Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → 31. 7. 1999
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Aus der presse

Nachgeführt 27. 7. 2010


31. 7. 1999

zz.: Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Eine Stellungnahme der «Neuen Zürcher Zeitung». Neue Zürcher Zeitung Samstag, 31. 7. 1999, nr. 175, s. 11, Inland

Die «Neue Zürcher Zeitung» wird in einigen Wochen einen Teil der Änderungen gemäss der neuen Rechtschreibung übernehmen. Als Nachschlagewerk wird für die NZZ Duden Band 1 («Die deutsche Rechtschreibung», 21. Auflage) verbindlich sein — und zwar in seiner traditionsbezogenen Version. Das heisst: überall dort, wo Duden die hergebrachten Formen zulässt, werden wir diese anwenden. Mit Sonderfällen werden wir uns noch speziell befassen.

neu Süskind, Martin E.: Liebe Leserinnen und Leser. Berliner Zeitung, 31. 7. 1999, s. 1, Ressort: Politik

In der "Berliner Zeitung" wird die neue Schreibweise in der Montag-Ausgabe (2. August) erstmals angewendet. Wir folgen damit einer Verabredung, auf die sich alle Nachrichtenagenturen und nahezu sämtliche Tageszeitungen, Wochenblätter und Magazine geeinigt haben. […] In der "Berliner Zeitung" wollen wir die Reform so behutsam wie möglich anwenden: Wir werden also den Regeln, wo sie verbindlich sind, folgen, aber immer dann die vertraute Schreibweise beibehalten, wo uns dies gestattet ist.

neu Jessen, Jens: So offt als vil Buchstaben seynd. Berliner Zeitung, 31. 7. 1999, s. 9f., Feuilleton (1096 wörter)

Die deutsche Sprache hat Jahrhunderte der merkwürdigsten Schreibweisen hinter sich. Darum ist auch die neue Rechtschreibreform keine Revolution, sondern nur ein maßvoller Rückschritt. […] Interessant ist der Umgang, den Ludwig Uhland bei seiner Sammlung alter Volkslieder des fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts mit den alten Schreibweisen übt. 1844, also in einer Zeit ebenfalls noch ungesicherter Orthographie, übernimmt er die Schreibung der Quellen, soweit sie ihm irgend verständlich scheint; und in der Tat ist "sere" von jedem Leser unschwer als "sehr" zu verstehen. Das aber zeigt, daß Texte in älterer, auch sehr abweichender Orthographie keineswegs durch eine Rechtschreibreform unlesbar werden, wie heute gerne eingewandt wird. Der Unterschied zwischen unserer Lage heute und der Situation Uhlands ist nur, daß wir an eine standardisierte Schreibung gewöhnt sind und unsere Toleranz gebenüber Abweichungen geringer geworden ist. […] Das orthographische Durcheinander, auch die oft himmelschreiende Unlogik der Schreibweisen haben der Entwicklung der Literatur, der Hochkultur insgesamt nicht geschadet. Es wird also von der gegenwärtigen Reform, die viele alte liebgewordene und hochkomplizierte Regeln wieder fallen läßt, auch kein Kulturverfall zu befürchten sein.

Kinner, Sabine: Wolle mer? Frankfurter Neue Presse, 31. 7. 1999, Kultur

Jetzt steht sie also vor der Tür, die Rechtschreibreform, und alle, die es nicht zwangsläufig beruflich mit ihr zu tun bekommen, können sich nach Hessen-Art fragen: "Wolle mer se reilasse?".

Müller-Gerbes, Sigrun: Wenn Gräueltaten in Stresssituationen zu Missstimmungen führen . . . Wie Nachrichtenagenturen und Zeitungen die Regeln der neuen Rechtschreibung umsetzen — ein schwieriges Unterfangen. Frankfurter Rundschau, 31. 7. 1999, s. 12, Medien

Statt sich auf eine gemäßigte Kleinschreibung einzulassen, wie sie in sonst allen europäischen Sprachen üblich und für die deutsche Sprache seit langem diskutiert wird, hat sich die Rechtschreibkommission für die verschärfte Großschreibung entschieden — eine der schwierigsten Neuerungen, die Agentur-Journalisten und Zeitungsredakteure von heute an berücksichtigen müssen. […] ": Auch bei der Frankfurter Rundschau wird es wohl etwas dauern, bis alle 200 Redakteure samt Hunderten von "Freien" sattelfest rechtschreiben. Zwischen 50 und 70 Änderungen, so haben die FR-Korrektoren festgestellt, beschert die Reform allein der täglichen Seite Drei.

AP: Rechtschreibreform ab sofort auch für Medien verbindlich. Agenturen, Zeitungen und Zeitschriften stellen zum Wochenende um. Kieler Nachrichten, 31. 7. 1999

In den Redaktionen wurden die Mitarbeiter in den letzten Wochen zum Teil in speziellen Kursen gezielt auf die Einführung der Rechtschreibreform vorbereitet.

Smith, Annedore: Gegner der Rechtschreibreform wollen weiter kämpfen. Neue Regeln nun auch in den Medien verbindlich — Kaum Änderungen im Schreibverhalten der Bevölkerung erwartet. Kieler Nachrichten, 31. 7. 1999

> Dräger geht davon aus, daß die Schreibänderungen den Bürgern erst richtig bewußt werden dürften, wenn sie jeden Tag schwarz auf weiß in Zeitungen und Zeitschriften damit konfrontiert werden. Davon verspricht sich der Verleger aus St. Goar am Rhein neuen Zulauf für seine Initiative, die nach seinen Angaben bundesweit rund 1.000 aktive Mitstreiter hat. […] Ob die stillen Verweigerer der neuen Rechtschreibung allerdings bereit sind, für eine Rücknahme der Reform auf die Barrikaden zu gehen, darf bezweifelt werden.

Moritz, Hans-Jürgen: "Neuschrieb" zum Frühstück. Zeitungen und Zeitschriften führen die Rechtschreibreform ein. Mainpost, 31. 7. 1999, Hintergrund

Zehn bis 40 Prozent weniger Fehler würden gemacht, berichtet einer der Köpfe der Reform, Klaus Hiller [> Heller], Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission für Deutsche Rechtschreibung. "Ich hoffe sehr, daß das mal weitergehen wird, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, daß das so schlimm nicht war, was wir vorgeschlagen haben."

Deckl, Gerhard: 1. August — Die neuen Regeln treten in Kraft. Neue Rechtschreibung für Redakteure nun "unerlässlich". Nordkurier, ca. 31. 7. 1999

Was Schulkindern buchstäblich kinderleicht fällt, nämlich die neuen Regeln zu lernen, bringt Redakteure ganz schön ins Schwitzen. Daß das Wort „daß" künftig mit ss geschrieben wird, ist ja noch zu verkraften. Gewöhnungsbedürftiger sind dagegen Flussschifffahrt, […] – drei Konsonanten hintereinander wirken nun mal eher komisch.

Reimer, Nick: Eszett-Schlupflöcher stören taz-Harmonie. Der Rechtschreib-Rums und seine Folgen: Letzte Nacht führten alle deutschen Presseagenturen die neuen Regeln ein. die tageszeitung, 31. 7. 1999, nr. 5900, s. 7, Inland

Ehrlich gesagt hat sich in der Redaktion bislang niemand wirklich für die neue Rechtschreibung interessiert. Klar ist hier lediglich, dass sich das neue Zeitalter vor allem in der Verbannung des geliebten Eszett ausdrückt. Was besonders mein Boss hasst. Das Eszett war für sein Tagewerk immer ein bisschen Genuss.

