Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

Aus der presse

Nachgeführt 10. 6. 2007, 5. 1. 2007

back übersicht   more recent articles neuere artikel

29. 9. 2004

Keller, Roger: Ein Nümmerchen für jedes Häuschen. Tages-Anzeiger, 29. 9. 2004, s. 17, Zürich (507 wörter)

Die Baudirektion hat sich eines drängenden Problems angenommen: «Eine Adresse für jedes Gebäude», verlangt die kantonale Baudirektorin Dorothée Fierz (FDP). [. . .] Einheitlichkeit von Adlikon bis Zumikon ist den Leuten von Fierz auch bei der Schreibweise wichtig. So sollen Strassen mit Personennamen nach der Praxisänderung in der Stadt Zürich (2001) auch im übrigen Kanton durchgekuppelt werden, damit ausserkantonale Besucher nicht verwirrt werden. [. . .] Also Gottfried-Keller-Strasse, nicht Anna Heer-Strasse. Der Rechtschreibreform folgen die kantonalen Experten nicht sklavisch: Aus der Stengel- muss nicht die Stängelstrasse werden. [. . .] Eine Schweizer Spezialität sind die Strassen mit geografischen Namen auf -er: Sie werden in einem Wort geschrieben, also Aargauerstrasse und nicht Aargauer Strasse. Und auch nicht Aargauer-Strasse. Ein ganz heikles Thema sind die Ä, Ö und Ü, die am Wortanfang zwar erlaubt, bei Strassennamen aber tabu sind: Deshalb gibt es die Uetliberg-, nicht aber die Üetlibergstrasse. Für die Fachleute von Fierz ist das Thema so delikat, dass sie auf eine Empfehlung verzichten und den Gemeinden raten, sich mit anderen abzusprechen.

28. 9. 2004

siehe Baumberger, Jörg: «13 Prozent weniger Fehler dank der Reform.» Wenn Bildungsforschung politische Karriere macht. Neue Zürcher Zeitung, 28. 9. 2004, nr. 226, s. 71, Bildung und Erziehung (887 wörter)

Weniger aus Interesse an der Orthographie als aus Interesse am Umgang der Politik mit empirischer Sozialforschung hat der Verfasser sich bei Exponenten der Reform nach den existierenden Studien zur "Fehlerfrage" erkundigt. Während eine stattliche Zahl reiner Meinungsbefragungen besteht, scheint nur eine quantitative empirische Studie zu existieren: Sie wurde 1996/97 am Wiener Gymnasium Sacré Coeur mit 27 Schülerinnen im Alter von 15 bis 16 Jahren durchgeführt. [. . .] Zwei Dinge erscheinen dem interessierten Beobachter bemerkenswert: Erstens, welche unerhörte Karriere eine Studie machen kann, die (vermutlich mangels Finanzen) elementare methodologische Normen missachtet. Dies wirft in erster Linie ein Licht auf die Bildungsbehörden (und die Bildungsforschung), die ein gewaltiges flächendeckendes Reformprojekt quantitativ unbegleitet lassen, sich in der Folge dennoch unbeirrt auf angeblich vorhandene positive Forschungsergebnisse berufen. [. . .] Man müsste zusätzlich zu den Fehlern im Schreiben die Fehler und die Effizienz im Verstehen von Geschriebenem untersuchen. [. . .] Schade, dass diese einzigartige Gelegenheit zu kontrollierter Reform vertan wurde.

Gewiss hätte man mehr empirisch forschen können, wobei dieses «man» alle einschliesst, auch prof. Baumberger. Und man könnte immer noch. Allerdings wird man die vermutung kaum widerlegen, dass man gegen eine regel, die es nicht mehr gibt, auch nicht mehr verstossen kann. Ob eine regel nötig ist, entscheidet in der tat nicht die schule, aber das behauptet auch niemand. (Die erlernbarkeit einer norm ist allerdings auch eine voraussetzung für ihr funktionieren.) Über das verstehen von geschriebenem gibt es freilich schon ein bisschen fachliteratur.

