Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

Aus der presse

Nachgeführt 30. 3. 2002 (siehe 22. 12., siehe 3. 12.)

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31. 12. 2001

Müller, Heike: Fünf Antworten und ein Rätsel. Hamburger Abendblatt, 31. 12. 2001

Warum heißt Hamburgs Zentrum eigentlich "Centrum"? Abendblatt-Leserin Elisabeth Krause-Solberg erinnert sich: "Als das Kongress-Zentrum am Dammtor gebaut wurde, suchte man eine kurze Bezeichnung: KZH, das war unmöglich! Also erfand man ganz flott eine neue Rechtschreibung: Congress Centrum Hamburg — CCH." Seitdem griff das "Centrum" mit C um sich: "Den sonst so pingeligen Stadtbeamten blieb damit nichts anderes übrig, als diese Schreibung für die Wegweiser in Hamburg zu übernehmen", ergänzt ein ehemaliger Ingenieur aus der Baubehörde. Ein weiterer Erklärungsansatz: "Centrum" erleichtert ausländischen Gästen die Orientierung: Es ist internationaler, riecht nach "center", "centre" und "centro". "In anderen Sprachen ist das Z, besonders als Anfangsbuchstabe, nicht sehr gebräuchlich", erklärt Abendblatt-Leser Bernd Jungmann. Der Rest bleibt ein Rätsel. Wie zum Beispiel der Fall mit den mysteriösen Großbuchstaben in der Aufschrift "KlosterSTERN" am gleichnamigen U-Bahnhof. "Das weiß leider nicht einmal unser Betriebshistoriker", gibt Hochbahn-Sprecher Wolfgang Ivens zu.

siehe Ickler, Theodor: Vom Ungeschick der deutschen Satzklammer auf der internationalen Wäscheleine. Wie gut ist unsere Sprache und wie läßt sie sich verbessern? Eine ketzerische Bestandsaufnahme zum Jahresende. Süddeutsche Zeitung, 31. 12. 2001, 57. jg., nr. 300, s. 16, Feuilleton

Erstaunlich viele Experten glauben zu wissen, welche Fremdsprachen gelernt werden sollen, welche als erste Fremdsprache in Frage kommt und welche nicht, und dies wird dann in feierlichen „Erklärungen" und „Empfehlungen" verkündet, statt daß man es den Bürgern selber überläßt, wie sie es für sich und ihre Kinder mit dem Sprachenlernen halten wollen. Hier ist dieselbe illiberale Grundeinstellung zu beklagen wie beim Ruf nach amtlicher Rechtschreibung und nach Sprachschutzgesetzen. [. . .] Diphthong kann fast niemand mehr schreiben. Die barbarische neue Silbentrennung krönt das Ganze: a-brupt, Manus-kript, O-blate. [. . .] Die Rechtschreibreform [. . .] wollte auch die Großschreibung fester Begriffe verbieten, mußte allerdings zurückstecken, und die Zeitungen verweigern sich diesem Ansinnen ganz und gar. Aber auch diese Großschreibung wie in Heiliger Vater, [. . .] Erste Hilfe usw. ist ein Mittel, Nomenklatorisches auszuzeichnen, also, kurz gesagt, Sein und Heißen zu unterscheiden. Großschreibung signalisiert hier: „Ist nicht so, heißt nur so!“ [. . .] Frei vom Würgegriff der Sprachpflege, entwickelt sich das Weltenglische mit einer atemberaubenden Mutationsrate, folglich auch Anpassungsfähigkeit – während die Deutschen es zulassen, daß eine Handvoll Pedanten mit staatlicher Autorität so etwas wie die Rechtschreibreform ins Werk setzt und damit die deutsche Sprache ein Stück weit zugrunde richtet.

„Ist nicht so, heißt nur so!“ Das war ja wohl nicht die absicht von siehe Zehetmair im falle des heiligen vaters. (siehe Süddeutsche Zeitung vom 29. 8. 2001.) Die episode zeigt, wie viel gefühl und wie wenig verstand hier im spiel ist. Entsprechend inkonsequent ist der (in der gesprochenen und in der geschriebenen sprache unnötige) versuch, fraseologismen mit grossschreibung beizukommen. Mehr konsequenz würde zu viel mehr grossschreibung führen, und das will ja anscheinend nicht einmal Ickler in seinem siehe wörterbuch.

siehe Munske, Horst Haider: Was lernen eigentlich die Lehrer? Aus der Pisa-Studie müssen auch die Universitäten ihre Konsequenzen ziehen. Die Welt, Erscheinungsdatum: 31. 12. 2001, nr. 304, s. 2, Deutschland

Mängel im Qualitätsniveau eines Faches zeigen sich am Ende in ganz trivialen Fragen, zum Beispiel der Rechtschreibreform. Sie wäre nicht so dilettantisch ausgefallen, hätten ihre Verfasser mehr gewusst über die Entstehung der Schreibnormen vom 16. bis 19. Jahrhundert. Mehr Wissen über die Geschichte der deutschen Sprache hätte sie bewahrt vor leichtfertigen Reformversuchen.

Es gibt verschiedene gründe, dass die neuregelung so herausgekommen ist, wie sie ist. Wissenslücken bei den verfassern standen für uns bisher nicht im vordergrund. Aber Munske muss es wissen — er war einer von ihnen.

