Aus der presse (bis juli 1998)
Nachgeführt 8. 7. 2000
31. 7. 1998
Inderbitzin, Stefan: Alles wird neu - doch kaum einer wird's merken. Neue Luzerner Zeitung, 31. 7. 1998, seite 3
Ab Samstag gilt die neue Rechtschreibung - doch kaum einer wird dies bemerken: Denn am 1. August erscheinen keine Zeitungen, und auch am Montag werden die allermeisten Schweizer Titel noch in der herkömmlichen Schreibweise erscheinen. Die Umstellung braucht Zeit - nicht nur bei den Medien.
Widmer, Irene: Wer schreibt wie bisher, der macht weniger Fehler. Urner Wochenblatt, 31. 7. 1998, seite 5
Das Institut für deutsche Sprache in Mannheim schätzt, dass 60 Prozent der Bevölkerung bisher «nicht richtig schreiben» konnten. [. . .] Wer schreibt wie bisher, sagen Experten, macht nach neuen Regeln weniger Fehler als nach den alten, da vieles, was logisch ist, neu auch richtig ist. Dennoch lehnen laut einer «Polis»-Umfrage 84 Prozent der Deutschen die Rechtschreibreform ab. Dabei wissen 42 Prozent nicht einmal, was sie beinhaltet. [. . .] In der Schweiz waren und sind Proteste selten.
29. 7. 1998
Platen, Heide: Buchhandel ruft Kohl und Naumann gegen EU zu Hilfe. die tageszeitung, 29. 7. 1998, nr. 5594, seite 6, Inland
Zu den Auswirkungenden des Streits um die Rechtschreibreform wollte er [Hubertus Schenkel,

Börsenvereins des Deutschen Buchhandels]
"am liebsten gar nichts sagen". Die Verlage würden "nur sehr langsam" umstellen und die Klassiker ganz verschonen wollen: "Es gilt das Primat der Autoren."
Go.: Schleppendes Geschäft mit dem gedruckten Wort; Zahl der Buchhandlungen steigt — Titelflut. Die Welt, 29. 7. 1998, Wirtschaft
Belastet hat natürlich auch die Diskussion um die Rechtschreibreform, die Verleger wie Konsumenten gleichermaßen verunsicherte.
28. 7. 1998
Wiget, Carl J.:
Richtig schreiben in 7 Lektionen.
Brückenbauer, 28. 7. 1998, nr. 31, s. 5—7, Zeitspiegel
Ab 1. August gelten amtlich andere Rechtschreibregeln. Der "Brückenbauer" zeigt Ihnen das neue Schreiben in sieben Schritten.
Schreibreform: Autoren fordern erneut Verzicht; dreissig Schriftsteller fordern die Politiker auf, die Schreibreform zu stoppen. Die Presse, 28. 7. 1998, Kultur & Medien
Die Unterzeichner — darunter Günter Grass, Walter Jens, Siegfried Lenz, Martin Walser, Ilse Aichinger und Hans Magnus Enzensberger — begründen den Protest mit Mängeln im neuen Regelwerk.
Guratzsch, Dankwart:
Triftige Mängelrüge.
Die Welt, 28. 7. 1998, nr. 173, s. 4, Forum
Die Hoffnung der Kultusbürokratie, die Diskussion über die verpfuschte Rechtschreibreform nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts abwürgen zu können, hat getrogen. Erneut haben sich 30 Autoren an Politiker und Verleger gewandt und gefordert, das Projekt zu stoppen. [. . .] Die "Rechtschreibung" ist de facto abgeschafft, weil die Einheitlichkeit der Schriftsprache aufgegeben wurde.
25. 7. 1998
Mack, Peter M.; Sanhüter, Ludwig: "Schärfer gegen neue Formen der Kriminalität"; FDP-Fraktionschef Hermann Otto Solms zur Rechtspolitik. Mainpost, 25. 7. 1998, Meinung
Solms: Wir waren immer gegen eine von oben verordnete Rechtschreibreform. Die gleitende Anpassung an neue Schreib-Gewohnheiten durch den Duden-Verlag war doch praktikabel. Wir haben im Bundestag einen Entschließungsantrag eingebracht, in dem wir die Bundesregierung auffordern, zu prüfen, ob die Rechtschreibreform in die Amtssprache des Bundes eingeführt werden muß. Wir sind der Meinung, das sollte nicht geschehen. Wenn wir das verhindern können, wird die Rechtschreibreform gescheitert sein, weil dann die Einheitlichkeit der Schriftsprache nicht mehr gegeben wäre.
24. 7. 1998
Garbe, Burckhard: Deutsche Seele liebt eindeutige Regelung. Betr.: "Angst vor Fehlern", taz vom 14. 7. 98, "Staat darf Sprache regeln", "Der Posse letzter Akt", taz vom 15. 7. 98. die tageszeitung, 24. 7. 1998, nr. 5590, seite 14, LeserInnenbriefe
Mit der BVerfG-entscheidung vom dienstag wird also die "reform" der deutschen rechtschreibung kommen, für mich ein "reförmchen".
22. 7. 1998
afs: Gerhard Schröders Minister in spe eckt tüchtig an. Der Standard, 22. 7. 1998, seite 12, Kultur
Seinem Ruf, ein Mann der klaren Worte zu sein, wurde
Michael Naumann bei seiner ersten öffentlichen Präsentation gerecht. Der Ex-Chef des Rowohlt-Verlags, von SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder als Staatsminister für Kultur nominiert, machte aus seiner Ablehnung der Rechtschreibreform kein Hehl. Der Entscheidungsprozeß, der zur Reform geführt habe, sei ein "Beispiel für Ermüdungserscheinungen der Kulturpolitik". Er sei bisher davon ausgegangen, daß Änderungen in der Sprache von den Bürgern bestimmt werden.
(Bahnsen, Uwe; Goos, Diethart:) "Die Entscheidungsprozesse müssen zügiger werden." Kiels Ministerpräsidentin Heide Simonis im WELT-Interview über Probleme und Positives bei der Zusammenarbeit mit Hamburg. Die Welt, 22. 7. 1998, Weltstadt Hamburg
Simonis: [. . .] Die Rechtschreibreform ist kein isoliertes norddeutsches Thema, sondern ein gemeinsames Projekt aller Kultusminister, und ich hoffe sehr, daß der Volksentscheid vom 27. September Schleswig-Holstein eben nicht zu einer ,Insel der Rechtschreibung' werden läßt. Gesetzgeberische Maßnahmen gegen ein so zustande gekommenes Gesetz behält sich die Landesregierung vor.
