Nachgeführt 3. 6. 2011, 13. 8. 2010
Keller, Roger: Ein Nümmerchen für jedes Häuschen. Tages-Anzeiger, 29. 9. 2004, s. 17, Zürich (507 wörter)
Die Baudirektion hat sich eines drängenden Problems angenommen: «Eine Adresse für jedes Gebäude», verlangt die kantonale Baudirektorin Dorothée Fierz (FDP). […] Einheitlichkeit von Adlikon bis Zumikon ist den Leuten von Fierz auch bei der Schreibweise wichtig. So sollen Strassen mit Personennamen nach der Praxisänderung in der Stadt Zürich (2001) auch im übrigen Kanton durchgekuppelt werden, damit ausserkantonale Besucher nicht verwirrt werden. […] Also Gottfried-Keller-Strasse, nicht Anna Heer-Strasse. Der Rechtschreibreform folgen die kantonalen Experten nicht sklavisch: Aus der Stengel- muss nicht die Stängelstrasse werden. […] Eine Schweizer Spezialität sind die Strassen mit geografischen Namen auf -er: Sie werden in einem Wort geschrieben, also Aargauerstrasse und nicht Aargauer Strasse. Und auch nicht Aargauer-Strasse. Ein ganz heikles Thema sind die Ä, Ö und Ü, die am Wortanfang zwar erlaubt, bei Strassennamen aber tabu sind: Deshalb gibt es die Uetliberg-, nicht aber die Üetlibergstrasse. Für die Fachleute von Fierz ist das Thema so delikat, dass sie auf eine Empfehlung verzichten und den Gemeinden raten, sich mit anderen abzusprechen.
Baumberger, Jörg:
«13 Prozent weniger Fehler dank der Reform.» Wenn Bildungsforschung politische Karriere macht.
Neue Zürcher Zeitung, 28. 9. 2004, nr. 226, s. 71, Bildung und Erziehung (887 wörter)
Weniger aus Interesse an der Orthographie als aus Interesse am Umgang der Politik mit empirischer Sozialforschung hat der Verfasser sich bei Exponenten der Reform nach den existierenden Studien zur "Fehlerfrage" erkundigt. Während eine stattliche Zahl reiner Meinungsbefragungen besteht, scheint nur eine quantitative empirische Studie zu existieren: Sie wurde 1996/97 am Wiener Gymnasium Sacré Coeur mit 27 Schülerinnen im Alter von 15 bis 16 Jahren durchgeführt. […] Zwei Dinge erscheinen dem interessierten Beobachter bemerkenswert: Erstens, welche unerhörte Karriere eine Studie machen kann, die (vermutlich mangels Finanzen) elementare methodologische Normen missachtet. Dies wirft in erster Linie ein Licht auf die Bildungsbehörden (und die Bildungsforschung), die ein gewaltiges flächendeckendes Reformprojekt quantitativ unbegleitet lassen, sich in der Folge dennoch unbeirrt auf angeblich vorhandene positive Forschungsergebnisse berufen. […] Man müsste zusätzlich zu den Fehlern im Schreiben die Fehler und die Effizienz im Verstehen von Geschriebenem untersuchen. […] Schade, dass diese einzigartige Gelegenheit zu kontrollierter Reform vertan wurde.
Gewiss hätte man mehr empirisch forschen können, wobei dieses «man» alle einschliesst, auch prof. Baumberger. Und man könnte immer noch. Allerdings wird man die vermutung kaum widerlegen, dass man gegen eine regel, die es nicht mehr gibt, auch nicht mehr verstossen kann. Ob eine regel nötig ist, entscheidet in der tat nicht die schule, aber das behauptet auch niemand. (Die erlernbarkeit einer norm ist allerdings auch eine voraussetzung für ihr funktionieren.) Über das verstehen von geschriebenem gibt es freilich schon ein bisschen fachliteratur.
Stirnemann, Stefan:
Vom Umgang mit Irrtümern. Argumente für eine Reform der Rechtschreibreform.
Neue Zürcher Zeitung, 28. 9. 2004, nr. 226, s. 70, Bildung und Erziehung (1401 wörter)
In diesem Beitrag versucht ein Praktiker sich kritisch auf die rein sprachwissenschaftlichen Kriterien dieser Reform zu beschränken. […] Die wichtigste Kritik an der seit 1996 laufenden Rechtschreibreform betrifft deren inhaltliche Inkonsistenz: Die Regeln sind auch in diesem Juni in wesentlichen Bereichen geändert worden. Nach vielen Änderungen, die sich nur den verschiedenen Auflagen der Wörterbücher entnehmen liessen, haben im Juni die deutschen Kultusminister, die offenbar auch für die Schweiz entscheiden, weitgehende Eingriffe in das Regelwerk gutgeheissen.