29. 12. 2001

Kulturnotizen. "Zurück zur alten Rechtschreibung." Frankenpost, 29. 12. 2001, Regional

Die neue Rechtschreibung mit ihren verschiedenen Auslegungen habe zu großer Verwirrung geführt, sagte siehe Ickler am Freitag im Bayerischen Rundfunk.

Haindl, Ulrich: Schule — Experimentierfeld von Heilsaposteln. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 12. 2001, nr. 302, s. 11, Briefe an die Herausgeber

Die Rechtschreibung hätte man am liebsten abgeschafft; jetzt hat man sie durch eine neue ersetzt, ohne zu merken, daß jedes Regelsystem erst einmal verstanden sein muß, wenn man es richtig anwenden will; und Regeln bleiben nun mal Regeln.

Reform brachte nur Verwirrung. Sprachwissenschaftler für Rückkehr zu alter Rechtschreibung. Fränkischer Tag, 29. 12. 2001, Franken

Kritik übte der siehe Germanistikprofessor vor allem an der Getrenntschreibung, der Vergröberung der Interpunktion und der daraus resultierenden Grammatikfehler der Rechtschreibreform. Außerdem seien derzeit alle möglichen Schreibweisen zu finden, was vor allem für Schüler sehr verwirrend sei.

Stengel, Hansgeorg: Gastkolumne: Vorwärts, rückwärts & umgekehrt. Neues Deutschland, 29. 12. 2001, Meinung

Palindromische Jahre sind von links nach rechts (oder von vorn nach hinten) sowie von rechts nach links (bzw. von hinten nach vorn) identisch: z. B. anno 999, 1001, 1661, 1881 oder aktuell 1991 und 2002. Die chronologische Gunst [. . .] produziert bei aktuell Lebenden das Hochgefühl, einer elitären Gesellschaft anzugehören. [. . .] Zurück zur elitären Palindrom-Gesellschaft. Steht sie angesichts z. B. der Rechtschreibreform tatsächlich auf höherer Stufe? Auf höherem Niveau? Auf höherem Level? Diese Reform ist, behaupte ich, großmütig bemessen, zu zwei Elfteln ein Absurditäten-Panoptikum: Es tut mir Leid, du hast Recht, Gämse, Quäntchen, Arm (Körperteil?) und Reich (Großmacht?), Tollpatsch, schief gelatscht, still halten, allein stehend, Alt und Jung. Statt sich wenigstens schrittweise an die Kleinschreibung heranzupirschen (und damit das Schriftbild anderer europäischer Partner eher zu achten statt zu ächten), sind Großbuchstaben hier zu Lande Majestäten.

28. 12. 2001

Potthoff, Jürgen: Mit dem Euro zum Preisvergleich in die Bahnhofsbar von Bari. Westfälische Rundschau, 28. 12. 2001, Dortmund

Ach, Euro. Du halbherziges Reformwerk. Irgendwie erinnerst Du mich an diese lädierte Rechtschreibreform, die das ß nur in Einzelfällen auszumerzen verstand.

24. 12. 2001

Riehm, Waltraud: Dann fürs Kinderherz ein paar Äpfel ... Gegen Ende Dezember 1901 sahen die Welt und die Nachrichtenlage noch ein wenig anders aus, aber nicht nur. Saarbrücker Zeitung, 24. 12. 2001, Merzig

Die Schlagzeilen der Merziger Zeitung verblüffen — Redakteur Heinrich Ziegler hat über Ereignisse zu berichten, die sich zum Teil ähnlich auch heute darstellen könnten. [. . .] Die Wuppertaler Schwebebahn geht in Betrieb, "die Mitglieder des Reichstages erhalten künftig während der Legislaturperiode Diäten, Freifahrten und Anwesenheitsgelder", die Reform der Rechtschreibung tritt in Kraft, in Paris gibt es die erste Ausstellung von Werken des 18-jährigen Pablo Picasso.

Unterstöger, Hermann: Würdig war es und recht. Das Jahr der Sprachen neigt sich dem Ende zu, es hinterlässt uns zehn Thesen für ein Handlungskonzept und vier Wünsche von Nida-Rümelin. Süddeutsche Zeitung, 24. 12. 2001, Feuilleton

Das andere große Schmerzthema, die Rechtschreibreform, ist über all dem ein wenig in den Hintergrund gerückt, wird aber von den Reformgegnern mit dem von ihnen gewohnten Ernst weiterbehandelt. Die Lage stellt sich, kurz skizziert, so dar, dass die im Alltag geübte Doppelschreibung, die sich aus der Rückkehr der FAZ zur alten Orthographie ergeben hat, von den Mehrfachlesern nicht als nationale Spaltung empfunden wird. Beide Varianten werden zügig weggelesen; allenfalls und mit erheblichen Schmerzen stolpert man über Neubildungen, die dadurch entstehen, dass die ohnedies verbreitete Rechtschreibunsicherheit durch die Reform offenbar potenziert worden ist: „Kern gesund“ und ähnliche Narreteien. Vielleicht schaffen es die Verantwortlichen ja schon 2002, aus prima und seconda prattica etwas gebrauchsfähiges Drittes zu destillieren.

