Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 29. 4. 2001

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29. 4. 2001

rieb.: Fragebogen: Karl Heinz Däke, Volkswirt. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29. 4. 2001, s. 72, Die letzte Seite

Welchen Fehler entschuldigen Sie am ehesten? Schreibfehler nach der Rechtschreibreform.

25. 4. 2001

gi: Vortrag: Vor 100 Jahren im Odenwald. Vieles ist schon einmal da gewesen. Main-Echo, 25. 4. 2001, Aus der Region, Erbach

»Geschichte wiederholt sich nicht, aber es ist vieles schon einmal da gewesen«, sagte Herbert Koschorrek, als er vor dem »Odenwald-Forum« in Hummetroth zum Thema »Vor 100 Jahren im Odenwald« referierte. […] Eine Rechtschreibreform stand zu Beginn des neuen Jahrhunderts ebenfalls an. Im Rahmen dieser Reform wurde das »th«, etwa bei »Thür« und »Thor«, zum T, und anstelle des »C« wurde weitgehend das »K« eingesetzt, aus Cölln wurde beispielsweise Köln.

Müllender, Bernd: Betr.: Bürger beobachten die Bahn (Folge 6). Fahrgastinformationsanlagendauerdefektproblematik in Glabbach gelöst! die tageszeitung, 25. 4. 2001, nr. 6430, s. 12, Meinung und Diskussion

"Fahrgastinformationsanlage zur Zeit ausser Betrieb". Ein Aufbruchsignal, dreifach spannend und lehrreich. […] Und b) kann man zwar einen Rechtschreibfehler diagnostizieren (der Duden verlangt zurzeit "zurzeit"), aber vielleicht deutet der bewusst darauf hin, dass Bahners Wille über jede Schreibreform erhaben ist? 3) "ausser Betrieb". Ein Fall für Sprachpsychoanalytiker, denn hier erleben wir einen klassischen Fall von Überkompensation. Ausser gibt es nicht, weiterhin nur außer; außer in der generell ß-feindlichen Schweiz. Die Schilder also als Gruß (Gruss) an Eidgenossen auf Glabbachbahnhofsbesuch?

Küppers, Kirsten: Ein Fanal gegen die Modernisierung. die tageszeitung, taz Berlin, 25. 4. 2001, nr. 6430, s. 23

Die 35-jährige Christina B. versuchte eine Tankstelle zur Explosion zu bringen — als Protest gegen Veränderungen, Baustellen und die Rechtschreibreform. Wegen Schizophrenie wurde die Frau gestern vom Landgericht in die Psychiatrie eingewiesen.

23. 4. 2001

la: Tiermehl und Klauenseuche nicht neu in Schlagzeilen. Vortrag von Helmut Koschorrek beim Odenwälder Heimatforum: Vieles ist schon einmal da gewesen. Darmstädter Echo, 23. 4. 2001, Südhessen aktuell

Eine Rechtschreibreform stand zu Beginn den neuen Jahrhunderts ebenfalls an. Das „th“ etwa bei „Thür“ und „Thor“ zum T, anstelle des „C“ setzten die Gelehrten das „K“ ein.

Patalong, Frank: Digitale Dichtung. Wenn Word weiß, dass es nichts weiß. Spiegel Online, 23. 4. 2001

"abertausende"? Nicht erst seit der Rechtschreibreform dürfte ein satter Prozentsatz der Bevölkerung arg ins Schwimmen geraten, wenn es darum geht, zu klären, wie man solche Konstrukte denn nun korrekt zu schreiben hat: groß, klein, zusammen, auseinander? Früher hätte man da zum Duden gegriffen. Heute gibt es — Bill sei Dank — die Rechtschreibkorrektur von Microsoft Word

> Glück, Helmut: Von A bis Z. Kakanisch. Die Welt, 23. 4. 2001, nr. 94, s. 31, Feuilleton

Im Deutschen wird das K nur in wenigen Fremdwörtern verdoppelt, wenn es gleichzeitig zu zwei Silben gehört, zum Beispiel in Sakko und Stukkateur. Normalerweise wird es als ck geschrieben und nur bei der Silbentrennung in k-k aufgelöst: backen, Socken und bak-ken, Sok-ken. Die Rechtschreibreform schreibt die merkwürdigen Trennungen ba-cken, So-cken vor.

Da liegt wohl eine verwechslung von «merkwürdig» und «ungewohnt» vor.

21. 4. 2001

Scherf, Martina: Abschied von einer Unbekannten. Der iranische Exil-Lyriker Said über sein neues Buch, das seiner Mutter gewidmet ist. Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2001, Münchner Kultur

Seine Gedichte, seine Prosa setzt er in Kleinschreibung, doch seinen Künstlernamen schreibt er stets in Großbuchstaben: SAID („Der Glückliche“).

20. 4. 2001

Zwickau: Stumpi & Co. machen Spaß mit Macht. Das Dresdner Kabarett „Antrak auf Stumphsinn“ kommt wieder nach Zweickau. Freie Presse, 20. 4. 2001, Westsachsen

Hinter dem Namen „Antrak auf Stumphsinn“ verberge sich keineswegs ein behördlicher Vorgang in den Zeiten der Rechtschreibreform, beteuert der Veranstalter, Rotter Entertainment.

19. 4. 2001

> Glück, Helmut: Das Übel mit dem Umlaut oder Wie die EU "Göthes Pösie" schuf. Die Welt, 19. 4. 2001, s. 30, Feuilleton, Glosse

Nun ist man in Brüssel (!) auf eine brillante Idee gekommen. Man hat den dortigen Computern beigebracht, die Buchstabenfolgen AE, UE und OE immer dann, wenn Namen aus den genannten Sprachen vorkommen oder wenn sie ganze Sätze in einer dieser Sprachen von sich geben, durch Ä, Ü und Ö zu ersetzen. Nun heißt Joenkoeping wieder Jönköping […]. Jene wussten offenbar nicht, dass nicht jedes deutsche Wort, das die Buchstabenfolgen AE, OE oder UE enthält, mit Umlaut zu gelesen und geschrieben werden darf. […] Nur ein paar baürnschlaü Italiener oder Briten, deren Schriftsysteme in dieser Hinsicht ärmlich sind, neiden den anderen ihre grafischen Farbtupfer. Sie sind es, die alle Versuche hintertreiben, den Eurocomputern so einfache Dinge wie Ä, Ö und Ü beizubringen.

