Nachgeführt 3. 6. 2011, 13. 2. 2011
sda:
Streit um Rechtschreibreform.
Akademie sucht Kompromiss.
Basler Zeitung, 31. 8. 2004, s. 33, Feuilleton (73 wörter)
Schriftsteller wie
Günter Grass, Martin Walser, Tankred Dorst, Siegfried Lenz und Elfriede Jelinek forderten dagegen erneut eine «völlige Rücknahme der inhaltlich verfehlten und teuren Rechtschreibreform».
SDA: In Kürze. Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, 31. 8. 2004, s. 54, Kultur (92 wörter)
Die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung warnt vor einer Spaltung der deutschen Sprache. Gleichzeitig hat sie einen Kompromiss im Streit um die Rechtschreibreform gefordert.
Medicus, Thomas: Kein Schisma. Frankfurter Rundschau, 31. 8. 2004, s. 15, Feuilleton, Times mager (429 wörter)
Friedrich Dieckmann, Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, fuhr schweres Geschütz auf. Seit letztem Jahr liege der
Kompromissvorschlag von neun deutschen Akademien der Künste und der Wissenschaften zur Rechtschreibung vor — von staatlicher Seite sei man aber nur "rüde abgefertigt" worden. […] In der Berliner Akademie der Künste fanden gestern vorwiegend Repräsentanten der
Darmstädter Akademie zusammen, um mit Verve für ihren und ihrer Kollegen Kompromissvorschlag zu werben.
Meier, Simone: Meine Titelstory. Tages-Anzeiger, 30. 8. 2004, s. 17, Bellevue (333 wörter)
Mit dem Namen Meier werde ich eh nie ein Star? Wahrscheinlich haben Sie Recht, und ich sollte mich mal um etwas Vernünftigeres kümmern als um mich. Um die deutsche Rechtschreibreform zum Beispiel. Ein sexy Thema, oder? Wird aber von jedem Klatschheftli kommentiert, und jeder minimal bekannte TV-Serien-Heini und jedes Castingshow-Heidi darf seinen Senf dazu geben. Ich nicht. Noch nicht.
Bommarius, Christian:
Frieden ist möglich. Die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellt ihren Kompromissvorschlag im Streit um die Rechtschreibreform vor.
Berliner Zeitung, 30. 8. 2004, Feuilleton (861 wörter)
An diesem Morgen keimt im fünften Stock des ersten Gebäudes der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, in einem winzigen Büro des Romanischen Seminars, die Hoffnung auf baldigen Frieden — dauerhaft und ehrenvoll für beide Lager. Denn
Hans-Martin Gauger, emeritierter Professor für Romanistik und Sprachwissenschaft, stellt einen Kompromissvorschlag vor, den er mit einigen Kollegen im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erarbeitet hat. "Das ist", sagt Professor Gauger, "ein Angebot, das beide Seiten akzeptieren können müssten. Denn es ist vernünftig." […] Das Angebot, das Gauger im Namen der Akademie unterbreitet, ist jedenfalls sehr übersichtlich (es steht auf 141 Seiten) und — sollte es am Ende angenommen werden — ein Meilenstein in der Geschichte des Kompromisswesens.
Wenn die gegner nicht, wie sie selbst zugeben, geschlafen hätten, hätten sie schon manchen meilenstein in der geschichte des kompromisswesens miterlebt. Das ist nicht vernunft, sondern eine asymptote.
Saltzwedel, Johannes: "Völkischer Aufbruch." Der Spiegel, 30. 8. 2004, nr. 36, s. 161 bis 164, Kultur (1512 wörter)
Während der NS-Zeit planten linguistische Eiferer eine radikal veränderte Rechtschreibung. Zwar stoppte Hitler selbst das Projekt - aber die Ideologen machten nach Kriegsende weiter. […] "So viel Material zu finden, das hätten wir kaum für möglich gehalten", erzählt
Markner, 37. […] was sie entdeckten - und in einem präzise recherchierten
Buch auch publik machten - liefert ein geschichtliches Lehrstück der ungewohnten Art. […] Erst die 68er-Bewegung brachte einer neuen Generation von Reformern den nächsten Auftritt. Mit der Botschaft, Schüler sollten weniger Fehler machen, nutzten die Schreibänderer nun die linke Vision der Chancengleichheit als Vehikel ihrer Pläne. Und diesmal drang das "Volksbeglückungsprojekt" (Markner) nach Jahren der Lobbyarbeit tatsächlich durch: Mit vielen Abstrichen wurde 1996 eine Schrumpf-Version des Neuschriebs beschlossen; 1998 trat sie in Kraft. Die Folgen spüren Leser und Schreibende bis heute. Reinhard Markner meint lächelnd: "Eigentlich hätte Helmut Kohl die Sache damals leicht stoppen können - mit ein paar gezielten Anrufen."
Die idee mit dem kanzlerbefehl analog dem führerbefehl lässt befürchten, dass sich seit dem untersuchungszeitraum nicht viel geändert hat in Deutschland – oder vielleicht auch nur bei leuten wie Reinhard Markner.
Müller, Hans-Joachim: Mit dem neuen amtlichen Führer durch die deutsche Sprache. Basler Zeitung, 28. 8. 2004, s. 37, Feuilleton (1097 wörter)
Von diesem Wochenende an ist der neue
Duden erhältlich: Ein Lektüreversuch nebst ein paar Anmerkungen zur Rechtschreibreform. […] Wenn selbst die deutsche Oppositionsführerin Angela Merkel verlauten lässt, «nichts sei schlimmer als weitere Verunsicherung über die Schreibungen», dann hat es das Thema in die obersten Ränge geschafft und der Duden-Verlag seine Geschäftsgrundlage gesichert. Denn wer oder was soll bei so viel schlimmer Verunsicherung helfen wenn nicht der Blick ins bewährte gelbe Lexikon? […] Wir können uns noch immer schlimmere Dinge vorstellen als weitere Verunsicherung beim Schreiben. […] Frau Merkels «schlimme Verunsicherung über die Schreibung» deutet eher auf beeinträchtigte Sprachkompetenz als auf Unheil aus der Rechtschreibreform.