20. 7. 1998
gei:
Gegenreformation.
Stuttgarter Zeitung, 20. 7. 1998, Die dritte Seite (kommentar)
Was kann die Bürgerfreiheit im Deutschland kurz vor der Jahrtausendwende wirklich ernsthaft gefährden? Das Millionenheer der Arbeitslosen? Der große Lauschangriff oder der genetische Fingerabdruck? Was ist all das gegen das Ungeheuer der Rechtschreibreform!
dpa:
Rupert Scholz hofft auf "Gegenreformation". Gegner der Rechtschreibreform geben nicht auf Simonis: Neues Gesetz kann Volksentscheid korrigieren.
Stuttgarter Zeitung, 20. 7. 1998, Politik
Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Rupert Scholz, sagte der "Welt am Sonntag" mit Blick auf einen geplanten Volksentscheid: "Wenn in Schleswig-Holstein erstmals der Bürger das Sagen hat, wie er denn schreiben möchte, bedeutet dies nichts Geringeres als den Beginn einer sprachlichen Gegenreformation, und zwar demokratisch legitimiert."
18. 7. 1998
Geldner, Andreas:
Porträt der Woche. Das Dreierles-S.
Stuttgarter Zeitung, 18. 7. 1998, Politik
Ohne den Streit um das ß verlöre der verbissene Kampf um die Rechtschreibreform ganz sicher einiges von seinem Schwung. Die neuen Bestimmungen um den Gebrauch von ß und ss sind buchstäblich der einzige Teil der neuen Regeln, der Texte schon auf den ersten Blick verändert. [. . .] Wie fest wir in unserem Land zum ß stehen, fällt schon beim Blick auf die schriftlichen Zeugnisse unserer Schweizer Nachbarn auf. [. . .] Schon 1938 haben die Schweizer diesen Buchstaben amtlich ausgerottet und das wohl nur, weil sie auch die Schreibmaschinen aus dem französischsprachigen Landesteil benutzen wollten. Das haben sich nicht einmal die Rechtschreibreformer getraut.
17. 7. 1998
Höver, Peter: Das Interview mit Ministerpräsidentin Heide Simonis. Kieler Nachrichten, 17. 7. 1998, Schleswig-Holstein
Heide Simonis: [. . .] Natürlich hätten Regierung und Parlament ein Votum gegen die Reform zunächst zu akzeptieren. Allerdings sollten die Initiatoren des Volksentscheids wirklich noch einmal in sich gehen und nachdenken, ob sie ernsthaft eine sprachliche Insellösung für Schleswig-Holstein im Sinn haben.
zz.: Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung; eine Stellungnahme der «Neuen Zürcher Zeitung». Neue Zürcher Zeitung, 17. 7. 1998, S. 11, Inland
Die NZZ ist der Meinung, dass in der viersprachigen Schweiz die Wortformen beispielsweise der italienischen oder der französischen Sprache ein besonderes Gewicht haben. Statt Schofför schreiben wir auch künftig Chauffeur und trotz der deutschen Endung auch chauffieren.
Chauffeur bleibt (zu unserem bedauern) unverändert.
Schreibreform: Hohe Kosten für die Wirtschaft. Die Presse, 17. 7. 1998, Kultur & Medien
Der Verband für interne Kommunikation, in dem 250 der größten österreichischen Betriebe versammelt sind, warnt vor den Kosten, die durch die Rechtschreibreform auf die heimische Wirtschaft zukommen.
16. 7. 1998
Unterberger, Andreas: Die Rechtschreibreform kommt: Eine teure Sinnlosigkeit in elf Punkten; Zwischenbilanz einer öffentlichen Kontroverse: Was am meisten an der verordneten Schreibreform stört. Die Presse, 16. 7. 1998, Kultur & Medien
Die obersten Verfassungshüter Deutschlands wie Österreichs haben entschieden: Rechtschreibfragen sind keine Angelegenheit, die auf Verfassungsebene zu klären ist. [. . .] Die Defizite der Rechtschreibreform liegen auf anderer Ebene: auf politischer, sprachlicher, pädagogischer, ökonomischer. [. . .] Die zentrale Kritik richtet sich gegen die Überflüssigkeit der Reform. Bisher konnte dafür kein auch nur annähernd zwingender Grund genannt werden. [. . .] Das wichtigste Argument aber, weshalb der Protest gegen die Rechtschreibreform auf Dauer Sinn hat: Sie ist zum Symbol für die österreichische (und deutsche) Hauptkrankheit geworden, nämlich für eine krankhafte Überregulierung. [. . .] Aus diesem Grund ist jeder Tag, an dem der Bürgerprotest gegen bürokratischen Übermut und der Boykott fast aller wichtigen Schriftsteller und Verlage andauern, selbst dann ein Gewinn, wenn die (durch die Proteste zum Glück ja auf ein Minimum abgemagerte) Rechtschreibreform sich im Lauf der Zeit doch durchsetzen sollte. Denn der Protest wird abschreckende Wirkung auf die Politiker haben: Sie werden künftig deutlich länger nachdenken, bevor sie sich von ihren Beamten verleiten lassen, sich mit überflüssigem Herumreformieren erneut die Finger zu verbrennen.
15. 7. 1998
Haider, Hans: Die Schreibreform bleibt unnötig. Die Presse, 15. 7. 1998, Kommentare
Hübsch formalistisch haben Deutschlands oberste Verfassungshüter den Kultusministern der deutschen Länder zugebilligt, daß sie per Federstrich [. . .] die Schreibregeln der deutschen Sprache ändern dürfen. [. . .] Ein Blick zurück in die Schreckensgeschichte unseres Jahrhunderts — und gerade in die deutsche — lehrt: Verwaltungsinstanzen sind weder vor Unsinn noch vor Inhumanität gefeit. [. . .] Die Rechtschreibreform ist keine Reform, sondern ein ziemlich unnötiges Reformerl — und ein Pflanz für alle jene, die mit (linkem) emanzipatorischem Pathos in den siebziger Jahren Schreibregeln erkämpfen wollten, mit denen möglichst viele Menschen sich sicher fühlen vor Blamage (und einem schlechten Eindruck bei Bewerbungen).