18. 4. 2001

Mißbach, Caroline: Den Menschen aufs Maul geschaut. Erlanger Sprachwissenschaftler veröffentlichte ein eigenes > Rechtschreibwörterbuch. Erlanger Nachrichten, 18. 4. 2001

Was der Kunde nicht ahnt: obwohl in neuer Rechtschreibung, ist die derzeit noch aktuelle Duden-Auflage womöglich in absehbarer Zeit wieder veraltet. Um die vielen offenen Fragen der Rechtschreibreform zu klären, hat sich die Duden-Redaktion nämlich einen > Beirat einberufen, der strittige Fragen in der Umsetzung der Reform in Augenschein nehmen soll. Es ist also möglich, daß binnen kurzem eine Reform der Reform vorgelegt wird. Während sich die Experten um die neue Rechtschreibung streiten, holt > Prof. Theodor Ickler vom Institut für Germanistik  der Universität Erlangen-Nürnberg nach, was die Reformer seiner Meinung nach zu Beginn ihrer Arbeit versäumten: Er stellt fest, was denn nun eigentlich die alte Rechtschreibung war.

Lang, Fredy: Historisch korrekt: Karlplatz heißt jetzt wieder Carlsplatz. Express, 18. 4. 2001

So hatte er nämlich von Anfang an geheißen, ehe er von den Stadtvätern 1905 einfach in Karlplatz umgetauft wurde.

unterm strich. die tageszeitung, 18. 4. 2001, nr. 6424, s. 14, Kultur

Die neue Auflage des deutschen Universalwörterbuches versichert: Die Unsicherheit um diverse Sonderregelungen wird prolongiert. Vor allem im Bereich der Zusammen-getrennt-Schreibung tauchen hier markante Abweichungen auf.

17. 4. 2001

Seelig. Sächsische Zeitung, 17. 4. 2001, Kultur

In der Presse wimmelt es von Seeligpreisungen. […] Andererseits ist dank der Rechtschreibreform vormals Falsches wieder richtig: Nicht mehr Schenke, sondern wie im 19. Jahrhundert Schänke.

Petershagen, Henning: Vom Fugger zum Wursthorn Maier, Jauch & Eisele. Südwest Presse, 17. 4. 2001, Süddeutsche Heimat

Ein inzwischen vergessenes mittelhochdeutsches Wort für ein hammerartiges Werkzeug war bliuwel. Es hat in der Pleuelstange überlebt und stammt vom Verb bliuwen ("schlagen") ab. Das schrieb sich noch vor kurzem völlig korrekt "bleuen", bis die Rechtschreibreform daraus ein "bläuen" machte und so dem Irrtum nachgab, es hinge mit "grün und blau schlagen" zusammen.

Etymologie ist etwas wichtiges und interessantes, aber sie ist nicht aufgabe der buchstabenschrift. Das ist der irrtum.

Noch mehr Rechtschreib-Varianten in neuem Wörterbuch. Die Presse, 17. 4. 2001, nr. 15.948, s. 21, Kultur

Die neue Auflage des Deutschen Universalwörterbuchs aus dem Hause Duden zeigt: Die Verwirrung um die Orthographie ist prolongiert. […] Einmal mehr bestätigt sich: Keine Rede kann von der — mit der Reform angeblich angestrebten — Vereinfachung der Rechtschreibung sein, von einer einheitlichen Schreibung ist man weiter entfernt als vor der Reform, die Verwirrung ist prolongiert.

Nach Wörterbuch eine Grammatik. Dolomiten, 17. 4. 2001, s. 15, Pustertal

Eine moderne, den heutigen didaktischen Erfordernissen entsprechende ladinische Grammatik für die Schulen des Gadertales wurde am Mittwoch in St. Martin in Thurn vorgestellt […]. Die letzte kleine Rechtschreibreform aus dem Jahre 2000 konnte berücksichtigt werden.

12. 4. 2001

Althen, Adolf: ver.dis schwindsüchtige Violetta. Süddeutsche Zeitung, 12. 4. 2001, s. 14, Briefe an die SZ

Aber – um Himmels willen – welcher zeitgeistige Sprach- und Schriftenklempner hat den Gewerkschaftsbossen das dümmliche Kürzel „ver.di“ aufgeschwätzt? Was soll die kokettierende Kleinschreibung […]? Was soll auch das dümmliche Pünktchen in der Mitte? Der Gipfel modischer Tumbheit scheint mir aber zu sein, dass die Gewerkschaft ihr seltsames Namenskürzel obendrein italienisch ausspricht.

11. 4. 2001

Kühn, Alexander: Unhip und politisch. die tageszeitung, 11. 4. 2001, nr. 6420, s. 15, Flimmern und Rauschen

Und noch immer ist nicht klar, wie und ob sich Kabarett und Comedy unterscheiden. […] Die Macher selbst sehen die Entwicklung gelassen. […] Und Matthias Beltz doziert: "Comedy ist nach der Rechtschreibreform lediglich die neue Schreibweise von Kabarett."

Sobanski, Florian: Die Neue deutsche Rechtschreibung: eine Werbekampagne? Oder: Deutschland ist „normal“ geworden. Der Neue Pester Lloyd (Budapest), 11. 4. 2001 (www.rechtschreibreform.com)

Was wird bleiben? Sicherlich die ss-Schreibung, ohnehin verantwortlich für 80-90% aller Änderungen in durchschnittlichen Texten. Die neuen Regeln zur Trennung (s-t) werden gleichfalls erfolgreich sein. Nochmals geändert werden wird [werden] die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Fremdwortschreibung. Keine Chance sich durchzusetzen haben hingegen die neuen Komma-Regeln, da sie schlicht leserfeindlich sind.

10. 4. 2001

ap: Urteil gegen «Märtyrer des britischen Masssystems». Gemüsehändler gegen metrische Masse. Neue Zürcher Zeitung, 10. 4. 2001, 222. Jg., nr. 84, s. 64, Vermischte Meldungen

Er beharrte auf dem alten britischen System und wog Gemüse und Früchte weiter in «Pounds» ab. […] Thoburn sei ein vernünftiger, hart arbeitender Mann. «Er tat, was er tat, weil er daran glaubte.» Anhänger des 36-jährigen Gemüsehändlers waren zu dem Verfahren nach Sunderland geströmt, um Unterstützung für ihren Helden zu demonstrieren.

Weitere vernünftige, hart arbeitende menschen, die an das vergangene glauben, lernt man unter www.rechtschreibreform.com kennen.

wde: Lohr vor 100 Jahren. Mainpost, 10. 4. 2001, Lohr

Damals schrieb die Lohrer Zeitung: […] "Im Laufe des Frühjahrs werden in Berlin Vertreter aller Bundesstaaten zu einer Konferenz über eine einheitliche Rechtschreibung zusammentreten."

Haimerl, Matthias: Für die Erstklässler und ihre Lehrer bricht ein neues Schrift-Zeitalter an. "Vereinfachte Ausgangsschrift" ersetzt die 50 Jahre gelehrte "Lateinische Ausgangsschrift". Passauer Neue Presse, 10. 4. 2001, Lokalteil Freyung

Kaum hat man sich mehr oder weniger an die Rechtschreibreform gewöhnt, kommt schon die nächste. Sie betrifft diesmal aber nicht die Grammatik, sondern das Schriftbild. Die leichter erlernbare "Vereinfachte Ausgangsschrift" wird im kommenden Schuljahr in den ersten Klassen eingeführt.