siehe Stirnemann, Stefan: Vom Umgang mit Irrtümern. Argumente für eine Reform der Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, 28. 9. 2004, nr. 226, s. 70, Bildung und Erziehung (1401 wörter)

In diesem Beitrag versucht ein Praktiker sich kritisch auf die rein sprachwissenschaftlichen Kriterien dieser Reform zu beschränken. [. . .] Die wichtigste Kritik an der seit 1996 laufenden Rechtschreibreform betrifft deren inhaltliche Inkonsistenz: Die Regeln sind auch in diesem Juni in wesentlichen Bereichen geändert worden. Nach vielen Änderungen, die sich nur den verschiedenen Auflagen der Wörterbücher entnehmen liessen, haben im Juni die deutschen Kultusminister, die offenbar auch für die Schweiz entscheiden, weitgehende Eingriffe in das Regelwerk gutgeheissen.

Es müssen «wieder Ordnung und Zuverlässigkeit herrschen»! Lehrmittel müssen angeblich geändert werden, weil etwas «wieder zugelassen», «auch möglich» ist. Es ist nicht wichtig, ob die schüler etwas sinnvolles lernen; wichtig ist, dass man es «rekursfest korrigieren» kann. Stirnemann hätte anlässlich der fernsehsendung Zischtigsclub merken können, dass er mit seiner aus Deutschland importierten angstmacherei in der Schweiz nicht ankommt. Leider hat er es nicht gemerkt, und die NZZ auch nicht; sie lässt ihn überflüssigerweise ausbreiten, was er im fernsehen nicht an den mann und vor allem nicht an die frau bringen konnte.

19. 9. 2004

Gaugele, Jochen, und Marten, Johannes: Die Union muss anders auftreten! CDU-Vize siehe Christian Wulff mahnt seine Partei. Bild am Sonntag, 19. 9. 2004, 51. jg., nr. 38, s. 4, Politik

Ich hoffe sehr, dass es zu klaren Vorgaben an die siehe Kultusministerkonferenz kommt, einen erheblichen Teil der Neuregelungen über Bord zu werfen. In der jetzigen Form darf die Rechtschreibung nicht verbindlich werden. Wir dürfen das Chaos nicht zementieren. [. . .] Ich bin fassungslos, in welcher Art und Weise die KMK jeden Versuch bekämpft, zu einer Korrektur der missratenen Rechtschreibreform zu kommen. Das ist an Borniertheit und Abgehobenheit nicht mehr zu überbieten. [. . .] Ganz unabhängig vom Ringen um die Rechtschreibreform überlegen wir, den Staatsvertrag über die Kultusministerkonferenz zu kündigen.

16. 9. 2004

Freund, Wieland: "Trend zur sprachlichen Selbstaufgabe." Der Münchner Germanistentag treibt den deutschen Geist aus und beschwört die europäischen Gespenster. Die Welt, 16. 9. 2004, Kultur

Die Germanisten tagten und beschworen oder vertrieben die Geister. Kaum eine Wissenschaft dürfte derzeit einen schlechteren Leumund haben — Stichwort: PISA, Stichwort: Rechtschreibreform —, aber von der Jahrzehnte währenden Krise des Fachs kein Wort mehr.

11. 9. 2004

Halter, Martin: Grimmsches Wörterbuch. Tages-Anzeiger, 11. 9. 2004, s. 49, Kultur (545 wörter)

Das grimmsche Wörterbuch ist ein Heiligtum der deutschen Sprache, ein nationales Monument und, ähnlich wie der ungleich kompaktere Duden, ein «work in progress», das jedes menschliche Mass übersteigt. [. . .] Sprachwissenschaftler und Schriftsteller schätzten das Buch der Bücher als unverzichtbare Rüst- und Wunderkammer der deutschen Sprache, auch wenn die eigenwillige Typo- und Orthografie (so verschmähten die Grimms den «albernen gebrauch groszer buchstaben und das ss») nicht jedem behagte. [. . .] Sprachwandel und Bedeutungsverschiebungen, Gründung und Teilung Deutschlands, Kriege, Revolutionen, Rechtschreibreformen: Das Meisterstück deutschen Philologenfleisses hat alles überlebt, verdaut und in 331 000 Stichwörtern aufgehoben.

