Nachgeführt 27. 7. 2010
Valeske, Martin: Eigens entwickelte Hausorthographie für Lutherbibel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 7. 1999, nr. 161, s. 15, Briefe an die Herausgeber
Was würde Martin Luther, der den Leuten aufs Maul zu schauen pflegte, wohl dazu sagen, wenn nun aus einem Meßersatz ein Messersatz (ein Satz Messer?) geworden ist? Es macht traurig, daß die Lutherbibel, eines der höchsten Kulturgüter und Glaubenszeugnisse unseres Landes, dafür herhalten muß, der Bevölkerung derart gräuliche und belämmerte Stussschreibungen einzubläuen.
Laut-Buchstaben-Zuordnung (1). Express-Serie, 1. Folge. Express Online, 15. 7. 1999, News
ß nach kurzem (betontem) Vokal wird durch ss ersetzt. […] Eine größere Zahl von Einzelwörtern wird dem sogenannten Stammprinzip angeglichen.
rtr/dpa: Erfolgreiches Jahr für den Klett-Verlag. Handelsblatt, 15. 7. 1999, Unternehmen und Märkte: Nachrichten
Die Bilanz der Ernst Klett AG, Stuttgart, wurde 1998 zum ersten Mal seit mehreren Jahren nicht mehr von der Rechtschreibreform belastet.
dpa: Elektronische Hilfe bei der neuen Rechtschreibung. Es gibt noch viele Tücken. Handelsblatt, 15. 7. 1999, Computer und Technik: Computer und Online
Computerbesitzer, die ihre Texte am PC erstellen, können sich jedoch bereits mit einer Reihe von Software-Produkten hilfreiche Unterstützung sichern. Zwar hat derzeit auch so mancher digitaler Helfer noch seine Schwierigkeiten mit dem neuen Regelwerk, doch das soll sich den Herstellern zufolge bald ändern.
Laures, Werner: Die neue Orthographie Saarbrücker Zeitung, 15. 7. 1999, Kulturleben
Weil unsere Rechtschreib-Serie auf großes Interesse stößt, wollen wir am 3. August noch einen Extra-Service bieten: Eine Beilage wird an diesem Tag noch einmal ausführlich alle Neuerungen zusammenfassen. Heute, im dritten Teil unserer Serie, geht es um die Schreibung von Fremdwörtern.
Riebe, Manfred:
Interessenkollision beim rechten Schreiben. Im Profil:
Rudolf Hoberg, Gesellschaft für deutsche Sprache; SZ vom 29. Juni (I).
Süddeutsche Zeitung, 15. 7. 1999, nr. 160, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Ziel der Rechtschreibreformer ist es, möglichst alle Schlüsselpositionen in den Sprachvereinen zu besetzen. So wurde Rudolf Hoberg neuer Vorsitzender der
Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS).
Salzburg, Sigmar:
Interessenkollision beim rechten Schreiben. Im Profil:
Rudolf Hoberg, Gesellschaft für deutsche Sprache; SZ vom 29. Juni (II).
Süddeutsche Zeitung, 15. 7. 1999, nr. 160, s. 10, Briefe an die Süddeutsche Zeitung
Das Vorhaben, einen Gegenentwurf zu den hereinflutenden Anglizismen zu liefern, wäre sicher erfolgversprechender, wenn nicht der größte Teil des nötigen Kraftaufwandes mit der nichtsnutzigen Rechtschreibreform vergeudet worden wäre. […] Wenn Rudolf Hoberg nun beobachtet, wie die Reform vom Sprachvolk angenommen wird, ähnelt er dem Biologen, der vor einem wassergefüllten Bombentrichter wartet, was für ein Leben sich darin ausbreitet.
Krupp, Kerstin: Ein-Mann-Verein darf zur Wahl nicht antreten. Von 31 Antragstellern verweigerte das Landeswahlamt vier Parteien die Zulassung für die Abgeordnetenhauswahl. Berliner Zeitung, 14. 7. 1999, Berlin
Auch Detlef Mahn von der "Berliner Partei für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege" (BPR) will vor Gericht gehen. "Kein gesellschaftstragendes Konzept", hatte das Landeswahlamt geurteilt. Der Besitzer eines Gartenbaubetriebes hält die Ablehnung durch den Wahlleiter für "ein fadenscheiniges Schreiben". Mahn, von 1992 bis 1995 Bezirksverordneter für die Republikaner in Friedrichshain, gründete die BPR, nachdem "meine Partei mich rausgeschmissen hatte". Wie bei den Republikanern klingen auch bei der BPR nationale Töne im Programm an, das als vorrangige Aufgabe die Reinhaltung der deutschen Sprache betrachtet.
neu Hofer, Torsten: Ein Sieg für alle. Berliner Zeitung, 14. 7. 1999, Ressort: Leserbriefe
Die neue Schreibung ist ein Sieg für alle, die in der Schule mit Diktaten gequält wurden. Und: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde.
Geiger, Joachim: Scheinselbständigkeit. Nichts wirklich besser. Hamburger Abendblatt, 14. 7. 1999, Wirtschaft, Kommentar
So aber läßt sich derzeit bei der Scheinselbständigkeit nur eines verläßlich vorhersagen: Sie wird nach der Rechtschreibreform in Kürze zur Scheinselbstständigkeit werden.
ubi: Rühes einzige Frau. Birgit Schnieber-Jastram für Sozialressort nominiert. Hamburger Abendblatt, 14. 7. 1999, Norddeutschland
Ihre Modernisierungskur für die Nord-CDU setzten Rühe und seine Getreuen gestern auch in inhaltlichen Fragen fort. Der Landesvorstand akzeptierte ohne Gegenstimme den Vorschlag der Fraktion zur Kehrtwende bei der Rechtschreibreform. Allein der Landesvorsitzende Peter-Kurt Würzbach soll sich enthalten haben. Er gilt nun als weitgehend isoliert.
cob: Neue Rechtschreibung auch für Schleswig-Holsteins Schüler. Gesetz soll das Ergebnis der Volksabstimmung von 1998 annullieren / Spitzenkandidat Rühe änderte Kurs der CDU. Süddeutsche Zeitung, 14. 7. 1999, 55. jg., nr. 159, s. 5, Nachrichten
Die CDU habe zur Kenntnis genommen, daß alle anderen Bundesländer bei der neuen Rechtschreibung bleiben wollten, erklärte kürzlich die CDU-Landtagsfraktion. […] Aktueller Anlaß für die Kehrtwende der Konservativen war die Ankündigung des Kieler Innenministeriums, zum 1. August die Amtssprache auf die neuen Schreibregeln umzustellen. Diese Verordnung hätte in allen Behörden gegolten, nur nicht in der Schulverwaltung. Die Schulen in Schleswig-Holstein wären dann auch innerhalb des eigenen Bundeslandes in eine Insellage geraten.