8. 4. 2001

rieb.: Fragebogen: Armin Maiwald, Moderator und Regisseur. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8. 4. 2001, s. 70, Die letzte Seite

Welche Reform bewundern Sie am meisten? Die Rechtschreib-Reform, weil sie der größte anzunehmende Blödsinn ist.

7. 4. 2001

Stabenow, Michael: Sprachnachbarn und gute Feinde. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 4. 2001, s. 9, Deutschland und die Welt

Und ähnlich wie Deutsche, Österreicher und Schweizer verbindet Niederländer und Flamen eine gemeinsame, wenn auch weniger umstrittene Rechtschreibreform.

Arthen, Claudia: Mediation: Ein Modell mit Vorbildcharakter. Frankfurter Neue Presse, Samstag, 7. 4. 2001, Region

Der Erfolg dieses Weges soll nach Ansicht des Ministerpräsidenten beispielhaft für die Demokratie sein. Gesellschaftliche Konflikte gibt es ja genug: Man denke nur an bauliche Großprojekte, an politische Reformen, an Risikotechnologien wie Atomkraft oder Gentechnik oder an die immer noch umstrittene Neuregelung der Rechtschreibung. Ähnlich wie beim Thema Flughafenausbau könnten hier Dialogforen geschaffen werden, bei denen die Konfliktparteien trotz unterschiedlicher Auffassungen versuchen sollten, nach Wegen zu suchen, die die Ansprüche möglichst aller Beteiligten berücksichtigen.

Weimer, Frank: Meist schon Schnee von vorgestern. junge Welt, 7. 4. 2001, Leserforum

Seite 12 über die Rechtschreibereform. Klar, daß man gegen jegliche Reform der Schriftsprache sein muß, wenn schon Adolf »Filosof« schreiben wollte. Ein Wort übrigens, das bis heute so nicht gilt, wenngleich ihr sonst (...) immer gern das Foto mit der Schultafel bringt, wo eben dieses Wort steht.

Ickler, Theodor: Der Rückbau schreitet voran. Dudens „Deutsches Universalwörterbuch“ in neu bearbeiteter und erweiterter Auflage. Rhein-Neckar-Zeitung, 7. 4. 2001

Das Universalwörterbuch ist also eine typische Übergangserscheinung. Die Redaktion mußte es jetzt herausbringen, damit die Abweichungen des revidierten Rechtschreibdudens von der übrigen Dudenliteratur nicht allzu groß werden. Sie weiß aber, daß die Lage sich schon im Laufe dieses Jahres von Grund auf verändern kann, weil die zwischenstaatliche Rechtschreibkommission bald ihren dritten Bericht abliefern muß. Was die Reformer vor fünf Jahren leichtfertig ins Rollen gebracht haben, wird so bald nicht zur Ruhe kommen und noch manche Verwirrung stiften.

taz: Das get dannn shon in Ordgnung. die tageszeitung, 7. 4. 2001, nr. 6417, s. 32

Denn in einem "Expo Shop" werden Altbestände der Weltausstellung 2000 unters Publikum gebracht […]. "Die Expo war ein einmalig teueres Spektakel. Konnten Sie sich auch nichts kaufen?", fragt der Historienanbieter mitleidig und antwortet auch gleich selbst in riesigen Lettern: "Wir bringen das in Ordgnung". […] Vielleicht sollten die Expo-Orthographen demnächst zu einer Überarbeitung der Rechtschreibreform herangezogen werden.

5. 4. 2001

Eggenberger, Peter: «Gemsli» wird nicht zum «Gämsli». Das 233 Jahre alte Kulturgut in Wolfhalden behält die alte Schreibweise bei. Der Rheintaler (St. Galler Tagblatt), 5. 4. 2001, Ressort: Vorderland

Die neue Rechtschreibung hat aus den Gemsen Gämsen gemacht. Folglich hätten sich die Wirtschaften mit dem Namen «Gemsli» in «Gämsli» umbenennen müssen. Beim 233 Jahre alten Kulturobjekt «Gemsli» in Wolfhalden ist diesbezüglich aber keine Änderung vorgesehen.

3. 4. 2001

Ewen, Christoph: Zwischenruf. Von Gorleben zum Flughafen Frankfurt. Frankfurter Rundschau, 3. 4. 2001, Mensch - Technik - Umwelt

Was haben Gorleben und die Rechtschreibreform, der Frankfurter Flughafen und BSE, die grüne Gentechnik und die Bundeswehrreform gemeinsam? In allen Fällen tut sich die Politik schwer, Entscheidungen erstens zu treffen und zweitens auch umzusetzen. Ist die klassische Politik nicht mehr in der Lage, gesellschaftliche Konflikte zu lösen?

> Birken-Bertsch, Hanno, und > Markner, Reinhard: Sprachführer. Über der Sonderweg der deutschen Rechtschreibreformer. junge Welt, 3. 4. 2001, Feuilleton

Politisch bedenklich an der jüngsten Rechtschreibreform ist daher nicht allein der Versuch der beteiligten Staaten, sich eine »Hausorthografie« zu schaffen, unbeeindruckt davon, was deren Bürger oder auch nur die Büchner- und Literaturnobelpreisträger davon halten. Nicht übersehen werden sollte zudem ihr lange verdrängter theoretischer Anachronismus, der sich bei näherer Betrachtung als Fortsetzung eines in den dreißiger Jahren eingeschlagenen Sonderwegs erweist.

Staat = Haus? — Und was ergäbe eine nähere betrachtung von > Leiss, > Pöppel und > Paulesu aus den neunziger und nuller jahren?

kla: Engagierter Lehrer und Schulleiter. Saarbrücker Zeitung, 3. 4. 2001, Homburg

Es habe sich seit Beginn seiner Lehrtätigkeit schon so einiges in der Bildungslandschaft verändert, konstatiert er. Stichworte wie Koedukation, Mengenlehre, Schreibreform kommen ihm spontan in den Sinn.

Dedekind, Henning: Kleine Troianer, großes Interesse. Schüler besuchen Ausstellung. Stuttgarter Nachrichten, 3. 4. 2001, Stuttgart

Nachdem die anfängliche Schüchternheit überwunden ist, stellen die Schüler viele Fragen: Was ein Faksimile eigentlich sei, ob die vertrocknete Spinne in der Transportkiste einmal giftig gewesen oder wie denn die korrekte Schreibweise von Achilles nach der Rechtschreibreform sei.