Es müssen «wieder Ordnung und Zuverlässigkeit herrschen»! Lehrmittel müssen angeblich geändert werden, weil etwas «wieder zugelassen», «auch möglich» ist. Es ist nicht wichtig, ob die schüler etwas sinnvolles lernen; wichtig ist, dass man es «rekursfest korrigieren» kann. Stirnemann hätte anlässlich der fernsehsendung Zischtigsclub merken können, dass er mit seiner aus Deutschland importierten angstmacherei in der Schweiz nicht ankommt. Leider hat er es nicht gemerkt, und die NZZ auch nicht; sie lässt ihn überflüssigerweise ausbreiten, was er im fernsehen nicht an den mann und vor allem nicht an die frau bringen konnte.
neu Tritt für die Landschildkröte. Münchner Merkur (merkur-online.de), 27. 9. 2004, Politik
Es war der FDP-Politiker Jürgen Möllemann, der ein Bild für die
Kultusministerkonferenz prägte: Sie arbeite mit dem "Tempo einer Griechischen Landschildkröte", sagte der gelernte Lehrer einmal. "Schnarchnasig", ein "Bremser-Gremium": Immer wieder gibt es Kritik an dem Gremium, die vom Streit um die Rechtschreibreform noch forciert wurde.
Gaugele, Jochen, und Marten, Johannes:
Die Union muss anders auftreten! CDU-Vize
Christian Wulff mahnt seine Partei.
Bild am Sonntag, 19. 9. 2004, 51. jg., nr. 38, s. 4, Politik
Ich hoffe sehr, dass es zu klaren Vorgaben an die
Kultusministerkonferenz kommt, einen erheblichen Teil der Neuregelungen über Bord zu werfen. In der jetzigen Form darf die Rechtschreibung nicht verbindlich werden. Wir dürfen das Chaos nicht zementieren. […] Ich bin fassungslos, in welcher Art und Weise die KMK jeden Versuch bekämpft, zu einer Korrektur der missratenen Rechtschreibreform zu kommen. Das ist an Borniertheit und Abgehobenheit nicht mehr zu überbieten. […] Ganz unabhängig vom Ringen um die Rechtschreibreform überlegen wir, den Staatsvertrag über die Kultusministerkonferenz zu kündigen.
Freund, Wieland: "Trend zur sprachlichen Selbstaufgabe." Der Münchner Germanistentag treibt den deutschen Geist aus und beschwört die europäischen Gespenster. Die Welt, 16. 9. 2004, Kultur
Die Germanisten tagten und beschworen oder vertrieben die Geister. Kaum eine Wissenschaft dürfte derzeit einen schlechteren Leumund haben — Stichwort: PISA, Stichwort: Rechtschreibreform —, aber von der Jahrzehnte währenden Krise des Fachs kein Wort mehr.
Halter, Martin: Grimmsches Wörterbuch. Tages-Anzeiger, 11. 9. 2004, s. 49, Kultur (545 wörter)
Das grimmsche Wörterbuch ist ein Heiligtum der deutschen Sprache, ein nationales Monument und, ähnlich wie der ungleich kompaktere Duden, ein «work in progress», das jedes menschliche Mass übersteigt. […] Sprachwissenschaftler und Schriftsteller schätzten das Buch der Bücher als unverzichtbare Rüst- und Wunderkammer der deutschen Sprache, auch wenn die eigenwillige Typo- und Orthografie (so verschmähten die Grimms den «albernen gebrauch groszer buchstaben und das ss») nicht jedem behagte. […] Sprachwandel und Bedeutungsverschiebungen, Gründung und Teilung Deutschlands, Kriege, Revolutionen, Rechtschreibreformen: Das Meisterstück deutschen Philologenfleisses hat alles überlebt, verdaut und in 331 000 Stichwörtern aufgehoben.
CHR: Schleichende Verschwööbelung. Basler Zeitung, 10. 9. 2004, s. 7, Bücher (148 wörter)
Die 23. Auflage des Duden ist ein rechtes Chrüsimüsi und somit der Rechtschreibreform (äh, welche Auflage?) in puncto Ballawatsch durchaus gewachsen.
ras.: Ein bisschen viel Gejammer. Zweifelhafte Medienkampagnen in eigener Sache. Neue Zürcher Zeitung, 10. 9. 2004, 225. jg., nr. 211, s. 57, Medien und Informatik
Nicht zum ersten Mal hat sich eine grosse Medienkoalition gebildet. Erinnert sei an den orchestrierten Aufschrei wegen der Rechtschreibreform und die Kampagne gegen Ansprüche auf Korrekturen bei Interviews […]. Wo so viel Einmütigkeit herrscht, muss man skeptisch sein.