Schreibreform: Deutsche Richter sagten ja. Die Presse, 15. 7. 1998, Kultur & Medien
Reaktionen zum Schreib-Urteil [. . .] Unterrichtsministerin
Gehrer meinte, nun sei "endgültig klargestellt, daß man für eine Rechtschreibreform kein Gesetz braucht". In der Schule habe man sich künftig an die neue Schreibung zu halten. Ob der einzelne Bürger die neuen Regeln beherzige, bleibe ihm überlassen: "Ich kann ja niemanden bestrafen, der falsch schreibt". [. . .] Guido Westerwelle, FDP-Generalsekretär: "Die Rechtschreibung ist verfassungsgemäß - bleibt aber überflüssig. Eine Kultusministerkonferenz, die die Frage, ob man Schiffahrt mit zwei oder drei ,f' schreibt, wichtiger findet als die Verkürzung der Ausbildungszeiten, müßte zugunsten von mehr Autonomie der Bildungseinrichtungen entmachtet werden".
Donath, Claus:
Karlsruhe billigt Rechtschreibreform. Bundesverfassungsgericht sieht Elternrechte nicht verletzt — Gegner hoffen auf Volksentscheid.
Stuttgarter Zeitung, 15. 7. 1998, s. 1
Der Weilheimer Studienrat
Friedrich Denk, der den Widerstand gegen die neuen Regeln hauptsächlich organisiert hatte, erwartet, daß die Bevölkerung sich den neuen Schreibweisen nicht unterwerfen wird. Der Kieler Sprecher der Reformgegner,
Wolfgang Deppert, bezeichnete das Urteil als eine "demokratische Katastrophe".
Geldner, Andreas:
Freibrief der Verfassungsrichter.
Stuttgarter Zeitung, 15. 7. 1998
Nein, das war er leider nicht, der endgültige juristische Schlußstrich unter den jahrelangen Streit um die Rechtschreibreform. [. . .] Bemerkenswerter als die Frage, wie denn die eine oder andere Schreibregelung zu bewerten sei, ist freilich das Schlaglicht, das der Streit um Buchstaben auf die politische Kultur in unserem Lande geworfen hat. Er hat die deutsche Unfähigkeit zum Dialog jenseits der Gerichtssäle auf deprimierende Weise offenbart. Das liegt vor allem am Kreuzrittertum der Reformgegner, aber auch an der Trotzigkeit der Kultusminister.
Toeppen, Hans:
Der Kulturkampf fällt aus.
Der Tagesspiegel, 15. 7. 1998, 54. jg., nr. 16396, s. 1
Vermuten läßt sich lediglich, daß die wirklichen Probleme dieser Gesellschaft zu komplex sind, um noch wahren Streit auszulösen, weshalb wir uns gerne mit volkstümlichen Schaumwogen bescheiden bei Themen, bei denen jeder mitreden kann.
Guratzsch, Dankwart: Das Urteil. Die Welt, 15. 7. 1998, kommentar
Das Bundesverfassungsgericht hat die Einführung der Rechtschreibreform für Rechtens erklärt. [. . .] Damit ist genau das eingetreten, was nach allen Beteuerungen der Politiker vermieden werden sollte: Die Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache ist nur noch eine Fiktion. Das letzte Wort werden hierzu die Schleswig-Holsteiner sprechen.
Kahl, Reinhard: Der Posse letzter Akt. Rechtschreibreform: Kiel will den Volksentscheid verhindern. die tageszeitung, 15. 7. 1998, nr. 5582, seite 10, Meinung und Diskussion, Kommentar
Der völlig unbeabsichtigte, aber um so wirksamere Effekt des deutschen Rechtschreibkrieges war allerdings die befreiende Entdeckung des "tertium datur". Wenn man ein Wort so und anders schreiben darf, vielleicht gibt es dann auch eine dritte, meine eigene Möglichkeit - immer vorausgesetzt, daß der Text lesbar bleibt.
Die kleinschreibung der substantive!
SDA/DPA/BaZ:
Rechtschreibreform nun rechtsgültig.
Basler Zeitung, 15. 7. 1998
Mit dem Urteil der Karlsruher Richter kann die umstrittene Rechtschreibreform definitiv am 1. August eingeführt werden.
Ebel, Martin:
Rechtschreibreform: Mit höchstrichterlicher Hilfe am Ziel.
Basler Zeitung, 15. 7. 1998
Sie darf nun in deutschen Schulen gelehrt werden, die umstrittene Schreibreform. Das hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschieden. [. . .] In der Schweiz hat die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren den deutschen Richterspruch «mit Dankbarkeit» zur Kenntnis genommen. [. . .] Einheitliche Schreibung müsse zwar sein — aber dies bedeute «nicht notwendig Übereinstimmung in allen Einzelheiten». Die Reform als quantité négligeable? Das ist nach dem erbitterten Streit dann doch eine Überraschung.
Wamister, Christof: Das nächste «Bundesbüchlein» bereits mit neuer Orthografie. Basler Zeitung, 15. 7. 1998
Die Rechtschreibreform wirft in der Schweiz keine so hohen Wellen wie in Deutschland. [. . .] Die Bundesverwaltung hat, gestützt auf die zwischenstaatliche Erklärung und abgestimmt auf die Schulen, den 1. August dieses Jahres zum Stichtag bestimmt.
Müller, Hans-Joachim:
Fast ein Kulturkampf.
Basler Zeitung, 15. 7. 1998. Tageskommentar
Man kann das Karlsruher Urteil vernünftig nennen und braucht doch den Gegnern den Respekt nicht zu versagen, den sie verdienen. [. . .] Sprache ist ein Schutzgut, aber kein unantastbares Grundrecht. Im Schutzgut Sprache ist auch ihre Wandlungsfähigkeit geschützt und muss auch ihre Wandlungsmöglichkeit geschützt sein.
14. 7. 1998
Herbermann, Jan:
Nur die Autofans widersetzen sich der Veränderung. In der Schweiz bleibt die Zahl der Gegner einer Rechtschreibreform gering.
Stuttgarter Zeitung, 14. 7. 1998, Politik
Der einzige juristische Protest gegen die Rechtschreibreform kam von der Schweizer Autopartei. [. . .] Warum reagieren die Schweizer so gelassen auf die Reform? "Die neue Schreibweise fällt bei uns optisch so gut wie nicht auf", betont Gallmann, Sprachwissenschaftler an der Universität Zürich. Er verweist darauf, daß die deutschsprachigen Eidgenossen das ß nicht kennen.