Schreibreform abgelehnt. Die Presse, 31. 7. 1999, Kultur/Medien

"Wann soll die Rechtschreibreform umgesetzt werden?", wollten wir wissen. 54% antworten mit "gar nicht", 27% sind für "sofort", 19% "in einigen Jahren". Der Wunsch der Leser ist uns Befehl.

30. 7. 1999

Borchers, Detlef: Das grosse Raten. Die Orthographiereform stellt Journalisten vor Probleme. Neue Zürcher Zeitung, 30. 7. 1999, nr. 174, s. 45, Medien und Informatik

Die neue Rechtschreibung ist das Jahr-2000-Problem der deutschen Sprache. […] Ganz und gar hoffnungslos wäre […] ein Unterfangen, die bisher gespeicherten deutschen Texte im World Wide Web auf Vordermann zu bringen, etwa durch einen Mega-Konverter zu schicken.

Das wäre — wie der artikel selbst schon andeutet — schon deshalb hoffnungslos, weil es auch keinen mega-konverter gibt, der die sehr unterschiedlichen texte in die bisher gültige rechtschreibung umwandeln könnte. Und man hat ihn wohl bisher nicht vermisst.

red.: Rechtschreibung: Jetzt gilts. St. Galler Tagblatt, 30. 7. 1999

Im Gehege dieser Zeitung werden Sie ab 2. August neue Tierarten entdecken: Gämsen und Panter. Aber keine Angst: Sie beissen nicht. Mit anderen Worten: Die Aufregung, die in Deutschland die Reform der Rechtschreibung auslöste, halten wir für unangemessen.

Surber, Peter: Rechtschreibung: Jetzt gilts ernst. Ab nächstem Montag erscheint diese Zeitung in neuer Rechtschreibung — Überlegungen zur Reform und ein Plädoyer für Gelassenheit. St. Galler Tagblatt, 30. 7. 1999

Am besten nimmt man die Sache wohl mit jener Unaufgeregtheit, die ihr angemessen ist. Auf den folgenden Seiten finden Sie eine Zusammenstellung der wichtigsten Neuerungen. Dass sie der Weisheit letzter Schluss seien, behauptet niemand — die neue Rechtschreibung wird sich in den nächsten Jahren noch «zurechtschreiben» müssen.

Hertach, Ruedi: Apropos. Übung. Glarner Nachrichten (= Die Südostschweiz, regionalausgabe Glarus), 30. 7. 1999, nr. 175, s. 2

Zum Üben mit neuer Rechtschreibung, Version Schweizerische Depeschenagentur, verwenden wir folgenden inhaltlich sinnlosen, aber orthograph(?)isch klippenreichen Text: […]

Mommsen-Henneberger, Ursula: Mehr Buchstaben, weniger Kommas. Die neue deutsche Rechtschreibung hält Einzug in den Zeitungen. Die Südostschweiz, 30. 7. 1999, Schlaglicht

Die Rechtschreibreform soll das Schreiben vereinfachen und lässt zum Teil mehrere Varianten zu. Die Regeln können grosszügig interpretiert werden. Die Nachrichtenagenturen streben jedoch eine einheitliche und eindeutige Schreibweise an.

Windelen, Franz: Freiheit für Geilenkirchen. Wochenspiegel. Aachener Nachrichten, an-online, 30. 7. 1999

In den Ernst des Lebens starten zu Wochenanfang 3305 Wichtel im Kreis Heinsberg. Die Schulanfänger werden unweigerlich mit der neuen Rechtschreibung konfrontiert. Wie die Nachrichten-Redakteure auch. […] Was Pfeiffer mit drei f in der klassischen "Feuerzangenbowle" als orthographischen Gag verkaufte, ist Wirklichkeit.

BM/rtr: Zwei Schreibweisen ohne Bedeutung. Karlsruhe läßt alte Rechtschreibung in Schleswig-Holstein weiter zu. Berliner Morgenpost, 30. 7. 1999, Politik

Das Bundesverfassungsgericht hat das Ergebnis eines Volksentscheides in Schleswig-Holstein bestätigt, nach dem in dem Bundesland zunächst weiter nach den alten Rechtschreibregeln unterrichtet wird. […] Das Nebeneinander beider Schreibregeln habe für die die Kinder kein nennenswertes Gewicht.

Verfassungsgericht gibt Schleswig-Holstein recht. Frankfurter Neue Presse, 30. 7. 1999, s. 6, Hintergrund

Das BVG in Karlsruhe wies einen Antrag auf eine einstweilige Anordnung ab, mit der ein Vater und seine beiden Töchter erreichen wollten, daß die Kinder in der Schule nach den neuen Rechtschreibregeln unterrichtet werden.

Weinreich, Irma: Berliner Gegner geben nicht auf. Frankfurter Neue Presse, 30. 7. 1999, Hintergrund

Der stärkste Zuspruch für die Reformgegner kam aus Stadtbezirken, in denen traditionell das Bildungsbürgertum zu Hause ist. Gegenden mit einem großen Ausländeranteil wie Kreuzberg sind Schlußlichter.

rtr/ap: Alte Rechtschreibung erlaubt. Verfassungsrichter weisen Kläger aus Schleswig-Holstein ab. Frankfurter Rundschau, 30. 7. 1999, Nachrichten Inland

Das Bundesverfassungsgericht hat das Ergebnis eines Volksentscheides in Schleswig-Holstein bestätigt, nach dem in dem Bundesland zunächst weiter nach den alten Rechtschreibregeln unterrichtet wird.

Hölscher, Astrid: Umdenken beim Tee-Ei. Ab Montag richtet sich die Frankfurter Rundschau nach der neuen Rechtschreibung. Frankfurter Rundschau, 30. 7. 1999, Kommentare

Die Rechtschreibung und ihre Reform durch die Gerichte zu zerren, war von Anfang an eine Glanzleistung der deutschen Kultur des Rechthabens. […] Der Streit ist müßig längst, die Kinder lernen die neuen Regeln leicht, und die Erwachsenen werden sich umstellen — wie so oft im wirklichen Leben.

kek: BVG: Alina und Sarah müssen auf die Rechtschreibreform noch warten. Hamburger Abendblatt, 30. 7. 1999, Norddeutschland

Der Vater ist enttäuscht: "Es ist bitter, daß der Weg vor Gericht nicht erfolgreich gewesen ist", sagte er dem Hamburger Abendblatt. Wirklich dramatisch findet er die Entscheidung freilich nicht mehr. Er hofft auf die anstehende politische Kehrtwende in Schleswig-Holstein.

Kluth, Michael: Ein Mißverständnis. Rechtschreibung in Schleswig-Holstein. Hamburger Abendblatt, 30. 7. 1999, Norddeutschland, Kommentar

Der schleswig-holsteinische Landtag muß die Schülerinnen und Schüler des Landes so schnell wie möglich aus ihrer Insellage befreien. Er muß den fehlgeleiteten Volksentscheid korrigieren.

dpa/com: Stichtag 1. August: Jede Menge Neues. Neue Rechtschreibung, bessere Pflegeleistungen, Änderungen für Arbeitslose. Hamburger Morgenpost Online, 30. 7. 1999, Nachrichten

Über Nacht wird alles anders. Aus dem "Delphin" wird der "Delfin", aus "daß" wird "dass".

Heckmann, Wolf: Altschreib-Urteil. Schweres Geschütz versagt gegen Kiel. Hamburger Morgenpost Online, 30. 7. 1999, Nachrichten

Daß sich Schleswig-Holstein als einziges Bundesland aus der Schreib-Reform ausgeklinkt hat, ist erheblich lächerlicher als der überbesorgte Vater und hat damit zu tun, daß ein Volksentscheid in solchen Fragen ein ungeeignetes Mittel ist, mag man zum Neuschreib auch stehen wie man will.

dpa: Im Norden bleibt es beim alten. Bundesverfassungsgericht läßt bisherige Rechtschreibung zu. Mannheimer Morgen, 30. 7. 1999, Die erste Seite

Die Karlsruher Richter verwiesen in einem gestern veröffentlichten Beschluß darauf, daß bei einer Unterrichtung nach den traditionellen Regeln keine "greifbaren Nachteile" für die Kinder entstünden.

