Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 16. 8. 2000
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Aus der presse

Nachgeführt 29. 7. 2010, 15. 4. 2010


16. 8. 2000

AZ: 60 Prozent wollen alte Orthographie. AZ-Online: Frage der Woche. Augsburger Allgemeine, 16. 8. 2000, Bayern

Auch die Mehrheit der User von AZ-Online will zur alten Rechtschreibung zurück. Auf die Frage: Sollen wir zur alten Rechtschreibung zurückkehren? antworteten in der vergangenen Woche 61,6 Prozent mit Ja 37,7 Prozent mit Nein 0,7 Prozent hatten keine Meinung.

Dittmar, Peter: Ausgeheckt. Berliner Morgenpost, 16. 8. 2000, Feuilleton

Die britische Regierung will ein Gesetz erlassen, mit dem die Höhe von Gartenhecken reglementiert wird. […] Wer da von einem Sturm im Wasserglas spricht […], verkennt den Ernst der Lage. Ihm mangelt es am Sinn für die Themen, die zu erregen vermögen. Übersehen wir nicht: Was dem einen die Gartenhecken sind, ist anderen die Rechtschreibreform.

lau: Kreis-CDU übt scharfe Kritik an Schreibreform. Thümler: So kann es nicht weitergehen. Delmenhorster Kreisblatt, 16. 8. 2000, Stuhr, Landkreis

Massive Kritik übt der Vorsitzende des Arbeitskreises Landespolitik des CDU-Kreisverbandes Oldenburg-Land, Thorsten Thümler, an der Rechtschreibreform. […] "Die junge Generation in Deutschland wächst zurzeit mit völlig unverbindlichen Schreibvorgaben auf, die zu einer Verunsicherung bei den Schülern in der Rechtschreibung führen."

Reith, Karl-Heinz: Lehrer nähren die Vorurteile. Frankfurter Neue Presse, 16. 8. 2000, Hintergrund

Die Lehrerschaft ist wie kaum ein anderer Berufsstand in einer fast unüberschaubaren Fülle von Einzel-Organisationen aufgesplittert. Das wurde kürzlich erst wieder deutlich bei unterschiedlichen Stellungnahmen der diversen Verbände zur Rechtschreib-Reform oder bei der Einschätzung von Laptops für Schüler, die auch nicht einheitlich ausfiel.

Kutscher, Volker: Rechtschreibreform wird wieder diskutiert. Interview. Kölnische Rundschau, Bergische Landeszeitung, (16. 8. 2000), Bergisches Land

Heinz Strauf ist Schulleiter der Konrad-Adenauer-Hauptschule und Sprecher der Wipperfürther Schulen. […] Selbst im Fremdsprachenunterricht können neue Schreibweisen Verwirrung stiften: Wenn der Schüler beispielsweise auch im Italienischen "Spagetti" statt "Spaghetti" schreibt. Im Zuge der Europäisierung sollten solche Begriffe aus anderen Sprachen europaweit einheitlich geschrieben werden.

Also spagetti, maiones, ragu wie in der in Europa am meisten gesprochenen sprache russisch; filosofie, tradizion, ritmus wie im italienischen, russischen usw. — und das ganze natürlich in kleinschreibung.

Hartmann, Rainer, Wer quer schießt, trifft daneben. Eine willkürliche Getrenntschreibung ist der größte Skandal der Reform. Kölner Stadt-Anzeiger, 16. 8. 2000, Kultur

Mitten hinein in die wieder heftig aufschäumende Diskussion über die Rechtschreibreform und deren Folgen fällt der neue Duden […]. Die 22. Auflage enthält 5000 Stichwörter mehr […]. Aber entscheidend ist, was sie über die Nachbearbeitung der Rechtschreibreform erzählt. Ist das Unvernünftige wenigstens ein bisschen vernünftiger geworden? Kann dieses dicke Buch die offensichtlich sehr unpopuläre Reform den Lesenden und Schreibenden ein wenig näher bringen? Solche Fragen lassen sich im Wesentlichen mit Nein beantworten.

Merkel gesteht »eigene Note« bei Rechtschreibung. Neuer Duden erscheint am 25. August mit 300 Infokästen – Bei Getrenntschreibung mehr Toleranz empfohlen. Main-Echo, (16. 8. 2000), Kultur

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat offenbar nicht erst seit der Rechtschreibreform ein leicht getrübtes Verhältnis zur Orthografie. Sie befürchte, dass ihre Schreibung »schon vorhereine gewisse eigene Note hatte«, sagte sie. »Wenn im Zuge einer Überarbeitung die Fragwürdigkeiten korrigiert würden, käme mir das entgegen – ich habe sowieso noch nicht alles gelernt«, sagte Merkel. Aus Verantwortung gegenüber den Schulen sei sie aber dagegen, die Reform zukippen.

Schlicht, Uwe: Leichtere Silbentrennung, weniger Fehler. Lehrer berichten über Erfahrungen mit der neuen Orthographie in Brandenburg. Tagesspiegel, 16. 8. 2000, nr. 17143, 56. jg., s. 28, Wissenschaft

Um so mehr Aufmerksamkeit verdient ein seriöser Bericht, der jetzt vom Pädagogischen Landesinstitut in Ludwigsfelde angefertig worden ist. Moderatoren haben die Einführung der neuen Rechtschreibung in den Schulen Brandenburgs über Jahre verfolgt - und zwar nach den Berichten, die sie in Fortbildungsveranstaltungen von den Lehrern erhielten. Gesamturteil: Die Schulen haben positive Erfahrungen mit der neuen Rechtschreibung gemacht.