23. 12. 2001

Hagmeyer, Christa: Fenster im dunklen Raum. Ausstellung im Stuttgarter Bibelmuseum. Eßlinger Zeitung, 23. 12. 2001, Kultur

Eine neue Bibel bietet das Bibelmuseum Stuttgart an, eine Sonderausgabe der Lutherübersetzung. Das Besondere daran sind die vielen Reproduktionen von Werken der Renaissance, die den Text illustrieren. Die Wichtigsten dieser Reproduktionen werden derzeit in einer Ausstellung im Bibelmuseum unter dem Motto "Fenster zur Freiheit" gezeigt. [. . .] Bei der Übersetzung handelt es sich um die revidierte Fassung von 1984, allerdings ist die Rechtschreibreform berücksichtigt.

Voller Herz und Verstand. Roman Herzog, ein glücklicher Mann: Der Altpräsident hat eine reizende Ehefrau und viel Zeit zum Nachdenken. Welt am Sonntag, 23. 12. 2001, Aus aller Welt

siehe Roman Herzog zu Fragen der Zeit: [. . .] Rechtschreibreform: "Ich schreibe so, wie ich's glaube gelernt zu haben, und werde auch das letzte Jahrzehnt meines Lebens so schreiben — obgleich mir vieles an der Rechtschreibreform eingeleuchtet hat."

22. 12. 2001

Schlötzer, Christiane: Griechin ärgert Griechen. Anna Diamantopoulou will Englisch zur zweiten Landessprache machen; die Volksseele brodelt. Tages-Anzeiger, 22. 12. 2001, s. 3, Ausland

Um ihre Sprache stritten die Griechen auch miteinander, heftiger als die Deutschen um die Rechtschreibreform. Es gab gar Strassenschlachten mit Todesopfern, als Sprachpuristen sich über das Dimotiki, die Volkssprache, erregten. 1982 räumte eine Reform mit dem alten Sprachballast auf und tilgte die komplizierte Orthografie des archaisierenden Katharevussa.

21. 12. 2001

Olbert, Frank: Auenland als Hauptwohnsitz. Kölner Stadt-Anzeiger, 21. 12. 2001, Kultur

Fantasy-Literatur, weiß Thomas Le Blanc, Leiter der Wetzlarer Phantastischen Bibliothek, einer streng wissenschaftlichen Institution mit öffentlichem Auftrag, die auf der alten Rechtschreibung ihres Namens besteht — dieses spezielle Genre also definiert sich vor allem durch das, was sie nicht ist: Fantasy ist nicht-realistisch, und sei es nur durch ein einziges Element, das unserer wirklichen Welt (noch) fehlt.

sk/MOZ: Mit Erziehungshilfe und Wetterkunde Kehrtwende geschafft. Märkische Oderzeitung, 21. 12. 2001, Eberswalde

Die Lehrer nennen sein damaliges Verhalten „verhaltensgestört“. Dass er mittlerweile die Kurve bekommen hat, ist unüberhörbar. [. . .] Mit der neuen Rechtschreibung habe er sich noch nicht angefreundet, gibt Steven unumwunden zu.

Harmelink, Konrad: Schlimmer als der rote Miesepeter Sammer. Westfälische Rundschau, 21. 12. 2001

Jetzt hast Du, Du Kunstfigur eines Kabarettisten, auch noch einen Jahreskalender entworfen. [. . .] Hast Du eigentlich noch nie von der Pisa-Studie gehört und von der IHK, die ständig jammert, dass unsere Kids keine drei Sätze mehr geradeaus schreiben können? Da soll ich mir einen Kalender an die Wand hängen, auf dem die Tage mit einem Rachenlaut enden — "Montach", "Dienstach", "Freitach"? [. . .] Nein Günna, [. . .] ich will doch nicht am Untergang unseres Kulturgutes deutsche Sprache beteiligt sein. Du hast da sowieso schon so viel kaputt gemacht mit Deiner hausgemachten Rechtschreibreform, mit der die Lautsprache zum tragenden Prinzip erhoben wird.

Traxler, Günter: Kampf zwischen Herz und Hirn. Der Standard, 21. 12. 2001, s. 30

Si tacuisses philosophus mansisses, hätten die alten Römer wohl geächzt, wären sie des ÖVP-Bildungssprechers Werner Amon ansichtig geworden. Etwas weniger sanft sind die Leser der "Presse" mit dem Bildungsmuffel umgegangen [. . .], als sie seinen Vorschlag vernahmen, in den allgemein bildenden höheren Schulen Latein künftig nur als Wahlpflicht- statt als Pflichtfach anzubieten. Der Beschmutzer des konservativen Nestes — womöglich ist er auch für die neue Rechtschreibung? — bekam [. . .] eine Abreibung verpasst [. . .].

19. 12. 2001

Steinfeld, Thomas: Falscher Eifer. Irrtum „Pisa“-Studie: Wie zu viel Wettbewerb Bildung verhindert. Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 19. 12. 2001, 57. jg., nr. 292, s. 15, Feuilleton

Was ist von Kultusministern zu halten, die glauben, eine gewachsene und allen vertraute Orthographie so verbessern zu müssen, dass am Ende keiner mehr weiß, wie man richtig schreibt?