Goritschnig, Marcus Maximilian: Debatte in der „Krone. Neue Kronen-Zeitung, 3. 4. 2001, Leserbriefe

Wie viele andere war auch ich überrascht, dass der Debatte in der „Krone“ — mitsamt eindeutigen Umfrageergebnissen — der entscheidende Schritt bislang nicht folgte, vorerst wieder zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.

Müller, Helmut L.: Enthüllungen über den Zeitungskrieg. Salzburger Nachrichten, 3. 4. 2001, Seite 3

Aber warum so zaghaft, liebe "Tante FAZ"? Gerade jetzt im Frühling könnte die Verjüngungskur doch noch viel radikaler ausfallen. Es müssen ja nicht gleich Farbfotos sein oder gar (horribile dictu!) Regeln à la "neue Rechtschreibung". Das käme laut FAZ dem Untergang des Abendlandes gleich.

1. 4. 2001

rieb.: Fragebogen: Gabriele Zimmer, Politikerin. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. 4. 2001, S. 68, Die letzte Seite

Welche Reform bewundern Sie am meisten? Die Rechtschreibreform — weil sie so danebengegangen ist.

Schwerk, Ekkehard: 99 Zeilen Schwerk. Ein Requiem für die Berliner Bäume. Der Tagesspiegel, 1. 4. 2001, Berlin, Stadtleben

Und die Platane setzte hinzu: Ihr Menschen macht euch doch immer was vor, wie es euch gerade paßt (Schulbäume halten an der alten, mir leider nicht gestatteten Schreibung fest).

4. 2001

> Wermke, Matthias: Einheit und Vielfalt. Was im Jahr fünf nach der Rechtschreibreform von der deutschen Einheitsschreibung geblieben ist. Sprachspiegel, 4. 2001, nr. 2, s. 41 bis 46

Geblieben ist ein für den Rechtschreibunterricht an allen Schulen im deutschsprachigen Raum verbindliches Regelwerk. Damit bleibt die Grundvoraussetzung für eine im Schriftbild weitgehend einheitliche Schreibung gegeben, und zwar auch dann, wenn über das amtliche Regelwerk Varianz toleriert wird. Der Grad dieser Varianz in verschrifteten Texten wird von zwei Faktoren abhängig sein, nämlich davon, was im Rechtschreibunterricht tatsächlich gelehrt wird — das ist fundamental unterschieden von dem, was toleriert wird oder werden muss —, und davon, was sich zum Beispiel über das Zeitungswesen an Schreibungen im Bewusstsein der Sprachgemeinschaft verfestigt und zum Usus wird.

Rolland, Maria Theresia: „Albtraum und Gräuel.“ Rezension: Duden, die deutsche Rechtschreibung, Band 1, 22. Aufl. Wirkendes Wort, 4. 2001, nr. 1

Ein schwarzes Brett ist eben nur ein Brett mit der Farbe schwarz, aber keine Anschlagtafel wie das Schwarze Brett. […] Da Schrift und Sprache aufs engste miteinander verknüpft sind, wird durch die Neuschreibungen die Sprache selbst geschädigt. Die in der gesprochenen Sprache enthaltenen Bedeutungen müssen in den Schreibungen so wiedergegeben sein, daß sie nicht, wie durch die Reform geschehen, zerstört werden, sondern daß sie erhalten bleiben, wie es in der bewährten Schreibung der Fall ist.

Es ist eben! Auch in der gesprochenen sprache, in stenografie, blindenschrift usw.? Schrift und sprache scheinen doch nicht so eng miteinander verknüpft zu sein.

31. 3. 2001

Steppich, Günter: Mit Kanonen auf Spatzen. Wiesbadener Tagblatt, 31. 3. 2001, Leserbrief

Fest steht, dass an der Erbacher Grundschule keine der Zweiten Klassen nach der alten Rechtschreibung unterrichtet wird, weder von neuen noch von alten Lehrern.

30. 3. 2001

Rüger, Ekkehard: Geld ausgeben, was nicht da ist. Westdeutsche Zeitung, 30. 3. 2001, Burscheid

Auf einen Posten wollten die Politiker aber trotz der leeren Kassen nicht verzichten: die einvernehmlich beschlossenen zusätzlichen 20 000 Mark für Lehrmittel, um den Missstand an den Burscheider Schulen zu beheben, dass Lehrbücher in alter wie in neuer Rechtschreibung kursieren und für Verwirrung bei den Schülern sorgen.

29. 3. 2001

hhs: Vortrag bei der „Gesellschaft für deutsche Sprache“: „Die Reform der deutschen Orthographie ist unumkehrbar.“ Goslarsche Zeitung, (29. 3. 2001), Kreis Goslar

Trotz aller Probleme: Nachdem am 1. August 1999 ein Großteil der deutschen Zeitungen die neue Rechtschreibung übernommen hat, ist nach Dr. Müllers Ansicht „der Widerstand gebrochen“. „Das Reformwerk ist unumkehrbar.“ Dennoch schweigen die Gegner nicht.

28. 3. 2001

tlu.: Legasthenie und Sprache. Neue Zürcher Zeitung, 28. 3. 2001, nr. 73, s. 75, Forschung und Technik

Die italienische Sprache unterscheidet sich insofern von der englischen und der französischen, als ihre Rechtschreibung regelmässig ist. So lassen sich im Italienischen die 25 Laute mit nur 33 Buchstabenkombinationen darstellen. Dagegen können die 40 Laute der englischen Sprache auf 1120 verschiedene Arten buchstabiert werden. Angesichts dieser Zahlen erstaunt es denn auch nicht, dass italienische Schulkinder schneller und besser lesen als englische. […] Der Grund, warum es in Italien weniger Legastheniker gibt […] liegt an der Orthographie.

Mosebach, Martin: Wörter von hier. Denglisch und die Sprachwächter. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. 3. 2001, s. 59, Feuilleton

Im Haus einer Sprache ist für viele Spezialsprachen Platz. In der Geschichte der deutschen Sprache hat man mit den Kanzleisprachen in den verschiedenen Jahrhunderten gute Erfahrungen gesammelt. Sie haben die Literatur bereichert, zuletzt das Beamtendeutsch der Donaumonarchie, das selbst Satirikern noch Bewunderung abgenötigt hat. Zunächst müßte freilich klar sein, wer über eine solche gereinigte Staatssprache wachen soll. Am Ende die Bankrotteure der Rechtschreibreform?

Hoepfel, Ines: Meinungen und Deinungen ... ... eines Bären von großem Verstand: > Harry Rowohlt. Nordbayerischer Kurier, 28. 3. 2001, Kultur

Harry Rowohlt hat "Pu der Bär" übersetzt und mit einem Bären hat der 55-jährige Hamburger tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit. […] mit einem großen, grauen, starken Bären mit eigenen Meinungen und Deinungen. Von denen er uns in Form der Kolumne "Pooh's Corner", die in unregelmäßigen Abständen in der ZEIT erscheint, einige mitteilt. Über die Bibel als Novelle und Focus als modernes Nachrichtenmagazin, die Rechtschreibreform, über das Rundfunken, Justus Frantz, "Unser Schiff für Muroroa" und den Frankreichboykott.