Klug, Peter, und Grüschow, Robert: Einfach lösbare Zeitprobleme. Teil 5: Heute vormittag oder etwa doch besser heute Vormittag schreiben? taz Bremen, 14. 7. 1999, nr. 5885, s. 24
Hilfreich und weitsichtig aber steht Ihnen die oft gescholtene Rechtschreibreform zur Seite, um Ihnen bei der Verschriftlichung Ihrer gravierenden Zeitprobleme unter die Achseln zu greifen.
Dietz, Thomas: "Die Pagen lärmen durch Zertretung von Rinderblasen." Nach 260 Jahren wird die "Große Stadtschule" in Potsdam geschlossen — neue Nutzung für das barocke Prachtgemäuer offen. Die Welt, reg.-ausg. Berlin, 14. (15.?) Juli 1999, Berlin und die Mark
Das Einweihungsfest des neuen Hauses im August 1739 war ein großes Ereignis, die der spätere Schulleiter Samuel Gerlach so beschrieb: "Höchstrühmliche Bemühungen des brandenburgischen Hauses um die Gelehrsamkeit! Der gantze Actus ward mit einer schönen Musick unter Trompeten und Paukenschall beschloßen." Von Rechtschreibreform ahnte damals noch keiner was.
Ahnungslose gab es wohl damals wie heute. Für die anderen gilt heute wie damals (Johann Christoph Adelung anno 1782): "Es ist über diesen Gegenstand seit anderthalb hundert Jahren so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man es einem ehrlichen Manne kaum zumuthen kann, noch eine Zeile mehr darüber zu lesen."
dpa: 14. Juli 1789: Der Sturm auf die verhaßte Bastille. pipeline.de, Die Infobörse deutscher Tageszeitungen, 14. 7. 1999, Panorama
Der Sturm auf die Bastille gilt seitdem als Auftakt und Höhepunkt der französischen Revolution. […] Was sonst noch geschah: […] 1998 - Bundesverfassungsgericht macht Weg zur Einführung der Rechtschreibreform frei
Rauh, Inge, und Radlmaier, Steffen: "Der ,Faust' wird noch nicht verändert." Bei Schriftstellern gibt es Vorbehalte gegen die Reform – Unternehmen geben sich pragmatisch. Nürnberger Nachrichten, 13. 7. 1999, Politik
Auf wenig Probleme stößt die neue Rechtschreibung in der Verlagsbranche. […] Eine Umfrage unter Lektoren und Verlagschefs gibt zwar unterschiedliche Stimmungen wieder, insgesamt stellt man sich aber pragmatisch auf die Veränderungen ein. "Sprache ist Wandel" – unter diesem Motto sollen die Geschäfte weiterlaufen.
Roggendorf, Achim: Abschied vom guten, alten "ß". Rechtschreibreform: Nicht jeder schreibt schon Majonäse. Ruhr Nachrichten, 13./14. 7. 1999, Lokales
Am 1. August wird einiges anders: Die Ruhr Nachrichten stellen — wie auch die großen Nachrichtenagenturen — auf die neuen Rechtschreibregeln um. Doch wie halten es andere Institutionen? Eine Umfrage ergab vor allem eins: Die Dortmunder verabschieden sich — obwohl in allen nordrhein-westfälischen Schulen seit dem 1. August 1998 anderes gelehrt wird — nur langsam vom guten, alten "ß".
Guratzsch, Dankwart:
Die Reform wird exekutiert.
Die Welt, 13. 7. 1999, nr. 160, s. 10, Forum, Kommentare
Selbst der als liberal geltende CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Volker Rühe, findet nichts Anstößiges dabei, den Bürgerwillen derart zu verfälschen. Welch klägliche Vorführung!
dpa: Gescheitert in Berlin. Zu wenige gegen Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 7. 1999, nr. 158, s. 45, Feuilleton
Der
Verein sieht dennoch keinen Grund zur Enttäuschung. In so kurzer Zeit wie in Berlin seien noch nirgends so viele Unterschriften gegen die Rechtschreibreform gesammelt worden.
Stimmen der Anderen. Ohne Bürger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 7. 1999, nr. 158, s. 2, Politik
Die Zeitung "Holsteinischer Courier" kommentiert die Rechtschreibreform. "Da spricht sich die Mehrheit der Bürger eines Bundeslandes für ein Gesetz aus, und nicht einmal ein Jahr später sind sich die Parteien im Landtag darüber einig, daß der Wille des Wahlvolkes einer Korrektur bedarf. Denn der gemeine Urnengänger ist ja zu dumm, die Tragweite seiner Stimmabgabe zu überblicken."
stü: Rechtschreibreform: Schüler kritisieren CDU-Kurs. Kieler Nachrichten, 12. 7. 1999, Schleswig-Holstein, Kiel
Mit scharfer Kritik hat die Landesschülervertretung (LSV) auf die Ankündigung der CDU reagiert, den Widerstand gegen die Rechtschreibreform aufzugeben. "Die Einsicht ist vernünftig, kommt aber äußerst spät", kritisierte Jan Schubert, Präsident des Landesschülerparlaments.
ax/lno: Verlag bleibt bei der alten Rechtschreibung — vorläufig. Die Welt, regionalausgabe Hamburg, 12. 7. 1999, Norddeutschland
Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag in Flensburg teilte offiziell mit, daß er in seinen 14 Tageszeitungen im Lande die neue Rechtschreibung vorerst nicht anwenden werde. Bei genauerem Hinsehen erwies sich allerdings, daß diese Entscheidung kein Sieg für die Reformgegner ist. Im Gegenteil. "Wir sind ganz klar dagegen, daß Schleswig-Holstein sich isoliert und als einziges Bundesland bei der alten Rechtschreibung bleibt", erläuterte Stefan Lipsky, Chefredakteur beim "Flensburger Tageblatt".