Springer, Andrea: Von der Reise zum Menschen. Rüdiger Steiners „the ape be come hu man“ im Wehener Schloss. Wiesbadener Tagblatt, 19. 12. 2001, Regio-Nachrichten

In seinem Tagebuch entwickelt Rüdiger Steiner eine ganz eigenwillige Wort- und Bildsprache. [. . .] Gedanken, die nicht abbrechen, weil es der Rand einer Seite befiehlt, reihen sich an flüchtige Ereignisse — in Kleinschreibung verfasst.

18. 12. 2001

ebo: Nur ABC-Schützen rechnen in Euro. Schulanfänger haben aktualisiertes Lernmaterial; Benz: In drei Jahren Umstellung abgeschlossen. Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung, (18. 12. 2001), Lokales

Seit Monaten werden die Schüler fit gemacht für die neue Währung. Nur an einem Punkt hapert es noch: In den Schulbüchern wird nach wie vor mit Mark und Pfennig gerechnet. Gleiches gilt auch für die neue Rechtschreibung, die noch nicht in allen Lesebüchern Einzug gehalten hat – eine echte Herausforderung für Lehrer und Schüler. Kritiker werfen den Schulen vor, dass die Kinder mit veralteten Büchern nie richtig schreiben lernen.

Vgl. siehe fundsachen.

Knipphals, Dirk: Alle wollen den Euro anfassen. die tageszeitung, 18. 12. 2001, nr. 6629, s. 12, Meinung und Diskussion

Wenn, wie alte Medienprofis sagen, nur eine schlechte Nachricht eine gute Nachricht ist, dann haben die Blattmacher des Feuilletons gerade schlechte Karten. Während etwa die Rechtschreibreform von diskursivem Pulverdampf begleitet wurde, funktioniert die Einführung des Euro reibungslos.

15. 12. 2001

Rind, Christoph: Das Wort des Jahres . . . Und mit ihm Erinnerungen an schlimme und schöne Zeiten. Hamburger Abendblatt, 15. 12. 2001, Aus aller Welt

Da wirken "Nullösung" (1981) in alter Rechtschreibung und "Ellenbogengesellschaft" (1982) fast wie Synonyme für spannungsarme Jahre [. . .].

Winkler, Willi: Resl oder Die Verwandlung des Himmels. Auf der Suche nach dem Mittelpunkt Europas: Konnersreuth in der Oberpfalz, einen Steinworf vor der tschechischen Grenze. Süddeutsche Zeitung, 15. 12. 2001, nr. 289, s. 19, Feuilleton

„ich wage gar nicht, mir den zustand der gesellschaft nach der unausbleiblichen verständigung von ‚ost‘ und ‚west‘ vorzustellen“, heißt es 1969 mit linksradikaler Kleinschreibung in Oswald Wieners „Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“.

Maier, Hans: Kampf der Gleichmacherei. Bildung, so Bayerns Ex-Kultusminister Hans Maier, ist immer noch eine Investition in die Zukunft — Teil 1. Die Welt, 15. 12. 2001, Literarische Welt, Essay

Wozu noch Rechtschreiben, wenn heute bereits Sprech[-]/Schreibautomaten Sprache in Texte verwandeln, wenn die künftige Generation "intelligenter" Computer nach modernen Musterkennungsverfahren sogar Bilder — Fotos oder Personen — identifizieren kann?

Die frage wurde auch schon nicht retorisch gestellt: siehe Leiss.

14. 12. 2001

ü: Gemeinderat drückt ein Auge zu. 3000 Mark für Begrüßungstafeln — Schreiben des Gewerbevereins "nicht gerade höflich". Der neue Tag, Oberpfalznetz, 14. 12. 2001

Bemängelt worden war auch die Rechtschreibung "ss" statt "ß" im Schriftzug "Grüß Gott". [. . .] Der Vorsitzende des Handwerker- und Gewerbevereins, Oliver Neidull, teilte der Gemeinde mit, er stelle mit Bedauern fest, dass die Begrüßungstafeln nicht bei allen Gemeinderäten auf positive Resonanz gestoßen seien. [. . .] Neidull schrieb weiter, die Tafeln seien mit "Grüss Gott" beschriftet worden und nicht, wie es in Bayern korrekt wäre, mit "Grüß Gott". Der Gewerbevereinsvorsitzende versicherte, in der deutschen Rechtschreibung firm zu sein. Für ein "ß" sei das Format der Bretter aber zu klein, außerdem habe der Künstler keine passende Vorlage gehabt. Neidull ließ die Räte ferner wissen, sein Verein sei an einer internationalen Ausrichtung der Gemeinde interessiert. Da in Zukunft mehrfach ausländische Besucher Kirchenthumbach aufsuchen würden, sollten diese nicht mit unbekannten Buchstaben konfrontiert werden. "Einer Forderung, die Bretter auszutauschen, werden wir nicht nachkommen", heißt es in Neidulls Brief.

13. 12. 2001

Dath, Dietmar: Endlich wieder Princeßinnen. Wielands Feenmärchen "Don Sylvio" neu ediert. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 12. 2001, nr. 290, s. 46, Feuilleton

Die jetzt von Sven-Aage Jørgensen bei Reclam besorgte Neuausgabe von Wielands Roman hält sich an den Erstdruck, also auch an dessen Interpunktion und Orthographie, und macht so noch einmal klar, daß etwa Prinzessinnen eigentlich erst dadurch zu Prinzessinnen werden, daß sie in einer solchen Geschichte als "Princeßinnen" auftreten dürfen.