SDA: Rechtschreibreform: Kompromissvorschlag. Tages-Anzeiger, 28. 8. 2004, s. 50, Kultur (89 wörter)
Im Streit um die Rechtschreibreform wird die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am kommenden Montag in Berlin einen Vorschlag für einen Kompromiss vorlegen.
Walther, Rudolf: Bewährte Änderungen. Ende des Glaubenskriegs um die Rechtschreibreform? Morgen erscheint die neue Auflage des Duden. die tageszeitung, 27. 8. 2004, nr. 7446, s. 16, Kultur (753 wörter)
Angesichts der pragmatischen Begründungen, mit denen der Duden die amtlichen Regelungen von 1996 umsetzt, fällt die vom FAZ-Redakteur Johann Georg Reißmüller begonnene und von seinen Kollegen
Heike Schmoll und
Hubert Spiegel fortgesetzte Kampagne gegen die Rechtschreibreform wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An linguistischen Argumenten fehlte es ohnehin von Anfang an. […] Die Reformer traten mit dem Anspruch an, die Rechtschreibung zu vereinfachen. Dieser richtige Anspruch ist unzulänglich umgesetzt worden, aber das liegt weniger an den Reformern als am mangelnden Mut der Kultusministerkonferenz zu einer großen Lösung, die wenigstens die gemäßigte Kleinschreibung und die Streichung des ß enthalten müsste. Lehrer bestätigen, dass das Zusatzhäppchen Vernunft, das die Reformen erlauben, den Rechtschreibunterricht erleichtert hat — für die Kinder.
Häfliger, Tony:
Keine Sprachreglementierung durch
Staat.
St. Galler Tagblatt, 26. 8. 2004, leserbriefe (106 wörter)
[…] die Urfrage zu stellen, die ich hiermit in Form einer Bitte ausdrücke: Man begründe mir logisch schlüssig die Notwendigkeit der Reglementierung der Rechtschreibung durch den Staat. Ich freue mich auf die Erläuterungen.
Ob eine notwendigkeit besteht, ist schwer zu sagen. So oder so hat aber irgendjemand die schulpflicht erfunden, und irgendwer sagt(e) dem lehrer, dass er den schülern die schreibungen Thür, illustrirt und Schiffahrt beibringen muss(te) bzw. später Tür, illustriert und jetzt halt Schifffahrt. — Als vor jahren die realschule Muttenz tür schreiben wollte, griff der staat reglementierend ein.
Schibli, Sigfried: Wortwechsel im Sprachenstreit. Basler Zeitung, 24. 8. 2004, s. 33, Feuilleton (268 wörter)
Der Streit um die deutsche Rechtschreibung, der gegenwärtig je nach Weltgegend mehr tobt oder dümpelt, wird nicht mit lebensbedrohenden Waffen ausgefochten, sondern mit den unblutigen Waffen des Wortes. Das ist das Gute, das Friedliche und Zivile an diesem eigentümlichen Krieg, der durchaus feindliche Lager, Angriffslinien, Verteidigungsbastionen und Überläufer kennt.
bo/ac: «Die Reform ist beschlossen.» Tages-Anzeiger, 24. 8. 2004, s. 58, Kultur (260 wörter)
In Wien beriet eine Beamtenrunde aus der Schweiz, Deutschland und Österreich über die Rechtschreibreform. […] Auf der Tagesordnung: Die Umwandlung der trilateralen Rechtschreib-Kommission in einen permanenten Rat für die deutsche Rechtschreibung. […] Laut dem Schweizer EDK-Generalsekratär Hans Ambühl wurde am Treffen noch nicht entschieden, wie der Rat personell zusammengesetzt sein soll.
SDA: In Kürze. «Rat für deutsche Rechtschreibung.» Tages-Anzeiger, 23. 8. 2004, s. 46, Kultur (63 wörter)
Aus Protest gegen die Rechtschreibreform ist in München ein «Rat für deutsche Rechtschreibung» gegründet worden. Der Verein will sich für die Wiederherstellung der Rechtschreibung einsetzen, wie sie vor der Reform üblich war.
neu Auch Loriot hilft Schreib-Rebellen. Münchner Merkur (merkur-online.de), 23. 8. 2004, Politik
Die Wahl ihres Gründungsorts war bereits Programm: Statt eines elitären Restaurants wählten die acht Sprach-Experten das Paulaner Bräuhaus in München, um den unabhängigen
"Rat für deutsche Rechtschreibung" ins Leben zu rufen (wir berichteten). Die Kritiker der neuen Rechtschreibung kämpfen für die Rückkehr zu den alten Regeln - und geben sich volksnah: "Wir vertreten den erklärten Willen der Mehrheit der Deutschen", betont der neue Vorsitzende
Hans Krieger.
