Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 31. 1. 2004
neuere artikel

Aus der presse

Nachgeführt 3. 6. 2011, 29. 12. 2008


31. 1. 2004

Dignös, Eva: Rechtschreibrebell greift Reformkommission an. Weilheimer Lehrer siehe Denk fordert Abschaffung des Gremiums zur Regeländerung der deutschen Sprache. Süddeutsche Zeitung, ausgabe Weilheim, 31. 1. 2004, s. R1, Politik (278 wörter)

„Es ist ein Skandal, dass diese siehe Kommission immer noch im Amt ist und weiter im Geheimen an der deutschen Sprache herumfummelt“, sagt der Deutschlehrer aus Weilheim. […] Kultusministeriumssprecher Thomas Höhenleitner sagte, die neuen Vorschläge setzten die bisherige Regelung nicht außer Kraft. Sie ließen vielmehr in einigen Zweifelsfällen weitere Varianten zu. Damit werde man dem „diffizilen System der deutschen Sprache“ gerecht. Gleichzeitig betonte der Ministeriumssprecher, dass die bayerischen Schüler mit der Umstellung auf die neuen Regeln gut zurechtgekommen seien.

tost: Geheimes Kommando „D“. Süddeutsche Zeitung, 31. 1. 2004, s. 11, Feuilleton (236 wörter)

Die Nachricht, dass mit dem vierten Bericht der Kommission für die Reform der deutschen Rechtschreibung wiederum Änderungen an der deutschen Schriftsprache verbunden sein werden (siehe SZ vom 29. Januar), hat in der deutschen Öffentlichkeit großen Unwillen und Verärgerung ausgelöst.

30. 1. 2004

Hintermeier, Hannes: Sprachdiktat. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. 1. 2004, nr. 25, s. 35, Feuilleton (744 wörter)

[…] zwölf Apostel, die bislang in Anbindung an die siehe Kultusministerkonferenz eine Botschaft in die deutschsprachige Welt hinaustragen. Jetzt will sich die siehe Kommission dieser Aufgabe völlig losgelöst von irgendwelchen lästigen Rückbindungen widmen können, Ergebnisse sollen nur noch alle fünf Jahre berichtet werden. Dieser absonderliche Plan […] führt den Gedanken der beratenden Kommissionsarbeit endgültig ad absurdum — und sorgt auf seiten derjenigen, die zuallererst mit der deutschen Sprache umgehen, für Bestürzung. Der Lyriker siehe Reiner Kunze […] hat sich jetzt mit einem offenen Brief quasi auf die Barrikaden begeben. […] Die eminent politische Frage nach dem Umgang mit der Sprache wird nach siehe Enzensbergers Beobachtung "hinter verschlossenen Türen abgehandelt — wie zu Metternichs Zeiten". […] Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron fühlt sich durch die "Entscheidungsherrlichkeit" der Kommission gar an DDR-Zeiten erinnert […]. Siegfried Lenz, von Beginn an scharfer Gegner der Rechtschreibreform, quittiert die Angelegenheit mit einer gewissen Fassungslosigkeit.

Schmachthagen, Peter: Ganz schön belemmert. Reform der Rechtschreibreform? Lassen Sie sich nicht verwirren! Hamburger Abendblatt, 30. 1. 2004, Kultur/Medien (301 wörter)

Doch stets wenn die siehe Kommission einen Zwischenbericht vorlegte, erhoben sich die Gegner mit dem Erlanger Linguisten > Theodor Ickler an der Spitze und proklamierten den Untergang des Abendlandes. Jetzt kursiert eine Vorlage für eine unter Umständen entscheidende Sitzung am kommenden Donnerstag durch die Kultusministerien, und die Feuilletons der deutschen Großblätter wittern Verrat. Die "Süddeutsche" bezeichnet die Kommission gar als "obskuren Kader", der sich selbständig machen möchte, "als bräuchte dieses Land eine Sonderbehörde für Rechtschreibung mit nahezu geheimdienstlichen Kompetenzen".

neu "Babylonische Verwirrung." Münchner Merkur (merkur-online.de), 30. 1. 2004, Politik

Wenn in kommenden Jahrhunderten einmal ein Synonym für eine fatale Pattsituation gesucht wird, braucht man nur ein Wort seufzen: Rechtschreibreform.

