Es darf grotesk anmuten, daß ausgerechnet die unselige Rechtschreibreform den bundesdeutschen Kulturstaat in erstaunliche Debattierfreude verstrickte bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Diese Diskussion hätten die Kultusbürokratien schon angesichts des klassischen "Caesar non supra grammaticos" nicht eröffnen sollen.
Mit dem Lehrinstitut für Orthografie und Schreibtechnik (LOS) in Saarbrücken gibt es seit inzwischen 20 Jahren eine unternehmerische Alternative zum staatlichen Schuldienst. […] Mit Hilfe dieses ganzheitlichen Konzeptes ist es LOS mit einer ständigen Weiterentwicklung (Bohr: "Die Rechtschreibreform hat uns viel Arbeit gemacht!") gelungen, bislang über 15000 Kindern Lese- und Rechtschreibkenntnisse zu vermitteln und damit nicht nur die Deutsch-Noten zu verbessern.
Im Fach "Interlinguistik" forscht Josef Dörr an der Erstellung eines internationalen Grundwortschatzes, einer Vereinfachung der internationalen Rechtschreibung und der Schaffung neuer Schriften.
die feder hieß einst die journalistenzeitschrift der industriegewerkschaft druck und papier. sie übte sich, gestreift vom antiautoritären "68", in gemäßigter kleinschreibung und gab so den kleinbuchstaben, in der druckersprache auch minuskeln oder gemeine genannt, ein angemesseneres gewicht. die neugestalter der rechtschreibung verweigerten sich natürlich der durchsetzung solch demokratischer verschriftung, aus der renaissance als "humanistischer stil" bekannt. zudem zwingen uns die albernheiten neumarktwirtschaftlicher schreibungen auch noch zur gehäuften verwendung von Großbuchstaben, den Majuskeln.
Mäc Härder, der Bamberger, erklärt, wer oder was an ,,Pisa'' schuld ist: die Rechtschreibreform. Seine praktischen Vorschläge laufen auf Einsparung der Vokale hinaus: ,,Mn Mm nmmt rlkr, mn Pp st tut'' (wir entschlüsseln: Meine Mama nimmt Eierlikör, mein Papa ist tot).
Wäre es nach den Hardlinern gegangen, so hätte uns die im Juli 1996 eingeleitete Rechtschreibreform der deutschen Sprache einige Merkwürdigkeiten beschert. So sollte etwa aus dem «Rhythmus» ein «Ritmus» werden. Dabei gibt es schon längst zumindest einen «Rithmus» nämlich den «Algorithmus».
267 Jahre alt ist der Ortsname Sophienthal. […] Immerhin hat er die vorletzte große Rechtschreibreform schadlos überstanden. Nicht die von 1999, sondern eine ähnlich eingreifende Rechtschreibreform vor rund 100 Jahren. Damals war unter anderem vielen Worten mit "T" (wie "That" oder "Thal") das "h" hinterm "T" amputiert worden. Aber Sophienthal schreibt sich bekanntlich heute noch mit einem "h" . . .
Auf Hinweisschildern zur Stadtmitte in Nürnberg liest man stets Centrum, moniert Leser Werner Petri aus Erlangen. Neue deutsche Rechtschreibung? Internationaler Anstrich? Geht daneben, meint unser Leser, denn Englisch heißt's centre, im Amerikanischen center. Wie wär's mit Stadtmitte?
Dr. Uwe Förster.
Wiesbadener Tagblatt, Main-Rheiner,
20. 8. 2002, Regio-Nachrichten
Vergeblich sucht man in seinem jüngsten Buch einen Beitrag über die Rechtschreibreform, weil ihn andere Themen mehr interessierten […].