Groß, Thomas: Wer profitiert von der Reform? Rechtschreibung: Die wirtschaftlichen Gewinner und Verlierer bei den Buchverlagen. Mannheimer Morgen, 30. 7. 1999, Kultur

"Die Kosten der Umstellung bestehender Buchsätze auf die neue Schreibung sind nicht besonders hoch. Es gibt dafür ja praktische technische Hilfsmittel […]", bringt es der Sprecher der Weinheimer Verlagsgruppe Beltz, Klaus Peter Craemer, auf den Punkt. Deutet sich da nicht an, wer die Gewinner der Reform sind? Die Hersteller solch "praktischer technischer Hilfsmittel" sind es!

Ruhkieck, Frank: Neue Schreibregeln — Jetzt wird's amtlich. Ab 1. August gilt Rechtschreibreform in Behörden / Auch Zeitungen stellen um. Schweriner Volkszeitung, 30. 7. 1999, Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Schlußlicht bei der Neuregelung ist Mecklenburg-Vorpommern. […] Am 29. Juni gab das Kabinett grünes Licht für die schrittweise Einführung der neuen Rechtschreibung. Im verantwortlichen Innenministerium begründete man die mecklenburgische Langsamkeit vor allem mit der langen Rechtsunsicherheit.

dpa: Alte Rechtschreibung im Norden gültig. Stuttgarter Zeitung, 30. 7. 1999, Politik

Vor dem Bundesverfassungsgericht ist jetzt eine schleswig-holsteinische Familie gescheitert, deren Kinder nach den neuen Rechtschreibregeln unterrichtet werden wollten.

dpa/AP: Daß bleibt daß. Bundesverfassungsgericht lehnt Klage gegen alte Rechtschreibung in Kiel ab. taz Hamburg, 30. 7. 1999, nr. 5899, s. 21, Hamburg Aktuell

Die Karlsruher Richter verwiesen hingegen darauf, daß bei einer Unterrichtung nach den traditionellen Regeln keine "greifbaren Nachteile" für Kinder entstünden.

29. 7. 1999

Hertach, Ruedi: Apropos. Gämsenzeit. Glarner Nachrichten (= Die Südostschweiz, regionalausgabe Glarus), 29. 7. 1999, nr. 174, s. 2

Sichergestellt ist jedenfalls, dass die Gemse auch in unseren Spalten rechtzeitig zum Jagdbeginn zur Gämse wird. […] die neu ersonnenen Regeln […], zu deren verblüffenden Eigenschaften es gehört, dass per Saldo mehr gross geschrieben wird als bisher, obschon man zuvor jahrzehntelang von der gemässigten Kleinschreibung fabulierte.

Man fabulierte sogar jahrhundertelang, und man tut es immer noch. Das war nämlich schon immer «gestattet», denn schüler sind wir doch beide nicht mehr, lieber Ruedi?!

Ewald, Rüdiger: Das Hin und Her im Norden. Frankfurter Neue Presse, 29. 7. 1999, Hintergrund

Den Schreib-Konflikt spiegeln die Tageszeitungen des Landes wider. Weil die Schulkinder noch nach alten Regeln lernen, hat sich der größte Zeitungsverlag in Flensburg entschlossen, das "Flensburger Tageblatt" und seine anderen Blätter auch nach dem 1. August noch in traditioneller Rechtschreibung erscheinen zu lassen. […] Die Schüler mußten im Rechtschreibstreit ein einzigartiges Hin und Her ertragen, worunter besonders die 60 000 Grundschüler litten: Bis 1996 lernten sie nach den alten Regeln, danach zwei Jahre lang nach den neuen, seit vergangenem Herbst wieder nach den alten, und nun steht erneut eine Umkehr an.

al: Kein Schilderaustausch wegen neuer Rechtschreibung. Taunus-Zeitung (Frankfurter Neue Presse), 29. 7. 1999

"Die meisten Kollegen haben sich schon umgestellt", schätzt Bürgermeister Gerd Krämer. Er selber, der die Reform "für den größten Unfug des Jahrhunderts" hält, schreibt in der Übergangszeit noch nach den alten Regeln.

dpa: Berliner Volksbegehren gescheitert. Frankfurter Rundschau, 29. 7.1999, Nachrichten Inland

Nur 4,4 Prozent statt der nötigen zehn Prozent der 2,4 Millionen Berliner Stimmberechtigten haben sich gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen, teilte der Landesabstimmungsleiter Günther Appel am Mittwoch mit.

Wolgast, Thomas: Auch Kiel schreibt nach den neuen Regeln. Ablehnungsfront gegen die Reform zusammengebrochen / CDU-Haltung als Auslöser. Mannheimer Morgen, 29. 7. 1999, Politik

Auch die Pennäler im nördlichsten Bundesland müssen sich in Kürze den Regeln der Rechtschreibreform beugen, voraussichtlich schon im September. […] Die Gegner der Reform schäumen nun.

Kielmann, Sören: Juristen und Polizisten blättern noch eifrig im Duden. Rathaus, Gericht und andere Institutionen stellen nach und nach auf neue Rechtschreibung um / So manche Regel stößt auf Unverständnis. Mannheimer Morgen, 29. 7. 1999, Lampertheim

Ab ersten August stellen die Zeitungen auf die neue Orthographie um, doch wie verhält es sich bei anderen Institutionen? […] Johanna Schollmaier, Mitarbeiter von Stadtbrandinspektor Frank Willhardt, bemüht sich ebenfalls schon jetzt darum, die neue Schreibweise anzuwenden. Ihr Vorgesetzter geht mit gutem Beispiel voran, auch wenn er die Reform nicht unbedingt für eine Vereinfachung hält. "Einige Dinge wurden da nicht konsequent durchgezogen, beispielsweise mit dem "ss" und dem "ß". Warum hat man das "ß" nicht ganz abgeschafft?"

Wirth, Markus: Der Wunsch des Autors ist heilig. Rechtschreibreform: Viele Verlage haben bereits umgestellt. Mannheimer Morgen, 29. 7. 1999, Kultur

Wie aber handhaben es die Buchverlage? Eine kleine Umfrage bei fünf ausgesuchten Verlagen sollte etwas Licht ins Dunkel bringen.

APA/AFP: Gegner hoffen auf Unmut. Dolomiten, 29. 7. 1999, Politik

Das Kalkül der Reformgegner lautet: Wenn der Unmut über die neue Schreibung bei der Zeitungslektüre zunehmen sollte, könnte die Reform doch noch gestoppt werden.

28. 7. 1999

Grimming, Renate: Auch Computer werden für die neuen Regeln fit gemacht. Duden-Konverter ist schnell und gut. Frankfurter Neue Presse, 28. 7. 1999, Hintergrund

"Unter Word 2000 kann der Anwender individuell entscheiden, ob er seine Texte nach der alten oder neuen Rechtschreibung prüfen lassen will", sagte Tomas Jensen von Microsoft. […] Die meisten Schreibweisen beherrschen die Programme zufriedenstellend. Mit kontextabhängigen Regeln haben sie allerdings zum Teil ihre Probleme. […] Vor allem jene kontextabhängigen Rechtschreibregeln wie die Groß- und Kleinschreibung stellen für die künstliche Intelligenz der derzeit verfügbaren Programme ein noch nicht gelöstes Problem dar.