Struck, Peter: Wie man Äpfel mit Birnen vergleicht und das Ergebnis auspresst. Einige bissige Ratschläge, die neue Schulleistungsstudie mit spitzen Fingern anzufassen. Frankfurter Rundschau, Erscheinungsdatum 13. 12. 2001, Dokumentation

Man muss sich ja überhaupt fragen, was das eigentlich für Menschen sind, die Lust haben, eine solche Studie zu erstellen, und ob ausgerechnet sie die nötigen klugen Fragen zu stellen vermögen, da sie schon mit der Rechtschreibung Probleme haben und statt "wider-" stets "wiederspiegeln" schreiben.

12. 12. 2001

rh: Ziel ist Kräfte zu bündeln. Schulpflegschaftsvorsitzende wollen eigene Aktivitäten koordinieren, um so mehr erreichen zu können; Grund sind die vielen Probleme an den Schulen. Meinerzhagener Zeitung, 12. 12. 2001

Lehrermangel, Unterrichtsausfall, die nur zögerliche Erneuerung von Schulbüchern nach Einführung der neuen Rechtschreibung und des Euros, der große Renovierungsstau an den Schulen oder auch die mangelhafte Feuerschutzsicherheit in den Gebäudekomplexen, das sind Probleme, die alle Kiersper Schulen betreffen, die eine mehr, die andere weniger.

cw: Mit Augenzwinkern sich aufs Korn genommen. Thüringer Allgemeine, Bad Langensalzaer Allgemeine, 12. 12. 2001

[. . .] der Schriftsteller und Musiker Stefan Krawczyk im Café Schwan. [. . .] Die Reiselust der Deutschen, die Verarmung der Sprache, die Rechtschreibreform und andere kleine und große Katastrophen des Alltags schont er nicht.

11. 12. 2001

Maus, Sönke: LeserbriefschreiberInnen schlagen zurück. Schlagloch oder Schlagseite? die tageszeitung, 11. 12. 2001, nr. 6623, s. 13, LeserInnenbriefe

Weil die Meinungsseite so lang ist, wirft Rutschky auch die Kritiker der Rechtschreibreform in den aufgesetzten Topf.

Rutschky, Katharina: Hurra, hurra, die Schule brennt! Die Pisa-Studie hat Schwächen; klar wird nur, dass die Probleme von Migranten- und Unterschichtkindern die Schule überfordern. Die Welt, 11. 12. 2001, nr. 289, s. 27f, Feuilleton

Die Finnen sind ganz vorn bei Pisa. Hat das auch damit zu tun, dass die finnische Rechtschreibung so ungeheuer simpel ist? Alle, die jetzt ihre Patentrezepte aus der Tasche ziehen, seien an die Debatte um die Rechtschreibreform erinnert. Wer sich jetzt über Pisa aufregt, sollte prüfen, welche Zugeständnisse er machen wollte. Kleinschreibung, Kommaregeln — was wäre hier möglich gewesen, die schwere deutsche Sprache nicht bloß Einwanderern, sondern auch Einheimischen genehmer zu machen?

10. 12. 2001

Goltze, Erhard: Pohlheimer organisieren Chor-Olympiade in Korea. Attraktiver Veranstaltungsort ist die Hafenstadt Busan. Giessener Anzeiger, 10. 12. 2001, Kultur

Hochattraktiv ist der Veranstaltungsort Busan (Nach einer Rechtschreibreform wurde aus Pusan Busan).

Burwitz, U.: 15-jähriger Glutzower sah der Fe(e)h ganz tief in die Augen. Ostsee-Zeitung, 10. 12. 2001, Rügen

Da taucht am Wochenende in Poseritz zwischen Traktoren und anderem landwirtschaftlichen Gerät auf dem Gelände der Agrarproduktgesellschaft sogar eine Fee auf. In diesem Falle – nein, es ist nicht der neudeutschen Rechtschreibung geschuldet – schreibt die sich Feh. [. . .] Der 15-Jährige hat nicht nur eine, sondern sogar mehrere Feh'n. Denn dabei handelt es sich um Kaninchen der Rasse Marburger Feh.

Die mehrzahlform ist auch nicht der neudeutschen rechtschreibung geschuldet.

Sakrileg macht sich bezahlt. Trotz Senkung der Gewerbesteuer Mehreinnahmen. Pforzheimer Zeitung, 10. 12. 2001, Region

Wird der Kampf der Grundschul-Eltern um bessere Lehrerversorgung ideell unterstützt, so werden mehr Mittel für Lehr- und Lernmittel eingestellt. Martin Schwarz (SPD) hatte erfolgreich bemängelt, dass nach wie vor Schulbücher mit alter Rechtschreibung ausgegeben würden.

Glück, Helmut: Mexiko vor! Sprach Spiele. Die Welt, 10. 12. 2001, s. 29, Feuilleton

Die weitere Entwicklung ist absehbar: Wir werden einen Reformschub bekommen. [. . .] und wir haben endlich wieder junge Lehrer. Die werden in die Ganztagsschulen strömen, ganzheitlichen Unterricht in reformierter Rechtschreibung erteilen und dafür sorgen, dass beim nächsten Pisa-Termin Mexiko an uns vorbeigezogen ist.