Decker, Kerstin: Heroen der Selbstzerstörung. Das Schlagloch. die tageszeitung, 28. 3. 2001, nr. 6408, s. 11, taz-Debatte

Sprache ist überhaupt bald das Einzige, was wir noch nicht selbst gemacht haben. Nein, stimmt nicht ganz. Schließlich gab es die Rechtschreibreform. Ich habe lange nach einer Erklärung für diesen Akt der Barbarei gesucht, aber jetzt ist alles klar. Ihre Schöpfer wollten einen Abstand zwischen uns und die Sprache legen. Sozusagen einen Bewusstseinsabstand.

27. 3. 2001

Abraham, Birgit: Der Mann selber ist die Botschaft. > Harry Rowohlt liest und sinniert in der vollen Zehntscheune — Vierter Besuch in Bamberg. Fränkischer Tag, (27. 3. 2001), Stadt Bamberg

Authentisch werden die Szenen deshalb, weil Rowohlt ein unübertreffliches Talent besitzt[,] Stimmen und Dialekte zu imitieren, und ein Faible dafür hat[,] Abweichungen von der Sprachnorm literarisch in Schriftform und Schreibweise zu übertragen […]. Daran wird hoffentlich auch die Rechtschreibreform nichts ändern, die ein so orthografiebewusster Mensch wie Rowohlt für "subventionierte Legasthenie" hält.

EB/ecr: Junge Leute machen keinen Hehl aus ihren Bedenken gegenüber Politik. Politikerinnen der PDS bei Gespräch im Jugendklub Indalo. Nordkurier, 27. 3. 2001

Die Politiker gefallen sich darin[,] Schuldzuweisungen von einer Ecke in die andere zu schieben. Die kümmern sich um solchen Schnee wie die Rechtschreibrefom, dabei klemmt’s an ganz anderen Ecken.“

25. 3. 2001

Bienwald, Markus: Ex-RP macht Dampf für die Selfkantbahn. Dr. Antwerpes las für den guten Zweck — Anekdötchen aus dem Leben. Aachener Nachrichten, an-online, 25. 3. 2001, Geilenkirchen

Sein Kampf für die Rechtschreibung verfolgte ihn auch bis in die Lesung. In aufklärerischer, fast selbstherrlicher Manier sprach er über den Kampf mit der Duden-Redaktion. "Es gibt sogar Leute, die Schifffahrt mit vier f schreiben", sinnierte er.

Steinmüller, Angela, und Steinmüller, Karlheinz: Zukunft als Endzeit. Die Welt, 25. 3. 2001, Feuilleton, Dokumentation

Und obwohl der Band der alten Rechtschreibung folgt, hat die Reform doch ihre Spuren hinterlassen: "daß" steht neben "bewusstlos", und "dasselbe" wird durchgängig mit ß geschrieben: "daßelbe". Vermutlich hacken die Virts das Wort so in ihre Tastaturen. — Die Liberalisierung der Orthografie ist dank unserer Kultusminister wohl nicht mehr aufzuhalten.

24. 3. 2001

Müller, Ralf: Bayern will die deutsche Sprache retten. Ein neues Gesetz kommt für Kultusminister Zehetmair aber nicht in Frage. Stuttgarter Nachrichten, 24. 3. 2001, Hintergrund

Zur Rechtschreibreform zog > Zehetmair eine eher skeptische Zwischenbilanz. Sie habe bisher keine Verbesserungen bei der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung gebracht, sondern "das Durcheinander vergrößert", räumt der Minister ein, der maßgeblich am Zustandekommen der Reform beteiligt war. Es sei allerdings von Anfang an klar gewesen, "dass man niemandem etwas aufzwingen kann", so Zehetmair.

23. 3. 2001

dpa: Ist SMS eine Gefahr für die Sprache? Kölner Stadt-Anzeiger, 23. 3. 2001 Panorama

Die philippinische Regierung sieht durch die massenhafte Versendung von Text-Botschaften via Handy (Short Message Service/ SMS) die Rechtschreibung in Gefahr. Die bei solchen Mitteilungen häufig benutzten Abkürzungen könnten in die Schriftsprache einfließen und damit die Fähigkeit zum korrekten Buchstabieren beeinträchtigen, meinte Erziehungsminister Raul Roco […] warnend.

bm: Im Deutschbuch immer noch Buckel-S. Neue Rechtschreibung noch nicht umgesetzt/Elternbeschwerde in Erbach. Wiesbadener Kurier, Main-Rheiner, 23. 3. 2001, Nachrichten aus der Region

In den Grundschulen wird nicht mehr das Buckel-S (ß) gelehrt. „Rad fahren“ darf nicht mehr in einem Wort und klein geschrieben werden. Wenn aber die siebenjährige Enkelin heute immer noch aus einem Buch lernen soll, das nur das Buckel-S kenne, dann könne irgendetwas nicht stimmen, meint Peter Adam. […] Erbacher Eltern haben schon vor längerem zur Selbsthilfe gegriffen und die Sprachlehre „Mobile“ in mühevoller Kleinarbeit handschriftlich korrigiert […]. Die Kinder sollen nicht darunter leiden und verunsichert werden.

Verunsicherung — das schreckenswort in Deutschland. Wie verunsichert wären wohl die fleissigen eltern, wenn sie wüssten, was > Leiss geschrieben hat?

22. 3. 2001

RR: Tischgespräche über aktuelle Schulfragen. Informationsveranstaltung der Schulen Dagmersellen. Zofinger Tagblatt, 22. 3. 2001, Luzern aktuell

Die Rechtschreibreform hat in der Bevölkerung Verunsicherung ausgelöst. Auch in der Schule machte man sich Gedanken, wie Rechtschreiblernen künftig vermittelt werden sollte. […] Die Tendenz heisst: «Weg vom Regelnbüffeln zum selbstbestimmenden Rechtschreiblernen».

Diskussion über die neue deutsche Rechtschreibung. Goslarsche Zeitung, (22. 3. 2001), Kreis Goslar

Die Gesellschaft für deutsche Sprache, lässt am kommenden Dienstag, 27. März, ab 19.30 Uhr im Pressehaus der Goslarschen Zeitung in einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung einen kompetenten Referenten zu Wort kommen: Dr. Gerhard Müller ist seit 1976 Mitarbeiter der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Muttersprache“ wird eine Zwischenbilanz zur Rechtschreibreform ziehen.

Der vortrag ist bestimmt sprachgepflegter als dieses textstück.