Kahl, Reinhard: Angst vor Fehlern. die tageszeitung, 14. 7. 1998, nr. 5581, seite 15, kultur
Heute entscheidet das Bundesverfassungsgericht über die Rechtschreibreform. Über Rechthaber, Eindeutigkeit, Kontingenz und die abhanden gekommenen Kläger - zum Subtext einer deutschen Debatte. [. . .] Tatsächlich geht es im deutschen Rechtschreibkrieg gar nicht nur um Orthographie. Es geht ums Aufbrechen mentaler Orthodoxie. An die Stelle von striktem richtig oder falsch tritt das Wörtchen "und". In einem Aufsatz mit dem merkwürdigen Titel "Und" fragte bereits der abstrakte Maler Wassily Kandinsky nach dem Wort, das das 20. Jahrhundert vom 19. Jahrhundert unterscheidet. Es sei das Wort "und", das an die Stelle der zweiwertigen Logik von "ja - nein" und der Moral "ich oder du" tritt. Wie wir wissen, hat das 20. Jahrhundert das Entweder-oder-Denken noch einmal blutig radikalisiert. Vielleicht gelingt es ja nun im Übergang zum 21. Jahrhundert, dem "und" die Ehre zu verschaffen?
9. 7. 1998
Guratzsch, Dankwart: Dem Volk aufs Maul. Die Welt, 9. 7. 1998, leitartikel
Wenn die in der Öffentlichkeit kursierenden Aussagen des Bundesverfassungsgerichtes zur Rechtschreibreform richtig wiedergegeben sind, dann droht der deutschen Sprachgemeinschaft ein richterlich sanktionierter Bruch mit 1000 Jahren Kulturgeschichte. [. . .] Mit Reformen verbindet man gemeinhin den Fortschritt zu Höherem, zu einem Entwicklungsschritt. Die kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die — isoliert von ihrer gesamten Fachzunft — eine neue deutsche Schriftsprache einführen will, bezweckt genau das Gegenteil: Simplifizierung. [. . .] Die überwiegende Zahl "neuer" Regeln ist nahezu wörtlich aus einem Elaborat übernommen, mit dem schon einmal eine deutsche Obrigkeit das Sprachvolk gegen Sprachgebrauch und Sitte disziplinieren wollte: dem "Erlaß" des nationalsozialistisches Reichsministers Rust von 1944.
8. 7. 1998
Stephan, Rainer: Der Prellbock heißt Karlsruhe. Lübecker Nachrichten, 8. 7. 1998
Verwirrung total in Sachen Rechtschreibreform: Da wird eine Verfassungsbeschwerde zurückgezogen, das Gericht urteilt aber trotzdem, der Kieler Landtag spricht sich für einen Volksentscheid im September aus, will aber das Urteil abwarten. [. . .] Gesetzt den Fall, die Nordlichter entscheiden im September, daß auch künftig in den Schulen nach der bisherigen Rechtschreibung unterrichtet wird, dann bliebe der "Delfin" im Norden ein "Delphin" und hätte tatsächlich plötzlich ein letztes Reservat zum Überleben. Einen orthographischen Nationalpark sozusagen.
Mönter, Ansgar: Kommentar: Falscher Protest. OWL-Online, Politik-News von der Neuen Westfälischen, 8. 7. 1998
Dass so ein schnöder Gegenstand wie die Orthografie überhaupt die Gemüter erhitzen konnte, ist schon verwunderlich. [. . .] Über die komplizierte deutsche Schreibweise wurde schon immer geklagt. Es wird wohl nie eine Orthografie geben, der alle zustimmen. Auch die ab 1. August gültige Reform hat ein Manko: Sie geht nicht weit genug.
Guratzsch, Dankwart: Jetzt spricht das Volk. Die Welt, 8. 7. 1998, kommentar
Nicht die Bundesrichter, sondern die Schleswig-Holsteiner werden — stellvertretend für die Bevölkerung in allen anderen Bundesländern — über das künftige Schriftdeutsch zu befinden haben. Sie brauchen dafür nur das, was vielen Amtsträgern abhanden gekommen ist: gesunden Menschenverstand.
6. 7. 1998
Malhotra-Fuchs, Sylvia: Die neue Rechtschreibung als Problem. Basler Zeitung, 6. 7. 1998, Forum-Spiegel
Leserbrief zu Karl Bolli: «Nicht alle können rechnen und schreiben», «Forum» Nr. 144. Die neue Art zu schreiben, sei halt wesentlich einfacher, sagt man mir. Kann mir bitte einmal jemand plausibel erklären, weshalb alles den Weg des geringsten Widerstandes gehen und warum für die «lieben Kleinen» alles simplifiziert werden muss?
Wir können es plausibel erklären: "Die neue Art zu schreiben[kein komma] sei halt wesentlich einfacher". Oder allenfalls als einschub "Die neue Art[,] zu schreiben, sei halt wesentlich einfacher".
7. 1998
Ha/Sth/Wa: Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache. Der Sprachdienst, Juli—August 1998, jg. 42, heft 4, s. 157—162
Mit dem Beitrag »Die Rechtschreibreform in der öffentlichen Meinung« von Prof. Dr. Werner Eroms aus Passau begann der dritte und letzte Veranstaltungstag. [. . .] Bei den Sprecherinnen und Sprechern beobachtete Eroms eine linguistische Bewertung der Reform in der Weise, daß die Regelung der Schreibung als eine der Sprache empfunden werde, was sie aber keinesfalls sei.
26. 6. 1998
Kunert, Günter: Zum Nutzen der Bürokratie, zum Wohle des Selbstbewußtseins; am Ende geht es doch nur um Macht — Plädoyer gegen einen Bundeskulturbeauftragten. Die Welt, 25. 6. 1998, Kultur
Mir scheint, die wachsende Neigung, einen Kunstobmann zu installieren, basiert auf der tiefinnerlichen deutschen Sehnsucht, alles und jedes zu regulieren, zu ordnen und zu verwalten. Bisher konnten nur die bundesländlichen Kultusminister in die Kultur hineinpfuschen und sich lächerlich machen: Siehe "Rechtschreibreform". Gemeinsam gebaren die Herren und Damen einen teuren, allzuteuren Homunculus, der wenig lebensfähig ist. Solche Pleite kann man natürlich auch in anderen, übergreifenden Bereichen anzetteln.
24. 6. 1998
Bolli, Karl: Nicht alle können rechnen und schreiben. Basler Zeitung, 24. 6. 1998, s. 55, Forum, Der Forum-Gast
Mit dieser Neuen Rechtschreibung haben noch viele Leute, die die Sprache und die Rechtschreibung in ihrem Beruf anwenden müssen, Schwierigkeiten. [. . .] Auch hier will die Schule für Erwachsene einen Beitrag leisten und bietet ab August 1998 einen entsprechenden Kurs in der Neuen Rechtschreibung an.