Duden ist für Vielfalt beim Schreiben. Tagesspiegel, 16. 8. 2000, nr. 17143, 56. jg., s. 28, Wissenschaft

Eine an dem Werk beteiligte Mitarbeiterin sagt dazu, dass die Duden-Redaktion oft heftig um einzelne Schreibungen gerungen habe. Generell setze sich dabei zunehmend die Position durch, dass die Beobachtung der faktischen Sprachverwendung ein höheres Gewicht erhalte als der Anspruch der Regelfestsetzung.

red/APA: Sekretärinnen sagen Nein Duden-Redaktion sagt Jein. Neue Wortmeldungen im Streit um die Rechtschreibreform. Der Standard, 16. 8. 2000, s. 14, Kultur

Laut einer Umfrage des österreichischen Verbands für Sekretariat und Büromanagement halten 70 Prozent der 200 Befragten die Reform für "nicht gut", 18 Prozent für "teilweise gelungen" und zwölf Prozent für "gut". 51 Prozent wenden sie nicht an, neun Prozent nur teilweise. 55 Prozent sprechen sich für die Rückkehr zur alten Orthographie aus, 37 Prozent für die Beibehaltung der neuen.

Debatte über Rechtschreibung. Freiheitliche wollen Antrag zur Reform der Rechtschreibreform im Landtag stellen. Kleine Zeitung, 16. 8. 2000, Österreich & Welt

Die Rechtschreibreform sei als "wirres Diktat einer abgehobenen Expertenkommission gegen den Willen und die Bedürfnisse der Menschen" gescheitert, stellte der Bildungssprecher der Kärntner Freiheitlichen, Johann Gallo, fest.

15. 8. 2000

Letzte Umfrage: Sind Sie für die neue Rechtschreibung? Brückenbauer (Zürich), 15. 8. 2000, nr. 33, s. 8, Pro & Kontra

Eine grosse Mehrheit der 1727 Anruferinnen und Anrufer sagte nein zur neuen deutschen Rechtschreibung. Ja: 10 Prozent, nein 90 Prozent.

Etter, Jann: Das FAZit. Kolumne. Südostschweiz Glarus, 15. 8. 2000, nr. 189, s. 7, Glarnerland

Vom Willen beseelt, die jahrzehntelang geführte Diskussion um die Rechtschreibereform — sie drehte sich um die gemässigte Kleinschreibung, für welche man aber keine Lösung fand — doch noch zu einem irgendwie gearteten «Erfolg» zu führen, haben die Schreibungs-Gelehrten die Heilige Duden-Kuh nicht etwa am Schwanze aufgezäumt, sondern sie in ihren Anfangszustand, mit dem jede andere Heilige Kuh auch einmal (klein) angefangen hat, zurückversetzt: in jene des Kalbes. Und so kamen sie neben einigen guten Ideen auch auf einige Kalbereien und schliesslich noch auf eine Art Wichtigtuerei.

> stellungnahme.

14. 8. 2000

Rechtschreibreform: Allgemeine Verunsicherung. ARD, Tagesthemen, 14. 8. 2000, 22.30 uhr

Heute hat im größten Bundesland, Nordrhein-Westfalen, die Schule wieder angefangen. Doch in den Klassenzimmern herrscht Unsicherheit: alte oder neue Rechtschreibung?

Rechtschreibung: Kürzelsprache in den USA. ARD, Tagesthemen, 14. 8. 2000, 22.30 uhr

4 you, You 2, in den USA werden täglich neue Sprachspielereien erfunden. Die Amerikaner finden die neuen Lautmalereien offensichtlich "funny", doch oft verstehen sie sie selbst nicht mehr.

Erinnerungen an den Mauerbau und die Rechtschreibung. ARD, Tagesthemen, 14. 8. 2000, 22.30 uhr

An der hessisch-thüringischen Grenze ist gestern ein Denkmal am ehemaligen US-Stützpunkt "Point Alpha" enthüllt worden. In das Mahnmal aus Holz wurde der denkwürdige Satz hineingeschnitzt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehöhrt". Da scheint sich jemand verschnitzt zu haben.

Schulte-Holtey, Peter: Schnell entscheiden. Offenbach Post, 14. 8. 2000, Politik, Kommentar

Vielen Benutzern der Schriftsprache ist zuletzt immer klarer geworden, dass sie von den Reformern kräftig getäuscht worden sind. Denn die versprochene größere Vereinheitlichung ist nicht festzustellen.

Staberl: Misslungener Reformversuch. Neue Kronen-Zeitung, 14. 8. 2000, nr. 14.461, s. 6, Ausland

Langwierige Diskussionen um die neue Rechtschreibung sind übrigens entbehrlich. Es genügt schon der Hinweis auf eine exemplarische Fehlleistung der Reformer. Nämlich dass sie auch in Zeiten der viel gelobten europäischen Integration den Buchstaben "ß", den es sonst in ganz Europa nicht gibt, keinesweg abgeschafft, sondern ganz im Gegenteil seinen Gebrauch sogar noch weiter verkompliziert haben.

13. 8. 2000

> Kunert, Günter: Vom Übermut der Ämter — wider die Dogmatik der Rechtschreibreform. Radio Bremen, bremen zwei, 13. 8. 2000 (647 wörter)

Der Leser von Morgen […] würde über viele Wendungen und Formulierungen in den Werken beispielsweise Thomas Manns stolpern, weil er ja etwas anderes in der Schule gelernt hat.