10. 9. 2004

CHR: Schleichende Verschwööbelung. Basler Zeitung, 10. 9. 2004, s. 7, Bücher (148 wörter)

Die 23. Auflage des Duden ist ein rechtes Chrüsimüsi und somit der Rechtschreibreform (äh, welche Auflage?) in puncto Ballawatsch durchaus gewachsen.

ras.: Ein bisschen viel Gejammer. Zweifelhafte Medienkampagnen in eigener Sache. Neue Zürcher Zeitung, 10. 9. 2004, 225. jg., nr. 211, s. 57, Medien und Informatik

Nicht zum ersten Mal hat sich eine grosse Medienkoalition gebildet. Erinnert sei an den orchestrierten Aufschrei wegen der Rechtschreibreform und die Kampagne gegen Ansprüche auf Korrekturen bei Interviews [. . .]. Wo so viel Einmütigkeit herrscht, muss man skeptisch sein.

9. 9. 2004

Meier, Reinhard: Kopftuchverbot, schulische Integration, Rechtschreibdebatte. Gespräch mit der baden-württembergischen Kultusministerin siehe Annette Schavan. Neue Zürcher Zeitung, 9. 9. 2004, 225. jg., nr. 210, s. 5, Ausland

In den Jahren seither gibt es kein Thema, bei dem ich so wenig Kritik gehört habe wie bei der Rechtschreibreform. [. . .] Von daher bleibe ich bei meiner Überzeugung: Die Reform ist akzeptiert worden. [. . .] Ich sehe weder in der Kultusministerkonferenz noch in der Ministerpräsidentenkonferenz eine Mehrheit für eine Rückkehr.

7. 9. 2004

Ramseyer, Niklaus: Pünktlich zur Jagdsaison diskutiert nun auch die Politik «die Gämse». Volksvertreter greifen in die zerfahrene Rechtschreibdebatte ein. Basler Zeitung, 7. 9. 2004, s. 5, Schweiz (379 wörter)

Die Bildungskommissionen der Räte sorgen sich um die Rechtschreibung. Sie fürchten, «dass Praxis und Schule total auseinander driften» [. . .]. «Bei uns beginnt jetzt die Jagd», sagt der Urner CVP-Ständerat Hansruedi Stadler. «Aber die meisten Urner Jäger werden weiterhin Gemsen schiessen; dass einer eine Gämse erlegt, dürfte die Ausnahme sein.» Dem witzigen Urner macht die babylonische Verwirrung um die neue Rechtschreibung ernsthaft Sorgen: Am Donnerstag will er das Problem in der Wissenschafts- und Bildungskommission (WBK) seiner Kammer bei einer Aussprache mit den siehe kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) thematisieren.

AP: Gegen Rückschritt in Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, 7. 9. 2004, s. 2, Inland (126 wörter)

Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) des Nationalrates steht hinter der Rechtschreibreform. Eine Petition mit dem Titel «Rechtswissenschafter für die bewährte Rechtschreibung», welche die Rückkehr zur alten Rechtschreibnorm forderte, lehnte die Kommission mit 18 gegen 1 Stimme bei 2 Enthaltungen ab [. . .].

6. 9. 2004

Hanfeld, Michael: „Ich bin nicht Rudolf Augstein.” Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 9. 2004, nr. 207, s. 38, Feuilleton

"Ich bin extrem realistisch", sagt Aust selbst. "Wenn ich zu irgend etwas aufgrund bestimmter Informationen eine bestimmte Position habe und feststelle, daß sich die Dinge geändert haben, bin ich jederzeit bereit, meine Position zu revidieren." So war es auch in der Frage der Rechtschreibung, bei welcher "Spiegel" und Springer zur alten Schriftlehre zurückgekehrt sind.

Und dann doch nicht, wegen des realismus.