Kotlorz, Tanja: Rechtschreib-Rebellen lassen nicht locker. Obwohl das Volksbegehren klar gescheitert ist, basteln die Gegner an neuen Strategien. Die Welt, regionalausgabe Berlin, 12. 7. 1999, Weltstadt Berlin
Trotz der Niederlage lassen die Reform-Gegner nicht locker. "Jetzt geht der Kampf erst richtig los", kündigte der juristisch versierte Rechtschreibrebell (seit 1989 cand. jur.) und Sprecher des
Berliner Vereins für Rechtschreibung und Sprachpflege (BVR),
Gernot Holstein, an.
Gounalakis, Georgios:
Manfred Krug darf nicht für alles Reklame machen. Gastbeitrag: Warum das Verbot für politische Werbung im Rundfunk noch immer sinnvoll ist.
Frankfurter Rundschau, 12. 7. 1999, Medien
Dieses Werbeverbot ist keine Sonderregelung eines einzelnen Bundeslandes, sondern gilt für den gesamten öffentlichen und privaten Rundfunk. […] Auf den ersten Blick scheint das Verbot die in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 Grundgesetz (GG) verfassungsrechtlich gewährleistete Meinungsfreiheit in erheblichem Umfang einzuschränken. […] Indes müssen die genannten Werbeverbote im Lichte der Rundfunkfreiheit (Art 5 Abs. 1 Satz 2 GG) gesehen werden, die nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) der Aufgabe dient, eine freie und umfassende Meinungsbildung zu gewährleisten (BVerfGE 57, 295, 320).
Berney, Wolfgang, und Kirchner, Barbara: Düsseldorfer Karneval. Gestatten, ich bin der neue Prinz. Express, 12. 7. 1999, Düsseldorf
Düsseldorf neuer Karnevalsprinz Jens Huwald ist mit 1,90 Meter Gardemaß eine Musterbesetzung für die Rolle, die er in der nächsten Session acht Wochen spielt. Wie EXPRESS exklusiv berichtete, hat sich das Carnevals Comitee einstimmig für den 25jährigen Pressesprecher von Schlösser entschieden. […] Nebenher studiert der Schlösser-Sprecher Germanistik an der Düsseldorfer Uni. "Viel Zeit bleibt mir im Augenblick allerdings nicht dafür. Aber auf jeden Fall will ich meinen Magister machen. Thema der Arbeit wird wahrscheinlich die Rechtschreibereform."
Anfangen kann er ja beim Carnevals Comitee / karnevalskomitee.
Doetsch, Erwin:
Deutsch verliert Wettbewerbsfähigkeit.
Der Tagesspiegel, 11. 7. 1999, 55. jg., nr. 16748, s. 81, Demokratisches Forum (leserbriefe)
Durch die Verstärkung der Großschreibung verliert die deutsche Sprache deutlich an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber allen wichtigen Sprachen. Eine Ausrichtung auf Europa ist unterblieben.
Emmerich, Marlies: Schreib-Reform: Gegner starten zweiten Versuch. Initiative sammelte nur rund 100 000 Unterschriften. Berliner Zeitung, 10. 7. 1999, Berlin
Bis zum letzten Abgabetag hatten sich nach Angaben des Landeswahlamtes und des
Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege 108 000 Berliner mit ihrer Unterschrift gegen die Reform gewandt. Um einen Volksentscheid durchzusetzen, sind aber mit 243 000 Stimmen mehr als das Doppelte nötig. […] Sobald am 23. Juli das konkrete Endergebnis vorliegt, will der Verein "wegen massiver Behinderung des Volksbegehrens" vor das Verfassungsgericht ziehen.
dpa: Rückschläge für Gegner neuer Rechtschreibung. Frankfurter Rundschau, 10. 7. 1999, Nachrichten Inland
Das Berliner Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform ist gescheitert. […] In Schleswig-Holstein können die neuen Rechtschreibregeln in absehbarer Zeit eventuell doch an den Schulen eingeführt werden.
ubi: Nun doch: Neue Rechtschreibung bald auch an Schleswig-Holsteins Schulen. Hamburger Abendblatt, 10. 7. 1999, Norddeutschland
Die Union habe die Rechtschreibreform für fehlerhaft gehalten, wolle jetzt aber vor allem im Interesse der Kinder die neue Lage akzeptieren, verkündete CDU-Spitzenkandidat Volker Rühe zur Überraschung der anderen Parteien. […] Der Lübecker Verleger
Matthias Dräger, der mit seiner Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" den Stopp erkämpft hatte, will dennoch nicht klein beigeben. Die Politiker dürften den Entscheid nicht einfach nach weniger als zehn Monaten korrigieren, meinte er. Sollten sie es dennoch tun, werde man vor die Verwaltungsgerichte ziehen. […] Die CDU begründete ihren Schwenk damit, daß Schleswig-Holstein sonst wohl eine Sprachinsel bleibe. Sie verkündete ihre 180-Grad-Wende mit Blick auf die bevorstehende Kabinettsentscheidung zur Amtssprache im Norden.