Der leser von übermorgen (nach der abschaffung der substantivgrossschreibung) würde hier nicht mehr stolpern. Wir danken dem besorgten schriftsteller für die beweisführung: 1. Der leser braucht die grosschreibung, um die bedeutung zu erfassen (Morgen = morning, morgen = tomorrow). 2. Es funktioniert nicht; selbst der empfindliche schriftsteller führt uns in die irre. 3. Es macht nichts; man versteht es trotzdem. 4. Der leser braucht keine künstlichen ortografischen krücken.

12. 8. 2000

Bonifaz meint: Falsch ist auch richtig geschrieben. Augsburger Allgemeine, 12. 8. 2000, Bayern

Die Rechtschreibung vom Bonifaz ist eine sogenannte einfache Hinschreibung. Man nennt sie auch die begrenzt kontrollierte Falschschreibung. Da kann man nämlich nicht viel falsch machen. Solang man beim Lesen weiß, was der Hinschreiber gemeint hat, kann es gar keine Falschschreibung sein. […] Daß man um das Recht-, Falsch- und um das reformierte Schreiben auf einmal wieder so einen Zinnober macht, ist dem Bonifaz, wie gesagt, ziemlich wurscht. […] Er behauptet nämlich, daß Schreiben so und so eine Kunst ist. Und weil man in und mit der Kunst alles darf, schreibt er wie er will, manchmal sogar so wie ihm der Schnabel gewachsen ist, gell.

Lauschmann, Wolfgang: Verschlimmbessert. Zu Nachhilfe (FR vom 5. August). Frankfurter Rundschau, 12. 8. 2000, Leserbriefe

Statt hier anzusetzen und auszuforsten, bei Kommaregeln und adverbialen Bestimmungen, wurde gräulich oder greulich verschlimmbessert und — beispielsweise — schwerfälligst daherkommende ss- statt ß-Regeln den Lernenden befohlen.

11. 8. 2000

Vollmann, Rolf: Endlich! Neue Zürcher Zeitung, 11. 8. 2000, nr. 185, s. 54, Feuilleton

Sind ein bisschen Freiheit, ein bisschen Anarchie, ein bisschen Tun-Können, was man will, nicht das Schönste, was auf diesem nun tatsächlich uns alle angehenden Feld herauskommen kann bei einer Reform? Einer Reform, die ans Ziel kommt, weil sie so glänzend also wie nur ganz selten tut, was solche Reformen viel häufiger sollten: scheitern, einfach völlig scheitern.

Haberthür, Edgar: Die Rechtschreibereform – Posse oder Trauerspiel? Neue Zürcher Zeitung, 11. 8. 2000, nr. 185, s. 61, Briefe an die NZZ

Am besten wäre es, die misslungene Übung abzubrechen. Wenn man sich nicht dazu durchringen kann, bleibt nur eine «Reform der Reform», wobei – und das wäre das Mindeste – die von der NZZ getroffenen Regelungen zu berücksichtigen wären.

Das hat man schon vorher gemacht. Nur heisst «berücksichtigen» nicht einfach so übernehmen. Und wenn man sich von der NZZ-schreibung «überschwänglich» zu «behände» verleiten lässt und dann die NZZ das nicht goutiert, hat man pech gehabt.

Barti, Alexander: Die Festung bröckelt. Rechtschreibreform: Wenn die Politik versagt, müssen die Bürger Dampf machen. Junge Freiheit, 11. 8. 2000, nr. 33, s. 1

Wieso die Frankfurter Allgemeine Zeitung wieder zur alten Schreibweise zurückgekehrt ist, bleibt ein Rätsel – Mitgefühl für die schreibende Bevölkerung, die laut Umfragen zu 75 Prozent die verordneten Neuerungen ignoriert, wird es wohl nicht gewesen sein. Vielleicht sollte das Ganze nur eine selbsterlösende Rettungsaktion sein, um das jährlich drohende Sommerloch zu stopfen. […] Leider ist es nicht verwunderlich, daß die konsequente Ablehnung der Rechtschreibung durch die Junge Freiheit nicht zur Kenntnis genommen wurde, weder in der Anfangsphase des Chaos noch jetzt, da die Festung der Verwirrung stiftenden Neuerer zu bröckeln beginnt.

neu Schwarz, Moritz: "Das ist ein Dammbruch." Der Rechtschreibreformkritiker > Theodor Ickler über die Rückkehr der > FAZ zur alten Rechtschreibung und die politischen Hintergründe der Reform. Junge Freiheit, 11. 8. 2000, nr. 33, s. 3, Im Gespräch (2530 wörter)

Ist das nun der Sieg der alten Rechtschreibung? Ickler: Das ist noch schwer zu sagen. Aber wir wissen, daß nun auch in vielen anderen Redaktionen nachgedacht wird. Ich glaube aber, das Vorbild der FAZ wird seine Wirkung tun. Diesen Schritt halte ich für ein ganz entscheidendes Ereignis, das ist ein Dammbruch und ich persönlich glaube, daß er zum baldigen Ende Rechtschreibreform beitragen wird.