4. 9. 2004

siehe Dové, Stephan: Revision der Revision. Die 23. Auflage des Rechtschreibedudens. Neue Zürcher Zeitung, 4. 9. 2004, 225. jg., nr. 206, s. 47, Feuilleton (706 wörter)

Mit Spannung erwartet wurde die 23. Auflage schon deswegen, weil seit der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibregeln am 1. August 1998 bereits mehr als sechs Jahre vergangen sind, die siebenjährige Übergangsfrist also bald zu Ende ist [. . .]. Die Ergänzungen der amtlichen Regelung, die wiederum am Schluss des Buches enthalten ist, betreffen in erster Linie die Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Gross- und Kleinschreibung. [. . .] Bei der Gross- und Kleinschreibung umstritten war und ist der Entscheid, was sogenannte [. . .] feste Begriffe sind, die gross geschrieben werden sollten. [. . .] Leider wird mit dieser Ergänzung die Möglichkeit der Gross- bzw. der Kleinschreibung bei den festen Begriffen wieder geöffnet. Die Diskussionen darüber, was feste Begriffe sind, werden wieder kein Ende nehmen, wie wenn nicht klar gewesen wäre, was mit erster Hilfe gemeint ist [. . .].

Meier, Simone: Grosse Herbstklassik. Journal. Tages-Anzeiger, 4. 9. 2004, s. 21, Bellevue (328 wörter)

Ach, Sie wollen bloss wissen, was ich zu den kilchspergerschen Auftritten in den vergangenen Tagen meine. Zu seiner neuen TV-Show und der von ihm initiierten «Bordell-Debatte» im «Blick». Immerhin: ein phänomenales Wort. Andere Zeitungen haben Holocaust-Debatten oder Rechtschreibreform-Debatten, der «Blick» hat eine Bordell-Debatte. Nein, ich finde nicht wie Kilchsperger, dass ein 34-Jähriger, der noch nie für Sex bezahlt hat, nicht richtig gelebt haben kann.

Santos, Margaret: Ich runzele die Stirn. Tages-Anzeiger, 4. 9. 2004, s. 25, Leserforum (88 wörter)

Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung, TA vom 31. 8. [. . .] Erst kürzlich habe ich mich beim Lesen eines Krimis, gedruckt in neuer Rechtschreibung, wieder geärgert. Da wurde auf jeder fünften Seite ein Verb mit der Endung auf -eln wie folgt konjugiert: «Ich schüttele den Kopf. [. . .]» Dies ist eine Verballhornung der deutschen Sprache und sicher keine Verbesserung. Also Leute, macht euren Kompromiss, aber rassig!

Also leute, alles könnt ihr nicht der rechtschreibung anlasten, weder der neuen noch der alten. Im duden stand schon immer ...[e]le; ortografisch ist nur von belang, dass bei wegfall des e kein apostrof zu setzen war und ist.

2. 9. 2004

rbl.: Die Reform als Reförmli. Blick auf den Bildschirm. Neue Zürcher Zeitung, 2. 9. 2004, 225. jg., nr. 204, s. 44, Fernsehen, TV- u. Radiokritik (498 wörter)

Redeten die fünf Gesprächsteilnehmer eine gute Stunde lang mit stupender Beharrlichkeit aneinander vorbei, so waren sie sich doch in einem Punkte einig: Die Reform, so wie wir sie heute kennen, hat niemand gewollt. [. . .] Abgesehen von solcher Einmütigkeit ereiferte man sich auf beiden Seiten, ohne dass indessen immer klar geworden wäre, worin der Anlass solcher Aufwallungen bestand. [. . .] Dass es ein «Reförmli» gewesen sei, darin war man sich einig. Und mehrheitlich auch darin, dass an diesem «Reförmli» noch lange und viel herumgebastelt werden muss.

31. 8. 2004

SDA: In Kürze. Kompromiss gefordert bei Rechtschreibung. Tages-Anzeiger, 31. 8. 2004, s. 54, Kultur (92 wörter)

Die siehe Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung warnt vor einer Spaltung der deutschen Sprache. Gleichzeitig hat sie einen Kompromiss im Streit um die Rechtschreibreform gefordert.