Unser Rechtschreib-Spiel - Folge 3. Ortographie: Groß- und Kleinschreibung, dazu die Auflösungen der ersten zwei Folgen. Mannheimer Morgen, 28. 7. 1999, Kultur

Eigentlich wollten die Rechtschreibreformer die generelle Kleinschreibung einführen, wie sie in manchen anderen Sprachen, etwa im Englischen, üblich ist. Doch dagegen erhoben sich zu viele Stimmen. Jetzt muß man doch einige Regeln lernen.

Wolf, Christina: Einfach ganz unaufgeregt bleiben. KURIER-Umfrage: Stimmen zur Rechtschreibreform aus Firmen, Behörden und Schulen. Nordbayerischer Kurier, 28. 7. 1999

Der 1. August ist für Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen der Termin zur Umstellung auf die neue Rechtschreibung. Das gilt natürlich auch für den Nordbayerischen Kurier. Grund genug, sich bei Firmen, Behörden und Schulen über die gängige Praxis beim Umgang mit den neuen Regeln umzuhören und die allgemeine Akzeptanz zu prüfen. […] Die gute Resonanz an den Schulen verweist letztlich auf das Ziel der Reform: eine Vereinheitlichung und Förderung der Verständlichkeit der Schreibregeln. In jedem Fall sollte man nicht vergessen, die Reform soll der schreibenden Bevölkerung und denen, die sich mal dazu zählen wollen, helfen. Also, bleiben Sie ganz unaufgeregt.

Meyer, Ulla: Christoph Brüske zündete Gags am laufenden Band. Hans Dampf in allen Komik-Gassen. Neuen Westfälische, (28. 7. 1999), Lokales

Neues zur Rechtschreibreform: "Dann schreibt man ja Cholera wie Kohl Aera . . ."

Kohlrausch, Julie: Der Tausendfüßler muss umlernen. Teil 7: Ski laufen und Skilaufen. taz Bremen, 28. 7. 1999, nr. 5897, s. 24

Für die Kinder, die mit der neuen Rechtschreibung aufwachsen, gibt es überhaupt keine Probleme. […] Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen verstehen die Aufregung um die neue Rechtschreibung nicht. Längst sind die ersten Bücher mit neuer Rechtschreibung angeschafft. Und das Nebeneinander mit alten Büchern macht den Kindern keine Probleme.

Metzner, Monika M.: Alina und das Chaos. Die Rechtschreibung alter Prägung bleibt in Schleswig-Holstein wohl doch nicht lange erhalten. Frankfurter Rundschau, 28. 7. 1999, Hintergrund

"Chaos. Schüler entwickeln schon in kurzer Zeit Schwierigkeiten in der Rechtschreibung. Sie müssen berufliche Diskriminierung fürchten." Schulbücher sind schon jetzt ein Problem.

stn: Rechtschreibung: Wir stellen um. Stuttgarter Nachrichten, 28.07.1999, Seite 1

Vom kommenden Montag an setzt unsere Zeitung - zeitgleich mit den meisten deutschen Medien - die neuen Richtlinien um.

Nübel, Rainer: Zeitungslektüre soll sinnliches Vergnügen bleiben. Von August an setzen die meisten Medien in Deutschland die neue Rechtschreibung um. Stuttgarter Nachrichten, 28. 7. 1999, Hintergrund

Sage ja niemand, die Sprache lasse die Deutschen ungerührt. Heftig diskutierten und stritten sie über Doppel-s oder Dreifach-t. Der dreijährige Glaubenskrieg ist Geschichte. Die Rechtschreibreform bricht sich Bahn, wird druckreif: Vom 2. August an setzen die meisten Zeitungen und Zeitschriften die neuen Regeln um.

27. 7. 1999

Hoja, Lothar: Sprachbücher wandern in die Abfalltonne. Kommunale und universitäre Büchereien weitgehend unbehelligt – Schreibweisen in hauseigenen Publikationen Sache der Autoren. Erlanger Nachrichten, (27. 7. 1999), Lokales

Die meisten Verlage liefern ihre Neuerscheinungen ohnehin seit ein bis zwei Jahren schon in der neuen Rechtschreibung aus. Dies wiederum gilt so noch nicht für die Universitäts-Bibliothek, die ihrerseits auch als Verlag auftritt. Sie gibt nämlich die Reihen "Erlanger Forschungen", "Schriften der Universitäts-Bibliothek" und "Akademische Reden und Kolloquien" heraus, insgesamt etwa sechs bis zehn Bände pro Jahr. Die dort erscheinenden Texte "stehen in der Verantwortung des jeweiligen Autors", erläutert Keunecke, "und der ist bei uns König. Dessen Werk wird so abgedruckt, wie er es geschrieben hat".

Sehr gut! Allen autoren, die wie wir weder mit der früheren noch mit der heutigen regelung zufrieden sind, empfehlen wir die eigennamengrossschreibung (substantivkleinschreibung).

Mommsen-Henneberger, Ursula: Wenn das Känguru den Tunfisch küsst. Schüler lernen schon nach neuen Regeln. Frankfurter Neue Presse, 27. 7. 1999, Hintergrund

Am 1. August wird es für Millionen Deutsche mit der Rechtschreibreform ernst: Von diesem Tag an werden die meisten Zeitungen und Zeitschriften mit nach den neuen Regeln verfaßten Berichten auf dem Tisch liegen. Auch die Frankfurter Neue Presse und ihre Regionalausgaben haben sich zu diesem Schritt entschlossen.

Platzierter Schuss beim Fußballländerspiel. Frankfurter Neue Presse, 27. 7. 1999, Hintergrund

Dem aufmerksamen Zeitungsleser werden in den Medien einige Besonderheiten auffallen. Die Nachrichtenagenturen, die die Printmedien, Fernsehen und Rundfunk mit Meldungen beliefern, werden bei der Umsetzung der Reform zwar weitgehend den Regeln der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung folgen, allerdings mit einigen Ausnahmen.

Der lange Streit um die Änderungen. Frankfurter Neue Presse, 27. 7. 1999, Hintergrund

Die wichtigsten Etappen des Streits.

Proetel, Stefan: Die Goethe-Institute laden zur Flussschifffahrt. Rechtschreibreform: Schüler dürfen in Prüfungen noch bis 2005 nach alten Regeln schreiben. Mannheimer Morgen, 27. 7. 1999, Kultur

So ganz glücklich ist Margareta Hauschild nicht mit der neuen Rechtschreibung. "Noch sind nicht alle Probleme gelöst", sagt die Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung beim Goethe-Institut in München. "Aber immerhin ist es ein weiterer Versuch, die schwierige deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen."

klu: Tunfisch schwimmt in Zellers Manuskript. Zeitung schreibt nach neuen Regeln. Ruhr Nachrichten, (27. 7. 1999)

"Das wird sich schrittweise vollziehen", vermutet Stadtschreiber Dr. Michael Zeller. "In 20 Jahren ist die neue Rechtschreibung dann ins Blut übergegangen." […] Zeller hält die Reform für notwendig.

26. 7. 1999

ADN: Rechtschreib-Protest läßt Senator «gelassen». Berliner Morgenpost, 26. 7. 1999, Berlin

Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) sieht einer angekündigten Anfechtung des gescheiterten Volksbegehrens gegen die Rechtschreibreform «gelassen entgegen».

dpa: "Rechtschreib-Chaos" droht: Jeder zweite macht die Reform nicht mit. Frankfurter Neue Presse, 26. 7. 1999, Nachrichten

Fast jeder zweite Deutsche (45 Prozent) will sich nicht an die neuen Regeln halten. Dies ergab eine repräsentative Umfrage der Dimap-Meinungsforscher. Auftraggeber waren die "Bild"-Zeitung und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR).