4. 6. 1998
Kahl, Reinhard: Sieg für Göte. Schleswig-Holstein: Das Volk entscheidet über die Rechtschreibung. die tageszeitung, 4. 6. 1998, nr. 5547, seite 1, Kommentar
Aber wie immer der Volksentscheid nun ausgehen wird, das enge Orthographie-Korsett ist aufgeschnürt. Bei diesem Zivilisationsgewinn wird es bleiben. 30 Gerichte wurden bemüht, und siehe, alle entscheiden etwas anders. So hat der Streit der Rechtschreiber, Rechthaber und Rechtsprecher etwas nicht Beabsichtigtes bewirkt: Der Heiligenschein der einen Rechtschreibung ist dahin. Vor 100 Jahren verlangten Lehrer und Drucker nach eindeutiger Schreibweise und bekamen sie. Jetzt löst sich diese Eindeutigkeit wieder auf. Das Jahrhundert der Disziplin, der Stechuhr und des Rotstifts läuft aus.
Dittmar, Peter: Am Katzentisch der Typographie; das "ß" und seine wechselvolle Geschichte. Die Welt, 4. 6. 1998, Kultur
30. 5. 1998
Clewing, Ulrich: "Jeder stiftet, was er kann." die tageszeitung, 30. 5. 1998, nr. 5544, seite 15, Kultur, Interview
Brauchen wir ein Bundeskulturministerium? Gespräch mit der Grünen-Politikerin Antje Vollmer über Kultur und Föderalismus nach 1989, europäische Interessenvertretung und das Menschenrecht auf Stiftungsgründung. [. . .] Antje Vollmer: Wenn man mal schaut, wo die großen, bundesweiten Debatten stattgefunden haben, dann ging es in den meisten Fällen um kulturelle Fragen, die nicht in Länderkompetenz liegen. Ob das nun die Gestaltung der Neuen Wache war, die Rechtschreibreform, das Holocaust-Mahnmal, oder, am Anfang der Ära Kohl, das Haus der Geschichte. In diesem Entscheidungsvakuum hat sich am Ende immer der Kanzler mit einem kulturpolitischen Machtwort durchgesetzt. Und das ist das Problem: Wenn eine neue Aufgabe entsteht, greift irgend jemand zu. Das ist nicht gerade das Niveau, auf dem sich die kulturpolitische Diskussion bewegen sollte.
26. 5. 1998
Kommenda, Benedikt: Schreibreform vor VfGH: Beschwerden aussichtslos. Die Presse, 26. 5. 1998, Kultur & Medien
Im Juni wird sich der Verfassungsgerichtshof mit vier Beschwerden gegen die neue Rechtschreibung befassen. Sie dürften aus formalen Gründen scheitern. [. . .] Die vier VfGH-Anträge eines Geschwisterpaars aus Zell am See, einer Wiener Gymnasiastin, einer oberösterreichischen Volksschülerin und eines Beamten, der als Pensionist Nachhilfeunterricht erteilt, argumentieren so: Die Reform hätte wegen des Legalitätsprinzips einer gesetzlichen Grundlage bedurft, und sie verstoße gegen Artikel 8 der Bundes-Verfassung, der die deutsche Sprache als Staatssprache festlegt — und zwar in der bestehenden, sich nur durch den ständigen Gebrauch wandelnden Form.
21. 5. 1998
(AP:) "Helmut, du bist prima, nur zu fett." Wenn Kinder sich an den Kanzler wenden, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Kieler Nachrichten, 21. 5. 1998
Das Gros der Briefeschreiber (57 Prozent) ist gegen die Rechtschreibreform. Einer von ihnen meint: "Du mußt sofort die Rechtschreibreform stoppen, sonst streiken wir Schüler und schreiben grundsätzlich, wie es uns gerade einfällt. Zum Beispiel: Liper dikker Kannstler Koool. Du müssteßt direckt ferhienderen, daßß wier fallch schreipen."
14. 5. 1998
Ebel, Martin: Kindsmissbrauch? Verfassungsgericht & Rechtschreibreform. Basler Zeitung, 14. 5. 1998, s. 45, Feuilleton
Man kann mit guten Gründen der Meinung sein, es sei grober Unfug, das höchste deutsche Gericht überhaupt mit der Frage zu befassen, ob sitzenbleiben künftig immer auseinander geschrieben werden und bei den Kommaregeln etwas freier verfahren werden dürfe. [. . .] Ein Rechtschreibtest bei erwachsenen Deutschen kam zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte nur die Noten «mangelhaft» oder «ungenügend» verdienten. [. . .] Ein unübersichtlich gewordenes Regelwerk vorsichtig zu beschneiden mag auch aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht ganz ungerechtfertigt sein. Und der Rechtsberater der Bundesregierung präsentierte den Richtern gar noch einen Grundrechtsparagraphen, auf den sich der staatliche Eingriff berufen darf. Es ist Artikel 7,1: «Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.»
13. 5. 1998
jwn:
Ein Recht aufs "ß"?
Stuttgarter Zeitung, 13. 5. 1998, Die dritte Seite (kommentar)
Eine seriöse, sprich: sachliche Debatte hat im Grunde nie stattgefunden, obwohl manche Ungereimtheit der Reformvorschläge sie durchaus erlaubt hätte. Aber Voraussetzung solcher Sachlichkeit wäre die Einsicht, daß Orthografie und Interpunktion nichts anderes sind als eine künstliche Übereinkunft. Wie man die Sprache aufschreibt, hat mit ihr selbst im Grunde nichts zu tun.
Rath, Christian: Schlagabtausch um die Rechtschreibung. die tageszeitung, 13. 5. 1998, nr. 5530, seite 7, Inland
Das Bundesverfassungsgericht verhandelte gestern über die Klage eines Ehepaares gegen die neuen Schreibregeln. [. . .] Thomas Elsner und Gunda Diercks-Elsner wollen verhindern, daß ihre beiden 9jährigen Söhne, die Zwillinge Hinrich und Christoph, nach den neuen Rechtschreibregeln unterrichtet werden. [. . .] Juristisch wird vor allem mit dem Elternrecht argumentiert. Kritisiert wird, daß Eltern ihre Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache "nicht mehr begleiten" könnten. "Schon der Zwang, ständig im Wörterbuch nachsehen zu müssen, ob sich etwas geändert hat, ist unzumutbar", so Anwalt Schüller. Im Grundsatz lehnen die Kläger eine staatliche Sprachkompetenz rundweg ab. "Der Staat darf Geldmünzen prägen, aber nicht die Schreibweise eines Volkes", postulierte Professor
Gröschner. Zumindest aber hätte die Neuerung nur per Gesetz eingeführt werden dürfen und nicht - wie in allen Bundesländern geschehen - als Verwaltungsvorschrift. [. . .] Gleich zu Beginn der Verhandlung wies Hans-Jürgen Papier, der neue Vorsitzende des Ersten Senats, darauf hin, das Gericht werde nicht in "linguistische oder gar sprachästhetische Fachstreitigkeiten" eingreifen, sondern sich vor allem auf Zuständigkeits- und Verfahrensfragen konzentrieren.