Höver, Peter: Kehrtwende bei der Schreibreform. CDU gibt Blockade auf — Neue Regeln nach den Sommerferien an den Schulen? Kieler Nachrichten, 10. 7. 1999, Schleswig-Holstein
Politiker aller Fraktionen im Landtag signalisierten gestern Bereitschaft zur Abkehr vom bundesweiten Alleingang bei der Rechtschreibung. Das Signal dazu kam von der CDU, die sich in der Vergangenheit an die Seite der Reformgegner geschlagen hatte. […] Während CDU-Landeschef Würzbach glaubte, aus dem Schreibstreit Profit bei der Bundestagswahl 1998 ziehen zu können, trieben
Dräger andere Hoffnungen um: Kippt ein solcher Entscheid das Votum der Kultusminister-Konferenz von 1996, dann müßten auch alle anderen Länder nachziehen und die Reform sei endgültig begraben. […] Würzbach verkalkulierte sich ebenso wie Dräger.
red: Ein Zankapfel, der leichter zu verdauen ist, als es zunächst aussieht. Am 1. August führt die "Saarbrücker Zeitung" die neue Rechtschreibung ein — Sechsteilige Serie mit wichtigsten Änderungen. Saarbrücker Zeitung, 10/11. 7. 1999, Themen des Tages
Vielen wird der Unterschied zwischen alter und neuer Schreibweise ohnehin kaum auffallen. Sieht man von der ins Auge springenden neuen ß-Schreibweise ab künftig wird nach einem kurzen Vokal der stimmlose s-Laut "ss" geschrieben, nach langem Vokal bleibt das "ß" , beginnt im August wahrlich kein neues Lese-Zeitalter.
Fiedler, Friedhelm: Kuss mit Folgen. Ab 1. August neue Rechtschreibung auch in der "SZ". Saarbrücker Zeitung, 10/11. 7. 1999, Themen des Tages
Ein Ruhmeswerk ist die ganze Reform nicht, auch wenn sie durchaus eine Reihe sinnvoller Verbesserungen mit sich bringt. Aber die eine oder andere Regel läßt die Konsequenz und die Logik-Schärfe denn doch vermissen, die Reform ist reichlich halbherzig ausgefallen. […] Die "Saarbrücker Zeitung" folgt bei ihrer Umsetzung der neuen Schreibregeln weitgehend dem "Duden"-Wörterbuch und somit den Leitlinien, auf die sich die deutschsprachigen Agenturen geeinigt haben.
Laures, Werner: Ein Kuss zum Auftakt musste einfach sein. Die wichtigsten Änderungen der Rechtschreib-Reform: Teil eins unserer Serie. Saarbrücker Zeitung, 10/11. 7. 1999, Kulturleben
Was einem bei einem Text in neuer Rechtschreibung am ehesten und wahrscheinlich auch am häufigsten ins Auge fällt, ist, daß ss häufiger geschrieben wird. Damit ist der Buchstabe ß jedoch noch lange nicht abgeschafft.
dpa: Volksbegehren gescheitert. Rund 100000 Berliner unterschrieben gegen Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, 10. 7. 1999, 55. jg., nr. 16747, s. 10, Berlin
Sobald das konkrete Ergebnis vorliegt, werde der
Verein die Durchführung des Volksbegehrens vor dem Berliner Verfassungsgericht "wegen massiver Behinderung" anfechten, sagte Sprecher Gernot Holstein.
dpa: Volksbegehren deutlich gescheitert. Rechtschreibreformgegner wollen Volksbegehren im Herbst wiederholen. Gericht: Spot gegen Reform darf gesendet werden. taz Berlin, 10. 7. 1999, nr. 5882, s. 31
Vereinssprecher
Gernot Holstein sagte dazu gestern, man sei im Kampf gegen die neue Rechtschreibung noch längst nicht am Ende. "Jetzt geht es erst richtig los."
leg: Kehrtwendung der Nord-CDU in Sachen Rechtschreibreform. Volker Rühe: "Im Interesse der Kinder". Die Welt, regionalausgabe Hamburg, 10. 7. 1999, Norddeutschland
Bildungsministerin
Ute Erdsiek-Rave (SPD) und der sozialdemokratische Fraktionschef Lothar Hay bezeichneten die Rühe-Initiative als "Salto mortale rückwärts", der "heuchlerisch" sei. Die FDP wertet die Kehrtwende der CDU als Sieg der "Rühe-Vernunft" über den "Würzbach-Populismus".
Oechsle oder Öchsle ... Wiesbadener Kurier, 10. 7. 1999
Doch der frühere Direktor der hessischen Staatsweingüter und intensive KURIER-Leser Dr. Hans Ambrosi weiß es besser. Mit freundlichem aber doch bestimmtem Gruß wies er die Redaktion darauf hin, daß die Bezeichnung des Mostgewichts auf die Mostwaage des Tüftlers Christian Ferdinand Oechsle zurückgeht, und dieser Oechsle sich nie mit "Ö" schrieb.
Und wir schlagen vor, dass einerseits der duden nicht bei der weinherstellung dreinredet und anderseits die weinfachleute nicht bei der ortografie. (Wurde die kommasetzung vielleicht auch durch den geist des weines beeinflusst?) Anders gesagt: die ortografie hat sich an synchronen kriterien zu orientieren, nicht an diachronen. Entsprechend gilt in kleinschreibung nach BVR öchsle und nicht oechsle und schon gar nicht Oechsle, obwohl sich der herr zweifellos gross schrieb.
Hauke, Frank: Warum Volksbegehren scheiterte. Initiative gegen Rechtschreibreform: Senat und Initiatoren sehen unterschiedliche Gründe. Berliner Morgenpost, 9. 7. 1999, Berlin
Der BVR sieht die Ursachen vor allem in dem Verfahren. Die 91 vom Senat eingerichteten Auslegestellen seien zu wenig und die meisten davon zu schlecht auffindbar gewesen. Der Senat, dem der
BVR vorwirft, das Volksbegehren behindert zu haben, meint dagegen, daß die Rechtschreibreform die Berliner nicht interessiere.
dpa: Werbespot doch erlaubt. Hamburger Abendblatt, 9. 7. 1999, Feuilleton
Ein Radiospot des Schauspielers
Manfred Krug gegen die Rechtschreibreform darf doch wieder ausgestrahlt werden. Das entschied die 27. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts am Donnerstag.
bur: Manchmal läuft's auch gegen den Getrennt-Trend. Neue Presse (Hannover), (9. 7. 1999), Kultur
Bisher haben wir bei Verbindungen mit irgend immer gestutzt, weil sie ohne erkennbaren Grund so unterschiedlich waren. Damit ist jetzt Schluß! Alle mit irgend gebildeten Verbindungen werden zusammengeschrieben. Blöd nur, daß dies vom generellen Getrennt-Trend abweicht.