Knöß, Astrid: Serie zur Rechtschreibreform: Teil I – Luthers han krähte auch ohne "h". Otto von Bismarck verbot Verwaltung neue preußische Schulorthografie. Giessener Anzeiger, 26. 7. 1999, Lokales

Die rechte Schreibweise lernt man in der Schule – oder im Leben. Über die Jahrhunderte hinweg jedoch ganz unterschiedliche Normen. Denn seit Gutenbergs Zeiten ist die deutsche Rechtschreibung immer wieder Veränderungen unterzogen worden.

Die rechte schreibweise lernt man eben nur in der schule. Deshalb ist für die frage, ob sich die rechtschreibung noch verändern kann, die einführung der allgemeinen schulpflicht das wichtigere ereignis als Gutenberg.

Berghöfer, Ingo: Panther, Panter oder Panta – Was bringt die Rechtschreibreform? Anzeiger-Serie mit Germanistik-Professor Wolfhard Kluge informiert ab Mittwoch über Vorzüge und Tücken der umstrittenen Regelwerkes. Giessener Anzeiger, 26. 7. 1999, Lokales

Damit das ganze aber nicht zu langweilig wird, und Ihnen statt sturer Paukerei auch wirklichen Erkenntnisgewinn beschert, wird Wolfhard Kluge, Professor an der Justus-Liebig-Universität für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik, die einzelnen Regeln und die ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten mit uns erläutern. […] Der 65jährige Germanist steht der Rechtschreibreform kritisch gegenüber, allerdings nicht, weil er sie wie viele Literaten und die um den Studienrat Friedrich Denk gescharten Reform-Gegner ablehnt, im Gegenteil! Für Kluge geht die Reform, der er prinzipiell die richtige Tendenz bescheinigt, nicht weit genug.

Berghöfer, Ingo: Angst vorm Anfang vom Ende der Sprache. Viele Kritiker sehen in der Rechtschreibreform einen Kniefall vorm sinkenden Bildungsniveau in Deutschland. Giessener Anzeiger, 26. 7. 1999, Lokales

Kronzeuge der Anklage ist die Orthographie selbst, die man künftig auch als Orthografie schreiben kann, nicht aber als Ortografie, was zwar ungewohnt aber logisch wäre. Und warum wir künftig Fantasten kennenlernen werden, nicht aber Filologen, trägt auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Rechtschreibreform bei.

Hier beisst sich die katze in den schwanz. Die halbherzige lösung kommt daher, dass man auf die akzeptanz in der öffentlichkeit rücksicht nahm. Und nun hat man eben deshalb ein grosses akzeptanzproblem. Der BVR will ja nicht bei jeder gelegenheit mit «Wir haben es ja immer gesagt» kommen, aber hier . . .

ib: Gräulicher Kackadu – Die schönsten Pannen des Reformwerks. Giessener Anzeiger, 26. 7. 1999, Lokales

Die kleinen feinen Unterschiede […] sind dann Jacke wie Hose, aber wer will schon eine Reform mies machen, nur weil die Reformer sie seit Jahren immer wieder mies machen.

Kruse, Peter: Belemmert. Die Rechtschreibreform kommt. Hamburger Abendblatt, 26. 7. 1999, Politik, Kommentar

Gescholten wird die neue Schreibweise auch deshalb, weil sie alte Ungereimtheiten durch neue ersetzt. Bleiben wir beim Eingangswort belemmert. Dieses schwache Verb aus dem Niederdeutschen belemmeren (hemmen, hindern; norddeutsch: belästigen, nerven) wird nunmehr aus unerfindlichen Gründen mit einem ä geschrieben.

von Bülow, Angelika: Kinder ziehen mit bei der Rechtschreibung. In Mannheims Schulen gibt es keine nennenswerten Probleme mit der Umstellung. Mannheimer Morgen, 26. 7. 1999, Mannheim

Auch wenn Erwachsene oftmals stöhnen — für manche Schüler erscheinen die Regeln, die meist seit drei oder vier Jahren gelehrt werden, kinderleicht.

Ohl, Marcus: "Rechtschreibung behält ihre Tücken." Bürstädter Erich Kästner-Schule lehrt sei einem Jahr die neuen Regeln / Vor allem jüngeren Schülern fällt der Umstieg leicht. Mannheimer Morgen, 26. 7. 1999, Bürstadt/Biblis

Für alle notorischen Gegner der neuen Schreibweisen zeigt er auf, daß die Änderungen zum großen Teil einfacher zu erlernen sind: "Die neuen Regeln sind logischer." Doch alle Schüler, die hofften, daß der Krampf mit Rechtschreibung und Grammatik nun ein Ende hat, muß er enttäuschen: "Die deutsche Rechtschreibung behält weiterhin ihre Tücken."

Eine der tücken ist die bindestrichschreibung: Erich-Kästner-Schule.

Keine Angst vor neuen Wörtern. Mannheimer Morgen, 26. 7. 1999, Kultur

Um unsere Leser einzustimmen, haben wir ein kleines Rechtschreib-Spiel zusammengestellt, das in fünf Folgen auf der Kulturseite erscheint. Aufgabe ist es, die Wörter und Wendungen in die neue Rechtschreibung zu übertragen.

dpa: Werthebach gegen Kritik an Volksbegehren. taz Berlin, 26. 7. 1999, nr. 5895, s. 20

Der Berliner Innensenator Eckart Werthebach (CDU) hat Kritik an der Ausführung des Volksbegehrens gegen die Rechtschreibreform zurückgewiesen.

24. 7. 1999

SK: Wir führen die neue Rechtschreibung ein. Ab August übernehmen Zeitungen und Nachrichtenagenturen die Regeln der Reform. Mannheimer Morgen, 24. 7. 1999, Die erste Seite

Bald ist es soweit: Ab dem 2. August werden die Texte in unserer Zeitung nach den neuen Regeln der Rechtschreibreform erscheinen. […] Wir geben heute darüber einen Überblick und befragten noch einmal den Sprachwissenschaftler Klaus Heller vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache nach den Grundlinien der Reform.

Unterstöger, Hermann: Deutsch im Jahr 2099. Ein Blick in die Zukunft unserer Sprache. Süddeutsche Zeitung, 24. 7. 1999, SZ am Wochenende

Die Frühjahrstagung 2067 des in Mannheim ansässigen Instituts für deutsche Sprache fand eine Resonanz wie lange keine mehr. […] Das türkische "söz" für "Wort" begann sich damals gerade zum Lehnwort hochzuarbeiten. Ihm und vergleichbaren Vokabeln fiel das umso leichter, als ja, wie die Älteren unter uns vielleicht noch wissen, die Rechtschreibreform nach wie vor unerledigt beziehungsweise halbherzig realisiert durch die Gremien ging.

Büscher, Wolfgang: Ortho-Liberalismus. Die Welt, 24. 7. 1999, nr. 170, s. 10, Forum, Kommentar

Mit jeder neuen Hausorthografie, die ein Verlag nach dem anderen ausgibt, bröckelt das amtliche Sprachmonopol. […] Ist das ein Schaden? Kaum. Babylonische Sprachverwirrung muß niemand fürchten.

Nückel, Matthias: Wir machen das Chaos nicht mit. Die Welt, 24. 7. 1999, nr. 170, s. 11, Forum, Leserbriefe

Wir, die Wochenzeitung "Neue Bildpost", haben unseren Leserinnen und Lesern bereits am 4. Februar mitgeteilt, daß wir bei der gewohnten Rechtschreibung bleiben. Wir werden den Unsinn und das Chaos der sogenannten Rechtschreibreform nicht mitmachen.

