generalversammlung des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Neue Zürcher Zeitung, 28. 1. 1997, 218. jg., nr. 22, s. 43

Auf den Einzelantrag, Stellung zur Rechtschreibereform zu beziehen, wurde nicht eingetreten. «Wer Sprachveränderungen fürchtet, soll Latein schreiben», meinte ein Autor.

10. 1. 1997

Mrusek, Konrad: Auch mit der Gämse zufrieden. In der mehrsprachigen Schweiz ist eine Änderung der Schreibweise kein Sakrileg. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 1. 1997, S. 10, Politik/Zeitgeschehen

Für die meisten Eidgenossen ist das keine Sünde wider die Sprache, sondern eine Reform, die manche Spitzfindigkeit beseitigt und das Schreiben einfacher macht, etwa bei den Komma- und Trennungsregeln. Diese Unaufgeregtheit ist nicht allein Schweizer Pragmatismus zuzuschreiben. Ein mehrsprachiges Land muß beim Reden und Schreiben gelassener, wenn nicht gar toleranter sein. […] Nicht einmal die Kosten der Reform irritieren die Schweizer, die doch sonst als Rappenspalter bekannt sind.

9. 1. 1997

Steinfeld, Thomas: Orthographie wird Ansichtssache. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. 1. 1997, S. 1, Politik, Leitartikel

Es sieht so aus, als habe die politische Exekutive einen Fehler begangen, als sie die Rechtschreibung in ihre Regie nahm. […] Das Monopol des Duden sei nun gebrochen, frohlocken die Anhänger der Reform. Das sei gut, weil ein Privatunternehmen keine normgebende Instanz sein dürfe. Aber dieses Argument beruht auf einem Irrtum. Denn in den vergangenen Jahrzehnten war der Duden keine normgebende Instanz mehr. Vielmehr billigte er in gebührendem Abstand, was der Sprachgebrauch ihm vorgab, Vernünftiges wie Unvernünftiges. Allein die Reformer und ihre Kultusbürokratie glauben noch an die Norm. […] Die Reform versucht, etwas zu reparieren, was bestimmt nicht schlechter funktionierte als das, was an seine Stelle tritt. Der Erfolg dieser Reparatur besteht darin, daß die Rechtschreibung ihre Verbindlichkeit verliert. […] Viel spricht dafür, daß die Reform sich nie durchsetzen wird.

Die "politische Exekutive" hat die rechtschreibung nicht "in ihre Regie" genommen, dort war und ist sie, weil der mensch die rechtschreibung in der schule und sonst nirgends lernt. Deshalb wird sich jede reform früher oder später durchsetzen, und deshalb ist es nicht ein "glaube" an die norm, sondern eine politische verantwortung.

1997

Denk, Friedrich (hrsg.): WIR gegen die Rechtschreibreform: Beitr. v. Günter Grass, Siegfried Lenz u. a. Econ, 1997. 240 s. m. 20 sw-abb., 21,5 cm, kartoniert. 29.80 DM. Erscheint nicht laut verlag.


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Rolf Landolt