Martin, Angela: Linguistische Säuberungen, Nationalistische Sprachpolitik in den Republiken des ehemaligen Jugoslawien. junge Welt, 9. 7. 1999, Feuilleton
Nach dem Zerfall Jugoslawiens waren es zuerst die Kroaten, die die sprachlichen Differenzen vergrößerten, um sich in nationaler Hinsicht zu konsolidieren und abzugrenzen. Schon bald wurde eine neue Rechtschreibregelung eingeführt, und es erschienen Unterscheidungswörterbücher und Sprachratgeber, die die Reinigung der Sprache vor allem von Serbizismen voranbringen sollten.
dpa: Volksbegehren gegen Rechtschreibreform in Berlin gescheitert. Rhein-Neckar-Zeitung, rnz-online, 9. 7. 1999, Politik Inland
Trotz der Niederlage geben die Reformgegner nicht auf. Sobald das konkrete Ergebnis vorliegt, werde der
Verein die Durchführung des Volksbegehrens vor dem Berliner Verfassungsgericht «wegen massiver Behinderung» anfechten, sagte Sprecher
Gernot Holstein der dpa. «Unser Ziel ist eine Wiederholung unter besseren Bedingungen.»
Decker, Kerstin: Sprachbegehren. Die Unterschriftensammlung gegen die Rechtschreibreform wurde sabotiert. Der Tagesspiegel, 9. 7. 1999, 55. jg., nr. 16746, s. 8, Meinung
Solange es nicht um Leben oder Tod ginge, gibt es in Berlin keine Chance für Volksbegehren unter diesen Bedingungen. […] Aber um irgend etwas zwischen Leben und Tod ging es. Sagen wir — um vorsätzliche Körperverletzung? Sprache ist unser Weltkörper. Wer hat das Recht, ihn zu verstümmeln?
Detje, Robin: Du wirst es nicht glauben, Rosi! Aber der rote Großvater wird es dir schon verklickern: Günter Grass malt uns sein Jahrhundert ins Familienalbum. Berliner Zeitung, 9. 7. 1999, Magazin
Der neue Grass eignet sich hervorragend für den Einsatz im Unterricht an allen deutschen Schulen. Die Textausgabe des Buches nennt der Verlag gleich "Lesebuch", als könnte der Band alle existierenden Schullesebücher ersetzen und so auch das Verbot umgehen, Grass-Texte in der neuen Rechtschreibung zu verbreiten, und die folglich drohende Vertreibung von Grass aus den Lesebüchern: Steht dort nur noch Grass, ist alles gut.
Gizewski, Christian:
Schreiben, wie es gefällt.
Die Welt, 9. 7. 1999, nr. 157, s. 11, Forum, Leserbriefe
Ich wende mich primär gegen eine aus der Sicht freiheitlichen Staatsdenkens verfassungsrechtlich nicht hinnehmbare Kompetenzarrogation des gesamten Staates, wenn er Sprache und Schrift seiner erwachsenen Bevölkerung zu regulieren beginnt.
Spoerr, Kathrin: Schreiben, wie es gefällt. Die Antwort. Die Welt, 9. 7. 1999, nr. 157, s. 11, Forum, Leserbriefe
Ich teile Ihre Kritik an einem Staat, der sich Regelungs- und Ordnungskompetenzen dort anmaßt, wo Markt, Vernunft und Verantwortung von allein Ordnung entstehen lassen. […] Wer aber der Sprache und ihrer Rechtschreibung so hohe Bedeutung beimißt wie Sie und ich und die Mehrheit der Bevölkerung, der hätte gerade fordern müssen, daß ein legitimiertes Organ des Staates darüber befindet. Das hätte allein das Parlament sein dürfen. […] Manchmal ist eben ein bißchen mehr Staat vonnöten.
zelt: Schreibreform: Nur noch zwei Tage Zeit für den Protest. Berliner Morgenpost, 8. 7. 1999, Lokalanzeiger
Eine der sechs Auslegungsstellen in den Bezirken Köpenick und Treptow befindet sich im Gebäude der Volkshochschule an der Plönzeile 7. «Bis heute haben wir 467 Unterschriften auf unseren Listen zu stehen», sagt Hausmeister Dieter Schmidt (33). […] Eine der Unterschriften sei seine. Er habe sich in die Listen eingetragen, weil er mit dem neuen System Schwierigkeiten habe, da es zu kompliziert sei. Der Normalbürger sei von dem Wust der neuen Regelungen völlig überfordert.
HvD: Drei Tenöre vor 200 000 Pinguinen. Von Elefanten, Bert Brecht und HipHop-Girls: Launiges und lustiges Ende der "Musischen Wochen". Fürther Nachrichten, (8. 7. 1999), Kultur
Schon in der wilhelminischen Zeit, als die Schule eingeweiht wurde, mußten die Kinder mit einer neuen Rechtschreibung kämpfen — und verloren dennoch nicht ihren Humor. Obgleich dies über die Jahrzehnte nicht immer einfach war. Erster Weltkrieg und Drittes Reich, amerikanische Besatzung und Wirtschaftswunder hinterließen auch im Schulalltag ihre Spuren — was sich in den jeweils zeittypischen Tänzen widerspiegelt.
dpa: Schreibreform: Volksbegehren bleibt ohne Erfolg. Hamburger Abendblatt, 8. 7. 1999, Feuilleton
Mit einem endgültigen Ergebnis wird am 23. Juli gerechnet.
bur: Ausnahmen sollen die Ausnahme sein. Neue Presse (Hannover), (8. 7. 1999) Kultur
Verbindungen aus Adjektiv und Verb werden getrennt geschrieben, wenn das Adjektiv steigerbar oder durch sehr erweiterbar ist.
xan: Ein Mathebuch für zehn Mark? Wer ein gebrauchtes Schulbuch sucht oder verkaufen will, liegt in Dillingen richtig - Im Rathaus findet eine Schulbuchbörse statt. Saarbrücker Zeitung, 8. 7. 1999, Dillingen
Weniger Auswirkungen als Hiltrud Arweiler ursprünglich befürchtet hat, hat die Rechtschreibreform auf die Möglichkeiten des Kaufs und Verkaufs von gebrauchten Schulbüchern gehabt.