Sitta, Horst: Können Politiker Wörter liquidieren? Eine Replik auf Peter von Matt. Neue Zürcher Zeitung, 21. 8. 2004, 225. jg., nr. 194, s. 46, Feuilleton (884 wörter)
Durch den ganzen Beitrag von Peter von Matt zieht sich ein Gedanke, der im Feuilleton ebenso wie offenbar in der Literaturwissenschaft unproblematisiert gilt, dass nämlich (Recht-)Schreiben Sprache ist. Folgerichtig ist dann bei Peter von Matt die Rede davon, dass die Orthographiereform «Eingriffe in den Wortschatz» gemacht habe, «Wörter zerstört» habe und dass von den Erziehungsdirektoren «nicht ersetzbare Wortverbindungen verboten» worden seien. Demgegenüber möchte ich festhalten: Zwischen Sprache und (Recht-)Schreibung ist scharf zu unterscheiden. […] Es fehlte nicht an Einladungen zur Vernehmlassung, wohl aber an Resonanz. Insofern haben sich die
Schweizer Erziehungsdirektoren durchaus korrekt verhalten.
Knecht, Doris: Die Wahl der Mittel. Doris Knecht stellt fest, dass Trotzkinder und Erwachsene meist aus den gleichen Gründen in Rage geraten. Das Magazin (Tages-Anzeiger), 21. 8. 2004, nr. 34, s. 35
[…] bin ich stets aufs Neue überrascht, wie unterschiedlich die Menschen in Rage geraten: Da unterscheiden sich Erwachsene oft kaum von Zweijährigen; auch nicht in der Unverhältnismässigkeit ihrer Gründe. Zum Beispiel habe ich an einem Abend Michael Moores «Fahrenheit 9/11» gesehen und am darauffolgenden eine Fernsehdiskussion über die Rechtschreibreform. Im Verlauf der Debattenbeobachtung wandelte ich mich zur entschiedenen Verfechterin der Beibehaltung der neuen Rechtschreibung, unter anderem, weil der Chefredaktor von «Bild am Sonntag» entschieden für die Wiedereinführung der alten eintrat. Er tat das mit Argumenten, deren bildungsbürgerlicher Impetus mit dem intellektuellen Anspruch seines Blattes meiner Ansicht nach nur mässig korrespondiert, und mit einem Ausdruck gelangweilter Arroganz in seinem arttypischen Jungmanager-Gesicht, wo ich sagen muss, da packt mich spontane Gewaltbereitschaft.
neu Duden-Newsletter vom 20.08.2004. duden.de, 20. 8. 2004, Newsletter
Es rauscht im Blätterwald. Das Thema Rechtschreibung beherrscht die Medien und erhitzt die Gemüter. In unserem heutigen Newsletter möchten wir Sie über einige Aspekte dieses Themas informieren, die in der Diskussion bisher kaum zur Sprache gekommen sind. Hierzu gehört beispielsweise der Hinweis auf die Rechtschreibreform von 1901, die sich bei näherem Hinsehen gar nicht so sehr von der heutigen unterscheidet.
Jandl, Paul: Staatssprache Österreichisch. Ein Rechtschreibmanifest der Dichter. Neue Zürcher Zeitung, 19. 8. 2004, 225. jg., nr. 192, s. 41, Feuilleton (497 wörter)
«Keine deutsche Rechtschreibreform mehr!» Jetzt proben einige österreichische Schriftsteller den Aufstand und fordern Unerhörtes: «Österreichisch» als eigene Sprache. Robert Schindel, Marlene Streeruwitz, Christian Ide Hintze und der Wiener Poet Roland Neuwirth haben sich zusammengetan, um ein Manifest auszuarbeiten […]. Auch Elfriede Jelinek und
Alois Brandstetter haben bekanntgegeben, eine allzu grosse Abhängigkeit von deutscher Normierung zu empfinden. Peter Henisch sympathisiert mit dem Manifest, verwahrt sich aber doch gegen heimattümelnde Tendenzen. Robert Menasse hat in der «Süddeutschen» angekündigt, weiterhin «das grosse, weite und tiefe Deutsch» schreiben zu wollen, «das die Reformer nicht verstehen». Auf der Seite der Befürworter der neuen Rechtschreibung finden sich Wolfgang Bauer (er nennt sie «liebenswerter» als die alte) und Franzobel, dem die Änderungen jedoch nicht weit genug gehen.
Die nationalistische Einfärbung fremder Termini etwa, bleiben wir bei den Spag(h)etti, akzentuiere die Trennung der Völker. «Was wir an lebendigem und antikem Sprachschatz teilen, lässt uns über die Sprachgrenzen hinaus als Verwandte fühlen.»
Deshalb im italienischen ortografia und im deutschen Orthographie. Spagetti (meistens schp… ausgesprochen und gross geschrieben) sind uns so wenig fremd wie kaffee, und die schreibung ohne h ist nicht nationalistisch, sondern internationalistisch — das deutsche ist keineswegs allein.
von Matt, Peter: Auf die Sprache hören. Ein Plädoyer für eine Lockerung der Fronten. Neue Zürcher Zeitung, 14. 8. 2004, 225. jg., nr. 188, s. 43, Feuilleton (859 wörter)
Die Schweizer Erziehungsdirektoren warnen vor einer Katastrophe, wenn die von ihnen verordneten Rechtschreibevorschriften nicht in Kraft gesetzt würden. Schön wär's. Die Katastrophe ist bereits da, hier und jetzt und ausgewachsen. […] Die Kinder werden bestraft, wenn sie so schreiben, wie sie es in vielen Zeitungen sehen, die zu Hause herumliegen, und in fast allen Büchern, die ihre Eltern lesen. Die sogenannte Umsetzung der Reform bedeutet nur eines: den Beginn der Sanktionen gegenüber den Kindern, die nicht nach den obrigkeitlichen Vorschriften schreiben. […] Die Aufgabe der Schulen ist es, die Kinder einzuführen in das Lesen und Schreiben der deutschen Sprache, so wie sie in der Gegenwart gebraucht wird.
Stefan Aust: Wir sind keine Gralshüter.