Schlicht, Uwe: Keine Angst vor der Masse. Breitenbildung und Förderung der Eliten - ein Widerspruch, der nach 40 Jahren Zickzackkurs gelöst werden kann. Tagesspiegel, 11. 8. 2000, Campus

Sind eine korrekte Rechtschreibung und mathematisches Denken nur einer Elite vorbehalten oder soll das Ziel, korrektes Deutsch und mathematisches Denken zu lernen, auch für die Massen erreichbar sein? Versuchen die deutschen Kultusminister zusammen mit der Schweiz und Österreich, eine Rechtschreibreform auszuhandeln, die das Lernen der Orthografie in einer neuen, logischen und leichteren Weise erlaubt, wird der Untergang der deutschen Sprache beschworen. Und das ausgerechnet von Schriftstellern. Dichter sollen sprachschöpferisch wie im "Ulysses" auch ohne Punkt und Komma in Satzbruchstücken schreiben, wenn es denn der Kunst dient. Nur im Alltag sind die meisten Menschen keine Künstler und sollten das normale Deutsch beherrschen. Was Lehrer und Schüler über die Rechtschreibung denken, ist vielen Intellektuellen leider gleichgültig.

10. 8. 2000

Niederhauser, Jürg: Wiederholte Diskussionen. Der Bund, 10. 8. 2000, nr. 185, s. 9, Feuilleton

Unabhängig vom konkreten Anlass bleiben die Argumente erstaunlich gleich. Vor 125 Jahren war es nicht möglich, einen Leserbrief per E-Mail zu senden. Würden die Mails zur aktuellen Diskussion um die neue Rechtschreibung in Frakturschrift ausgedruckt und in der Wortwahl und in der Orthografie ein wenig angeglichen, liesse sich ein grosser Teil von ihnen kaum von Diskussionsbeiträgen des 19. Jahrhunderts unterscheiden.

Pöhner, Ralph: Keine Reform der Reform. Facts, 10. 8. 2000, nr. 32, s. 124, Kultur

Auffällig etwa, wie wenig Niederschlag die neue deutsche Debatte in der Schweiz fand: Bei der zuständigen > Erziehungsdirektoren-Konferenz ging kein einziger Vorstoss ein, kein Antrag, nichts.

Laux, Bernhard: «Wohin zurückbuchstabieren?» Der Schweizer Delegationsleiter Hans Höhener zur neuen Diskussion um die Rechtschreibreform. St. Galler Tagblatt, 10. 8. 2000, Ostschweiz

Alt Landammann Hans Höhener, Leiter der damaligen Delegation der Schweiz, hält die Aufgeregtheiten um die neue deutsche Rechtschreibung für überflüssig — ein Zurück zur alten Schreibweise ist nach seiner Auffassung ausgeschlossen. […] Dass aus der Reform nur ein Reförmchen geworden sei, hat nach Auffassung von Hans Höhener den Widerstand gegen die neue Rechtschreibung begünstigt: «Die Korrekturen waren zu wenig radikal. Aus Gründen der Akzeptanz war eine sanfte Landung angestrebt worden.» Wenn es nach der Schweiz gegangen wäre, hätte auch die gemässigte Kleinschreibung Eingang in die Reform gefunden.

Surber, Peter: Herliche Zeiten. St. Galler Tagblatt, 10. 8. 2000, Kultur

«Herliche Berge, sonnige Höhen — ja, es wahr wunderschön hier oben.» Der Eintrag im Hüttenbuch auf zweieinhalbtausend Metern klingt noch in unseren Ohren nach. […] Im Internet, dem globalen Hüttenbuch, wird heute schon allen Rechtschreibregeln gespottet.

Müller, Dorothee: Neue Regeln, alte Bücher. Fuldaer Zeitung, 10. 8. 2000

Obwohl die neue deutsche Rechtschreibung inzwischen verbindlich ist, müssen sich Schülerinnen und Schüler in Stadt und Landkreis Fulda zum Teil noch mit Sprach- und Lesebüchern in alter Schreibweise auseinandersetzen. Dies ergab eine Umfrage der FZ zum Schuljahresbeginn 2000/2001.

9. 8. 2000

Jandl, Paul: Sommeraufregung. Rechtschreiben in Österreich. Neue Zürcher Zeitung, 9. 8. 2000

Die Politik hat sich auch eingeschaltet. Die Freiheitliche Partei fordert, die Rechtschreibreform abzublasen, der SPÖ geht sie ebenso zuwenig weit wie den Grünen: «die einführung der kleinschreibung sollte auf der tagesordnung stehen.»

Rechtschreibreform ist auf Grund gelaufen. Frankfurter Revolte, TA vom 29. 7. / Wortwirrwarr, Brief vom 4. 8. Tages-Anzeiger, 9. 8. 2000, Leserforum

Annemarie Reich, Uster: Der Tagi könnte mir und unzähligen anderen Leserinnen und Lesern eine riesige Freude bereiten, wenn auch er zur alten Rechtschreibung zurückkehren würde. — Edgar Haberthür, Winterthur: Ausgangspunkt der Reform war das geistige Umfeld der antiautoritären 68er-Bewegung. — Maragret Santos-Schnetzer, Embrach: Bitte stampft die neuen Rechtschreibregeln ein und kehrt zur gewohnten und altbewährten Schreibweise zurück!

alk: Schreibreform: "Schüler völlig verunsichert." Offenbach Post, 9. 8. 2000, Stadt Offenbach

"Erst die Reform, dann die Diskussion, das ist mehr als misslich", sagt Thomas Findeisen, Leiter der Schillerschule. […] Für überzogen hält Bruno Persichilli, Leiter der Ernst-Reuter-Schule, die Diskussion. "Es ändert sich ständig so viel in unserem Leben. Und bei technischen Neuerungen sind alle immer ganz wild darauf, mit dabei zu sein." […] Vielmehr fordert er wie Findeisen, die Schriftsprache weiter zu vereinfachen. Für entbehrlich hält der Pädagoge beispielsweise die Groß- und Kleinschreibung.