Medicus, Thomas: Kein Schisma. Frankfurter Rundschau, 31. 8. 2004, s. 15, Feuilleton, Times mager (429 wörter)

siehe Friedrich Dieckmann, Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, fuhr schweres Geschütz auf. Seit letztem Jahr liege der siehe Kompromissvorschlag von neun deutschen Akademien der Künste und der Wissenschaften zur Rechtschreibung vor — von staatlicher Seite sei man aber nur "rüde abgefertigt" worden. [. . .] In der Berliner Akademie der Künste fanden gestern vorwiegend Repräsentanten der siehe Darmstädter Akademie zusammen, um mit Verve für ihren und ihrer Kollegen Kompromissvorschlag zu werben.

30. 8. 2004

Meier, Simone: Meine Titelstory. Tages-Anzeiger, 30. 8. 2004, s. 17, Bellevue (333 wörter)

Mit dem Namen Meier werde ich eh nie ein Star? Wahrscheinlich haben Sie Recht, und ich sollte mich mal um etwas Vernünftigeres kümmern als um mich. Um die deutsche Rechtschreibreform zum Beispiel. Ein sexy Thema, oder? Wird aber von jedem Klatschheftli kommentiert, und jeder minimal bekannte TV-Serien-Heini und jedes Castingshow-Heidi darf seinen Senf dazu geben. Ich nicht. Noch nicht.

Bommarius, Christian: Frieden ist möglich. Die siehe Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellt ihren Kompromissvorschlag im Streit um die Rechtschreibreform vor. Berliner Zeitung, 30. 8. 2004, Feuilleton (861 wörter)

An diesem Morgen keimt im fünften Stock des ersten Gebäudes der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, in einem winzigen Büro des Romanischen Seminars, die Hoffnung auf baldigen Frieden — dauerhaft und ehrenvoll für beide Lager. Denn siehe Hans-Martin Gauger, emeritierter Professor für Romanistik und Sprachwissenschaft, stellt einen Kompromissvorschlag vor, den er mit einigen Kollegen im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erarbeitet hat. "Das ist", sagt Professor Gauger, "ein Angebot, das beide Seiten akzeptieren können müssten. Denn es ist vernünftig." [. . .] Das Angebot, das Gauger im Namen der Akademie unterbreitet, ist jedenfalls sehr übersichtlich (es steht auf 141 Seiten) und — sollte es am Ende angenommen werden — ein Meilenstein in der Geschichte des Kompromisswesens.

Wenn die gegner nicht, wie sie selbst zugeben, geschlafen hätten, hätten sie schon manchen meilenstein in der geschichte des kompromisswesens miterlebt. Das ist nicht vernunft, sondern eine asymptote.

28. 8. 2004

SDA: Rechtschreibreform: Kompromissvorschlag. Tages-Anzeiger, 28. 8. 2004, s. 50, Kultur (89 wörter)

Im Streit um die Rechtschreibreform wird die siehe Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am kommenden Montag in Berlin einen Vorschlag für einen Kompromiss vorlegen.

27. 8. 2004

Walther, Rudolf: Bewährte Änderungen. Ende des Glaubenskriegs um die Rechtschreibreform? Morgen erscheint die neue Auflage des Duden. die tageszeitung, 27. 8. 2004, nr. 7446, s. 16, Kultur (753 wörter)

Angesichts der pragmatischen Begründungen, mit denen der Duden die amtlichen Regelungen von 1996 umsetzt, fällt die vom FAZ-Redakteur Johann Georg Reißmüller begonnene und von seinen Kollegen siehe Heike Schmoll und siehe Hubert Spiegel fortgesetzte Kampagne gegen die Rechtschreibreform wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An linguistischen Argumenten fehlte es ohnehin von Anfang an. [. . .] Die Reformer traten mit dem Anspruch an, die Rechtschreibung zu vereinfachen. Dieser richtige Anspruch ist unzulänglich umgesetzt worden, aber das liegt weniger an den Reformern als am mangelnden Mut der Kultusministerkonferenz zu einer großen Lösung, die wenigstens die gemäßigte Kleinschreibung und die Streichung des ß enthalten müsste. Lehrer bestätigen, dass das Zusatzhäppchen Vernunft, das die Reformen erlauben, den Rechtschreibunterricht erleichtert hat — für die Kinder.