In der IGS werde zum Beispiel durchaus darauf geachtet, dass Schulbücher nicht zu schnell aus dem Programm fliegen, betont Schulleiterin Christel Liefke. […] Aber auf Liefke hat die Klagen der Eltern vernommen. „Die sind in dem Jahr besonders laut, weil alle Schulbücher wegen der Euro-Umstellung und der neuen Rechtschreibung neu aufgelegt wurden“, glaubt die IGS-Leiterin.
Todesanzeigen liest Angelika Linke besonders aufmerksam. […] In der Sprachkultur des Bürgertums wird Korrektheit und Reglementierung zentral. Der «Duden» ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Im oft emotionalen Widerstand gegen die Rechtschreibreform hundert Jahre später sieht Linke ein Zeichen dafür, dass sich das gegenwärtige Bildungsbürgertum noch immer über die Sprache identifiziert.
„Biografie“ lag schon mehrfach am Kiosk. Mal hieß es „Biographie“, mit „ph“ geschrieben, das war vor der Rechtschreibreform; mal hieß es „Famous“, ganz trendy und international, dann wieder hieß es „Biografie“, mit „f“ geschrieben […].
Vom Sommerloch haben Silke Hohage und Ursula Boß von der Buchhandlung Kö-Shop an der Mittelstraße bisher nichts zu spüren bekommen. […] Bei der Ware handelte es sich sowohl um Schulbücher, die für das neue Schuljahr selbst angeschafft werden müssen[,] als auch um solche, die von den jeweiligen Schulen gestellt werden. […] Aufgrund der Rechtschreibreform und der Euroumstellung befindet sich die schulische Fachliteratur auf dem neuesten Stand.
Guido Westerwelle im MT-Gespräch; Absage an Ampelkoalition.
Mindener Tageblatt,
17. 8. 2002, Minden
In Sachen Bildung will Westerwelle dieKultusministerkonferenz der Länder abschaffen. "Ein Gremium, dass in den zehn Jahren zur Vorbereitung der Rechtschreibreform hunderte von Beamten mit der Frage beschäftigt, ob man 'Schifffahrt' mit zwei oder drei 'F' schreibt, während unser Bildungssystem international immer weiter ins Hintertreffen gerät, ist überflüssig", ärgert sich Westerwelle.
Und dann noch das mit dem dass!
Der frühere Szene-Karikaturist Seyfried hat ein Wahlplakat für den Grünen Christian Ströbele gezeichnet. […] Der Roman ist fertig. […] Es ist die Geschichte von zwei Deutschen […], die im alten Deutsch-Südwest-Afrika, dem heutigen Namibia, in den Herero-Aufstand geraten. Spielt im Jahr 1904. […] Ziemlich wichtig ist auch: Der Roman ist nach der Rechtschreibreform von 1903 geschrieben. Wie schreibt man danach? Eigentlich so wie vor unserer jetzigen. Die Reform damals hat diese Ths beseitigt und Schluss gemacht mit dem Französischen. Im deutschen Militär gab es damals noch den Premier Lieutenant, der wurde dann zum Oberleutnant.
Nach dem Unternehmen erklärten die Teilnehmer in der Zeitschrift sport und bergwacht, die sich neben der Revolution auch der Kleinschreibung verschrieben hatte: die expedition konnte sich während des aufenthalts in der ussr überzeugen: 1. daß die macht in der ussr in den händen der arbeiterklasse ist, […].
Riesenbeifall. Den erntetWesterwelle auch, als er die Bildungspolitik aufs Korn nimmt. Zehn Jahre habe die
Kultusministerkonferenz über die Rechtschreibreform gestritten („Mir ist das doch völlig egal, ob man Schifffahrt mit zwei F oder drei F schreibt.“), aber nicht die Unterrichtsausfälle an den Schulen beheben können. „Die gehören entmachtet“, ruft Westerwelle ins Mikrofon.
Seine Erfahrungen im Blitzschutz veröffentlichte er 1785 in einem Buch, das uns orthographisch seltsam anmutet. Der Geistliche Rat betätigte sich auch als Sprachforscher und Rechtschreibreformer und führte schon damals die Kleinschreibung ein. Er war damit den heutigen Reformen weit vorausgeeilt.