HK: der bericht. Die Presse, 9. 8. 2000, nr. 15742, s. 2, Meinung

Die ganze Republik wartet auf den Bericht der drei Weisen, die das politische Klima hierzulande untersuchen. […] Alles ist möglich: Englisch, Französisch, Spanisch, Finnisch, Deutsch. […] Nach welchen Rechtschreibregeln wird man einen deutschen Bericht abfassen? Nach den alten, an die sich Zeitungen in Frankfurt und Wien, die wahrlich keine Würstchen sind, halten? Oder nach ganz neuen, wie sie die SPÖ fordert? Den Sozialdemokraten zufolge müßte es ja heißen: "ergebnis des berichts: fpö pfui, aber ende des boykotts".

Österreich: 69 Prozent gegen Rechtschreibreform. Die Presse, 9. 8. 2000, nr. 15742, s. 22, Kultur und Medien

Nur zwei Prozent schreiben nach den neuen Regeln, nur sieben Prozent sind für die Reform — dies ergab eine OGM-Umfrage. […] "Keinen Handlungsbedarf" sehen die österreichischen Schulbuchverlage beim Thema Rechtschreibung. Eine Rückkehr zur alten Schreibweise nannte Othmar Spachinger, Geschäftsführer von öbv & hpt, dem größten heimischen Schulbuchverlag, gar "denkunmöglich".

8. 8. 2000

Sind Sie für die neue Rechtschreibung? Brückenbauer (Zürich), 8. 8. 2000, nr. 32, s. 8, Pro & Kontra

Eine Mehrheit möchte zu den alten Regeln zurück. […] Was denken Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Sind sie für oder gegen die neue Rechtschreibung? Pro-standpunkt: > Christian Schmid, kontra: > Eveline Hasler. Eine rückkehr zu den alten Regeln wird nicht vorgeschlagen.

Kalberer, Guido: Machtkampf geht weiter. Der Poker um die Rechtschreibreform geht in eine neue Runde. Die Aussteiger mehren sich. Tages-Anzeiger, 8. 8. 2000

Während man sich in der Schweiz und in Österreich schön brav an die neue Rechtschreibreform hält, kommt die Debatte über Sinn und Unsinn der Neuerungen in Deutschland erst so richtig in Fahrt.

Lehming, Malte: Keine Frage der Trennung. Tagesspiegel, 8. 8. 2000, nr. 17135, 56. jg., s. 1, Leitartikel

Vor Einführung der Reform war die deutsche Sprache zweifellos einheitlicher als jetzt, verbindlicher. Leichter und logischer ist sie auch nicht geworden. Eines fällt daher auf: Inhaltlich finden sich kaum noch Befürworter des gesamten neuen Regelwerks. Wer es verteidigt, zählt praktische Argumente auf. […] Denn die Reform der Reform, wenn sie denn stattfindet, muss ein Mittelding sein aus Alt und Neu.

Also ein mittelding aus dem alten und dem, was selbst schon ein mittelding aus dem alten und dem, was selbst schon ein mittelding aus dem alten und dem, was selbst schon ein mittelding . . . war.

7. 8. 2000

Güntner, Joachim: Tatsächlich wieder Thema. Neues vom Streit um die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, 7. 8. 2000, nr.181, s. 19, Feuilleton

Gering mag man veranschlagen, dass über die «FAZ» eine Sturzflut zustimmender Leserbriefe hereinbrach (Leser, die die «Verantwortungslosigkeit» des Blattes rügten, gab es auch, aber sehr wenige) — damit war immerhin zu rechnen. Schwerer dürfte wiegen, dass der schon erloschene Disput über den Nutzen der alten und die Nachteile der neuen Orthographie frisch auflodert, weshalb man in deutschen Zeitungen nach eineinviertel Jahren Absenz jetzt wieder inhaltliche — sprachwissenschaftliche — Auseinandersetzungen mit der Reform lesen kann.

Markwort, Helmut: Protest gegen Schreibregeln Focus, 7. 8. 2000, nr. 32, s. 3, Tagebuch

Die vielen Schüler, die seit vier Jahren nach den neuen Regeln schreiben lernen und nach der Kenntnis dieser Regeln auch bewertet werden, haben unsere Entscheidung wesentlich bestimmt. […] Deswegen denken wir in dieser Sache an unsere Leser, vor allem an die jüngeren, und schreiben gemeinsam nach Regeln, von denen viele von uns nicht überzeugt sind.

Focus-Frage. Haß auf dass. Focus, 7. 8. 2000, nr. 32, s. 11, Periskop

"Halten Sie sich an die Regeln der Rechtschreibreform?" Nein 61%, teilweise 32%, ja 7%.