26. 8. 2004

neu Häfliger, Tony: Keine Sprachreglementierung durch Staat. St. Galler Tagblatt, 26. 8. 2004, leserbriefe (106 wörter)

[. . .] die Urfrage zu stellen, die ich hiermit in Form einer Bitte ausdrücke: Man begründe mir logisch schlüssig die Notwendigkeit der Reglementierung der Rechtschreibung durch den Staat. Ich freue mich auf die Erläuterungen.

Ob eine notwendigkeit besteht, ist schwer zu sagen. So oder so hat aber irgendjemand die schulpflicht erfunden, und irgendwer sagt(e) dem lehrer, dass er den schülern die schreibungen Thür, illustrirt und Schiffahrt beibringen muss(te) bzw. später Tür, illustriert und jetzt halt Schifffahrt. — Als vor jahren die realschule Muttenz tür schreiben wollte, griff der staat reglementierend ein.

24. 8. 2004

bo/ac: «Die Reform ist beschlossen.» Tages-Anzeiger, 24. 8. 2004, s. 58, Kultur (260 wörter)

In Wien beriet eine Beamtenrunde aus der Schweiz, Deutschland und Österreich über die Rechtschreibreform. [. . .] Auf der Tagesordnung: Die Umwandlung der trilateralen Rechtschreib-Kommission in einen permanenten Rat für die deutsche Rechtschreibung. [. . .] Laut dem Schweizer EDK-Generalsekratär Hans Ambühl wurde am Treffen noch nicht entschieden, wie der Rat personell zusammengesetzt sein soll.

23. 8. 2004

SDA: In Kürze. «Rat für deutsche Rechtschreibung.» Tages-Anzeiger, 23. 8. 2004, s. 46, Kultur (63 wörter)

Aus Protest gegen die Rechtschreibreform ist in München ein «Rat für deutsche Rechtschreibung» gegründet worden. Der Verein will sich für die Wiederherstellung der Rechtschreibung einsetzen, wie sie vor der Reform üblich war.

21. 8. 2004

Sitta, Horst: Können Politiker Wörter liquidieren? Eine Replik auf Peter von Matt. Neue Zürcher Zeitung, 21. 8. 2004, 225. jg., nr. 194, s. 46, Feuilleton (884 wörter)

Durch den ganzen Beitrag von Peter von Matt zieht sich ein Gedanke, der im Feuilleton ebenso wie offenbar in der Literaturwissenschaft unproblematisiert gilt, dass nämlich (Recht-)Schreiben Sprache ist. Folgerichtig ist dann bei Peter von Matt die Rede davon, dass die Orthographiereform «Eingriffe in den Wortschatz» gemacht habe, «Wörter zerstört» habe und dass von den Erziehungsdirektoren «nicht ersetzbare Wortverbindungen verboten» worden seien. Demgegenüber möchte ich festhalten: Zwischen Sprache und (Recht-)Schreibung ist scharf zu unterscheiden. [. . .] Es fehlte nicht an Einladungen zur Vernehmlassung, wohl aber an Resonanz. Insofern haben sich die siehe Schweizer Erziehungsdirektoren durchaus korrekt verhalten.

Knecht, Doris: Die Wahl der Mittel. Doris Knecht stellt fest, dass Trotzkinder und Erwachsene meist aus den gleichen Gründen in Rage geraten. Das Magazin (Tages-Anzeiger), 21. 8. 2004, nr. 34, s. 35

[. . .] bin ich stets aufs Neue überrascht, wie unterschiedlich die Menschen in Rage geraten: Da unterscheiden sich Erwachsene oft kaum von Zweijährigen; auch nicht in der Unverhältnismässigkeit ihrer Gründe. Zum Beispiel habe ich an einem Abend Michael Moores «Fahrenheit 9/11» gesehen und am darauffolgenden eine Fernsehdiskussion über die Rechtschreibreform. Im Verlauf der Debattenbeobachtung wandelte ich mich zur entschiedenen Verfechterin der Beibehaltung der neuen Rechtschreibung, unter anderem, weil der Chefredaktor von «Bild am Sonntag» entschieden für die Wiedereinführung der alten eintrat. Er tat das mit Argumenten, deren bildungsbürgerlicher Impetus mit dem intellektuellen Anspruch seines Blattes meiner Ansicht nach nur mässig korrespondiert, und mit einem Ausdruck gelangweilter Arroganz in seinem arttypischen Jungmanager-Gesicht, wo ich sagen muss, da packt mich spontane Gewaltbereitschaft.