"Früher wurden Schulbücher drei Jahre ausgeliehen, heute sind es bis zu zehn Jahre", klagtvon Bernuth. "Dadurch veralten sie völlig. In manchen Büchern hat die Wiedervereinigung noch nicht stattgefunden; die Rechtschreibreform und der Euro fehlen ebenso."
Lassen Sie sich nicht auf eine einfältige Animosität gegen die neue Rechtschreibung ein. Deren Fehler ist, dass sie nicht konsequent genug war […]. Konsequente Kleinschreibung wäre die richtige Reform gewesen.
Die Politik weigert sich rigoros und nachhaltig anzuerkennen, dass Reformen oder Änderungen im Bildungswesen „kapitalisiert“, das heißt anständig finanziert werden müssen. […] Wenn ich sonderpädagogische Förderung für notwendig erachte, dann muss ich die entsprechenden Budgets bereit stellen. Will ich eine Rechtschreibreform, muss ich nicht nur Geld für Kommissionen bereit stellen, sondern auch ihre Umsetzung sichern.
Doch jetzt macht sich Vater Mosel Sorgen um die Bildung seines Schützlings. Schließlich wird in seiner Klasse noch mit einem Deutschbuch aus dem Jahre 1995 gelehrt. Für Mosel ist das ein Unding. Denn bereits seit dem 1. August 1998 gelte die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, aber die Schulbücher seien noch in der alten Form geschrieben, kritisiert er. "Da muss man sich nicht wundern, wenn deutsche Schüler bei der Pisa-Studie schlecht abschneiden."
Vielleicht liegt hier das problem, das die deutschen mit pisa und rechtschreibreform haben: bei der frage, was man unter bildung versteht.
Bis mindestens Ende August zeigt die Stadtbücherei Gemälde der Mülheimer Malerin Helga Steinwender. […] Helga Steinwender zwischen ihren "Feuermenschen" und dem "Popo": "Wie man das nach der Rechtschreibreform schreibt, habe ich extra im Duden nachgeschlagen", gesteht die Bibliotheksangestellte.
Es geht durcheinander im deutschen Schriftverkehr, auch vier Jahre nach der Umstellung. Die orthographische Einheit ist zerstört, wettert der Erlanger SprachwissenschaftlerTheodor Ickler, einer der profiliertesten Reform-Gegner. […] Schlechte Noten also für die Mannheimer
Expertenkommission, die das Regelwerk entwickelt hat. Ihr Vorsitzender, der Siegener Sprachwissenschaftler
Gerhard Augst, setzt auf den Gewöhnungseffekt: Jede Reform braucht Zeit, um akzeptiert zu werden.
Als ich kürzlich meinen Pkw in der Kurfürstenstraße parkte, zog ich mir […] einen Parkschein in der Leibnizstraße. Mit großer Verwunderung stellte ich fest, was auf dem Parkschein abgedruckt war „Leibnitzstraße“. […] Jeder Erstklässler weiß, dass Leibniz ohne „t“ geschrieben wird, allein schon wegen der Kekse, oder greift hier etwa die neue Rechtschreibereform?
Grosser, Hans-Jürgen:
Die üblichen Schreibweisen sind nicht alt. Warum nicht Flopp? von Jörg Metes (1. August).
Berliner Zeitung,
3. 8. 2002, Leserbriefe
Der Artikel von Jörg Metes findet meine volle Zustimmung. Aber es schreiben bei weitem nicht alle Tipp. Ich bin Deutschlehrer und erkläre den Schülern, daß meine Tips zur Lösung von Aufgaben wohlgemeinte Ratschläge sind und deshalb nichts mit dem zufälligen oder beliebigen Tippen auf einem Lottoschein zu tun haben.
Wohlgemeint oder wohl gemeint, jedenfalls falsch.