Schmidt, Irene: Pressevielfalt Niedersachsens darf nicht gefährdet werden. CDU-Vorsitzender Wulff appelliert an Politiker und Verleger. Grafschafter Nachrichten (nordwest.net), 22. 3. 2001

Die Einführung der neuen Rechtschreibung habe viele Menschen im Lande verunsichert. Nun gelte es, mit der deutschen Sprache sorgfältig umzugehen. Mit der zunehmenden Verwendung von Anglizismen entspreche die Zeitung nicht dem Willen und Wunsch ihrer Leser, sondern sie stifte Verwirrung.

kwi: Westerwelle: Mehr Geld in die Bildung stecken. Gestern Nachmittag letzte große Wahlkampfveranstaltung der FDP Landau-Südliche Weinstraße im Alten Kaufhaus. Die Rheinpfalz, 22. 3. 2001

"Mehr Kohle in die Bildung stecken und weniger Kohle in die Kohle", fand Westerwelle, der auch der Kultusministerkonferenz vorwarf, sich der Rechtschreibreform mehr gewidmet zu haben als der Verkürzung der Ausbildungszeiten.

Schaaf, Julia: Bus für mehr Demokratie. Verein will Bürgerentscheide. Stuttgarter Zeitung, 22. 3. 2001, Stuttgart

Trotz Kälte und Regenwetter bleiben viele Leute stehen, schimpfen auf die Rechtschreibreform und die Gesundheitspolitik.

Asendorpf, Dirk: "Chatten macht Spaß." Verkommt die deutsche Sprache durch den Cyberslang? Der Linguist Peter Schlobinski gibt Entwarnung. Die Zeit, 22. 3. 2001, nr. 13, s. 40, Media

Zeit: Also kein Bedarf für ein Sprachenschutzgesetz? Schlobinski: Nein, wir hatten schon die Rechtschreibreform, das reicht jetzt erst mal an Regelungsmaßnahmen.

21. 3. 2001

Müller-Lissner, Adelheid: Eins zu Null für Dante. Neue Forschungsergebnisse: Warum es die Italiener mit ihrer Sprache besser haben. Der Tagesspiegel, 21. 3. 2001, Wissen & Forschen

Ungleiche Voraussetzungen für das Lesen herrschen nicht nur in den Gehirnen, sondern auch in den Sprachen der Menschen. […] Trotz gleichen Handicaps taten sich aber die Italiener beim Lesen und bei der Orthographie wesentlich leichter. Das haben sie der Umsetzung ihrer Sprache in Schrift zu verdanken, bei der eine bestimmte Buchstabenfolge fast immer für ein und denselben Laut steht.

mh: Ein Massagesalon im Nordosten. Die Welt, 21. 3. 2001, Feuilleton, Metropolitan

Als Anfang 2001 eine Jahre zuvor beschlossene Reform die Zahl der Berliner Bezirke reduzierte, fanden die Einwohner von Prenzlauer Berg sich unversehens mit denjenigen von Pankow und Weißensee zu einer Verwaltungseinheit zwangsvereinigt […]. Es war ein bisschen wie bei der Rechtschreibreform: Erst als es ernst wurde, merkten die Menschen, was ihnen die Bürokraten da eingebrockt hatten.

Simon, Gerda: Links - rechts II. Leserstimmen. Der Standard, 21. 3. 2001, s. 35, Kommentar der anderen

Müssen legasthene Schülerinnen und Schüler auf eine neuerliche Rechtschreibreform warten oder gibt es für diese oftmals sehr begabten Kinder eine Chance in den Schulen?

20. 3. 2001

Siebert, Nicole: "Manche Schulbücher halten 30 Jahre." Lehrplanänderungen und Rechtschreibreform reißen Löcher in den Etat. Allgäuer Zeitung, 20. 3. 2001, Marktoberdorf

Neue Rechtschreibung, neuer Lehrplan, neues Geld. Nicht nur der Bürger muss sich auf einige dieser Veränderungen einstellen, besonders auch die Schulen stöhnen zuweilen darunter.

Jung, Hansjörg: Wenn Gorbatschow am Handy klingelt. Böblingen: Alt-Außenminister > Hans-Dietrich Genscher beim FDP-Landtagskandidaten Helmut Kurtz. Sindelfinger Zeitung, 20. 3. 2001, Lokal

"Fünf Jahre hat die Kultusministerkonferenz das Volk mit einer Rechtschreibreform genervt, die niemand braucht. Aber um Klassenteiler und den Lehrernachwuchs hat sie sich nicht gekümmert," schimpfte Genscher.

prü/pä: Spar- und Darlehnskasse ist stolz auf 100 Leistungs-Jahre. Westfalenpost, 20. 3. 2001

1901 wurde in Wuppertal die Schwebebahn in Betrieb genommen. Im selben Jahr stand eine Reform der deutschen Rechtschreibung an. Und genau in diesem wichtigen Jahr des Fortschritts schritten mutige Männer in Bösperde zur Gründung der Spar- und Darlehnskasse.

17. 3. 2001

Arns, Lisa: «Ein gewandter und bilderreicher Erzähler.» Der deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz wird heute 75 Jahre alt. Die Südostschweiz, 17. 3. 2001, nr. 64, s. 17, Kultur

Noch als 70-Jähriger forderte der Autor 1996 ein Volksabstimmung über die Rechtschreibreform, die seiner Meinung nach «die Sprache verflacht».

bgr.: Hinweise auf Bücher. Säit me soo oder andersch? Neue Zürcher Zeitung, 17. 3. 2001, nr. 64, s. 68, Feuilleton

Äusserlich gibt sich das > Buch sehr radikal. Nicht nur gilt die «Ggmèèssiget Chliischriibig» (diese ist kurioserweise gross geschrieben), man findet auch im ganzen Buch kein schriftsprachliches Wort; sogar die grammatische Terminologie wird bis zur Verfremdung vermundartlicht: «di schtarche wèrb» […]

Neues Buch vom Sänger-Poeten. Berliner Kurier, 17. 3. 2001, Kultur

Der singende Studienrat Heinz Rudolf Kunze hat seit 1981 immerhin 21 CDs auf den Markt gebracht. […] Geschrieben ist das Buch demonstrativ in alter Rechtschreibung. Kunze hatte als strikter Gegner die Reform mit "einer behördlichen Anordnung zur Verunreinigung des Trinkwassers verglichen".

-cb-: Olympiade mit "Rolandsbrunnen-Marathon". Kabarettisten Helmut "Stöcker" Vorndran und Stefan "Gery" Gerspitzer glänzten mit Seitenhieben im Rathauskeller. Obermain-Tagblatt, 17. 3. 2001

Ein entsprechender Kommentar zur deutschen Rechtschreibreform durfte daher auch im Programm von "Schlimm" nicht fehlen. Ziemlich makaber resümierte Stöcker: "Unsere Kinder werden uns Kommamörder nennen, uns in Grammatikghettos sperren und mit dem Dudenstern kennzeichnen". Gery untermalte Stöckers Ausführungen gleich mit dem entsprechenden Lied. Auf die Melodie von "We Will Rock You" sang er die genial konzipierte Abwandlung "Nie mehr, nie mehr Kommas", was das Publikum sehr erheiterte und die Stimmung sichtlich auflockerte.