19. 8. 2004

neu Jandl, Paul: Staatssprache Österreichisch. Ein Rechtschreibmanifest der Dichter. Neue Zürcher Zeitung, 19. 8. 2004, 225. jg., nr. 192, s. 41, Feuilleton (497 wörter)

«Keine deutsche Rechtschreibreform mehr!» Jetzt proben einige österreichische Schriftsteller den Aufstand und fordern Unerhörtes: «Österreichisch» als eigene Sprache. Robert Schindel, Marlene Streeruwitz, Christian Ide Hintze und der Wiener Poet Roland Neuwirth haben sich zusammengetan, um ein Manifest auszuarbeiten [. . .]. Auch Elfriede Jelinek und siehe Alois Brandstetter haben bekanntgegeben, eine allzu grosse Abhängigkeit von deutscher Normierung zu empfinden. Peter Henisch sympathisiert mit dem Manifest, verwahrt sich aber doch gegen heimattümelnde Tendenzen. Robert Menasse hat in der «Süddeutschen» angekündigt, weiterhin «das grosse, weite und tiefe Deutsch» schreiben zu wollen, «das die Reformer nicht verstehen». Auf der Seite der Befürworter der neuen Rechtschreibung finden sich Wolfgang Bauer (er nennt sie «liebenswerter» als die alte) und Franzobel, dem die Änderungen jedoch nicht weit genug gehen.

Meiler, Oliver: Spag(h)etti und das Erbe Dantes. Tages-Anzeiger, 19. 8. 2004, s. 55, Kultur (477 wörter)

Die nationalistische Einfärbung fremder Termini etwa, bleiben wir bei den Spag(h)etti, akzentuiere die Trennung der Völker. «Was wir an lebendigem und antikem Sprachschatz teilen, lässt uns über die Sprachgrenzen hinaus als Verwandte fühlen.»

Deshalb im italienischen ortografia und im deutschen Orthographie. Spagetti (meistens schp... ausgesprochen und gross geschrieben) sind uns so wenig fremd wie kaffee, und die schreibung ohne h ist nicht nationalistisch, sondern internationalistisch — das deutsche ist keineswegs allein.

14. 8. 2004

von Matt, Peter: Auf die Sprache hören. Ein Plädoyer für eine Lockerung der Fronten. Neue Zürcher Zeitung, 14. 8. 2004, 225. jg., nr. 188, s. 43, Feuilleton (859 wörter)

Die Schweizer Erziehungsdirektoren warnen vor einer Katastrophe, wenn die von ihnen verordneten Rechtschreibevorschriften nicht in Kraft gesetzt würden. Schön wär's. Die Katastrophe ist bereits da, hier und jetzt und ausgewachsen. [. . .] Die Kinder werden bestraft, wenn sie so schreiben, wie sie es in vielen Zeitungen sehen, die zu Hause herumliegen, und in fast allen Büchern, die ihre Eltern lesen. Die sogenannte Umsetzung der Reform bedeutet nur eines: den Beginn der Sanktionen gegenüber den Kindern, die nicht nach den obrigkeitlichen Vorschriften schreiben. [. . .] Die Aufgabe der Schulen ist es, die Kinder einzuführen in das Lesen und Schreiben der deutschen Sprache, so wie sie in der Gegenwart gebraucht wird.

siehe stellungnahme.