23. 7. 1999

Kastenhuber, Hans-Peter: Die Reformgegner haben noch nicht aufgegeben. Initiativen in Mecklenburg, Bremen und Bayern geplant – In Berlin scheiterte ein Volksbegehren. Nürnberger Nachrichten, (23. 7. 1999), Politik

Die CDU dagegen hatte sich zunächst von der Unterstützung des Volksbegehrens Rückenwind für die am gleichen Tag stattfindende Bundestagswahl erhofft. Das ging eher schief. Im nächsten Jahr wird in Schleswig-Holstein wieder gewählt, und Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe möchte dann die SPD-Frau Heide Simonis als Ministerpräsident ablösen. […] Rühe: "Wir waren auf dem Weg nach Absurdistan." […] Nach der Einschätzung des stellvertretenden Chefredakteurs der Kieler Nachrichten, Ralf Schröder, muss die große Parteien-Allianz bei diesem Schritt auch kaum mehr den Unmut des Volkes fürchten: "Die Widerstände weichen der Einsicht, dass man den schleswig-holsteinischen Schülern mit einer Insellösung keinen Gefallen tut."

22. 7. 1999

Beese, Andre As: Im Dunkeln tappen. Lausitzer Rundschau, 22. 7. 1999, Forst

Und schmeckt er nach der Reform wirklich anders, der Tunfisch auf Spagetti? Wichtig ist doch nur, dass im Portmonee was drin ist. Nur eines habe ich richtig gut verstanden: Getrennt schreiben schreibt man getrennt und zusammenschreiben schreibt man zusammen. Genau genommen kann das alles nicht ernst gemeint sein.

Letzteres ist aber immerhin nicht neu.

21. 7. 1999

Triebswetter, Jutta: Keine Hektik wegen neuer Regeln. Verlage sind teilweise noch nicht auf Umstellung eingestellt – Kinderbücher in Schriftsprache. Erlanger Nachrichten, (21.7.1999), Lokales

Regeln hin, Regeln her – bei den meisten Erlanger Verlagen ist der Kunde, wenn er der Autor ist, König. Er kann häufig bestimmen, ob sein Text in der neuen Schreibweise veröffentlicht werden soll. Und die meisten Verfasser scheinen der Reform der Rechtschreibung eher ablehnend gegenüberzustehen.

Getrennt- und Zusammenschreibung (4). EXPRESS-Serie, 6. Folge. Express, 21. 7. 1999, News

dpa: Ein Jahr neue Rechtschreibung. Kaum noch Klagen in Niedersachsen. Hamburger Abendblatt, 21. 7. 1999, Norddeutschland

"Bei uns gibt es zur Zeit keine Klagen", sagt auch der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Richard Lauenstein. Zwar sei die Neuregelung nicht der erhoffte "große Wurf" geworden, aber langfristig könne niemand sich der Entwicklung entziehen. Die Umstellung sei in den Schulen inzwischen "mehr oder weniger vollzogen".

Weißßßßchhan, Fßrßaßnßk: Rettung für das daß. Mainpost, 21. 7. 1999, Kitzingen

Mag sein, daß wir künftig tatsächlich Känguru statt Känguruh schreiben, wenn's sein muß auch die Schiffahrt mit drei f. Aber unser ß geben wir nicht kampflos her!

Nicolai, Birger: Buch-Branche will Erfolgsstück schreiben. Verband: Buchpreisbindung mit Österreich wird bleiben / Deutlich mehr Verkäufe im Juni. Mannheimer Morgen, 21. 7. 1999, Wirtschaft

Die optimistische Stimmung hat weitere Gründe: Die Pläne der Bundesregierung, steuermindernde Teilwertabschreibungen auf Lagerbestände abzuschaffen, sind vom Tisch. Auch die Unsicherheit über die Einführung der Rechtschreibreform ist beendet. Beides gebe den Verlagen und Händlern jetzt mehr Planungssicherheit, so der Börsenverein.

bur: Zeichen setzen auch weiter starke Zeichen. Neue Presse (Hannover), (21.7.1999), Kultur

Herzlich willkommen zur letzten Folge unserer Rechtschreibserie. War doch gar nicht so schlimm, oder? […] Klar ist jedenfalls, daß die Zeitungen ab Anfang August die hier vorgestellte besonders einfache und gut lesbare Form der neuen Rechtschreibung drucken werden. […] Die Zeichensetzung wird in den Zeitungen nicht verändert.

Laures, Werner: Hochzeit oder Hoch-Zeit? Neue Rechtschreibung (Serie, Teil 6): Bindestrich-Worte. Saarbrücker Zeitung, 21. 7. 1999, Kulturleben

Die neue Regelung soll vor allem Ungereimtheiten beseitigen.

he.: Buchhandel erhofft heißen Herbst. Nach turbulenten Zeiten herrscht jetzt Aufbruchstimmung. Süddeutsche Zeitung, 21. 7. 1999, nr. 165, s. 22, Wirtschaft

"Bestsellerträchtige Titel" sollen nach der Sommerpause den Appetit auf Bücher beleben, nachdem das Gewerbe von Turbulenzen bei Buchpreisbindung, Teilwertabschreibung und Rechtschreibreform gebeutelt wurde.

Titgemeyer, Karin: Rechtschreibung großgeschrieben. Teil 6: Im dunklen oder im Dunklen tappen? Wer reicht die Taschenlampe? taz Bremen, 21. 7. 1999, nr. 5891, s. 24, Schlagseite

Schüler werden auch in Zukunft ihre Schwierigkeiten mit der Groß- und Kleinschreibung haben. Die generelle Einführung der Kleinschreibung hat sich nicht durchsetzen können. Ganz im Gegenteil werden nun noch mehr Wörter großgeschrieben: der Beste, der Letzte, im Übrigen. Aber die Rechtschreibregeln, an die man sich jetzt halten muss, sind eindeutiger und überschaubarer geworden.

gur: Weitere Volksbegehren gegen Schreibreform. Kritik in Berlin — Widerstand von Verlagen. Die Welt, 21. 7. 1999, nr. 167, s. 2, Politik, Hauptstadt

Während die Berliner Gegner der Rechtschreibreform noch immer auf eine offizielle Benachrichtigung über den Ausgang des Volksbegehrens warten, sind gestern in zwei weiteren Bundesländern Unterschriftenlisten für Volksbegehren gegen die Veränderung der Rechtschreibung eingereicht worden.

Luschnat, Sabine: Ich werde weiter so schreiben wie einst gelernt. Die Welt, 21. 7. 1999, nr. 167, s. 11, Forum, Leserbriefe

Rechtschreibreform — inzwischen rege ich mich nicht mehr so auf wie früher, wenn ich das Wort höre. Ich habe für mich entschieden, ich werde nicht an "ihr" teilnehmen.

20. 7. 1999

Getrennt- und Zusammenschreibung (3). EXPRESS-Serie, 5. Folge. Express, 20. 7. 1999, News

stg: Volksbegehren gegen neue Rechtschreibung beantragt. Frankfurter Rundschau, 20. 7. 1999, Nachrichten Inland

Im zweiten Anlauf hat eine Bremer Initiative mehr als 8000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen die Rechtschreibreform gesammelt. […] Ein erster Antrag war vom SPD/CDU-Senat abgelehnt worden, weil der Abstimmungstext nicht eindeutig formuliert sei. Außerdem greife eine Zusatzklausel, wonach sich Bremen bundesweit gegen die Reform einsetzen sollte, zu detailliert in die Regierungsarbeit ein.