neu NR: Vermisst: Der Geisterfahrer. Basler Zeitung, 9. 9. 2004, s. 6, Schweiz
Es liegt für einmal nicht an der unsäglichen neuen Rechtschreibung, die der «Spiegel» inzwischen als «absurdes, höchst überflüssiges Reformwerk» bezeichnet. Denn auch im neusten Duden finden wir den guten alten «Geisterfahrer», der allda als «jmd. der auf der Autobahn auf der falschen Seite fährt» klar definiert ist. Im Schweizer Radio hingegen hat irgendeinmal irgendjemand aus unerfindlichen Gründen den klar definierten «Geisterfahrer» aus dem Wortschatz gekippt oder geklaut und durch den völlig unpräzisen «Falschfahrer» ersetzt […]. Ein «Falschfahrer»? Das ist doch auch einer, der abbiegt, wo er nicht dürfte […].
Meier, Reinhard:
Kopftuchverbot, schulische Integration, Rechtschreibdebatte. Gespräch mit der baden-württembergischen Kultusministerin
Annette Schavan.
Neue Zürcher Zeitung, 9. 9. 2004, 225. jg., nr. 210, s. 5, Ausland
In den Jahren seither gibt es kein Thema, bei dem ich so wenig Kritik gehört habe wie bei der Rechtschreibreform. […] Von daher bleibe ich bei meiner Überzeugung: Die Reform ist akzeptiert worden. […] Ich sehe weder in der Kultusministerkonferenz noch in der Ministerpräsidentenkonferenz eine Mehrheit für eine Rückkehr.
Ramseyer, Niklaus: Pünktlich zur Jagdsaison diskutiert nun auch die Politik «die Gämse». Volksvertreter greifen in die zerfahrene Rechtschreibdebatte ein. Basler Zeitung, 7. 9. 2004, s. 5, Schweiz (379 wörter)
Die Bildungskommissionen der Räte sorgen sich um die Rechtschreibung. Sie fürchten, «dass Praxis und Schule total auseinander driften» […]. «Bei uns beginnt jetzt die Jagd», sagt der Urner CVP-Ständerat Hansruedi Stadler. «Aber die meisten Urner Jäger werden weiterhin Gemsen schiessen; dass einer eine Gämse erlegt, dürfte die Ausnahme sein.» Dem witzigen Urner macht die babylonische Verwirrung um die neue Rechtschreibung ernsthaft Sorgen: Am Donnerstag will er das Problem in der
Wissenschafts- und Bildungskommission (WBK) seiner Kammer bei einer Aussprache mit den
kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) thematisieren.
AP: Gegen Rückschritt in Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, 7. 9. 2004, s. 2, Inland (126 wörter)
Die
Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Nationalrates steht hinter der Rechtschreibreform. Eine Petition mit dem Titel «Rechtswissenschafter für die bewährte Rechtschreibung», welche die Rückkehr zur alten Rechtschreibnorm forderte, lehnte die Kommission mit 18 gegen 1 Stimme bei 2 Enthaltungen ab […].
Hanfeld, Michael: „Ich bin nicht Rudolf Augstein.” Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 9. 2004, nr. 207, s. 38, Feuilleton
"Ich bin extrem realistisch", sagt Aust selbst. "Wenn ich zu irgend etwas aufgrund bestimmter Informationen eine bestimmte Position habe und feststelle, daß sich die Dinge geändert haben, bin ich jederzeit bereit, meine Position zu revidieren." So war es auch in der Frage der Rechtschreibung, bei welcher "Spiegel" und Springer zur alten Schriftlehre zurückgekehrt sind.
Und dann doch nicht, wegen des realismus.
Dové, Stephan:
Revision der Revision. Die 23. Auflage des Rechtschreibedudens.
Neue Zürcher Zeitung, 4. 9. 2004, 225. jg., nr. 206, s. 47, Feuilleton (706 wörter)
Mit Spannung erwartet wurde die 23. Auflage schon deswegen, weil seit der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibregeln am 1. August 1998 bereits mehr als sechs Jahre vergangen sind, die siebenjährige Übergangsfrist also bald zu Ende ist […]. Die Ergänzungen der amtlichen Regelung, die wiederum am Schluss des Buches enthalten ist, betreffen in erster Linie die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Gross- und Kleinschreibung. […] Bei der Gross- und Kleinschreibung umstritten war und ist der Entscheid, was sogenannte […] feste Begriffe sind, die gross geschrieben werden sollten. […] Leider wird mit dieser Ergänzung die Möglichkeit der Gross- bzw. der Kleinschreibung bei den festen Begriffen wieder geöffnet. Die Diskussionen darüber, was feste Begriffe sind, werden wieder kein Ende nehmen, wie wenn nicht klar gewesen wäre, was mit erster Hilfe gemeint ist […].