29. 1. 2004

siehe Markner, Reinhard: 120 Phoneme auf ein Fonem. Die Mannheimer siehe Rechtschreibkommission legt ihren vierten Geheimbericht vor. Berliner Zeitung, 29. 1. 2004, Feuilleton (648 wörter)

Die Kommission ist von der siehe KMK damit betraut worden, auf die "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum" hinzuwirken. Diese Aufgabe zu erfüllen ist unmöglich, da die zu Beginn des 20. Jahrhunderts herbeigeführte Einheit der deutschen Orthographie durch die Reform zerstört wurde […]. Was das mangelhafte Regelwerk selbst betrifft, so glaubt die Kommission ihrem Auftrag zur "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung" durch die Einführung immer neuer Schreibvarianten gerecht zu werden. […] Für die nähere Zukunft fordert die Kommission, weniger einschneidende Änderungen auch ohne vorherige Konsultierung der politischen Gremien beschließen und durchsetzen zu können. Da in der genannten Vorlage nicht definiert ist, welche möglichen Eingriffe "von grundsätzlicher Bedeutung und Tragweite" und damit weiterhin zustimmungspflichtig wären, würde ein entsprechender Beschluß der KMK die Kommission ermächtigen, eine Vielzahl bisher gescheiterter Vorschläge sukzessive einzuführen. Der Weg wäre grundsätzlich frei für "Ältern, Apoteke, Flopp" und "Pitza" […].

siehe Steinfeld, Thomas: Das geheime Sprachamt. Die Rechtschreibreform darf sich bald verselbständigen. Süddeutsche Zeitung, 29. 1. 2004, 60. jg., nr. 23, s. 13, Feuilleton (924 wörter)

Durch die Amtsstuben der Kultusministerien wandert in diesen Tagen eine Entscheidungsvorlage. Sollte die „Amtschefkommission Rechtschreibung“ sie auf ihrer Sitzung am 5. Februar billigen, so wird die deutsche Orthographie wieder einmal auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Formell soll das Papier, das dieser Zeitung vorliegt, den vierten Bericht der siehe „Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung“ absegnen – ein Vorgang, der ärgerlich und lästig genug ist, weil er eine große Zahl neuerlicher Änderungen an der Schriftsprache zur Folge haben wird. Institutionell aber werden die Konsequenzen noch gravierender sein: stimmen die Amtschefs zu, dann wird in Zukunft allein die Kommission über Änderungen der Rechtschreibung entscheiden. Bislang benötigte sie dazu immer noch die Zustimmung der Kultus- und Bildungsminister.

28. 1. 2004

Schichtl, Ludwig: An den Pranger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. 1. 2004, nr. 23, s. 8, Briefe an die Herausgeber (195 wörter)

Sollte man in der Beurteilung dieses Wechselbalgs nicht einmal versuchen, nach strafrechtlichen Gesichtspunkten vorzugehen? Der Katalog der in Frage kommenden Tatbestände ist lang und schwerwiegend. Er reicht vom öffentlichen Ärgernis über groben Unfug (zum Beispiel Schlussstrophe, Stofffetzen), Körperverletzung am Sprachkörper der deutschen Sprache, Freiheitsberaubung (Zwang zur Getrenntschreibung), Verschwendung öffentlicher Mittel bis zur Kollektivbeleidigung aller Benutzer der deutschen Schriftsprache.

27. 1. 2004

neu Sick, Bastian: Deutschland, deine Apostroph's. Spiegel Online, 27. 1. 2004, Kultur, Zwiebelfisch

Zähneknirschend nahm man es hin, dass im trüben Fahrwasser der Rechtschreibreform mit einem Mal "Helga's Hähncheneck" und "Rudi's Bierschwemme" höchste Ehren erhielten und offiziell sanktioniert wurden. Der von vielen gescholtene so genannte Deppen-Apostroph war über Nacht salonfähig geworden. Nun ja, vielleicht noch nicht salonfähig, aber zumindest imbissbudenfähig. […] "Was habt ihr denn? Ist doch richtig so! Steht sogar im Duden's!" Tatsächlich: dort […] heißt es in Übereinstimmung mit den neuen amtlichen Regeln: "Gelegentlich wird das Genitiv-s zur Verdeutlichung der Grundform des Namens auch durch einen Apostroph abgesetzt." Man beachte die Wortwahl: Gelegentlich. Das klingt wie: "Einige können es eben nicht lassen."

neu Sick, Bastian: Der Gebrauch des Apostrophs im Überblick. Spiegel Online, 27. 1. 2004, Kultur, Zwiebelfisch

Schluss mit den Apostrophen-Katastrophen! Der "Zwiebelfisch" verrät, wo im Deutschen ein Apostroph gesetzt werden muss, wo man auf ihn verzichten kann und wo er schlichtweg "nicht's" zu suchen hat.

26. 1. 2004

Penders, Peter: Urlaubsreife Stars — doch die Hatz geht immer weiter. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 1. 2004, nr. 21, s. 28, Sport

"Deutschland ist Handballland" — korrekt nach der Rechtschreibreform formuliert, konnte Brand am Freitag schwarz auf weiß auf dem Fan-Transparent lesen[…].