Triebswetter, Jutta: Neues Regelwerk drängt nicht alle zur Eile. Erlanger Ämter und Behörden reagieren unterschiedlich auf die Einführung der Rechtschreibreform zum 1. August. Erlanger Nachrichten, (20. 7. 1999), Lokales

Nur an der Universität ist alles etwas anders und ein bisschen komplizierter. "Da wird sich so schnell keine Einheitlichkeit herstellen lassen", glaubt Ernst Merker, Abteilungsleiter für Grundsatzangelegenheiten. Die Hochschule als "mehrschichtiges" Gebilde sei sicher eine Ausnahme unter den staatlichen Behörden. Die Verwaltung werde "mit Sicherheit der Weisung" folgen. "Aber ob ein Professor, ein Wissenschaftler sich einer Regelung anpasst, von der er nicht überzeugt ist, bezweifle ich sehr", betont Merker. Er sieht in Abweichungen in Klausuren oder wissenschaftlichen Texten auch kein großes Problem, da für eine Übergangszeit von sieben Jahren ohnehin die alten und neuen Schreibweisen nebeneinander bestehen dürfen.

Dittmar, Volker: Lange Übergangszeit. Die Stadtverwaltung nimmt die Rechtschreibreform gelassen. Fürther Nachrichten, (20. 7. 1999), Lokales

Die Beschlußvorlage mutiert zur Beschlussvorlage, aber beim Spaß hört der Spass auf: Die Raffinessen der Rechtschreibreform sind selbst für Personalreferent Rudolf Becker manchmal noch etwas rätselhaft.

bur: Schifffahrt bald aus dem Effeffeff zu beherrschen. Neue Presse (Hannover), (20.7.1999), Kultur

Ach, was haben die Berufsbedenkenträger nicht gegen die Rechtschreibreform lamentiert! Und zur Abschreckung das inzwischen klassische Beispiel der "Schiffahrt" mit drei "f" als "Schifffahrt" gebracht.

ADN: Rechtschreib-Reform vor Landtag. Volksinitiative zum Stopp der Neuerung übergibt 20000 Unterschriften. Nordkurier, 20. 7. 1999

Nach Angaben von Landtags-Sprecher Hendrik de Boer könnte sich das Parlament bereits im September in erster Lesung mit der Volksinitiative befassen. Nach der Verfassung muß das Parlament das Thema bis Ende November abschließend behandelt haben.

Germann, Dieter: An den Büchertischen herrscht Ruhe. Rechtschreibreform: Buchhandlungen und Druckereien gehen gelassen mit der Neuerung um. Nürnberger Nachrichten, 20. 7. 1999, Lokales

Laut Thomas Hollermeier von Hugendubel fragen Kunden "nur vereinzelt" danach, ob ein Buch in traditioneller oder neuer Rechtschreibung gedruckt ist. […] Allerdings sind enorme Kosten der Tribut für den Wechsel. Allein 300 Millionen Mark veranschlagen die Schulbuchverlage für das Thema, Aussonderungskosten beliefen sich auf 20 bis 40 Millionen. Komplette Fachbuchangebote, zum Beispiel in Mathematik und in der Sozialwissenschaft, müssen umgeschrieben werden. Und als nächstes Großprojekt steht schon die Umstellung von Mark auf Euro auf dem Programm.

Die Willkür der Mächtigen. Holsteinischer Courier, 20. 7. 1999, Lokalnachrichten

"Der Wille des Bürgers kann doch nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden", empört sich Marco Thies, Kreisvorsitzender der Jungen Union. […] Zwar gebe es gute Gründe für die Einführung der neuen Regeln, aber man könne nicht einfach "die Willkür der Mächtigen" herauskehren, so Thies.

ap: Neue Aktion gegen Rechtschreibreform. Saarbrücker Zeitung, 20. 7. 1999, Kulturleben

Die Bremer Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" hat gestern mehr als 8000 Unterschriften für ein neues Volksbegehren bei der zuständigen Behörde abgegeben.

Laures, Werner: Ob Sessel oder Schule — wir müssen sitzen bleiben. Neue Rechtschreibung (Serie, Teil 5): Getrennt- und Zusammenschreibung. Saarbrücker Zeitung, 20. 7. 1999, Kulturleben

Welche Wortverbindungen nach alter Regelung zusammen- und welche getrennt geschrieben werden mußten, war wegen der vielen Ausnahmen nie zufriedenstellend geregelt.

Reformgegner starten zweites Volksbegehren. Die Welt, 20. 7. 1999, nr. 166, s. 4, Deutschland, Politik kompakt

Es ist bereits der zweite Versuch der Reformgegner, die alten Regeln für verbindlich zu erklären.

19. 7. 1999

Getrennt- und Zusammenschreibung (2). EXPRESS-Serie, 4. Folge. Express, 19. 7. 1999, News

Verbindungen aus Substantiv und Partizip werden getrennt geschrieben, wenn die Getrenntschreibung auch im Infinitiv gilt und in der Verbindung kein Wort erspart wird. […] Verbindungen aus einem Verb im Infinitiv und einem zweiten Verb schreibt man nur noch getrennt. […] Verbindungen aus einem Partizip und einem Verb werden ebenfalls stets getrennt geschrieben.

Stimmen der Anderen. Babylonisch. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 7. 1999, nr. 164, s. 2, Politik

"Die Rheinpfalz" (Ludwigshafen) denkt über die deutsche Sprache und die Rechtschreibreform nach. […] Die Deutschen sollten erst ihre Hausaufgaben machen, bevor sie in Europa laut Forderungen stellen. Sie sollten ihre Sprache besser lernen und der babylonischen Verwirrung um die Rechtschreibreform schnell ein Ende machen.

sz: Ab 1. August greift neue Rechtschreibung bei der SZ. Schwäbische Zeitung, 19. 7. 1999, Allgemeine News

Mag man also stehen zu ihr, wie man will, die Reform ist nicht mehr rückgängig zu machen. […] Um unsere Leser auf diese Änderungen einzustimmen, starten wir heute mit einer zweiwöchigen Serie. […] Dieser Text ist – nach bestem Wissen und Gewissen – gemäß den neuen Regeln geschrieben. Damit wird schlagartig klar, daß die Änderungen im Schriftbild doch nicht so sehr ins Gewicht fallen, wie von vielen immer befürchtet wurde.

18. 7. 1999

Kramarz, Joachim: Spracheinheit wahren! Der Tagesspiegel, 18. 7. 1999, nr. 16755, s. 8, Demokratisches Forum (leserbriefe)

Kerstin Deckers einziges konkretes Beispiel über reformbedingte Mißbildungen sind die Konsonantenhäufungen bei einigen zusammengesetzten Hauptwörtern. Das ist auch so gut wie das Einzige, was Gegner der Reform parat haben. Dabei wissen sie, daß es auch nach den bisherigen Regeln die Konsonantenhäufungen in Wortverbindungen gegeben hat.

Kahlert, Karin: Begehren mußte scheitern. Der Tagesspiegel, 18. 7. 1999, nr. 16755, s. 8, Demokratisches Forum (leserbriefe)

Die Reformgegner haben gute Aufklärung geleistet, sie haben die Absurditäten erst sichtbar gemacht, sie haben dargestellt, daß in die Grammatik eingegriffen wird.

Halten Sie sich an die neue Rechtschreibung? Die Frage der Woche. Welt am Sonntag, 18. 7. 1999

Heute antworten fünf deutschsprachige Nobelpreisträger (Horst Störmer, Robert Huber, Ernst Otto Fischer, Johann Deisenhofer, Richard Ernst [schweizer]).

Tinti, Karlheinz: Rechtschreibreform. Kleine Online, 18. 7. 1999, Leserbriefe

Die Reformer sollte man mit einer Dis-tel (welche Nummer hat die Dis?) peitschen und mit einem nassen Wolllappen in die Schneewechte jagen, zum Mindesten mit einer Flussschifffahrt aus dem Land bringen.