11. 5. 1998
Munske, Horst Haider: Kontrapunkte zur Rechtschreibreform. Die Welt, 11. 5. 1998, nr. 108, s. 4, Forum, Die andere Meinung
Der Kernpunkt der Kritik ist die Frage nach der Legitimation der Kultusbürokratie, die neuen Rechtschreibregeln kurzerhand auf dem Verordnungswege und insbesondere zwei Jahr vor dem vereinbarten Termin in den Schulen einzuführen.
6. 5. 1998
Färber, Detlef:
Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung.
Mitteldeutsche Zeitung, 6. 5. 1998. Abdruck: Der Sprachdienst, 9./10. 1998, 42. jg., nr. 5, s. 183f
Zu einem
vielbeachteten Vortrag
von

Klaus Heller am 4. 5. in Halle an der Saale.
30. 4. 1998
Ickler, Theodor:
Stellungnahme zu
Wolfgang Löwers Revisionsbegründung in der Verwaltungsstreitsache Holstein / Land Berlin (eingereicht beim Bundesverfassungsgericht am 30.4.1998).
www.rechtschreibreform.com/Seiten2/Wissenschaft/971IcklerLoewer.html
Indem Löwer marginale Erscheinungen, über die zum Teil verschiedene Meinungen möglich sind, in den Vordergrund stellt und die fundamentale Kritik an zentralen Entscheidungen der Reform kaum oder gar nicht erwähnt, gerät die Tatsache aus dem Blick, daß das neue Regelwerk in zentralen Bereichen fehlerhaft und widersprüchlich, seine praktische Umsetzung daher a limine ausgeschlossen ist. [. . .] Mit ihren willkürlichen Eingriffen zerstört die Reform die Grundlage der schriftsprachlichen Bildung.
8. 4. 1998
Eulau, Charles: Die obrigkeitliche Rechtschreibereform; ein Diskussionsbeitrag über Sprache und Demokratie. Neue Zürcher Zeitung, 8. 4. 1998, nr. 82, s. 17, Inland
(Vorspannn der redaktion:) Die Reform der deutschen Orthographie ist primär aus sprachlichen und praktischen Gründen umstritten. In Deutschland hat sich die Auseinandersetzung auf die rechtliche Frage verlagert, welches Organ für den Entscheid kompetent sei. Auf einer grundsätzlicheren Ebene zweifelt der Autor des folgenden Diskussionsbeitrags daran, dass es einem freiheitlichen Staat überhaupt zustehe, die Sprache zu verändern, statt deren Entwicklung nur nachzuvollziehen.
Es ist nicht Aufgabe von Erziehungsdirektoren, die Sprache unseres Volks durch Schulunterricht zu ändern.
Die neue Regelung ersetze «jene von 1902 und die anschliessenden Ergänzungsverordnungen», Regelungen also, die es in der Schweiz nicht gegeben hat.
Das muss wohl so verstanden werden, dass der duden in der Schweiz weniger verankert sei als in Deutschland. Das gegenteil ist der fall seit 1892! Siehe stellungnahme des BVR.
4. 4. 1998
Guratzsch, Dankwart: Professoren protestieren gegen Rechtschreibreform; an Hochschulen werden Unterschriften gesammelt. Die Welt, 4. 4. 1998, Deutschland
55 Linguistik-Professoren haben mit ihren Unterschriften ihren Protest gegen die "wissenschaftlich unhaltbare" Rechtschreibreform bekräftigt.
2. 4. 1998
Land der deutschen Rechtschreibzwerge. Die Presse, 2. 4. 1998, Kultur & Medien
Joachim Kaiser, deutscher Kulturkritiker, attackiert die deutschen Kultusminister wegen der Schreibreform. Ein "Kollektiv-Versagen sämtlicher Kultusminister gegenüber den Absurditäten, die sie — ohnehin wahrscheinlich nur halbüberzeugt — mit ihrer Rechtschreibreform geschaffen haben", konstatierte der deutsche Kulturkritiker Joachim Kaiser in der "Süddeutschen Zeitung" gestern, Mittwoch.
4. 1998
Nf.:
Neue Rechtschreibregeln: «Das Märchen von tausendundeiner Differenz».
Sprachspiegel, 4. 1998, 54. jg., nr. 2, s. 84, Aufgeschnappt
Unter diesem ironischen Titel überprüfen Kerstin Günthert und Klaus Heller vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim in einem Aufsatz in der Zeitschrift «Muttersprache» (4/97) den Hauptvorwurf der Gegner der neuen Rechtschreibung: deren Regeln seien unklar, und das habe bereits in den verschiedenen Wörterbüchern zu «Tausenden» von verschiedenen Auslegungen geführt. [. . .] Die Differenzen sind also weder so schwerwiegend noch so zahlreich wie die Gegner der Rechtschreibreform behaupten, und vor allem können sie zum grossen Teil überhaupt nicht der neuen Regelung angelastet werden.
Knobloch, Clemens: Zu Christoph Jäkels Beitrag über die Rechtschreibreform (Rechtstheorie 27/1996, S. 491—514). tribüne, 1998/2 (april 1998), s. 14—16
Daß die Medienschlacht um das Reformwerk mit allen Tricks der massendemokratischen Propaganda, mit harten Bandagen und durchwegs ohne Sachkenntnis geschlagen wird, war mir bewußt. Bestürzend und neu ist es dagegen, den Formeln und Motiven dieser unsachlichen Debatte im Gewande juristischer Expertise zu begegnen. [. . .] Die Kernthese der Autors, es handele sich um eine »Sprachreform«, nicht um eine »Rechtschreibreform«, ist völlig unhaltbar.