Guratzsch, Dankwart:
Recht haben statt rechtschreiben.
Die Welt, 8. 7. 1999, Forum, Kommentar
Erst hatten wir ein sicher nicht allseits befriedigendes Ordnungssystem. Jetzt droht Wildwuchs. Was also ist die neue Rechtschreibung? "Schlecht, häßlich, unlogisch und kompliziert." "Grandios unbrauchbar." "Dieses Werk gehört abgeschafft." Aber das darf man natürlich nicht sagen — selbst nicht, wenn man
Manfred Krug heißt.
-minu: Storch und Zucker. Basler Zeitung, 7. 7. 1999
Das Thema «Kinder machen - Kinder kriegen» wird bereits in der Grundschule aufs Tapet gebracht — gleich nach der Dreisatzrechnung. […] Der Stoff ist also alte Kamelle — und die Schüler würden lieber zur neuen Rechtschreibung übergehen. Die macht ihnen mehr Bauchweh. Dem Lehrer übrigens auch.
bur: Nun getrennt, was auf ewig verbunden war. Neue Presse (Hannover) (7. 7. 1999), Kultur
Und viele dieser doppeldeutigen Wörter enden nun mal auf -wärts: "Warst Du auswärts?" Oft führt die ehrliche Antwort zur Trennung. Und folgerichtig werden jetzt eben alle Verben mit -wärts getrennt geschrieben. Dann kann's endlich "aufwärts gehen" mit der sprachlichen Klarheit.
Schatz, Walter: Schüler der Oberstufe dürfen schreiben, wie sie wollen. Reform wird in letzter Konsequenz erst beim Abitur im Jahr 2005 wirksam — Lehrer weisen nur mit einer Randbemerkung auf sie hin. Nürnberger Nachrichten, (7. 7. 1999), Politik
"Wir sind froh, wenn die Schüler einigermaßen rechtschreiben", sagt Oberstudienrat Jürgen Storbeck […]. Seine Aussage gilt für die alte und die neue Form. […] "Ich schreibe weiterhin nach der alten Schreibweise", sagt Miriam Petermann. […] "In einem Aufsatz muß eine Schreibweise konsequent durchgezogen werden", meint auch Jakob Hammersen, der nachfolgende Generationen beneidet, weil sie in ihrer Schulzeit sicher nicht mehr von einer Reform überrascht werden können.
In diesen schweren zeiten ist die haltung von Jakob zu loben; er wird kaum einem flexibleren kollegen den job wegnehmen.
Conrad, Till: OP-Serie: So schreiben Sie richtig. Neue Rechtschreibung ab 2. August. Oberhessische Presse, 7. 7. 1999
In einer zwölfteiligen Serie erläutern wir ab heute die wichtigsten Regeln. Dabei werden viele Leser feststellen, daß einzelne Änderungen zwar ungewohnt sind, aber einer Logik folgen, die in vielen Zweifelsfällen zur Vereinfachung führen wird.
Potthoff, Claudia: Sitzenbleiben ausgeschlossen. Teil 4: radfahren oder Rad fahren? taz Bremen, 7. 7. 1999, nr. 5879, s. 24
Meine SchülerInnen zumindest waren von den neuen Regeln leichter zu überzeugen, als ihnen zunächst lieb war. Es genügte ein kleines Diktat, um festzustellen, dass die neue Rechtschreibung für sie schon die alte ist.
Hauke, Frank:
Manfred Krug nicht mehr auf Sendung. Medienanstalt stoppte seine Radiospots gegen die Rechtschreibreform.
Berliner Morgenpost, 6. 7. 1999, nr. 181, s. 10, Berlin
Die Behörden haben dem Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform eine weitere Chance genommen. Radiospots mit Fernsehstar Manfred Krug, die für eine Eintragung in die Unterschriftenlisten warben, wurden jetzt von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg untersagt. […] «Der Senat weigert sich, auf unser Volksbegehren aufmerksam zu machen und erklärte, dafür seien wir als Initiatoren zuständig. Nun wird uns das verboten», klagt
Holstein.
TS:
Rau bleibt bei der alten Rechtschreibung.
Bild, 6. 7. 1999, s. 1
Bundespräsident
Johannes Rau (68) will sich nicht an die neue Rechtschreibung halten, sondern bei der alten Schreibweise bleiben!
Boenisch, Peter: Internet tut nicht weh! Bild, 6. 7. 1999, s. 2, Politik, Kommentare
Rau wäre ein schlechter Vater, wenn er seinen Kindern nicht helfen kann, weil er ihre Rechtschreibung nicht beherrscht.
Müller, Ralf: Mehr Stimmrecht für die Bürger. Hildegard Hamm-Brücher über Politiker, Demokratie und die Lage der FDP. Hamburger Abendblatt, 6. 7. 1999, Politik
Der Bürger darf nicht das Gefühl haben, nur alle vier Jahre Stimmvieh für die Regierung zu sein. Auch die Rechtschreibreform wäre ein Thema gewesen. Diese Reform ist ja verordnet worden. Wenn der Bürger darüber abstimmen könnte, wären die Politiker gezwungen, rechtzeitig zu sagen, warum so etwas gemacht werden soll. Dann gäbe es auch nicht die aufgeregten Versuche, das ganze wieder rückgängig zu machen.
Asmuth, Gereon:
Unterschriften für die Rechts-Schreiber.