Der Standard, 14./15. 8. 2004, Album
Er ist einer der Initiatoren der erneuten Diskussion um die Rechtschreibreform: "Spiegel"-Chefredakteur im STANDARD-Gespräch. […] Da sie die alten Bücher aber nicht mehr verändern können und sich die neue Rechtschreibung offensichtlich aus genau diesen Gründen nicht durchgesetzt hat, ist es vernünftiger, zur alten zurückzukehren als den Unsinn weiter mitzumachen. […] Im Übrigen würde kein Land der Erde auf die Idee kommen, eine neue Rechtschreibung von
staatlicher Seite zu entwickeln. […] Es hat immer Entwicklungen gegeben, die irgendwann in die Regularien übernommen worden sind. Das ist auch richtig so. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich Sprache evolutionär entwickelt, oder ob sich eine Gruppe von selbst ernannten Experten bzw. von den Kultusministern ernannten Experten, hinsetzt und ein neues Sprachsystem entwickelt, das mit dem, was gebräuchlich ist, nichts zu tun hat. […] Der Grundgedanke derer, die die Rechtschreibreform eingeführt haben, war eine Liberalisierung der Sprache, in der die Bandbreite, was ein Fehler ist und was kein Fehler ist, vergrößert wurde. Man könnte so liberal sein und sagen, jetzt gehört auch die alte Rechtschreibung in dieses Spektrum.
Was will uns Aust sagen? Dass das neue mit dem alten «nichts zu tun hat» oder dass es damit sehr viel zu tun hat, so dass es nur eine frage der «Bandbreite» ist? Wurde das neue system «von staatlicher Seite» entwickelt oder, was ja wirklich nicht dasselbe ist, «von selbst ernannten Experten»?
Schindler, Jörg: Rolf heißt heute Stefan. Konrad Dudens Erben können die Aufregung über „Dienst Habende“ und „allein Stehende“ nicht recht verstehen. Frankfurter Rundschau, 13. 8. 2004
Eine Woche ist es her, dass die Groß-Wesire des Spiegel- und des Springer-Verlages,
Stefan Aust und
Mathias Döpfner, die Gegenreformation ausriefen […]. Vielleicht, mutmaßt der Mannheimer Sprachwächter, wäre ja alles anders gekommen, hätte man für die Rechtschreibreform wie seinerzeit für die Umstellung der Postleitzahlen einen „Rolf“ erfunden. Damals, sagt
Wermke, seien auch alle gegen die fünfstelligen Ortskennziffern gewesen, „und dann kam Rolf“, diese putzige Fünf-Finger-Figur mit Sonnenbrille und gewinnendem Lächeln. Ein PR-Coup vom Feinsten. Die fünfstelligen Zahlen, so Wermke, habe zwar keiner ohne weiteres auswendig gelernt - „aber völlig egal: Wir hatten ja Rolf, und Rolf hat uns beruhigt.“ So dumm kann's laufen: Die Rolfs dieser Tage heißen
Stefan und
Mathias. Und sie lächeln nicht.
Faes, Urs:
«Das Chaos ist schon da.»
St. Galler Tagblatt, 12. 8. 2004, Hintergrund (1707 wörter)
Eine Kommission ohne Sensibilität für Sprache hat eine Reform beschlossen, die sich nicht durchsetzen kann. Kinder lernen in der Schule eine Schreibweise, die sie in Büchern nicht finden. […] Als echte Porno-Grafen erweisen sich die Reformer auch, […] wenn eine Frau bei der Beerdigung sagt, sie habe ihrem Mann (nach neuer Regelung) immer die Stange gehalten.
Uns fehlt es wirklich an sensibilität für sprache: Wie sagt es die frau nach alter regelung?
Hartmeier, Peter: Richtig D(d)eutsch. Tages-Anzeiger, 12. 8. 2004, s. 1, Kommentar (276 wörter)
Mindestens 60 Prozent aller lesenden Deutschen werden in Zukunft Printmedien nützen, welche die Regeln der neuen Rechtschreibung nicht mehr anwenden. […] Eloquente Chefredaktoren, unterstützt durch prominente Schriftsteller, setzen sich brillant in Szene, während eine kommunikativ unbeholfene
Kultusministerkonferenz mit einer Mitleid erregenden Vorsitzenden für die Fortführung plädiert. […] Hier wird ein Stellvertreterkrieg ausgetragen: Der lamentable Zustand der Regierung Schröder provoziert eine beispiellose Aufgeregtheit in deutschen Landen. […] Unsere Kinder haben in den letzten Jahren die neuen Regeln gelernt und wenden sie problemlos an. Und wir haben nicht den Eindruck, das kulturelle Abendland sieche deswegen dahin.
Sitta, Horst:
Grosse Akzeptanz an den Schulen.
Tages-Anzeiger, 12. 8. 2004, s. 44, Gesellschaft (1165 wörter)
Die Einführung der neuen Rechtschreibung in der Schule war in allen Ländern gut vorbereitet. […] Der Unterricht nach den neuen Regeln verläuft ohne Probleme. […] Wo Kritik geäussert wird, richtet sich diese oft nicht gegen Veränderungen durch die Neuregelung, sondern dagegen, dass die Veränderungen nicht weiter gegangen sind. Entsprechend aufschlussreich sind die geäusserten Vorschläge, die in unterschiedlicher Gewichtung deutlich einer Weiterführung der Reform das Wort reden. Verschwindend gering sind Voten, die eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung präferieren. […] Die Neuregelung verdient gegenüber der alten Rechtschreibung den Vorzug, nicht etwa - wie oft zu hören ist - weil eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung unnötig teuer wäre oder weil man aus psychologischen Gründen nicht mehr zurück kann, sondern weil sie die regelungsmächtigere ist und weil sie leichter lehr-, lern- und handhabbar ist.