9. 12. 2001

Kempowski, Walter: Wer hilft unseren Kindern? Die Misere in den Schulen war schon seit langem bekannt. Dass die deutschen Schüler zu den schlechtesten der Welt gehören, ist keine Überraschung, aber skandalös. Welt am Sonntag, 9. 12. 2001, Zeitgeschehen

Geradezu unverständlich hingegen ist die Reaktion unserer siehe Kultusminister [. . .]. Sie leisteten sich den Luxus einer völlig verkorksten Rechtschreibreform, die nach Meinung der unabhängigen Experten diesen Namen nicht einmal verdiente und die Verwirrung nur noch steigerte. [. . .] In der Schule kann man Lesen und Schreiben nur vermitteln. Und man sollte es konsequent tun, ohne Experimente. [. . .] Es ist nicht darum zu tun, dass endlich "Ruhe" eintritt an der "Bildungsfront", wie es vor einiger Zeit ein Schulmeister ausdrückte und wohl nur sein eigenes Ruhebedürfnis meinte, im Gegenteil, wir müssen immer wieder nach neuen Wegen suchen, Jugend für unsere eigene Kultur zu interessieren. Wenn es sein muss, auch mit unkonventionellen Methoden.

Und dazu könnte eine (echt) bessere rechtschreibung nicht gehören?

8. 12. 2001

Schmeling, Sören: Heiße Luft von nebenan. Der Kabarettist Rolf Miller im Freiburger Theatercafé. Badische Zeitung vom 8. 12. 2001, Kultur

Zur Rettung der Natur „fordert er den sofortigen Ausstieg aus der Rechtschreibreform“ [. . .].>

Neuß, Raimund: Rechtschreibreform verfehlt ihr Klassenziel. Kölnische Rundschau, 8. 12. 2001, Themen des Tages

siehe Marx' Test von 1998 wurde von Reformgegnern gern zitiert: Die Rechtschreibreform sei gescheitert, weil sie zusätzliche Fehler erzeuge. Marx selbst spricht lieber von einer "Delle durch den Umlernprozess", die nun teilweise ausgebügelt sei. Nur teilweise, denn ausgerechnet bei Wörten wie "das Floß", die von der Reform gar nicht betroffen sind, ist die Fehlerquote nach wie vor höher als 1996. [. . .] Da tauchen etwa "Vogelnesster" auf — eine typische "Übergeneralisierung". Marx räumt ein: "Man kann fragen, warum man die Reform überhaupt gemacht hat." Sie sollte ja zu weniger Fehlern führen — nicht nur bei den von neuen Regeln betroffenen Wörtern, sondern insgesamt, weil man sich weniger Regeln merken muss. Für den Psychologen Marx war diese Erwartung überhöht.

Neuß, Raimund: Reform-Alltag an der Schule. Kölnische Rundschau, 8. 12. 2001, Themen des Tages

siehe Friedrich Denk, Deutschlehrer, hat 1996 die Unterschriftenaktion gegen die Rechtschreibreform initiiert. Denk: Nach meinem Eindruck machen die Schüler mehr und nicht weniger Fehler.

rn: Schweigen als Reaktion auf kritische Studie. Kölnische Rundschau, 8. 12. 2001, Themen des Tages

Die Studie von siehe Harald Marx ist der siehe Kommission bekannt; inoffiziell wird bezweifelt, dass sie repräsentativ sei. [. . .] Die Reform, deren Ziel eine Verbesserung der Rechtschreibfähigkeiten war, wurde ohne jede Erfolgskontrolle umgesetzt.

7. 12. 2001

Straub, Barbara: Aufschrei der Gastfrau. Bieler Tagblatt, 7. 12. 2001, Kultur

Dragica Rajcic liest heute abend in der Buchhandlung Prétexte in Biel: Gedichte vom Krieg, vom Leben als Ausländerin in der Schweiz und als Dichterin in einer Fremdsprache. [. . .] Manchmal sind sie fast unverständlich, die Gedichte von Dragica Rajcic: Satzstellung, Grammatik, Gross- und Kleinschreibung folgen ihren eigenen Regeln. [. . .] Da ist von einem Besuch in einem feindlichen Dorf die Rede, und sie «glaubte zu wissen/ das jahre in diesem haus wie jahre in/ meinem haus/ waren».

6. 12. 2001

Ickler, Theodor: Warum machen die Zeitungen mit? Appenzeller Zeitung, 6. 12. 2001, nr. 285, s. 51, Appenzellerland, Leserbriefe

Natürlich ist die «so genannte» Rechtschreibreform Blödsinn. Das wissen die Leser dieser Zeitung seit vielen Jahren, zum Beispiel durch meinen Überblicksartikel in der Ausgabe vom 19. 10. 1996.