28. 3. 1998
Guratzsch, Dankwart: Schadensbegrenzung. Die Welt, 28. 3. 1998, s. 4, Forum
Der Bundestag hat sich in einem flaumweichen Beschluß von der Einführung der neuen Rechtschreibung bei den Bundesbehörden distanziert. [. . .] Die weiteren Entscheidungen liegen bei der Bundesregierung, beim Bundesverfassungsgericht und bei Volksentscheiden. Quälender kann ein Verfahrensgang nicht sein, an dessen Ende nur eins stehen kann: das Ende der Reform.
Haider, Hans: Bonn verweigert sich dem Schulbuch-Coup. Die Presse, 28. 3. 1998, Kommentare
Der deutsche Bundestag fällte am Donnerstag abend nach hitziger Debatte ein Votum zur Rechtschreibreform — und machte ahnen, wie eine Abstimmung im österreichischen Nationalrat enden könnte, wäre sie erst einmal zugelassen: Die Skepsis überwog, das neue Schreibdeutsch wird als Amtssprache nicht zugelassen.
König, Ewald: Chaotische Rechtschreibreform: Jetzt steigt Bonner Regierung aus. Die Presse, 28. 3. 1998, Kultur & Medien
Der Bundestag hält die "Wiener Erklärung" nicht für rechtsverbindlich. Die neuen Rechtschreibregeln sollen noch einmal gründlich überdacht werden.
25. 3. 1998
"Nehmen Schreibreform nicht klaglos hin." Die Presse, 25. 3. 1998, Kultur & Medien
50 Professoren für Sprach- und Literaturwissenschaft haben eine Erklärung gegen die Rechtschreibreform unterzeichnet.
19. 3. 1998
Walther, Rudolf: Wenn jeder Buchverkäufer «seinen» Preis macht. Basler Zeitung, 19. 3. 1998
Von der Darmstädter «
Akademie für Sprache und Dichtung» bis zum Schriftstellerverband scharte man sich hinter einem bayerischen
Gymnasiallehrer zusammen, der — vom Furor teutonicus besessen — zum Kreuzzug für das richtige Deutsch blies. Das richtige Deutsch ist jenes, das im wilhelminischen Geist um die Jahrhundertwende verordnet wurde. Ein Deutsch, das mit Monokel, weissen Handschuhen und gedrechseltem Schnauzbart daherkommt.
14. 2. 1998
Henkel, Imke: Ein- oder vielfältig? Die reaktionäre Kultusministerkonferenz wird 50 - sie ist älter als die Bundesrepublik Deutschland, reaktionärer als der Papst und gelegentlich das Objekt von Haßausbrüchen. die tageszeitung, 14. 2. 1998, nr. 5458, seite 20, Spezial
So richtig bekannt geworden ist die KMK jedoch erst im Herbst 1996: Damals bemerkten zunächst einige aus den Ferien zurückgekehrte Schriftsteller, daß am 1. Juli der Präsident der KMK sowie ein Vertreter des Bundesinnenministeriums gemeinsam mit den Abgesandten der deutschsprachigen Staaten eine Erklärung unterschrieben hatten, auf Grund derer sie die in den beiden vorausgehenden Jahren untereinander abgestimmte Rechtschreibreform umzusetzen gedachten.
13. 2. 1998
Unterberger, Andreas: Das Schreiben und das Lesen. Die Presse, 13. 2. 1998, Kommentare
Deutschlands Kultusminister sind einig. Sie beharren auf der von ihnen selbst dekretierten Rechtschreibreform. [. . .] Und daß Österreich da wie selbstverständlich mitmacht, ist auch keine große Sensation. Wenn sie nicht — wie die Schweiz in Sachen ß/ss — den Alleingang wagt, dann bleibt der Alpenrepublik meist nur das zu tun, was Deutschland vorgibt. Sei es bei der Währung, sei es bei der Rechtschreibung. [. . .] Immer mehr Akademien, Universitätsinstitute und Autoren haben, ähnlich wie "Die Presse", angekündigt, daß sie die neuen Regeln ignorieren werden. Nur die armen Volksschulkinder bekommen sie aufgezwungen. Und werden verwirrt, weil sie in der Schule andere Regeln lernen, als sie in der Gesellschaft praktiziert werden.
12. 2. 1998
Häberli, Hans Peter:
Schreib-Probleme, die es gar nicht gibt.
Züri-Woche, 12. 2. 1998, nr. 7, s. 15
Ob sie kommt oder nicht, ist ungewiss. Dennoch gibt die deutsche Rechtsschreibereform viel Diskussionsanlass: Manche Zürcher Unternehmen stellen sich ein auf sie, andere denken nicht daran. Überraschend allerdings: Ob von der Reform viel zu merken ist, darf bezweifelt werden. [. . .] Alex Neuenschwander, Chefkorrektor des Nachrichtenmagazins «Facts», ist überzeugt, dass der Grossteil der Leser «es gar nicht gemerkt habt, dass wir schon seit einem Jahr die neuen Rechtschreiberegeln anwenden». [. . .] Stephan Dové, der Chefkorrektor bei der «Neuen Zürcher Zeitung» hat einmal eine eng bedruckte Seite seines Blattes auf Änderungen gemäss den neuen Regeln hin untersucht, und nur gerade drei gefunden. «Es ändert sich fast nichts», lautet sein Fazit.
27. 1. 1998
Schwertberger, Gerald: Stoppt die Schreibreform: Es ist nicht zu spät. Die Presse, 27. 1. 1998, Kommentare, Gastkommentar
Die "Neuregelung" ist in sich unstimmig und wird nur zu neuer Verwirrung führen. Die sogenannte "Rechtschreibreform" kann als reichlich verspätete Folge der "68er"-Bewegung gesehen werden, die die Regeln der Rechtschreibung als Folter- und Beugeinstrumente einer autoritären Gesellschaft ausgemacht hatte.
26. 1. 1998
Zangerle, Heinz: Mogelei um ein Kinderthema? Der Standard, 26. 1. 1998, seite 21, Kommentar der anderen
Die Behauptung von der großen Erleichterung ist glatter Etikettenschwindel. Die neue Rechtschreibung ist im wesentlichen die alte. (. . .) Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, daß von den 12.000 Wörtern des schulischen Grundwortschatzes bescheidene 185 zwar geändert, aber noch längst nicht vereinfacht werden.
23. 1. 1998
Deutsche Schriftsteller für Sachlichkeit in Rechtschreib-Streit. dpa, 23. 1. 1998, 06:00 Uhr
Viele deutsche Schriftsteller hätten sich eine weitergehende Reform gewünscht, sagte Bittner, der Autor zahlreicher Abenteuerromane und Kinderbücher ist. So wäre beispielsweise die Einführung einer gemäßigten Kleinschreibung, wie im gesamten Ausland üblich, auch in Deutschland angebracht.