Unfried, Peter: "Der pedantischen unart gipfel." die tageszeitung, 12. 8. 2004, nr. 7433, s. 1 (225 wörter)
Selbstverständlich haben hier nach wie vor die inhalte des geschriebenen priorität vor sprachregelungen. Aber wir möchten die debatte um die rücknahme der rechtschreibreform auch mal um einen konstruktiven beitrag bereichern. Es ist zwar schön, dass sich Springer und Spiegel um die "nachfolgenden generationen" in Deutschland sorgen: zurückgehen ist aber konservativer kulturkampf, wir gehen lieber nach vorn. […] Wir hoffen, damit verwirrungen aufzulösen, damit auch anderenorts wieder spielraum für das wesentliche entsteht: die inhalte.
Bollmann, Ralph: "Der kompromiss eines kompromisses." die tageszeitung, 12. 8. 2004, nr. 7433, s. 3, Themen des Tages, Interview (622 wörter)
Für den Bund für vereinfachte rechtschreibung war die kleinschreibung schon 1924 ein "nahziel". Seinem vorsitzenden
Rolf Landolt geht die jetzige rechtschreibreform denn auch nicht weit genug: "nach der reform ist vor der reform"
Ammann, Egon: Für eine Akademie der Sprachwächter. Tages-Anzeiger, 11. 8. 2004, s. 46, Kultur (770 wörter)
Als vor Jahren in Deutschland verlautbart wurde, die Rechtschreibung werde reformiert und an unsere zurzeit gültigen Bedürfnisse der Vereinfachung, wie von allem und jedem, hier aber im Speziellen im Hinblick auf die Aufnahmekapazitäten unserer Auszubildenden, angepasst, liess mich das kalt. Doch dann nahm das Reformwerk Formen an. […] Unsere Verlagswerke, bestimmte ich, mit der Rückendeckung unserer Autoren, sollten weiterhin nach der bewährten klassischen Orthographie gedruckt und publiziert werden. […] Jedenfalls ist ein existentieller Streit im Gange, soviel zeichnet sich ab, geht es doch nicht um weniger als uns selbst, merkt doch endlich auf, Leute!, unsere Sprache und darum, wie sie für alle verbindlich zu schreiben ist — damit wir uns auch schriftlich eindeutig verständigen können, notabene. […] Kann es sein, dass wahlabhängige Politiker bestimmen, wie zu schreiben ist? Kann es sein, dass die Duden-Redaktion bestimmt, wie zu schreiben ist? Nein. Politiker dekretieren heute die Verschickung von Friedenstruppen und morgen das Subventionsgeld für Milchkühe, und das wollen und sollten wir uns nicht bieten lassen, dort, wo es um unser teuerstes Gut, unsere Sprache geht. […] Ein Vorschlag zum Schluss: Unterhalten wir an der Berliner Akademie, deren Vorsitz zurzeit
Adolf Muschg innehat, eine ständige Sprachkommission, die wir zu unseren nicht herrschaftlichen, sondern demokratischen Sprachwächtern machen. […] dann haben wir so etwas wie eine vergleichbare Institution, wie sie in Frankreich seit 1635 existiert.
Überlassen wir den politikern so unwichtige dinge wie den globalen umweltschutz und den weltfrieden. Für wichtiges wie die rechtschreibung schaffen wir sich selbst konstituierende ältestenräte — und nennen das auch noch demokratisch. Es steht herrn Muschg natürlich frei, noch eine kommission zu bilden, nur ist dann noch ein problem zu lösen: Wer gibt ihr das weisungsrecht für die volksschule?
Widmer, Urs: Für etwas Durcheinander. Tages-Anzeiger, 11. 8. 2004, s. 46, Kultur (167 wörter)
Die Reform ist nie angenommen worden, weil nie ein Bedürfnis nach einer Reform bestand. Wir haben uns gegenseitig immer bestens lesen können […].
Dass alle bestens lesen können, ist neu.
Gösmann, Sven, und Lobe, Tobias: CDU stellt Rechtschreib-Ultimatum. Bild, 11. 8. 2004
Der CDU-Politiker fordert: „Wir müssen der Rechtschreibkommission, die schon die letzte Reform verbockt hat, das Heft des Handelns aus der Hand nehmen!“ Böhr schlägt stattdessen vor: „Die Duden-Redaktion hat täglich mit der praktischen Sprache zu tun – sie könnte den Kompromiss-Vorschlag erarbeiten.“
Vehlewald, H.-J.
„Die Reform ist kaputt.“ Bild-Interview mit
Wolf Schneider.
Bild, 11. 8. 2004
Herr Schneider, hat die Rechtschreibreform noch eine Zukunft? Wolf Schneider: Ich hoffe nicht! Die Reform ist kaputt, seit die geballte Macht von Springer Verlag, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“ und „FAZ“ dagegen aufbegehrt.
Walter, Birgit: Flehen um Klarheit. Doch einheitliche Rechtschreibregeln sind fraglicher denn je. Berliner Zeitung, 10. 8. 2004, Feuilleton (620 wörter)
Jeder darf schreiben, wie er will. Aber wer kann das wollen?
Wir. Und andere wohl auch, sonst wäre es nicht so.
Ickler, Theodor:
7 Wahrheiten über die Schlechtschreibreform. Bild klärt auf.
Bild, 10. 8. 2004
Die neuen Regeln sind weder einfacher noch kürzer als die klassischen.
Becker, Hartmut E.: Sprachverlust. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 8. 2004, nr. 184, s. 8, Briefe an die Herausgeber (390 wörter)
Um mit einem kontrastierenden Gedankenspiel zu erhellen, um welche Grundhaltung es hier geht: Könnte man es sich vorstellen, daß eine Sprach-Eingreiftruppe von dieser wohl unauslöschlichen deutschen Art die englische Rechtschreibung mal auf Vordermann bringt?