17. 7. 1999

sup.: Schulbuchverlag Klett investiert stark in Elektronik. Kurzfristig aber kein großer Markt für neue Medien erwartet / Probleme durch Rechtschreibreform überwunden. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 7. 1999, nr. 163, s. 17, Wirtschaft

Nachdem vor Jahresfrist die Rechtschreibreform endgültig beschlossen worden sei, hätten die Bildungseinrichtungen ihre Kaufzurückhaltung aufgegeben, berichtete Klett-Vorstandschef Michael Klett vor Journalisten in Stuttgart.

Rechtschreibung: Neues Gesetz nach der Sommerpause? Kieler Nachrichten, 17. 7. 1999, Schleswig-Holstein

Schon in der ersten Sitzung des Landtags nach der Sommerpause soll das Schulgesetz geändert werden. […] Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unterstützte die "schnelle Wende" und kritisierte ebenso wie die Koalition die bisherige Haltung der Union: "Kinder und Jugendliche sollen nicht länger als nötig die Suppe auslöffen müssen, die ihnen verbiesterte und gleichgültige Erwachsene unter Anleitung der CDU eingebrockt haben."

xs.: Fernschulen machen Klett Freude. Die Verlagsgruppe schnitt im vergangenen Jahr besser ab als erwartet. Süddeutsche Zeitung, 17. 7. 1999, Wirtschaft

"Es war wieder das erste Jahr, das durch die Rechtschreibreform nicht belastet war", sagte Klett. Insgesamt habe die Reform die Firma 16 Millionen DM gekostet.

Getrennt- und Zusammenschreibung (1). Express-Serie, 3. Folge. Express Online, 17. 7. 1999, News

Verbindungen aus Substantiv und Verb werden in der Regel getrennt geschrieben.

16. 7. 1999

bur: Rechtschreibreform: Folge 8. Neue Presse (Hannover), (16. 7. 1999), Kultur

Doch ist vielen Leserinnen und Lesern ja gar nicht klar, was man alles mit der Zeitung machen kann! Lesen, klar. Aber noch viel mehr: Im Sommer Hütchen falten. […] Die Mücken totschlagen. Toll, oder? Und die Krönung all dieser Vorteile ist die besondere Art der Rechtschreibung, auf die sich die Zeitungen geeinigt haben. Damit die tollen Texte auch weiter schön leicht lesbar bleiben.

Laut-Buchstaben-Zuordnung (2). Express-Serie, 2. Folge. Express Online, 16. 7. 1999, News

Wenn in zusammengesetzten Wörtern drei gleiche Buchstaben aufeinander treffen, bleiben alle erhalten. […] Das ph kann in phon, phot und graph und in einigen Einzelfällen durch f ersetzt werden; neben -tial und -tiell sind in einigen Fällen auch -zial und -ziell möglich. Vereinzelt können gh, rh, th zu g, r, t werden.

Laass, Wolfgang: Firmen in der Region warten vorerst noch ab. Aktualisierte Orthografie erst 2005 verbindlich – Signalwirkung durch die Nachrichtenagenturen. Nürnberger Nachrichten, (16. 7. 1999), Politik

"Wir haben die Diskussion aufmerksam verfolgt, aber noch kein konkretes Umstellungsdatum vereinbart." Der nahezu einhellige Tenor verrät: Zahlreiche regional ansässige Firmen interessiert eine zügige Übernahme der reformierten Rechtschreibung lediglich am Rande.

lsw: Schulbücher wieder gefragt. Klett-Verlagsgruppe legt beim Gewinn deutlich zu. Stuttgarter Nachrichten, 16. 7. 1999, Wirtschaft

In den vergangenen Jahren hätten die Schulen wegen der unsicheren Rechtslage zur Rechtschreibreform verhaltener geordert. Insgesamt beliefen sich die reformbedingten Investitionen des Unternehmens auf 16 Mio. DM, betonte der Verlagschef.

Heller, Michael: Das Interesse an Fernschulen nimmt zu. Erwachsenenbildung gewinnt bei Klett an Gewicht - Rechtschreibreform belastet nicht mehr. Stuttgarter Zeitung, 16. 7. 1999, Wirtschaft

Erstmals seit 1995 hat die Rechtschreibreform, die Klett insgesamt mit 17 Millionen DM belastet hat, nicht mehr auf das Ergebnis gedrückt.

Niggemeier, Stefan: Meiden Sie den Aussenminister! Wie Zeitungen und Zeitschriften sich auf die neue Rechtschreibung ab 1. August einstellen. Süddeutsche Zeitung, 16. 7. 1999

In zwei Wochen darf Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust ein Kunststück vollbringen, das sein Magazin sonst bei Politikern beobachtet: eine komplette Kehrtwende wie einen hauchzarten Kursschwenk aussehen zu lassen. […] Für die Süddeutsche Zeitung stellt der 1. August einen größeren Einschnitt dar als für die meisten anderen Blätter: Nach 55 Jahren verschwinden Telephon und Photo aus dem Blatt. […] Das Durcheinander verschiedener Hausrechtschreibungen wird vom Leser wohl kaum so deutlich wahrgenommen, wie es jetzt diskutiert wird. Schon bislang standen verschiedene Schreibweisen nebeneinander – bewußt (Kuba/Cuba) oder als hartnäckiger Fehler.

Keller, Dieter: Rechtschreib-Probleme sind vorbei. Elektronische Aktivitäten bei Schulbuchverlag noch klein. Südwest Presse, 16. 7. 1999, Wirtschaft

Schon das vergangene Jahr lief für Klett unerwartet gut. Der Umsatz stieg um gut 9 Prozent auf 463 Mio. DM (237 Mio. DM). Grund waren die überstandenen Geburtswehen der Rechtschreibreform: Die Umstellungskosten von 16 Mio. DM wurden in den Jahren zuvor verkraftet. Zudem nahmen die Buchbestellungen kräftig zu, nachdem das Bundesverfassungsgericht vor genau einem Jahr entschieden hatte, die Einführung der neuen Rechtschreibung nicht zu verbieten.

Unterberger, Andreas: Nun ist die Sprach-Verwirrung total: Jedem seine eigene Rechtschreibreform. Die Presse, 16. 7. 1999, Innenpolitik

Im deutschen Sprachraum entwickelt sich ein Wildwuchs an unterschiedlichen Rechtschreibregeln. Viele Medien führen nun eigene Versionen ein, die sich von der in Schulen gelehrten deutlich unterscheiden. "Die Presse" bleibt bei der bisherigen Rechtschreibung. […] Die angepeilte Vereinheitlichung ist total mißglückt. Im Gegenteil: Die Schweiz wird auch weiter ohne "ß" auskommen. […] Auch wenn die Reform der Schulbücher kaum noch rückgängig zu machen ist, so hat der von der "Presse" und vielen anderen erhobene Protest dennoch für die Zukunft Sinn: als warnendes und abschreckendes Zeichen des Bürgermuts gegen eine regulierungswütige Obrigkeit.

dpa/le: Agenturen und Zeitungen: Es bleibt bei aufwendig statt aufwändig. Dolomiten, 16. 7. 1999, Politik

Ab 1. August erscheinen auch die "Dolomiten" mit neuer Schreibweise. Die Agenturen werden die Reform weitestgehend mit einigen Ausnahmen umsetzen.

APA: Nicht alle österreichischen Medien machen Rechtschreibreform mit. Dolomiten, 16. 7. 1999, Politik

"täglich Alles" und "Die Ganze Woche" aus dem Hause Kurt Falks machen die Reform nicht mit.

Hat man denn bei der alten regelung mitgemacht? Die schreibweise der titel spricht nicht unbedingt dafür.


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Rolf Landolt