Kurier-Test: Wissen unsere Schüler wirklich so wenig? Nach dem schlimmen Ergebnis der PISA-Studie. Berliner Kurier, 6. 12. 2001

Der KURIER machte den Wissenstest, stellte Schülern 15 Fragen. [. . .] 15. Bei welchen der folgenden Wörter wird laut Rechtschreibreform ß zu ss? Haß, Muße, draußen, bißchen, Spaß

5. 12. 2001

hag.: Die junge Schweiz kann schlecht lesen. Internationale Evaluation schulischer Kompetenzen. Neue Zürcher Zeitung, 5. 12. 2001, nr. 283, s. 13, Inland

Jeder fünfte Jugendliche in der Schweiz — vorab Kinder von zugewanderten oder bildungsfernen Eltern — kann am Ende der obligatorischen Schulzeit höchstens einfache Texte verstehen. Einem Drittel geht gar die elementare Lesefähigkeit fast ganz ab. [. . .] Knapp zehn Jahre liegt der letzte internationale Vergleich über die Leistungsfähigkeit in den schulischen Grundkompetenzen zurück. Was die Resultate der Schweiz betrifft, hat sich an der Benotung der Schulabgänger nur wenig geändert: Damals wie heute lagen die Lernleistungen der Jugendlichen in der Schweiz beim Lesen und in den Naturwissenschaften deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. Dies zeigt das zweite von der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) lancierte und von zahlreichen Ländern — darunter die Schweiz — durchgeführte Forschungsprojekt PISA (Programme for International Student Assessment).

Kaune, Juliane: Selbst das Flirten fällt leichter. Hannoversche Germanisten erforschen in einer Pilotstudie SMS-Kurzmitteilungen. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 5. 12. 2001

Wie Annika und andere Handybesitzer per Mobilfunk kommunizieren, haben der Uni-Sprachwissenschaftler Prof. Peter Schlobinski und fünf seiner Studenten protokolliert — und analysiert, was in SMS-Botschaften mit der deutschen Sprache passiert. [. . .] „Wir haben ein sprachliches Kuddelmuddel vorgefunden.“ Manche SMS-Autoren geben nur Großbuchstaben in ihr Handy ein, einige schreiben alles klein, andere mischen munter. [. . .] Dass die Sätze in SMS-Nachrichten mitunter heftig aus den Fugen geraten, sei kein Indiz für einen Verfall von Grammatik und Rechtschreibung. [. . .] Und manche Eltern meinten sogar, die Rechtschreibung ihrer Kinder sei besser geworden, seit diese „simsen“.

Koschorke, Albrecht: Misstraue Deinen Träumen. Wo man sich Kokosnüsse in den Mund fallen lässt: Utopien verschwinden, wenn sie wirklich werden. Süddeutsche Zeitung, 5. 12. 2001, 57. jg., nr. 280, Literatur, s. V2/21

Die meisten Utopien, die wirklich geworden sind, lassen sich aus der historischen Distanz kaum noch als solche wiedererkennen. [. . .] Die deutsche Rechtschreibreform war ein utopisches Unterfangen, schon zu Klopstocks Zeiten, dann wieder um 1900, als in der Aussteigerkolonie auf dem Monte Verità, von der Heiner Boehncke erzählt, „freie Libe“ gepflegt wurde.

Rutschky, Michael: Ökonomie des Schuldgefühls. Das Schlagloch. die tageszeitung, 5. 12. 2001, nr. 6618, s. 12, Meinung und Diskussion, Kommentar

Dieser Krieg ist so unselig wie alle anderen auch. Es geht um Macht. [. . .] Und was ist Macht? Die Hybris des Kopfes über die Regungen des Herzens. So einfach ist das. [. . .] Leserbrief von Herrn Reischmann im "Spiegel" vom 3. Dezember 2001. [. . .] Solchen Quatsch meinen nur Frauen, meint unsere Freundin Jutta in ihren Anfällen von Misogynie. Er stammt aber von Herrn Reischmann, und ich gehe mal davon aus, dass sein Meinen immer wieder diesen Punkt erreicht, was auch immer ansteht. [. . .] Die Hybris derer, die — beispielsweise — eine Reform der Rechtschreibung für wünschenswert und möglich halten, ermutigte die Reischmanngleichen immer wieder zu Tiraden von schneidendem Hohn. Von Bedeutung ist vor allem dieser Höhepunkt, den der eine rasch, der andere langsamer erreicht und bei dem auch manchmal leise daneben getroffen wird: Es gibt nur Probleme, es gibt keine Lösungen. Wer sich an das Lösen, auch nur das Bearbeiten von Problemen macht, missversteht den Weltzustand. Er gerät sofort in heillose Verstrickungen und verwandelt sich daher unweigerlich in einen Teil des Problems, das zu lösen er vorgegeben hat. [. . .] Was Herrn Reischmann und seinesgleichen vom fernöstlichen Fatalismus gründlich unterscheidet, das ist der Hohn; ohne Umschweife oder auch nur Höflichkeitsfloskeln beanspruchen sie privilegierten Zugang zur höheren Einsicht und können die, welchen er fehlt, ob er amerikanischer Präsident ist oder der nächste Leserbriefschreiber (oder, im Fall der Rechtschreibreform, die Kultusbürokratie), nur mit Verachtung strafen. [. . .] Wenn Herr Reischmann und seinesgleichen höhere Einsicht beanspruchen in die Unlösbarkeit der Probleme und die Anmaßung derer, die behaupten sie lösen zu können, so beweisen sie diese Einsicht noch keineswegs. Sie melden bloß einen Anspruch auf eine höhere Position an. Wir sehen sie statt mit einer intellektuellen Tätigkeit (argumentieren) mit einer sozialen Tätigkeit befasst, dem guten alten Distinktionsspiel. Wie alle Leserbriefschreiber leidet Herr Reischmann daran, dass er bloß der Leser ist statt des Leitartikelschreibers, und der Hohn, die schneidende Formulierung sollen diese Statusdifferenz abtragen, was natürlich misslingt. In puncto Rechtschreibreform gaben sie sich ja stets rasch als die weit kompetenteren Linguisten zu erkennen, die der Kulturbürokrat in seiner Verblendung typischerweise einzuvernehmen versäumte.