Die Reblaus. Wiesbadener Tagblatt, 17. 3. 2001

Bereits vor zwei Jahren haben Eltern und Lehrer einen Teil der alten Schulbücher in Handarbeit auf den neuen Stand der Rechtschreibung gebracht, ganz wie früher die Mönche in ihren mittelalterlichen Scriptorien. Aber offensichtlich sind diese von Hand reformierten Bücher nicht mehr in Gebrauch oder nicht in ausreichender Stückzahl vorhanden. Fest steht, dass eine der beiden zweiten Klassen in Erbach nach den alten und mithin falschen Regeln unterrichtet wird.

16. 3. 2001

Paulesu, Eraldo, e. a.: Dyslexia: Cultural diversity and biological unity. Science, 16. 3. 2001, bd. 291, nr. 5511, s. 2165—2167

In languages with transparent or shallow orthography (e.g., Italian), the letters of the alphabet, alone or in combination, are in most instances uniquely mapped to each of the speech sounds occurring in the language. Learning to read in such languages is easier than in languages with deep orthography (e.g., English and French), where the mapping between letters, speech sounds, and whole-word sounds is often highly ambiguous. Adult skilled readers show a speed advantage in shallow orthographies. […] We conclude that a phonological processing deficit is a universal problem in dyslexia and causes literacy problems in both shallow and deep orthographies. However, in languages with shallow orthography, such as Italian, the impact is less, and dyslexia has a more hidden existence. By contrast, deep orthographies like that of English and French may aggravate the literacy impairments of otherwise mild cases of dyslexia.

Wernecke, Maren: Leseschwäche: Italiener haben es leichter. Netzeitung, 16. 3. 2001

Künftige Rechtschreibreformen sollten sich daher auch daran orientieren, wie lesbar eine Sprache wird. Die umstrittenene deutschen Rechtschreibreform hat dieses Ziel nach Meinung vieler Experten übrigens nicht erreicht.

Legasthenie: Die Sprache ist schuld. Spiegel Online, 16. 3. 2001, Wissenschaft

dpa: Komplizierte Sprachen fördern Schwächen bei der Rechtschreibung. Die Welt, 16. 3. 2001, Wissenschaft

Neurologen haben entdeckt, dass Legasthenie durch Sprachen mit einer besonders komplizierten Rechtschreibung forciert wird.

SN, APA, dpa: In schwieriger Sprache aufgewachsen. Korrelation zwischen Rechtschreibschwäche und Sprache entdeckt. Salzburger Nachrichten, 16. 3. 2001, Wissenschaft

Neurologen von der Universität Mailand haben entdeckt, dass die Legasthenie von Sprachen mit einer besonders komplizierten Rechtschreibung nachgerade gefördert wird.

APA: Zu komplexe Sprachen. Legasthenie ist nicht nur eine neurologische Störung. Der Standard, 16. 3. 2001, s. 34, Wissenschaft

Eine gewisse Entlastung für Menschen mit Rechtschreibschwächen bietet eine Studie, die in der jüngsten Ausgabe des Fachjournals Science (Bd. 291, S. 2165) veröffentlicht wurde: Legasthenie, heißt es darin, sei zwar zweifellos eine neurologische Störung, sie werde aber in einigen Sprachen durch besonders komplizierte Rechtschreibung "forciert". […] Professor Paulesu sieht im Ergebnis seiner Studie ein wichtiges Argument für Rechtschreibreformen in jenen Ländern, die ihren Kindern das Erlernen der Muttersprache mittels orthographischer Spitzfindigkeiten besonders schwer machen.

15. 3. 2001

Hölscher, Astrid: Zulauf für eine vorübergehend kleinere Partei. Guido Westerwelle vermittelt im Landtagswahlkampf den Eindruck, dass mit der FDP wieder zu rechnen ist. Frankfurter Rundschau, 15. 3. 2001

Wenn alle von der Rechtschreibreform reden — nach dem Motto: dafür hatten sie Zeit, die Kultusminister, während sie die wirklich wichtigen Zukunftsthemen derweil verschleppen — und zwecks Anschauung "die Schifffahrt mit zwei, drei oder vier F" heranziehen, holt der Noch-General den "Flanelllappen" hervor.

14. 3. 2001

rpo: 600 Briefe aus insgesamt sieben Jahren. Erste Briefwechsel-Gesamtausgabe von Jacob und Wilhelm Grimm. Bocholter-Borkener Volksblatt, (14. 3. 2001)

Die Brüder gingen bald zur Kleinschreibung über, weil ihnen der "alberne gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva" gegen den Strich ging. In ihrem Wörterbuch hielten sie sich 33 Bände lang daran.

ddp/dpa: Brüderlein, komm schreib mit mir. Erste Briefwechsel-Gesamtausgabe von Jacob und Wilhelm Grimm erschienen. Hamburger Abendblatt, 14. 3. 2001, Feuilleton

Die Brüder, die mit etwa 2000 Briefpartnern in Kontakt standen, gingen in ihrer Korrespondenz bald zur Kleinschreibung über, weil ihnen der "alberne gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva" gegen den Strich ging.

Nuber, Hanna: Rasant, spontan und rotzfrech. Schwäbische Zeitung Online, 14. 3. 2001, Riedlingen

Von Null auf Hundert geriet der Auftakt des Solo-Kabarettisten Christoph Sonntag […]. Nach der Rechtschreibreform komme nun die Silbenverknappung und Einführung der "B-Sprache".

12. 3. 2001

red: Entwicklung der wendischen Schreibweise. Lausitzer Rundschau, 12. 3. 2001, Calau/Lübbenau

Ein Vortrag zur Entwicklung der wendischen Schreibweise findet am Dienstag, 13. März, um 17 Uhr in der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus […] statt. Die niedersorbische Orthographie ist im 20. Jahrhundert von großen Veränderungen geprägt.

10. 3. 2001

> Genscher, Hans-Dietrich: Es geht um Kinder und ihre Chancen. Allgemeine Zeitung (Mainz), 10. 3. 2001

Was ging in den Köpfen der Kultusministerkonferenz vor, als sie kräftezehrend und nervend der Nation die Rechtschreibreform aufoktroyierte, sich nun herumquält mit Reformen der Reform und damit Verwirrung stiftet, wo Klarheit geboten ist?