Seiler, Christian: die zukunft schreibt klein. profil, 7. 8. 2000, nr. 32, s. 11, Leitartikel

Dabei ist die Kritik an dieser Reform durchaus berechtigt. Denn diese Reform ist viel zu wenig weit gegangen. Sie orientiert sich nicht an den Gepflogenheiten der Zeit. Sie ignoriert die Realität des Sprachgebrauchs im Internet und im rapid zunehmenden E-Mail-Verkehr. Sie leugnet die Durchdringung unserer Sprache durch internationalistische, auf englischsprachigen Fundamenten stehende Vokabeln. […] Das heißt: […] mit der längst überflüssigen Groß-Klein-Schreibung aufräumen (was übrigens auch, bravo, von den Grünen gefordert wird, und wenn die "Presse" jetzt loszetert, rufe ich unsere Jahrhundertdichter Ernst Jandl und H. C. Artmann in den Zeugenstand).

6. 8. 2000

Wrangel, Cornelia von, und Rasche, Uta: "Die Schule wird zum Rechtschreib-Elfenbeinturm." Die neue und alte Orthographie, Berufswandel und Fächerkanon: Fragen an > Josef Kraus, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. 8. 2000, nr. 31, s. 5, Meinung

Wir sind jetzt in einer Situation, daß Schule zum Rechtschreib-Elfenbeinturm wird. Das ist das, was mich auf die Palme bringt. Wir lehren in der Schule etwas, was über kurz oder lang außerhalb der Schule niemand mehr praktiziert. Wir Deutschlehrer stehen vor einer ernsten Glaubwürdigkeitsfrage, nämlich unseren Schülern etwas beizubringen, von dem die Schüler, vor allem die älteren Schüler wissen, daß es außerhalb der Schule nicht akzeptiert wird.

5. 8. 2000

Fischer, Karl: Ein «hochgradig ärgerlicher» Streit. Rechtschreibung: In der Schweiz wird die Entwicklung aufmerksam verfolgt. Neue Luzerner Zeitung, 5. 8. 2000, Tagesthema

Die gezielten Versuche, die Rechtschreibreform in Deutschland wieder rückgängig zu machen, beurteilt > Schmid als «hochgradig ärgerlich». Sollte es tatsächlich so weit kommen, hätte dies nicht zuletzt auch staatsrechtliche Folgen. […] In den Bereich der Märchen gehört das Gerücht, beim Scheitern der Rechtschreibreform müssten Berge von Schulbüchern eingestampft und Millionen von Steuergeldern ans Bein gestrichen werden.

Bugmann, Urs: «Es ist das übliche Sommertheater.» Rechtschreibung: > Horst Sitta, Professor für Linguistik an der Universität Zürich, zum neu ausgebrochenenen Streit in Deutschland. Neue Luzerner Zeitung, 5. 8. 2000, Tagesthema

Dass die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) so entschieden hat, wie sie jetzt entschieden hat, ist eigentlich kein Wunder. Ein Wunder ist, dass die Zeitung im vergangenen Jahr überhaupt auf die neue Regelung umgestellt hat. Die FAZ hat sich immer gegen jede Reform der Rechtschreibung gestellt. Es gab ja vor der Reform beinahe alle Jahre von irgendeiner Seite her mindestens einen Vorschlag zur Rechtschreibreform. Nur wird jetzt so getan, als hätte zuvor nichts als Zufriedenheit geherrscht.

Einen grund für die späten reaktionen findet man bei Friedrich Dieckmann, > Berliner Zeitung, 4. 8. 2000, und bei Hans Krieger, > Schweizer Monatshefte, 11. 2003.

Weise, Jana: Literaturkritiker > Reich-Ranicki. „Zurück zur alten Rechtschreibung!" Bild, 5. 8. 2000, nr. 182, s. 7, Leute

Ich halte es für schrecklich, drei Konsonanten hintereinander zu bringen, wie bei Stofffabrik oder Kammmacher.

… und bei sauerstoffflasche, balletttruppe?!

Scheidl, Hans Werner: Die Bataillone sammeln sich zum Angriff auf die Schlechtschreibreform. Die Presse, 5. 8. 2000, Kultur & Medien

In der Tat waren es die Schriftsteller und die Journalisten, diese Kärrner an der Front der Literatur, die sich mit der amtlich verordneten "Neu-Schreibung" nie abfinden konnten. Sie hatten — ein unverzeihlicher Fehler — im Vorfeld der Reformbemühungen viel zu lange geschwiegen, ihr Protestgeheul kam in einem Augenblick, da die deutschen Kultusminister und ihre österreichische Kollegin Gehrer die Sache bereits perfekt gemacht hatten.

4. 8. 2000

Debatte geht weiter. Neue Luzerner Zeitung, 4. 8. 2000, Kultur

Die > Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung forderte in einem Appell an alle Zeitungen, Verlage, Betriebe und staatliche Stellen eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung.

Müller, Rolf: Bildstörung. Voß bleibt bei Kölnisch Wasser. Badische Zeitung, 4. 8. 2000, Medien

Den Mitarbeitern des SWR sei es nach wie vor ausdrücklich freigestellt, „die Regeln der Rechtschreibreform nicht zu beachten". […] Mit anderen Worten: Der SWR hält sich sehr wohl an die neuen Regeln, ihr Tagebuch dürfen die Mitarbeiter aber nach den alten führen. Auch eine Lösung.

dpa: Rechtschreibreform unter Druck. Auch Sprach-Akademie verlangt Rückkehr zu alten Regeln. Berliner Zeitung, 4. 8. 2000, s. 14, Feuilleton (172 wörter)

Die > Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ging am Donnerstag mit einem "dringenden Aufruf" an die Öffentlichkeit, "die Einheit der deutschen Schreibung zu retten". Die Akademie appelliert an Zeitungen, Verlage, Betriebe und staatliche Stellen, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.