Gernot Holstein ist aktiv gegen die Rechtschreibreform — und hat sich in allerlei rechten Organisationen getummelt.
die tageszeitung, 6. 7. 1999, nr. 5878, s. 19
Das Gericht [bundesverfassungsgericht] habe die Argumente der Kritiker nicht einmal ansatzweise berücksichtigt, meint
Holstein und fragt: "Wurde hier ein Urteil zugunsten eines händlerischen Unternehmertums und gegen ein traditionsbewußtes Volkswollen gefällt?" Der Tradition und dem Volkswollen widmete sich Holstein, der lange davon träumte, ein Rockstar zu sein, und bis zum Alter von 33 Jahren von der Musik lebte, schon vor seiner Zeit als Rechtschreibbewahrer. Das belegen Recherchen des Antifaschistischen Presse-Archivs Berlin.
mwa, iha: FDP contra KPD/RZ. Landeswahlleiter läßt 27 Parteien zur Abgeordnetenhauswahl im Oktober zu. taz Berlin, 6. 7. 1999, nr. 5878, s. 19
Vier Parteien sprach der Landeswahlausschuß die Parteieigenschaft ab: Die Berliner Partei für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (BPR) scheiterte an ihrer einseitigen Ausrichtung auf die Rechtschreibreform […]
Hinrichs, Wolfgang: Die Schriftsprache soll nicht zum Spielball des Zeitgeistes werden. Die Rechtschreibreform muß im Dienst des verstehenden Lesens stehen. Die Welt, 6. 7. 1999, Deutschland
Die "neue Rechtschreibung", sagt man im Umkreis der politisch privilegierten Sprachwissenschaftlergruppe, solle für die Schüler Erleichterungen bringen. […] Doch warum die vielen neuen, zum Teil die Sprachlogik und -herkunft verwischenden Regelungen, die gar keine Erleichterungen sind? Die Schüler sollten vielmehr erfahren, daß die (Schrift-)Sprache kein gleichgültiges Instrument (organon), kein bloßes Mittel zum Zweck ist, ja daß sie selbst eine hohe geistige Potenz ist (energeia), die uns bereichert, daß die Bildkraft oft den Sinngehalt eines Wortes aufschließt und daß mit ihr die Wortbildung (Zusammensetzung, Vorsilbe usw.) und -herkunft tiefe Einblicke gewährt in die reiche geistige Welt der Sprachentstehung.
bur: Rechttschreibreform: Teil 2 - Getrennt oder zusammen. Neue Presse (Hannover), (6. 7. 1999), Kultur
Die Rechtschreibreform bringt hier klare Vereinfachungen. […] Verbindungen aus Verb im Infinitiv und einem zweiten Verb werden getrennt geschrieben. Damit entfällt eine Hürde, die bisher noch jeden Schüler zur Verzweiflung getrieben hat: der Unterschied zwischen konkreter Bedeutung und übertragener Bedeutung.
Käppeler, Otfried: Die "Glocke" und die Rechtschreibung laut "Dudel". Alexander C. Totters Buchstaben-Packungen in der Fischerplatzgalerie. Südwest Presse Online, 6. 7. 1999, Ulmer Kulturspiegel
Als Kunstobjekte betrachtet spielen die Nudelpäckchen mit unseren alltäglichen Wahrnehmungen und mit kulturellen Inhalten. Der Dudel spielt natürlich auf den Duden an, das Wort dudeln ist genau so nahe und kann ein Kommentar auf die Rechtschreibreform sein. Oder Schillers Gesamtwerk in einem Pack, halt etwas verworren ediert, könnte auf das Denken in Gesamtwerken in heutiger Zeit anspielen.
Werbeverbot für
Manfred Krug. Fürs Telefon und für Schnäpse darf der Schauspieler werben. Gegen die Rechtschreibreform nicht.
Spiegel Online, 6. 7. 1999, 27/1999
Ohne Krug werden die Reformgegner die bis zum Ende der Woche erforderlichen Unterschriften fürs Volksbegehren wohl nicht mehr erhalten.
Verrückt. Salzburger Nachrichten, 6. 7. 1999
Manfred Krug, Schauspieler und als Werber für Telefon und Schnäpse bekannt, darf keinen Spot gegen die Rechtschreibreform formulieren.
BM: Spots gegen Rechtschreibreform gestoppt. Berliner Morgenpost, 5. 7. 1999, TV & Medien
Der Sender Hundert,6 […] will den Fall noch juristisch prüfen. Man werde sich einer Anordnung der Medienwächter aber nicht widersetzten, meinte Geschäftsführer Georg Gafron, der den Fall als Beispiel für die Notwendigkeit einer Gesetzesreform wertet. […] Gafron will nun die Diskussion um die Rechtschreibreform redaktionell verstärkt aufgreifen.
Huber, Joachim: Ins Funkloch gestürzt. Medienanstalt verbietet Spots gegen Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, 5. 7. 1999, 55. jg., nr. 16742, s. 31, Medien
Es ist nicht frei von Absurdität, welche und wieviele sektiererische Gruppierungen in Vorwahlzeiten für sich werben dürfen, während der
Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V. zum Handzettel-Verteilen verdammt wird.
Guratzsch, Dankwart, und Kotlorz, Tanja:
"Unzulässige politische Werbung." Medienanstalt untersagt
Manfred Krugs Radio-Spot gegen Rechtschreibreform.
Die Welt, regionalausgabe Berlin, 5. 7. 1999
Die Initiatoren des Volksbegehrens werten die Unterbindung der Werbespots dagegen als "Maulkorb für den Rechtschreibrebell Manfred Krug". Der Schauspieler habe auf seine Gage verzichtet und sogar die Produktionskosten von 2000 Mark selbst übernommen, verrät BVR-Sprecher
Gernot Holstein.
bur: Mit Kopfarbeit wird kopfstehen zu Kopf stehen. Neue Presse (Hannover), (5. 7. 1999), Kultur
Verbindungen aus Substantiv und Verb werden getrennt geschrieben. Klingt schwieriger, als es ist. Immer dann, wenn sich das Hauptwort verselbständigt hat, wird es nun auch getrennt und groß geschrieben. Das entspricht in den meisten Fällen unserem Sprachgefühl.
Deckwerth, Sabine: Aufbegehren gegen den Ladenschluß. Berliner Zeitung, 3. 7. 1999, Berlin
Wie wäre es mit einem Volksbegehren für den "Schluß mit dem Ladenschluß"? Was den Gegnern der Rechtschreibreform offenkundig mißlingt, könnte in Sachen Einkauf erfolgreicher sein.
bur: Aus Flußschiffahrt wird Flussschifffahrt. Serie zur Rechtschreibreform. Neue Presse (Hannover), (3. 7. 1999), Kultur
Vermutlich werden vielen Lesern die meisten Änderungen gar nicht so stark auffallen. Abgesehen von heftigeren Neuregelungen wie dem "ss" für das "ß" oder dem schon klassischen Beispiel "Schifffahrt", dem die Rechtschreibreform ein "F" mehr spendiert. Oder auch ein "S" mehr: "Flussschifffahrt". […] Die Neue Presse läßt ihren Abonnenten im Juli kostenlos eine Broschüre zukommen, mit der alle Änderungen in der Schreibweise einzelner Wörter und alle neuen Regeln erklärt werden.