3. 12. 2001

Kälin, Adi: Tunfische & Seeelefanten. Trottoir. Tages-Anzeiger, 3. 12. 2001, s. 17, Stadt Zürich

Nichts wird mehr so sein wie vor dem 11. September, glaubten viele. [. . .] Dann kam die landesweite Debatte über Herrn siehe Blairs Rechtschreibkenntnisse. Fragen über Fragen: Weiss er wirklich nicht, dass man "tomorrow" schreibt und nicht "toomorrow". [. . .] Wir warten nun sehnlichst auf die Fortsetzung der Gespräche über die neue deutsche Rechtschreibung. Heisst es wirklich Tunfisch und Seeelefant?

Seelhoff, Harry: Ein Drittel ist "mangelhaft". Neue Ruhr-Zeitung, 3. 12. 2001

Dr. Burkhard Mielke, Leiter der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, sieht die Situation für seine Schule nicht so dramatisch. Aber vom Ergebnis her sei "Pisa" schon erschreckend, so Mielke. [. . .] "Jahrelang hat man den Wert der Rechtschreibung nicht so hoch gesetzt. Dann war das vielleicht nicht der richtige Weg."

2. 12. 2001

ws: Ohrfeige für Deutschlands Schulen. OECD-Studie: Bildung im internationalen Vergleich mangelhaft; Politik und Wirtschaft fordern umfassende Reform. Welt am Sonntag, 2. 12. 2001, nr. 48, s. 1, Politik

Radikal will FDP-Chef Westerwelle den Bildungsrückstand bekämpfen: "Die siehe Kultusministerkonferenz hat zehn Jahre lang ihre Beamten mit einer überflüssigen Rechtschreibreform beschäftigt. Diese schnarchnasige Einrichtung muss entmachtet werden. Der bürokratische Apparatschik ist das Unglück des Bildungssystems."

1. 12. 2001

Schaufelberger, Peter: Blödsinn bleibt Blödsinn. Appenzeller Zeitung (St. Galler Tagblatt), 1. 12. 2001, Appenzellerland AR/AI

Ich werde mich auch nicht mit einem reformdeutschen Quäntchen bescheiden, sondern höchstens ein Quentchen Mayonnaise dazu geben — mit Quantum hat Quentchen nämlich nichts zu tun, wie die Gelahrten behaupten [. . .]. Da haben sprachgefühllose Bastler und Ignoranten (angebliche Wissenschafter) der deutschen Sprache ein übles Leid getan.

Die angeblichen wissenschafter unterscheiden, ob zwei wörter diachron oder synchron miteinander «zu tun» haben (ersteres nein, letzteres ja).

Der Kult, der aus der Flasche kam: Ketchup wird 125 Jahre alt. Berliner Morgenpost, 1. 12. 2001, Aus aller Welt

Besonders die ersten Generationen der «Feinschmecker»-Abonnenten sahen in dem roten Zeugs den Untergang jeglicher Esskultur und verboten ihren Kindern den Verzehr («widerliche rote Pampe»). [. . .] Heute haben die Leckerschmeckis von gestern die 60 überschritten und beobachten mit schmerzverzerrtem Gesicht, dass ihre Enkelkinder den Verzehr von Ketchup als ein Grundrecht betrachten (Ketchup soll man nach der unseligen Rechtschreibreform auch Ketschup schreiben können, aber man muss ja nicht jeden Unsinn mitmachen).

Immerhin deutet der artikel eine mögliche natürliche entwicklung an.

pau: Die fatale Angst vor der Sprachnorm. Die Beobachtungsstelle Sprache am Südt. Kulturinstitut lud zur Diskussion "Tatort Sprache" in Bozen. Dolomiten, 1. 12. 2001, s. 22, Kultur

Brauchen wir strengere Normen? Nein, nein, sagt siehe Lanthaler: Die Zeiten, wo die Rechtschreibung erste Aufgabe des Deutschunterrichts war, seien zum Glück vorbei, und der Duden sei nicht alleinige Norm [. . .].

12. 2001

siehe Stirnemann, Stefan: Die orthographisch geknebelte Sprache. Interview mit dem Erlanger Sprachwissenschaftler siehe Theodor Ickler über die Reform der Rechtschreibung. Schweizer Monatshefte, 12. 2001, 81./82. jg., nr. 12/1, s. 11f, Im Blickfeld

Die Orthographie ist eine in Jahrhunderten entstandene, geradezu geniale Kunst, dem Leser einen bestimmten Sinn zu vermitteln. Je länger man sich damit befasst, desto mehr staunt man und desto geringer wird die Lust, irgend etwas daran zu ändern.

Je länger man sich damit befasst . . . Wir staunen auch: Wer ist man und was heisst lang?


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Rolf Landolt