Ja, man könnte es sich vorstellen: Spelling society.
Pöschel, Jürgen: Agitation. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 8. 2004, nr. 184, s. 8, Briefe an die Herausgeber (267 wörter)
[…] schreibt Heike Schmoll unter anderem, daß die Suchmöglichkeiten in Katalogen, Datenbanken und Textsystemen durch vermehrte Schreibvarianten immens erschwert werden. Das Problem unterschiedlicher Schreibweisen gab es schon immer, zum Beispiel in den mannigfachen Transliterationen […]. Und wenn man heutzutage in immer größeren Verbünden von Datenbanken recherchieren kann, so kann man doch nicht im Ernst erwarten, daß ein einzelner Begriff in immer der gleichen Weise geschrieben wird. Zudem lassen moderne Systeme unscharfe Suchanfragen zu oder machen von sich aus Alternativvorschläge.
Schmoll, Heike:
Der Rechtschreiber.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 8. 2004, nr. 184, s. 10, Zeitgeschehen (453 wörter)
Ickler gehört zu den wenigen außerhalb der Rechtschreibkommission, die sich schon 1995 intensiv mit den neuen Regeln befaßt haben.
Schon? Erst!
Richter, Matthias: Dann ist es ja Wurscht! Zwanzig Jahre Deutschunterricht: Die Erfahrungen eines Lehrers. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 8. 2004, nr. 184, s. 31, Feuilleton (1254 wörter)
Insgesamt erlaubt meine Erfahrung nach zwanzig Jahren Deutschunterricht weder das Urteil, die neue Rechtschreibung sei komplett zu verwerfen, noch, sie sei um jeden Preis beizubehalten. Der wichtigste Einwand ergibt sich aber genau aus dieser Feststellung: Hat sich der immense Aufwand dieser Reform gelohnt, von der man selbst bei wohlwollender Betrachtung nur sagen kann, daß sie einige Dinge möglicherweise etwas besser gemacht hat? Die
Einheit der Rechtschreibung ist dahin. […] Mögen ihre Normen auch in Teilen willkürlich sein, mochte es auch fragwürdig sein, daß eine nichtöffentliche Instanz wie die Duden-Redaktion quasiamtliche Aufgaben ausübte - der jetzige Zustand, in dem jeder macht, was er will, ist gräßlich.
Schibli, Sigfried: Der Triumph der Intellektuellen. Basler Zeitung, 9. 8. 2004, s. 5, Inland (516 wörter)
Die vorab in den deutschen Feuilletons geführte Debatte trug über weite Strecken den Charakter einer Ersatzdebatte, die vor allem der Profilierung einiger Reformgegner und der Ablenkung von ihrem mittlerweile verwelkten Polit-Engagement diente. […] In vager Erinnerung an das Antikriegs-Engagement der sechziger und siebziger Jahre witterte mancher Geistesarbeiter die Chance, sich doch noch einmal in radikaler Systemkritik zu üben. […] Die Herren Reich-Ranicki, Walser, Enzensberger, Muschg etc. — allesamt Autoren in vorgerücktem Alter — haben mit Erfolg einen Reformprozess verweigert, an dem sie sich nicht aktiv beteiligt hatten, als die Dinge noch im Fluss waren. […] Ihr Erfolg beruht auf einer unheiligen Allianz von muffiger Reformfeindlichkeit und diffuser Staatsferne. Und er vermag nicht zu kaschieren, dass den meisten Intellektuellen deutscher Zunge zu brennenden Zeitfragen […] schlicht nichts mehr einfällt.
Bucheli, Roman: Auf der Kippe. Zu den jüngsten Vorgängen um die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, 9. 8. 2004, 225. jg., nr. 183, s. 19, Feuilleton (1094 wörter)
Dass die Reform gefährdet ist, mag richtig sein, gekippt freilich ist sie noch lange nicht. […] Bedenklich stimmt es, wenn die genannten Grossverlage die Abkehr von der neuen Regelung nun unter die etwas demagogische Begründung stellen, die Mehrheit der Bevölkerung sei gegen die neue Orthographie. Denn ginge es danach, so wäre vermutlich jede Rechtschreibregelung überflüssig. Unverhältnismässig ist es, die erst fünf Jahre nach Übernahme der Neuregelung vollzogene Rückkehr zur alten Rechtschreibung als einen […] «Akt des zivilen Ungehorsams» zu bezeichnen. […] letztlich wird die Wirklichkeit das derzeit tatsächlich bestehende Durcheinander spielend lösen: In drei Jahrzehnten werden die heutigen Grundschüler auf den Sesseln der jetzt amtierenden Chefredaktoren sitzen; Grass und Enzensberger werden von einer neuen Schriftstellergeneration abgelöst sein; in den Verlagen werden Lektoren sitzen, die heute erst das Schreiben und Lesen lernen: Niemand wird mehr von der Reform reden […]. Und wohl wird man auch, ohne zu zögern, in dem getrennt geschriebenen sitzen bleiben die Mehrdeutigkeit erkennen, wie man ohnehin gelernt hat, die Sprache als etwas — glücklicherweise — Schillerndes, nie gänzlich auf Eindeutiges und Wortwörtliches Festlegbares zu begreifen.