Dieckmann, Friedrich: Umgang mit einem Staats-Streich. Das Rechtschreibkuddelmuddel — woher es kommt und wohin es führt. Berliner Zeitung, 4. 8. 2000

[…] Journalisten, Schriftsteller, Lektoren, Verleger. Sie wurden in Unkenntnis gewiegt und sie ließen sich wiegen; im ersten Halbjahr 1995, als die amtliche Vorlage schon da war, aber der formelle Beschluß noch ausstand, war es so gut wie unmöglich, kritisches Interesse für das neue Regelwerk zu wecken. Auch bei > Marcel Reich-Ranicki ist es mir damals nicht gelungen, er nahm den drohenden Unfug nicht ernst. "Das kommt sowieso nicht!" beruhigte er mich am Telefon.

„Das ist irritierend." Die Rechtschreibreform wird derzeit wieder heiß diskutiert. Die KN befragten Bürgerinnen und Bürger zu dem Thema. Kinzigtal-Nachrichten, Fuldaer Zeitung, 4. 8. 2000

Hannelore Philippi (52), Tierheilpraktikerin aus Schlüchtern: „Ich finde die neue Rechtschreibung wirklich bescheuert, weil sie eine Verunstaltung der deutschen Sprache ist. Ich finde zwar gut, wenn die Regeln gelegentlich aktualisiert werden, doch eine solch gravierende Umstellung, wie sie kürzlich durchgeführt wurde, ist für die Menschen wahnsinnig irritierend.

Bissinger, Manfred: Liebe Leserin, lieber Leser. Die Woche, 4. 8. 2000, nr. 32

Dreieinhalb Jahre ist es jetzt her […], dass wir als erste Zeitung die neuen Regeln der Rechtschreibreform einführten. Und wir sind gut damit gefahren. Ich erinnere drei Abbestellungen, ganz am Anfang […], ansonsten waren Sie (das sind immerhin 390.000 Leserinnen und Leser) einverstanden. Die meisten hatten es […] erst gar nicht bemerkt.

neu > Kraus, Josef: Unentschieden. Die Woche, 4. 8. 2000

Bislang galt: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen! Tatsache aber ist, dass Schüler jetzt etwas lernen sollen, was außerhalb der Schule nicht oder anders praktiziert wird.

Raschke, Ulrich: Alter Streit um neue Regeln. Geschickt inszeniert, aber aussichtslos: ein neuer Versuch, die Rechtschreibreform zu kippen. Die Woche, 4. 8. 2000, nr. 32

Alle 16 Länder-Kultusminister lehnten eine erneute Diskussion oder gar Rücknahme der Reform ab, und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wies die Forderung von Hinterbänklern nach einer parlamentarischen Debatte zurück: Rechtschreibregeln seien "keine politische Entscheidung". Dabei spricht durchaus nicht nur Liebe zur Rechtschreibreform aus den Worten ihrer Verteidiger. Sie sei "überflüssig" gewesen, urteilt etwa der saarländische Kultusminister Jürgen Schreier (CDU), ebenso überflüssig aber sei der Versuch, die bereits eingeführte Reform wieder zurückzunehmen: Das würde das "totale Rechtschreibchaos" bedeuten.

3. 8. 2000

ap: Weitere deutsche Gremien gegen die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, 3. 8. 2000, nr.178, s. 5, Ausland

Der > Deutsche Hochschulverband, die Berufsvertretung der Professoren und Privatdozenten, hat am Mittwoch in Bonn angekündigt, ab dem 1. Oktober in seinem gesamten Schriftverkehr sowie in der Zeitschrift «Forschung & Lehre» ebenfalls zur früheren Rechtschreibung zurückzukehren.

Mühlegg, Martin: Neue Rechtschreibung auf der Kippe? Schulen halten sich an den neuen Duden, Verlage sind weniger konsequent. Südostschweiz, 3. 8. 2000, Region Glarus

«Bei uns gibt es im Gegensatz zu Deutschland keinen heiligen Krieg um die Reformen. Wir gehen die Sache pragmatisch und gelassen an», sagt beispielsweise Felix Baumer, Leiter des St. Galler Amtes für Volksschulen.

Hertach, Ruedi: Apropos. Gralshüter. Südostschweiz, 3. 8. 2000, Region Glarus

Gewiss, die Folge davon wird eine zunehmende Verwilderung sein, doch das ist nicht die Schuld der normalen Schriftsprachbenutzenden: Es ist die Schuld jener Rechtschreibereformer, die es nicht fertig brachten, eine wirkliche Vereinfachung zu erfinden. Stattdessen haben sie das komplizierte Alte durch ein ebenso kompliziertes Neues ersetzt.

Trey, Gerhard: Angerissen. Als Bismarck in Gluth geriet. Badische Zeitung, 3. 8. 2000, Kultur

Wie sich die Dinge gleichen: Die Rechtschreibung und vor allem ihre Reform hat schon im 19. Jahrhundert die Gemüter erhitzt. […] Zu jener Zeit ging es etwa um die Schreibung „ie" in Wörtern wie „stolziren" und „inspiziren"; in Fällen wie „Armuth", „Gluth", „Noth" sollte im Auslaut das „H" entfallen, andererseits schrieb man nach wie vor „That, „Thor", „Unterthan". Das „ß" in Gleichniß" wurde zu „s" und in „Waare" entfiel das doppelte „A", es blieb aber zum Beispiel in „Paar".