7. 3. 2001

Thurner, Christina: Leichtfüssiger Sprachlauf. Gedichte von Rudolf Weiler. Neue Zürcher Zeitung, 7. 3. 2001, nr. 55, s. 44, Zürcher Kultur

In konsequenter Kleinschreibung versammelt der Band Haikus und andere poetische Kurztexte zu gängigen Motiven wie Naturbetrachtung, Liebe, Sehnsucht.

Guten Morgen. Berliner Morgenpost, 7. 3. 2001, Berlin

Die Rechtschreibung ist auch nicht mehr die, die sie einmal war. Unbeschadet aller deformierenden Reformen und paranoider Überfremdungsängste zeigt sich, dass das Falsche immer noch etwas falscher gemacht werden kann.

6. 3. 2001

Schmidt-Mühlisch, Lothar: Wider die anglizistische Sprach-Invasion. Mit unverstandenen Sprachhülsen schlucken wir banale Haltungen und erliegen auch ökonomischer Vergewaltigung. Die Welt, 6. 3. 2001, nr. 55, s. 29, Feuilleton

Und Gewöhnungen, wie Schneider sie bejahend bei der Rechtschreibreform anführt, machen eine Sache auch nicht richtiger. Besagte Reform, die ja eine verordnete und keine gewachsene war, hat uns viele Antriebe zur Differenzierung gekostet. Ob das der geistigen Disziplin und Unterscheidungsfähigkeit förderlich war, ist immerhin zu bezweifeln.

Leider lässt der verfasser offen, inwiefern die vorherige rechtschreibung mehr eine gewachsene und weniger eine verordnete war und inwiefern sie durch mehr als gewöhnung legitimiert war.

5. 3. 2001

Bartel, Jörg: Und dann noch "datt" mit zwei "s"! Neue Ruhr-Zeitung, 5. 3. 2001

Hochlichternd sind auch die Knebels als Buß-Brothers nach dem Seitensprung […] und vor allem die hirnerweichendste Erklärung für das Ruhrdeutsche und gegen die Rechtschreibreform, die man je vor dem Zwerchfell-Krampf vernahm: "Datt mit zwei s!!!"

3. 3. 2001

Jdl.: Handgelenk und Kopfstation. Friederike Mayröckers Zettel und Zeichnungen. Neue Zürcher Zeitung, 3. 3. 2001, 222. jg., nr. 52, s. 65, Feuilleton

Das Wort «Versuch» setzt Friederike Mayröcker noch über frühe Stadien eines Textes, das Siegel der Endgültigkeit erhält das Manuskript später durch die geheiligte Kleinschreibung.

Kaulard, Julia: Berlin — demokratisches Schlusslicht? Parteienübergreifende Initiative für mehr Bürgerbeteiligung — nur CDU skeptisch. Berliner Morgenpost, 3. 3. 2001, Berlin

Wilhelmi [«Mehr Demokratie»] glaubt, dass die Berliner bei vielen Themen gerne selbst votieren würden, wenn nur die Hürden niedriger wären: «Bezirksfusion, Palast der Republik, Hochschul- oder Rechtschreibreform.» […] «Wenn es um große Geldsummen geht, müssen die Politiker schon mitreden können», sagt CDU-Sprecher Nippert. Sicherlich gebe es noch weitere Themen, die für einen Volksentscheid auf Landesebene mit niedrigerer Hürde nicht geeignet seien. Beispiel Rechtschreibreform: Schleswig-Holsteins Regierung nahm den Entscheid gegen die Reform letztlich wieder zurück. Als einziges Bundesland wollte man die alte Schreibweise dann doch nicht beibehalten.

Schwerk, Ekkehard: Heinz Knobloch. "Alles kommt zu dem, der warten kann." Der Tagesspiegel, 3. 3. 2001, Berlin, Stadtleben

Die "Wochenpost" in Ost-Berlin war das Blatt, dem Heinz Knobloch wöchentlichen Glanz gab. […] "Mißtraut den Grünanlagen". Hier sei aufs "ß" dringlich hingewiesen; denn Knobloch gehört zur Bruderschaft jener, die an der alten Rechtschreibung festhalten. Auch in seinem nun zu seinem 75. im Jaron Verlag herausgegebenen Band "Im Lustgarten mit Heinz Knobloch. Ein preußischer Garten im Herzen Berlins."

Meejungfer: Liabe Leut. Volksblatt Würzburg, 3. 3. 2001, Kitzingen

Und falsch Gschriebens gibt's jetzert natürli no mehr, seit se dia neua Rechtschreibreform eigführt ham. Olla pförzlang muss in unnern Land irchndwos reformiert werd, diesmal dia Schreiberei. Aber, un des muss festghaltn werd für dia nächsta Reform, des wichtigsta für uns Franknkinner ham se net reformiert: dia Ausschprach vou darn hartn un weichn "d" gleichzusetzn.

Schneider, Rolf: Die Sprache ist nicht unser Bier. Sie lässt sich durch Reinheitsgebote nicht gängeln — und bleibt aus diesem Grund lebendig. Die Welt, 3. 3. 2001, Feuilleton

Das Getöse, das den Beginn der neuen Rechtschreibung begleitete, ist noch in Erinnerung; da gründete man Initiativen, sammelte Unterschriften und nötigte ein Bundesland, sich der Änderung zu verweigern. Etliche Schriftsteller, die es von Berufs wegen besser wissen müssten, behaupteten, hier werde ihre Sprache beschädigt — als sei Sprache identisch mit deren orthografischer Wiedergabe. Die Diskussion ist inzwischen verstummt. Die allermeisten Printerzeugnisse folgen der Reform. Manche folgen ihr nicht. Die Irritationen bleiben bescheiden, und von Schaden redet keiner mehr.

2. 3. 2001

Publikum mit Wortwitz gefesselt und geknebelt. Bürsche Zeitung (Westline), 2. 3. 2001, Gelsenkirchen

Herbert Knebel, Ernst Pichel, Ozzy Ostermann und der Trainer brachten das ausverkaufte Hans-Sachs-Haus zum beben. […] Und in Sachen Rechtschreibung kennt er sich auch aus: "Trenne nie den s von das t, denn es tutse weh!"

Zum beben?

1. 3. 2001

Gerdes, Martin: Der arme Herr Weiss! www.rechtschreibreform.com, 1. 3. 2001

In alter Zeit gab es zwei Formen des Kleinbuchstaben s — ein sogenanntes „langes s“ für das Wortinnere und ein sogenanntes „rundes s“, das nur an Wortende und Wortfuge stand — und zwar in „runden Schriften“ (die man auch „lateinische Schriften“ oder „Antiqua“ nennt) und in gebrochenen Schriften (etwas vereinfacht „Fraktur“). […] Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert waren die Schreibweisen eher variabel (in jener herrlichen Zeit vor der orthographischen Konferenz in Berlin. Damals hat man gerade so anarchisch variabel geschrieben wie jetzt, nach der orthographischen Konferenz zu Wien).


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Rolf Landolt