ap/dpa: KMK-Präsidentin gegen Volksabstimmung. Meinung bei Autoren geteilt; Kommissionsvorsitzender glaubt nicht an Rücknahme der Rechtschreibreform. Frankfurter Rundschau online, 9. 8. 2004
Die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag hatten am Freitag die "schnellstmögliche" Umstellung auf die alten Schreibweisen angekündigt, die "Süddeutsche Zeitung" will folgen. […] Der Vorsitzende der
zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission,
Karl Blüml, hat den zur alten Rechtschreibreform zurückgekehrten Verlagen "pädagogische Verantwortungslosigkeit" vorgeworfen. […] Die Autorin Noll erklärte, Sprache sei ein Teil der Kultur, die Rechtschreibung sei aber nur ein Hilfsmittel. "Darum so viel Wind zu machen, finde ich kleinkariert." Autor Wolfgang Menge erklärte, ihm sei unklar, warum die Initiative jetzt komme: "Wahrscheinlich hängt das mit dem Sommerloch zusammen." Der Philosoph Peter Sloterdijk nannte die Verlage "genauso wenig befugt, eine Rechtschreibreform durchzuführen, wie die Kommission, die das seinerzeit beschlossen hat. Das sind zwei Formen der Anmaßung, die sich gegenseitig aufheben". Dagegen sagte Kempowski, er habe sich "sehr gefreut" über die Initiative der Verlage und hoffe, dass ihnen andere folgten.
Aust, Stefan:
Hausmitteilung. Betr.: Rechtschreibung.
Der Spiegel, 9. 8. 2004, nr. 33, s. 3 (554 wörter)
Vorschläge der Reformer, die von der schreibenden und lesenden Mehrheit als sinnvoll erachtet werden, könnten durchaus in Zukunft übernommen werden. Aber eines hat der anhaltende, wachsende Widerstand gegen die Neuregelung - mittlerweile eine eindrucksvolle, parteiübergreifende Bürgerbewegung - klar gemacht: Die Sprache gehört nicht der Kultusbürokratie. Sie ist Kern der Demokratie. Sie lässt sich nicht auf dem Verordnungswege vergewaltigen. Wir hätten damals auf Rudolf Augstein hören und den ganzen Unsinn nicht mitmachen sollen. Aber es ist ja nicht zu spät. Sobald die technischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird der SPIEGEL zur alten Form zurückkehren. Und er wird nicht allein bleiben.
Burchard, Amory:
"Geschichtsklitterung." Zurück zur klassischen Schreibweise? Der Linguist
Gerhard Augst verteidigt sein Reformwerk.
Der Tagesspiegel, 9. 8. 2004, s. 25, Wissen & Forschen, Interview
Herr Augst, die Verlage, die jetzt zur alten Schreibweise zurückkehren wollen, erklären die Arbeit der zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung, deren stellvertretender Vorsitzender Sie sind, für sinnlos. Sind Sie mit dem Reformwerk gescheitert? [Augst:] Das wollen wir nicht hoffen. Wir haben eine gute Reform gemacht und sind entsetzt über das, was derzeit passiert.
neu Rathgeb, Eberhard: "Es war ein Fehler" I. Spiegel Online, 8. 8. 2004
Springer, der
Spiegel und die
"Süddeutsche Zeitung" wollen dem Beispiel der
"FAZ" folgen und zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Ein Gespräch mit den Verantwortlichen. […] Herr
Aust, warum kehrt der Spiegel nach fünf Jahren zur alten Rechtschreibung zurück? [Aust:] Es kann nicht angehen, daß eine kleine Gruppe von Experten eine Neufassung der deutschen Sprache beschließt, ohne zu berücksichtigen, ob die Bevölkerung das eigentlich will oder ob es notwendig ist.
neu Adorján, Johanna: "Es war ein Fehler" II. Spiegel Online, 8. 8. 2004
Herr Kilz, alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung: Was ist die Haltung der
"Süddeutschen Zeitung" in dieser Sache? [Kilz:] Wir müssen jeden Tag eine Zeitung machen, da braucht man einen zielorientierten Pragmatismus, und das heißt: möglichst wenige Orthographiefehler. Mit der neuen Rechtschreibung wurde das nicht erreicht. […] Ich wurde von meinen früheren Kollegen beim
Spiegel angesprochen, wie wir das denn nun handhaben sollten mit der Rechtschreibung und ob man darüber reden könne, und dann wurde ein Treffen in Hamburg vereinbart zwischen Spiegel, Springer und der "SZ", vertreten von unserem Rechtschreibexperten Hermann Unterstöger. Auch von Suhrkamp nahm jemand teil.
neu Weidermann, Volker: "Es war ein Fehler" III. Spiegel Online, 8. 8. 2004
Herr
Döpfner, Zeitungen und Verlage unterschiedlicher politischer Richtungen schließen sich zusammen, um eine Reform zu Fall zu bringen. Ist das, was wir gerade erleben eine Rebellion? [Döpfner:] Wenn
F.A.Z.,
"Süddeutsche Zeitung",
Spiegel,
"Welt" und
"Bild" einer Meinung sind, dann muß es ein wirklich übergeordnetes Interesse geben. Das ist hier der Fall. Es geht um die deutsche Sprache. Die Rechtschreibreform war von Anfang an mißglückt. Nach fünf Jahren Erprobung gibt es Menschen, die nach alter Rechtschreibung schreiben, Kinder, die die reformierte Rechtschreibung lernen, Verlage, die ihre eigene Version der Reform umgesetzt haben, und seit einiger Zeit gibt es noch eine überarbeitete Form der Reform. Das Ergebnis ist Chaos. […] Wenn auf diese Entwicklung die Politik, die das ganze Unheil in Gang gesetzt hat, nicht reagiert, müssen die Hauptbetroffenen, die Verlage, handeln. […] Unser Vorstoß ist ein Appell zur Umkehr, und wir hoffen, daß dem möglichst schnell möglichst viele folgen.