Geissler, Cornelia: Protestieren strengt an. Berliner Zeitung, 1. 7. 1999, Feuilleton
In zwei Radiosendern ist derzeit der Schauspieler
Manfred Krug zu hören, der mit witzigen Spots die Berliner dazu einlädt, sich in die Listen einzutragen. Er ist allerdings der einzige von 150 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, der auf die Bitte des
Berliner Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., sich mit Spenden oder Argumenten dem Protest anzuschließen, reagiert hat. […] Gestern stellte der Berliner Hochschularbeitskreis "Kulturelle Selbstbestimmung" seinen Aufruf, sich dem Volksbegehren anzuschließen, vor. Unterzeichnet wurde er von 110 Berliner Professoren. Das klingt beachtlich, und mag auch die erhoffte Vorbildwirkung haben. Doch hatte der Arbeitskreis den Text an 2200 Professoren verschickt.
dpa: "Der Herr wird's wohl machen." Hamburger Abendblatt, 1. 7. 1999, Politik
Der Theologe und frühere Professor der Hochschule der Künste, Klaus Motschmann, erläuterte, daß es in der nach der neuen Rechtschreibung verfaßten Bibel zu Mißverständnissen gekommen sei. Aus dem beliebten Konfirmanden-Spruch "Der Herr wird's wohlmachen" (Psalm 37) wurde "Der Herr wird's wohl machen" — so werde offenkundiger Zweifel an der wohlmeinenden Haltung Gottes zum Gläubigen ausgedrückt.
Im duden findet man wohl tun, früher wohltun. Die nachschlagenden konfirmanden fanden also wohlmachen schon bisher nicht. Es ist naheliegend, beide ausdrücke gleich zu behandeln, aber je nach zusammenhang kann man sich ja wohl auf die möglichkeit der spontanen wortbildung berufen und den eher veralteten ausdruck in Gotten namen zusammen schreiben.
Jurk, Michael: Widerwärtige Höcker (1). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Sehr mutig und vernünftig.
Croon, Winfried: Widerwärtige Höcker (2). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
In einem Akt des vorauseilenden Gehorsams unterwirft sich die ZEIT ihrer neuen "Orthografie". […] Die ZEIT-Lektüre gefährdet ab sofort meine Gesundheit.
Stocker, Frank: Widerwärtige Höcker (3). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Lernen die Kinder in der Schule nun also auch noch "Rechtschreibung à la ZEIT"? Und vielleicht zusätzlich bald "à la FAZ" und "à la Welt"?
Kraus, Martin: Widerwärtige Höcker (4). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Jedenfalls hat das Lesen der ZEIT durch die eigenwillige (im besten Sinn des Wortes) Schreibung wieder einen ganz neuen Reiz, der dem Suchen nach hübsch bemalten Ostereiern nicht unähnlich ist.
Schlicksbier, Anton: Widerwärtige Höcker (5). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Es wird nicht lange dauern, dann wird man diese Rechtschreibreform als den größten Schildbürgerstreich des 20. Jahrhunderts bezeichnen — und das ausgerechnet im Land der Dichter und Denker.
Loew, Inge: Widerwärtige Höcker (6). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Was hat die ZEIT dazu getrieben, sich für das miserable Machwerk der Kultusminister zu engagieren?
Sturm, Reinhard: Widerwärtige Höcker (7). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Besonders freut mich, dass Sie neben den sinndifferenzierenden Zusammen- bzw. Getrenntschreibungen auch die satzgliedernden Kommata beibehalten wollen — die Schulbuchverlage haben diese törichterweise über Bord geworfen, sodass es Schülern jetzt ungleich schwerer fällt als früher, einen anspruchsvollen unbekannten Text einigermaßen richtig betont vorzulesen.
Wetz, Uli: Widerwärtige Höcker (8). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Denn ich bin selbstständiger Lektor: Können Sie sich vorstellen, mit wie vielen verschiedenen Rechtschreibungen ich künftig zu tun habe, wenn jeder Verlag seine eigene Reform bastelt? […] (Damit kein Missverständnis entsteht: Gegen eine Reform, die die Rechtschreibung vereinfacht, hätte ich nichts einzuwenden.)
Rendtorff, Rolf: Widerwärtige Höcker (9). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Herzlichen Dank für Ihre vorzügliche Analyse und Ihre hilfreiche Wegweisung.
Moser, Manfred: Widerwärtige Höcker (10). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Jede offiziell zulässige Alternativschreibweise und erst recht jede journalistische Insellösung wirkt [wirken] kontraproduktiv, fördert die Beliebigkeit der Orthografie […]
Gebhardt, Friedrich: Widerwärtige Höcker (11). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Es ist klar, dass man innerhalb eines Werkes bei den wahlfreien Schreibweisen in der Regel nicht wechseln sollte und dass deshalb die Verlage sich auf eine der angebotenen Möglichkeiten festlegen wollen. Das sollte aber auf keinen Fall wieder dazu führen, dass die amtliche Schreibweise diese Verlagsregeln festklopft (wie 1915).
Schöndorf, Hildegard: Widerwärtige Höcker (12). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Wenn Sie das griechische phi in ein deutsches f verwandeln, dann sollten Sie konsequenterweise […] "Ortografie" schreiben.
Caesar, Cornelius: Widerwärtige Höcker (13). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
Wird künftig in der ZEIT "Schikoree" oder "Chicorée" geschrieben?
Gassner, Sigmund: Widerwärtige Höcker (14). Die Zeit, 1. 7. 1999, nr. 27, s. 54, Leserbriefe
In Ihrem Special (oder Spezial?) ist nach dem Absatz "Im Deutschen heimisch gewordene Substantive auf -y" das Wort "Handy" aufgelistet. Hier ist Ihrem Autor ein FauxPas (Fohpa, Fauxpas) unterlaufen.