Was ist mit der neuen Rechtschreibung? Mittelstädt: Das Problem hat sich erledigt. Die Schulbuchverlage haben Mitte der 90er Jahre auf neue Rechtschreibung umgestellt. Unsere Bücher werden im Schnitt vier Jahre lang ausgegeben. Die Bücher mit alter Rechtschreibung sind weitgehend aus dem Verkehr gezogen.
An sich ist die neue deutsche Rechtschreibung etwas, das die Werbung gar nicht betrifft. Die Werbung spricht nicht deutsch, sondern englisch. […] Sie spricht es und schreibt es und kennt natürlich auch den Unterschied zwischen Englisch und Deutsch auf diesen Unterschied kommt es ihr ja gerade an. Einerseits. Aber andererseits, da schreibt sie mitten in ihrem besten Englisch plötzlich: Tipp. […] Fashion-Tipp (Otto-Versand) und Last Minute Tipp (Die Bahn). […] Zum einen beobachten wir diesen Zwang, sich auf englisch zu äußern. […] Doch zum anderen unterliegen sie dem offenbar noch größeren Zwang, Tipp zu schreiben, und zwar selbst da, wo sie es eigentlich englisch meinen.
Die Verfassung ist gut. Wenngleich die Rechtschreibreform immer noch sein liebster Feind ist. Schließlich will sie seinem Namen ein "ä" verpassen, das passt ihm gar nicht.
Hansgeorg Stengel wird 80.
Berliner Morgenpost,
30. 7. 2002, 104. jg., nr. 205, s. 11, Kultur
Seinen Namen hat Stengel variiert, so weit es geht. Er spricht von Stengelszungen, Stengeleien und Stenglisch. Kein Wunder, dass er sich nicht so recht mit der neuen Rechtschreibung anfreunden möchte. Denn sie machte aus Stengel den Stängel, wegen des Ursprungs Stange.
Hansgeorg Stengel zu seinem heutigen Geburtstag.
Berliner Zeitung,
30. 7. 2002, Feuilleton
"Stenglish for you", "Die feine stenglische Art", "Stenglish Waltz", "Der rettende Stengel" so lauten Titel seiner Bücher, und ich werde den Verdacht nicht los, dass hinter der tolldreisten Rechtschreibreform, die dem Känguruh das H und dem Grizzlybären sein Ypsilon und das schmucke Doppel-Z raubte, eingefleischte Stengel-Hasser stehen, die den guten Markennamen unseres Dichters zu der Missbildung Stängel entstellten.
Ingrid Wenig, Fachbetreuerin Deutsch am KZG und der Rechtschreibreform nicht sonderlich zugeneigt, habe er sogar zu seiner Stellvertreterin berufen wollen, sie habe jedoch abgelehnt.
Hansgeorg Stengel wird heute 80, die meisten schätzen ihn jünger.
Märkische Allgemeine,
30. 7. 2002
Stichwort neue Rechtschreibung: Nein, es ist nicht so, dass Stengel deswegen auf die Barrikaden steigt, aber Stengel mit ä das trifft ihn schon.
Hansgeorg Stengel seinen 80. Geburtstag.
Ostsee-Zeitung,
30. 7. 2002, Kultur
Stengel hat alles im Blick: Langschläfer und Kellner, Hunde und Wellensittiche, Liebesnöte und Nachwuchsprobleme, Urlauber, die Musterbrigade, die Rechtschreibreform und die NPD.
Der SatirikerHansgeorg Stengel wird heute 80 Jahre alt. […] "Die Komik muss zu ihrem Recht kommen". Ob es nun um die Rechtschreibreform, die NPD, Wellensittiche oder Nachwuchsprobleme geht.
Trotz aller Vereinfachung blieben die Hockeyregeln kompliziert, und die Lehrerin Elfie Farke, sie ist Rektorin der Grundschule Bännjerrück, vergleicht sie mit der deutschen Rechtschreibung, die ja auch "sehr kompliziert" sei.