Tsp: Traditionalisten in der Minderheit. Unter den Ministerpräsidenten gibt es einige Zweifler, eine Reform der Reform wollen die meisten nicht. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Politik (518 wörter)
Der Mainzer Regierungschef Kurt Beck (SPD) sieht keinen Handlungsbedarf […]. Er könne sich auch nicht erklären, warum es so schlimm sein solle, wenn Delfin mit f geschrieben werde, sich beim Wort Fotograf aber niemand aufrege. Beck nennt die neue Diskussion um die Reform, die 30 Jahre lang vorbereitet worden sei, ein reines Sommerthema. […] Die Sprecherin des Cornelsen-Verlags in Berlin, Irina Pächnatz, sagt: Diese Umstellung ist absurd. Es gibt sechs Millionen Schüler, die keine andere Rechtschreibung kennen.[…]
Huber, Markus: Die Nachbarn wundern sich über die Deutschen. Wien und Bern bleiben bei der Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Politik (503 wörter)
Doch im Gegensatz zu Deutschland gab es in Österreich mit der Umsetzung bislang keinerlei Probleme. […] Sämtliche Schulbücher sind in Österreich seit Jahren auf die neuen Rechtschreibregeln umgestellt. Erst kürzlich ergab eine im Auftrag des Unterrichtsministeriums erstellte Studie, dass die Rechtschreibsicherheit der Jugendlichen durch die neuen Regeln deutlich zugenommen hat […]. Im Gegensatz zu anderen Themen, bei denen innerdeutsche Diskussionen mit etwas Verzögerung nach Österreich überschwappen, sind in Sachen Rechtschreibreform keine Aufstände zu erwarten. […] Auch in der Schweiz löst die deutsche Debatte eher Erstaunen aus.
Appenzeller, Gerd: Auf gut Deutsch. Da alles Wesentliche geregelt ist, können wir ja jetzt über Rechtschreibung streiten. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Meinung (560 wörter)
Wir werden uns gedulden müssen, bis die Schreibung wieder einheitlicher wird wenn wir es denn überhaupt als dramatisch empfinden, dass es mehrere Optionen gibt. Mindert es die Klarheit der Schriftsprache wirklich, wenn sie über einen gewissen Zeitraum, oder gar auf Dauer, in einzelnen Fällen mehrere Schreibweisen zulässt? Nein und was Springer und Spiegel gestern als Vorgabe präsentiert haben, nach der die Nation sich nun richten solle, wirkt ziemlich anmaßend, in dieser Form auch undemokratisch. Und es geschieht nicht zum Nutzen der Kinder, sondern wird sie verwirren; falls sie Zeitung lesen.
Franzobel: Schreibet recht und tuet Gutes! Der Standard, 7./8. 8. 2004 (1195 wörter)
Gott ist unbeweisbar, die politischen Strukturen bröckeln, alle Grenzen verstückelt, undurchsichtig das Weltall, die Lebensmittel nur noch Geschmacksverstärker, wer weiß, wie lang die Flüsse noch stromabwärts fließen, und auch sonst, wenn sogar Griechenland Europameister wird, kann man sich auf nichts und niemand mehr verlassen und dann auch noch die Rechtschreibung? Alles, was Recht ist. […] Die Argumente dagegen kamen aus allen Löchern, reichten vom Vorwurf der Inkonsequenz über die Ästhetik, Unvermittelbarkeit, hoher Kosten bis zum Wozu brauchen wir jetzt das. Im Kern aber wurde und wird Sprache wohl als etwas Gottgegebenes und Unabänderliches angesehen, als virtueller Gradmesser seiner eigenen Gültigkeit, Kindheitsrelikt, Restidentität, Erbgut, was auch in der immer latenten Angst vorm Sprachverfall zutage tritt - ohne einzusehen: Sprache ist lebendig, verändert sich, sonst würden wir immer noch so sprechen wie im Hildebrandslied oder im Muspili.
sda/dpa: Spiegel und Springer kehren zur alten Rechtschreibung zurück. NZZ Online, 6. 8. 2004 (123 wörter)
Die zum Spiegel-Verlag und zu Axel Springer gehörenden Titel, die nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise «schnellstmöglich umstellen».
Spiegel-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück. In eigener Sache. Spiegel Online, 6. 8. 2004 (540 wörter)
Die zu beiden Verlagen gehörenden Titel, die rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise schnellstmöglich umstellen. SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG fordern andere Verlage auf, ebenfalls zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und damit gemeinsam dem Beispiel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu folgen […]. Ziel dieser Maßnahme ist die Wiederherstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung. […] Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG[,] und
Stefan Aust, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, betonen: "Wir befürworten sehr dringend notwendige und sinnvolle Reformen in unserer Gesellschaft. Doch die Rechtschreibreform ist keine Reform, sondern ein Rückschritt. Die deutsche Sprache braucht keine kultusbürokratische Überregulierung. Spätestens die neuerliche Reform einer ohnehin unausgegorenen Reform führt ins völlige Chaos. […]"
Reuter, Arnulf: Lanze für die Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 8. 2004, nr. 179, s. 6, Briefe an die Herausgeber (309 wörter)
Ehrlich staune ich oft über manche Leserbriefe und Beiträge zur neuen Rechtschreibung, in denen pingelig irgendwelche Details genannt werden, an denen man sich trefflich hochziehen und den Untergang der deutschen Kultur beklagen kann. Ich selbst als Vielschreiber und -leser mit großem Latinum und Graecum […] habe die neue Rechtschreibung als Offenbarung begrüßt, wegen ihrer wesentlich größeren Logik und ihrer größeren Freizügigkeit. […] Ob man Einzelheiten noch ändert, sollte den Fachleuten überlassen bleiben, auf jeden Fall nicht den Alten und nicht den Politikern.