22. 1. 1998
de:
Zoff im Bermuda-Viereck der deutschen Sprache. Fällt das «Unwort des Jahres» in Ungnade?
Neue Zürcher Zeitung, 22. 1. 1998, Nr. 17, s. 20, Vermischte Meldungen
Wie man schon verschiedentlich hören konnte, sollen diese Wort- und Unwort-Ranglisten sehr populär sein. Wenn dem so ist, dann wird da ein krasser Gegensatz sichtbar zur Unpopularität der Rechtschreibereform, die längst im Morast kollektiver Egoismen und Eitelkeiten versunken ist. Aber wieso sollen Linguisten, Literaten und andere Liebhaber der Sprache weniger streitsüchtig sein als die Eltern der kleinen Abc-Schützen? Übrigens hält sich hartnäckig das Gerücht, für das Wort «Rechtschreibereform» seien bei der Frankfurter Jury mit Abstand am meisten Nennungen aus dem Publikum eingegangen. Wenn das stimmt, werden die Sprachhüter noch in arge Erklärungsnot kommen: Warum haben sie ausgerechnet den «Wohlstandsmüll» gewählt?
Schreiner, Christoph: Ganz wie es uns gefällt? Weshalb die Reparatur-Versuche an der Rechtschreib-Reform einem Offenbarungseid gleichen. Saarbrücker Zeitung, 22. 1. 1998, Themen des Tages
Fakt bleibt, daß die langweiligste Sache der Welt - die spröde Lehre von der rechten Orthographie - längst die Qualität eines Glaubensbekenntnisses gewonnen hat. [. . .] Eines ist jedenfalls sicher: Von der mit so viel Bandagen durchgeboxten Reform bleibt nach dieser Revision außer einigen Fingerzeigen wie der bekannten "ß"-Regelung ("ss" für "ß" nach kurzem Vokal) nicht allzu viel übrig.
20. 1. 1998
Munske, Horst Haider: Wenn Reformen zum Rohrkrepierer werden. Die Welt, 20. 1. 1998, Forum, Die andere Meinung
Nicht gefragt wurden die Träger deutscher Schriftkultur, die Journalisten und Schriftsteller, Wissenschaftler, Juristen, Verleger. Mit dem Trojanischen Pferd der Verordnung für die Schule soll ihnen eine Rechtschreibung aufgezwungen werden, nach der keiner verlangt hat und die die allermeisten ablehnen.
17. 1. 1998
König, Ewald: Nicht zu spät für Stopp der Reform. Die Presse, 17./18. 1. 1998, Kultur & Medien
Christian Meier, Präsident der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, fordert den Stopp der Rechtschreibreform: "Man mutet uns zu, evidente Dummheiten zu begehen." [. . .] Christian Meier: Wir finden uns nicht bereit, mit der Kommission fünf Stunden lang zu verhandeln, weil wir darin keinen Nutzen sehen. Die sind verrammelt und handlungsunfähig, weil sie so tun müssen, als ob alles beim alten bliebe.
15. 1. 1998
Spring, Roy R.: Jedem seinen Duden. Die Weltwoche, 15. 1. 1998, 65. jahrgang, nr. 3, s. 1
Mehr als zwanzig Jahre haben die Neuregler der Sprache verplempert, um ein paar Spitzfindigkeiten auszuhecken, auf die kein Mensch gewartet hat.
Güntner, Joachim:
Maximenhimmel und Regelwirklichkeit. Nachrichten vom Rechtschreibestreit.
Neue Zürcher Zeitung, 15. 1. 1998, Feuilleton
(neu 8. 7. 2000)
Dass die
Kommission keine der neuen Regeln vollständig zurücknimmt, sondern sie nur lockert mit der Tendenz, neben den neuen auch wieder alte Schreibungen («Varianten») zu erlauben, besiegelt nach dem Urteil der Reformgegner das Desaster. [. . .] Damit wir bei [. . .] frisch gebackenen Ehepaaren an Backöfen denken, muss mehr über uns hereinbrechen als eine Rechtschreibereform Mannheimer Zuschnitts.
14. 1. 1998
König Ewald: Deutsche Rechtschreibreform: Jetzt herrscht das totale Chaos. Die Presse, 14. 1. 1998, Kultur & Medien
Von der Regelungswut zur völligen Beliebigkeit: Die Rechtschreibkommission setzt sich dem Vorwurf groben Unfugs aus. Schüler, die bereits danach lernen, Lehrer, denen die Haare zu Berge stehen, Experten, die Ratschläge erteilen, Eltern, die klagen, Bürger, die Volksbegehren anstrengen, Kultusminister, die Kompromisse suchen, Richter, denen Entscheidungen abgenötigt werden, Verlage, die ein Desaster befürchten — die Verwirrung um die Rechtschreibreform könnte größer nicht sein. [. . .] Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht zur Verwirrung beigetragen wird. Der jüngste Coup war der Vorschlag der "Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung", wonach bei der geplanten Reform neben der neuen Schreibweise auch viele alte Varianten zugelassen werden sollen.
12. 1. 1998
Deutsche Akademie verweigert. Die Presse, 12. 1. 1998, Kultur & Medien
Die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wird an den Gesprächen, zu denen die Reformkommission lädt, nicht teilnehmen. "Da wir die Rechtschreibreform ablehnen, übrigens auch der Meinung sind, daß der Staat zu tieferen Eingriffen in die Rechtschreibung gar nicht legitimiert ist, kann man schlecht von uns erwarten, daß wir uns an etwas beteiligen, was zum Zweck hat, die geplante Schreibung annehmbarer zu machen". Christian Meier [. . .]
10. 1. 1998
sda:
Reform wird nicht reformiert.
Der Bund, 10. 1. 1998, 149. jg., nr. 7, s. 52
(neu 8. 7. 2000)
Dass nun in einigen Fällen parallel auch die alte Schreibweise gültig bleiben soll, bedeute keine Reform der Reform, sagte
Augst im «Deutschlandradio Berlin».
9. 1. 1998
ap: Neue Vorschläge "grober Unfug". Schreibreform: CDU- und SPD-Politikerinnen fordern Ablösung der Rechtschreibkommission. Saarbrücker Zeitung, 9. 1. 1998, Themen des Tages
Die kulturpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach, hat die sofortige Auflösung der Rechtschreibkommission gefordert. [. . .] "Grober Unfug ist eine harmlose Umschreibung dessen, was die Rechtschreibkommission angerichtet hat."