Staengel muss er nicht heißen, obwohl seine 1997 geäußerte berechtigte Hoffnung, dass die unsägliche Rechtschreibereform noch gekippt wird fehlschlug. Einen Daenkfehler nannte sieHansgeorg Stengel.
In Verse gesetzt sind die denk- und undenkbarsten Ereignisse.Stengel hat alles im Blick: Langschläfer und Kellner, Hunde und Wellensittiche, Liebesnöte und Nachwuchsprobleme, Urlauber, den Sommer im Strandbad und die Musterbrigade, die Rechtschreibreform und die NPD.
Guido Westerwelle gestern bei Polit-Frühschoppen der FDP in Hoyerswerda.
Sächsische Zeitung,
29. 7. 2002, Hoyerswerda
Bildung und Wissenschaft gehören für Westerwelle auf die oberste Tagesordnung. Wenn dieKultusministerkonferenz nichts Besseres wüsste, als jahrelang über die Rechtschreibreform zu debattieren, dann müsse man diese eben abschaffen.
Westerwelle war in Gerstungen.
Thüringer Allgemeine,
28. 7. 2002
Die Pedanterie der deutschenBildungsminister bei der Rechtschreibreform sollte besser zur Vermeidung von Unterrichtsausfall verwandt werden.
Die Stadträte einigten sich auf der Gemeinderatssitzung auf zwei neue Straßennamen: Ruth-Steiner-Weg und Wannenmachergäßle. […] Diskutiert wurde im Rat die Rechtschreibung des Wortes "Gäßle". Die Räten entschieden sich dann für die alte Rechtschreibung mit "ß" schließlich werde durch den Straßennamen auf die Historie der Stadt hingewiesen.
Und Ruth-Steiner-weg? Das wäre auch historisch.
Zwar macht der Lexikon Verlag, seit kurzem ein Imprint der Bertelsmann-Tochter Wissen Media Verlag GmbH (München/Gütersloh), schon seit 1953 Wörterbücher. Gegen den "Duden" und seine ehedem quasi amtlich zugesicherte Kompetenz in Zweifelsfällen konnten diese Titel jedoch kaum bestehen. Erst mit der Rechtschreibreform und der Aufhebung des "Duden"-Monopols bot sich den Güterslohern eine neue Marktchance. Mit "Bertelsmann Die deutsche Rechtschreibung" haben sie sie genutzt.
«Alles Quatsch.» Wenn Dr. Michael Schmidt, Deutschlehrer am Priener Ludwig-Thoma-Gymnasium, über die Rechtschreibreform nachdenkt, und das tut er von Berufswegen sehr oft, steigt in ihm Wut hoch. […] «Die ganze Sache ist ausschließlich auf dem Mist der Schulbuchverlage gewachsen. Die Lachen sich seit der Reform 1996 einen Ast.» […] Eine, die mit ihrer Kritik an der Rechtschreibreform nicht hinterm Berg hält, ist Susanne Sieben, Lehrerin an der Franz-von-Sales-Heimvolksschule in Marquartstein […] «Wie soll man beispielsweise zwischen einer frisch gebackenen Semmel und einem frisch gebackenen Führerscheinbesitzer unterscheiden, wenn ,frisch gebacken nach neuer Regel jeweils auseinander geschrieben wird?»
Ja, wie soll man zwischen einer semmel und einem führerscheinbesitzer unterscheiden? Die reformer bleiben die antwort schuldig; die Lachen sich einen ast.
Kuny, Wilhelm:
Regeln ohne Verstand (I). Das Bläuen der Wäsche mit dem Bleuel, SZ vom 5. Juli.