Schröder, Martin Z.: Nur Feuchtes fault. Durch die Brille einer fragwürdigen Übersetzung: Nagib Machfus’ Roman „Der Rausch“. Süddeutsche Zeitung, 26. 1. 2004, s. 14, Literatur

Als zusätzliche Belastung der Lesefreundlichkeit erweist sich die Unterwerfung unter die Rechtschreibreform. Durch die neue Sprachbürokratie entsteht eine lächerliche Zweideutigkeit: „Was ist bloß los mit euch verheirateten Männern, ihr gebt den allein Stehenden keine Chance.“ Entweder gebe man den allein Stehenden Stühle oder stelle sie zumindest etwas näher zueinander! […] Jedes literarische Werk muss vielmehr als Maßstab verstanden werden können und jeder Verlag eine feste Burg zu sein trachten gegen den Verfall des sprachlichen Ausdrucks, zu dessen Zeichen die Rechtschreibreform gehört, die unsere eigenen Literaten verdammen, der aber die fremdsprachigen unterworfen werden.

24. 1. 2004

oes: Keine Chronik ohne einen Lektor. Süddeutsche Zeitung, ausgabe Freising, 24. 1. 2004, s. R4

„Die nächste Rechtschreibreform wird das Werk des Lektors überflüssig machen.“ Mit dieser Prognose warb Karl-Heinz Zenker (FW) im Gemeinderat für einen Antrag des Arbeitskreises „175 Jahre Hallbergmoos“: Die Entscheidung, für die Ortschronik einen Lektor zu bemühen, sollte aufgehoben werden.

23. 1. 2004

abo: Aktuelles Lexikon. Goethe-Institut. Süddeutsche Zeitung, 23. 1. 2004, s. 2, Themen des Tages

Die Pflege der deutschen Sprache im Ausland – das ist die Aufgabe des Goethe-Instituts. Keine leichte Aufgabe, hat das Deutsche doch den Ruf, besonders unpraktisch zu sein. Die Rechtschreibreform hat daran wenig geändert.

17. 1. 2004

Illauer, Wolfgang: Propagandamärchen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 1. 2004, nr. 14, s. 9, Briefe an die Herausgeber (512 wörter)

Das bayerische Kultusministerium wirft den protestierenden Lehrern bezüglich des achtklassigen Gymnasiums (G 8) Desinformation vor. Leider ist es umgekehrt. Ich erinnere an die Einführung der Rechtschreibreform. Da machte das Ministerium der Öffentlichkeit weis — und viele haben es geglaubt —, die Rechtschreibfehler der Schüler würden nach Einführung der Reform um 50 Prozent zurückgehen. Das war Propaganda.

16. 1. 2004

F.A.Z.: Besinnt euch! Preis für siehe Reiner Kunzes Rechtschreibkritik. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 1. 2004, nr. 13, s. 31, Feuilleton (133 wörter)

Der Schriftsteller Reiner Kunze ist in diesem Jahr einer der beiden Preisträger der Schweizer "Stiftung für Abendländische Besinnung". […] Kunze wird nach Angaben der Stiftung "für seinen Einsatz gegen die Unvernunft der Eingriffe in Sprache und Rechtschreibung" ausgezeichnet und für seine "ebenso wertvollen wie notwendigen Bemühungen im Umgang mit unserer Sprache und ihrer Schreibweise".

Schermann, Ralph: Weite Wege zu weißer Pracht. Sächsische Zeitung, 16. 1. 2004, Görlitz

Jedenfalls meldete Oybin gestern „keine Wintersportmöglichkeiten bei 20 cm Nassschnee“. Dank der Rechtschreibreform übrigens wieder ein tolles Wort mit drei s: Nassschnee!

7. 1. 2004

Su.: Autoren fordern «Auszeit» für Reform. St. Galler Tagblatt, 7. 1. 2004 (217 wörter)

Weitere knapp hundert Jahre später wird Dudens Werk immer lauter nachgetrauert. Der umstrittenen Reform der Rechtschreibung hat sich unlängst auch die Zeitschrift siehe «Schweizer Monatshefte» gewidmet. Sie argumentiert unter der Regie des St. Galler Reformgegners siehe Stefan Stirnemann durchwegs reformkritisch.

3. 1. 2004

dsch: Sprachverfall. Deutsche Linguistentagung in Rom. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. 1. 2004, nr. 2, s. 32, Feuilleton

Die Universität "La Sapienza", das Istituto Italiano di Studi Germanici und die Casa di Goethe veranstalten am 6. und 7. Februar gemeinsam einen Kongreß, bei dem es auch um den vermeintlichen Verfall der deutschen Sprache und die inkriminierte Rechtschreibreform gehen soll.


nach oben     ältere artikel
Rolf Landolt