Dohmen, Holger: Locker bleiben. Hamburger Abendblatt, 3. 8. 2000, Politik

In Deutschland, so ist abzusehen, werden wir […] wohl in den nächsten Wochen und Monaten die Neuauflage einer verbissenen Grundsatzdebatte erleben, die viele von uns schon, wenn auch zähneknirschend, ad acta gelegt hatten.

Dobler, Franz: Danke, "FAZ"! Danke! Danke! Deutsche Dichter gratulieren der "Frankfurter Allgemeinen" zur neuen Rechtschreibung. die tageszeitung, 3. 8. 2000, nr. 6209, s. 28

Mit beispielloser Courage ist das Blatt am 1. 8. 2000 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt. Und wieder stehen die Schriftsteller fast wie ein Mann geschlossen, um den schon verloren geglaubten Kampf wieder aufzunehmen, und diesmal, ja, bin ich dabei! Und wie sie alle voller Dank für die FAZ. Denn es gibt "jetzt keinen Anlaß mehr, die Flinte ins Korn zu werfen. Dank der F.A.Z.", wie es > Christian Meier, […] formuliert hat.

> Henscheid, Eckhard: Die fünf mit der sturheillosen Eigensinnigkeit. Die Zeit, 3. 8. 2000, nr. 32, beilage Leben, s. 1

Die sehr gute Nachricht ereilte mich am 26. Juli um 17 Uhr aus dem Radio und dem Mund des FAZ-Herausgebers > Günther Nonnenmacher. Der da nämlich mitteilte, dass und warum die FAZ als erste deutsche Sprachgroßmacht erst einmal quasi privat die sogenannte Dudenreform negiere bzw. wieder zurücknehme und nämlich ab 1.8. wieder nach den alten Regeln schreibe und drucke.

Rechtschreib-Umfrage: 68 Prozent dagegen. Die Presse, 3. 8. 2000, Kultur & Medien

"Die überwiegende Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich, daß die neue Rechtschreibung wieder abgeschafft wird", schreibt die deutsche Zeitung "Die Woche" in ihrer neuesten Ausgabe.

2. 8. 2000

Denk, Friedrich: Wer lobt die Rechtschreibreform? Mehrheit der Deutschen offenbar für Rücknahme der Rechtschreibreform. Mainpost, 2. 8. 2000, Politik

Man kann vier Gruppen unterscheiden, die alle ein spezielles Interesse an ihr haben: Die Erfinder der Rechtschreibreform, die Kultusminister und ihre Untergebenen, einige Verlagshäuser sowie die "Modernisten".

bti: Telefon-Aktion: Rückpfiff für Reform? Rheinpfalz, 2. 8. 2000, Kirchheimbolanden

Bereits am gestrigen ersten Tag hat unsere Telefonaktion zur Rechtschreibreform rege Resonanz gefunden. […] Sie erreichen uns ab 10 Uhr telefonisch unter (06352) 7035-18, können uns ein Fax unter (06352) 7035-20 bzw. eine e-mail unter redkib@ron.de schicken.

Clauer, Markus: Duden-los. Rheinpfalz, 2. 8. 2000, Kommentar

Eine seltsame Front: Altlinke Schriftsteller plötzlich auf den Barrikaden mit der rechtsdrehenden Journaille. Rinks und lechts. Alles velwechsert. […] An den Tastaturen der Schreiber wird Sprache gemacht, nicht beim Duden in Mannheim. Vielleicht rührt auch daher das gallige Unbehagen der Dichter. Sie fürchten den Verlust der Lufthoheit — auch wenn ihre Argumente auf dem Boden bleiben. Oder daneben sind.

Feichtlbauer, Hubert: Hier steh' ich nun, ich armer Tor . . . Quergeschrieben: Der "Presse"-Kommentar von außen. Die Presse, 2. 8. 2000, Innenpolitik

Warum aber Festhalten an der oft irregulären alten Schreibe? Weil die neue unbestritten wieder Ungereimtheiten enthält? Warum dann nicht für mehr anstatt für weniger Reform? […] Oder weil wir uns in unserem überregulierten Dasein vom Staat nicht auch noch vorschreiben lassen sollen, wie wir schreiben müßten? Aber wer entscheidet dann, wie Schüler und Beamte schreiben? Die Zeitungen?

1. 8. 2000

neu Rathenow, Lutz: Kurze Lebensdauer. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. 8. 2000, Briefe an die Herausgeber (187 wörter)

Wenn die Schule bei ihrem sturen Beharren bleibt, beschädigt sie sich als gesellschaftliche Einrichtung über diesen Anlaß hinaus. […] Die DDR kippte nach 40 Jahren, dieses Regelwerk sollte keine vier überleben.

Scheidl, Hans Werner: "Schreibreform" — ein Fehltritt. Neu-Schreib: Was vor genau einem Jahr verbockt wurde, könnte jetzt relativ leicht justiert werden. Die Presse, 1. 8. 2000, Leitartikel

Was die Warner vor dem ominösen 1. August 1999 vorausgesagt hatten, ist — leider — wirklich eingetreten. Der Wildwuchs hat beängstigende, verwirrende Formen angenommen; heute schreibt jeder, wie er will.

Wir haben schon immer geschrieben, wie wir wollten. Und alle anderen auch, wenn man unsere Fundsachen betrachtet. Was soll das gejammer über ein paar «verwirrungen» in einer kurzen übergangszeit?


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Rolf Landolt