Süddeutsche Zeitung,
22. 7. 2002, s. 9, Leserbriefe
Pikant ist dabei, dass es sich ausgerechnet unter der Federführung führender Sprachwissenschaftler wieder einmal zu bestätigen scheint, dass Sprache und noch weniger ihre Schriftform etwas mit Logik zu tun haben. Und so kann es nur besonders schlimm werden, wenn deutsche Schreibregeln ohne Verstand oder in Unkenntnis auf Fremdwörter angewandt werden
Krause, Christiane:
Regeln ohne Verstand (II). Das Bläuen der Wäsche mit dem Bleuel, SZ vom 5. Juli.
Süddeutsche Zeitung,
22. 7. 2002, s. 9, Leserbriefe
Wenn Texte nicht mehr Korrektur gelesen werden, sind Rechtschreibregeln (ob alt oder neu) ziemlich überflüssig.
Keilberth, Thomas:
Die Vorleser vergessen (I). Rechtschreibung: Das Bläuen der Wäsche mit dem Bleuel, SZ vom 5. Juli.
Süddeutsche Zeitung,
22. 7. 2002, s. 9, Leserbriefe
Ein Gesichtspunkt ist bisher bei diesem und auch in anderen Artikeln aber unbeachtet geblieben: Die Schreibweise hat einen wesentlichen Einfluss auf Vortrag und Sinn beim lauten Vorlesen vom Blatt. Zusammengeschriebenes und getrennt Geschriebenes betont man anders und ändert so die Sprachmelodie. Angesichts mancher Trennungen habe ich den Eindruck, dass die Reformer in ihrem Elfenbeinturm nie laut vorgelesen haben.
Götze, Lutz:
Die Vorleser vergessen (II). Rechtschreibung: Das Bläuen der Wäsche mit dem Bleuel, SZ vom 5. Juli.
Süddeutsche Zeitung,
22. 7. 2002, s. 9, Leserbriefe
Widersprüchliches ist den Rechtschreibregeln eigen, seit Konrad Duden vor mehr als einhundert Jahren sein erstes Wörterbuch vorgelegt hat. […] Sprachen sind lebendige Gebilde und lassen sich nicht in ein Prokrustesbett spannen. […]Theodor Ickler wird es, so bleibt zu hoffen, noch verstehen.
Irgendwas muss Walter gefehlt haben. Vielleicht war es nur das "h", das er wie alle Kängurus im Zuge der Rechtschreibreform eingebüßt hat. Vielleicht hatte das sprunghafte Tier schlicht nicht genug Abwechslung beim Schweizer Circus Nock. Jedenfalls nutzte Walter am Mittwoch in Graubünden eine Chance während der Aufbauarbeiten in Savognin und suchte das Weite. Oder das "h".
Seit der so genannten Rechtschreibreform wissen wir alle dass der Duden nicht immer das letzte Wort hat. So findet man in Rinchnach das Straßenschild mit der Aufschrift "Probsteigasse". Vielleicht haben wir diese Gasse schon so bezeichnet, bevor es überhaupt einen Duden gab?
Mitunter ist die Rechtschreibreform doch segensreich: Seitdem das Stillleben den dreifachen Konsonanten in der Mitte zu tragen hat, kann es nicht länger als Stil-Leben mit einer Design-Leistungsschau des 17. Jahrhunderts assoziiert werden […]. […] das Adjektiv "still" steht für den unbewegt daliegenden Gegenstand […].
Mit Hilfe des Archivs der AZ rekonstruierten die Schüler die wichtigsten Ereignisse in der Welt während ihrer sechsjährigen Schulzeit. […] So erinnerten die Schüler an die 1996 eingeführte Rechtschreibreform […] oder an die Einführung der Viagra-Pille in den USA 1998.
Die Verschriftung ist bei allen Mundartgruppen ein heikles Kapitel, denn schließlich ist Mundart Lautmalerei, und für so manche gesprochene Silbe fehlen schlicht und einfach die speziellen Buchstaben. So arbeiten manche mit Akzenten, oder man setzt im Le.ischtrower Platt schon mal einen Punkt ins Wort.