Meier, Simone: Grosse Herbstklassik. Journal. Tages-Anzeiger, 4. 9. 2004, s. 21, Bellevue (328 wörter)
Ach, Sie wollen bloss wissen, was ich zu den kilchspergerschen Auftritten in den vergangenen Tagen meine. Zu seiner neuen TV-Show und der von ihm initiierten «Bordell-Debatte» im «Blick». Immerhin: ein phänomenales Wort. Andere Zeitungen haben Holocaust-Debatten oder Rechtschreibreform-Debatten, der «Blick» hat eine Bordell-Debatte. Nein, ich finde nicht wie Kilchsperger, dass ein 34-Jähriger, der noch nie für Sex bezahlt hat, nicht richtig gelebt haben kann.
Santos, Margaret: Ich runzele die Stirn. Tages-Anzeiger, 4. 9. 2004, s. 25, Leserforum (88 wörter)
Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung, TA vom 31. 8. […] Erst kürzlich habe ich mich beim Lesen eines Krimis, gedruckt in neuer Rechtschreibung, wieder geärgert. Da wurde auf jeder fünften Seite ein Verb mit der Endung auf -eln wie folgt konjugiert: «Ich schüttele den Kopf. […]» Dies ist eine Verballhornung der deutschen Sprache und sicher keine Verbesserung. Also Leute, macht euren Kompromiss, aber rassig!
Also leute, alles könnt ihr nicht der rechtschreibung anlasten, weder der neuen noch der alten. Im duden stand schon immer ...[e]le; ortografisch ist nur von belang, dass bei wegfall des e kein apostrof zu setzen war und ist.
neu Loeliger, Walter: Die Praxis sieht anders aus. Basler Zeitung, 3. 9. 2004, s.32, Forum, Briefe (183 wörter)
Die Reform hat - das wissen eigentlich alle - mehr Vorteile als Nachteile. […] Liebe Medien, liebe Politikerinnen und Politiker, liebe Leserbriefschreiberinnen und -schreiber, eure Lust am Diskutieren über Sinn und Unsinn der Rechtschreibreform geht vollständig an den tatsächlichen Herausforderungen, mit denen sich die Schule zurzeit konfrontiert sieht, vorbei.
rbl.: Die Reform als Reförmli. Blick auf den Bildschirm. Neue Zürcher Zeitung, 2. 9. 2004, 225. jg., nr. 204, s. 44, Fernsehen, TV- u. Radiokritik (498 wörter)
Redeten die fünf Gesprächsteilnehmer eine gute Stunde lang mit stupender Beharrlichkeit aneinander vorbei, so waren sie sich doch in einem Punkte einig: Die Reform, so wie wir sie heute kennen, hat niemand gewollt. […] Abgesehen von solcher Einmütigkeit ereiferte man sich auf beiden Seiten, ohne dass indessen immer klar geworden wäre, worin der Anlass solcher Aufwallungen bestand. […] Dass es ein «Reförmli» gewesen sei, darin war man sich einig. Und mehrheitlich auch darin, dass an diesem «Reförmli» noch lange und viel herumgebastelt werden muss.
neu Köhler, Angela: Nach der «arubeitu» zur «abekku» im «guriin». Basler Zeitung, 1. 9. 2004, s. 2, Zweite (831 wörter)
Japanisch ist offenbar gar nicht schwer: «Nach der Arbeit zur Verabredung im Grünen», lautet der Titel. Doch in Japan beklagt man den rapiden Verfall der Sprache. Verballhornte Lehnwörter aus europäischen Sprachen gelten als «cool», verderben aber die gesittete Hochsprache. Um die Orthografie machen sich Japaner recht wenig Sorgen - ihre Schriftsprache ist ohnehin zu kompliziert, um sie richtig zu beherrschen. Drei «Alphabete» sind zu erlernen, auseinander zu halten und stilgerecht zu kombinieren […]. Historisch betrachtet mangelt es nicht an Versuchen, dieses verwirrende Sprachsystem zu vereinfachen oder das Westliche wieder zurückzudrängen. Dafür hätte man aber in einer Reform wenigstens die Zahl der chinesischen Kanji-Zeichen auf ein leichter beherrschbares Mass reduzieren müssen - die Gelehrten fanden jedoch nie zu einer gemeinsamen Basis. […] Das Tokioter Bildungsministerium beklagt Vokabulararmut, unkorrekte Aussprache, grobe Wortwahl, Erstarrung in Formeln und verbale Hülsen. Angesichts dieser vernichtenden Bilanz wäre Japan wohl dringend reif für eine radikale Sprachreform.