Das Programmheft hat Anna Aregger in ungelenker Schreibschrift getreu der „Oberwiler Rechtschreibreform 1953“ gestaltet.
Die Überschrift in Kleinschreibung? Nanu! Tja, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Der […] deutsche Wettbewerb zur Ermittlung der besten Plakate des Jahres erhält […] nun auch ein Katalogbuch: bestimmt für internationale Verbreitung, mit plakativer größtformatiger Abbildung der Exponate und filigraner Kleinschrift. Das Berliner Graphik-Design-Atelier »cyan« macht die vertikal öfter als horizontal geordnete Typografie ohne Großbuchstaben zum Kunstmittel […].
Schulleiter Hans-Ferdinand Schneider war 40 Jahre lang Lehrer, der 31. Juli ist sein letzter Arbeitstag. Die "Nachrichten" befragten den Pädagogen in "seiner" Städtischen Realschule I. […] Und dann all diese Reformen und Reförmchen, die pädagogischen Moden, denen man habe nachlaufen müssen. Von der Ganzheitsmethode über die Mengenlehre. Dann spielte plötzlich bei Aufsätzen die Rechtschreibung keine Rolle mehr, später hieß es, es müsse unbedingt spielerisch gelernt werden.
Ickler, Theodor:
Das Bläuen der Wäsche mit dem Bleuel. Die Verwirrung der deutschen Rechtschreibung schreitet voran: Lücken und Leichen des neuen Wahrig.
Süddeutsche Zeitung,
5. 7. 2002, Feuilleton
Während an der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung offiziell noch kein Jota geändert werden darf, schreitet der Rückbau hinter den Kulissen zügig voran. […] Entgegen dem ersten Eindruck scheint der Gipfel der Rechtschreibverwirrung auch mit diesem Wörterbuch noch lange nicht erreicht.
"Deutsch im europäischen Kontext Sprache, Kultur, Medien, Politik", das ist das Thema des 61. Internationalen Sommerkurses für Germanistik vom 7. bis 27. Juli an der Jenaer Universität. […] Am kommenden Montag beginnt das Programm mit […] der Vorstellung der sechs wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften, in denen es um kreatives Schreiben, die Rechtschreibreform und auch um die Kulturgeschichte Thüringens geht.
Kaum ist der Kanonendonner der Schlacht um die so genannte neue deutsche Rechtschreibung verhallt, kaum sind die Fehler in der ersten Ausgabe des Duden, dem Zentralorgan der neuen amtlichen Rechtschreibregeln, behoben, machen schon die Rufe nach einer Reform der Reform die Runde. Unbeeindruckt von den Grabenkämpfen des Glaubenskriegs um Scharfes-s (ß) oder Doppel-s (ss) zeigen sich nur die Tischrechenmaschinen, neudeutsch Personalcomputer genannt, ohne die auch im Land der Dichter und Denker nicht mehr viel geht. Von teuer erkauften Korrekturprogrammen, die vorgeben, gemäß den Regeln der neuen amtlichen Rechtschreibung rechnen zu können, haben die Denker jedoch selbst bei regelrechter Bedienung manchen Lapsus zu erwarten.
Korrekturprogramme sind unvollkommen, und die korrekturvorschläge bieten in der tat immer wieder anlass zu heiterkeit. Noch unvollkommener ist der (vom autor nicht erwähnte) versuch, die grammatik zu prüfen an den obigen kongruenz- und bindestrichproblemen scheitern sowohl der autor als auch word.
In der dem Genie eigenen, souveränen Orthographie notierte Beethoven in eins seiner Konversationshefte: das Moralische Gesez in unß, u. der gestirnte Himmel über unß Kant!!! alles kräftig unterstrichen. […] Dennoch sind die Open-Air-Events unterm gestirnten Himmel […] eine der letzten Bastionen der E-Musik als Kunst für Viele.
Da ist noch mehr genialität im spiel.