Stefan Aust: Wir sind keine Gralshüter. Der Standard, 14./15. 8. 2004, Album

Er ist einer der Initiatoren der erneuten Diskussion um die Rechtschreibreform: "Spiegel"-Chefredakteur im STANDARD-Gespräch. [. . .] Da sie die alten Bücher aber nicht mehr verändern können und sich die neue Rechtschreibung offensichtlich aus genau diesen Gründen nicht durchgesetzt hat, ist es vernünftiger, zur alten zurückzukehren als den Unsinn weiter mitzumachen. [. . .] Im Übrigen würde kein Land der Erde auf die Idee kommen, eine neue Rechtschreibung von staatlicher Seite zu entwickeln. [. . .] Es hat immer Entwicklungen gegeben, die irgendwann in die Regularien übernommen worden sind. Das ist auch richtig so. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sich Sprache evolutionär entwickelt, oder ob sich eine Gruppe von selbst ernannten Experten bzw. von den Kultusministern ernannten Experten, hinsetzt und ein neues Sprachsystem entwickelt, das mit dem, was gebräuchlich ist, nichts zu tun hat. [. . .] Der Grundgedanke derer, die die Rechtschreibreform eingeführt haben, war eine Liberalisierung der Sprache, in der die Bandbreite, was ein Fehler ist und was kein Fehler ist, vergrößert wurde. Man könnte so liberal sein und sagen, jetzt gehört auch die alte Rechtschreibung in dieses Spektrum.

Was will uns Aust sagen? Dass das neue mit dem alten «nichts zu tun hat» oder dass es damit sehr viel zu tun hat, so dass es nur eine frage der «Bandbreite» ist? Wurde das neue system «von staatlicher Seite» entwickelt oder, was ja wirklich nicht dasselbe ist, «von selbst ernannten Experten»?

12. 8. 2004

siehe Faes, Urs: «Das Chaos ist schon da.» St. Galler Tagblatt, 12. 8. 2004, Hintergrund (1707 wörter)

Eine Kommission ohne Sensibilität für Sprache hat eine Reform beschlossen, die sich nicht durchsetzen kann. Kinder lernen in der Schule eine Schreibweise, die sie in Büchern nicht finden. [. . .] Als echte Porno-Grafen erweisen sich die Reformer auch, [. . .] wenn eine Frau bei der Beerdigung sagt, sie habe ihrem Mann (nach neuer Regelung) immer die Stange gehalten.

Uns fehlt es wirklich an sensibilität für sprache: Wie sagt es die frau nach alter regelung?

Hartmeier, Peter: Richtig D(d)eutsch. Tages-Anzeiger, 12. 8. 2004, s. 1, Kommentar (276 wörter)

Mindestens 60 Prozent aller lesenden Deutschen werden in Zukunft Printmedien nützen, welche die Regeln der neuen Rechtschreibung nicht mehr anwenden. [. . .] Eloquente Chefredaktoren, unterstützt durch prominente Schriftsteller, setzen sich brillant in Szene, während eine kommunikativ unbeholfene siehe Kultusministerkonferenz mit einer Mitleid erregenden Vorsitzenden für die Fortführung plädiert. [. . .] Hier wird ein Stellvertreterkrieg ausgetragen: Der lamentable Zustand der Regierung Schröder provoziert eine beispiellose Aufgeregtheit in deutschen Landen. [. . .] Unsere Kinder haben in den letzten Jahren die neuen Regeln gelernt und wenden sie problemlos an. Und wir haben nicht den Eindruck, das kulturelle Abendland sieche deswegen dahin.

siehe Sitta, Horst: Grosse Akzeptanz an den Schulen. Tages-Anzeiger, 12. 8. 2004, s. 44, Gesellschaft (1165 wörter)

Die Einführung der neuen Rechtschreibung in der Schule war in allen Ländern gut vorbereitet. [. . .] Der Unterricht nach den neuen Regeln verläuft ohne Probleme. [. . .] Wo Kritik geäussert wird, richtet sich diese oft nicht gegen Veränderungen durch die Neuregelung, sondern dagegen, dass die Veränderungen nicht weiter gegangen sind. Entsprechend aufschlussreich sind die geäusserten Vorschläge, die in unterschiedlicher Gewichtung deutlich einer Weiterführung der Reform das Wort reden. Verschwindend gering sind Voten, die eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung präferieren. [. . .] Die Neuregelung verdient gegenüber der alten Rechtschreibung den Vorzug, nicht etwa - wie oft zu hören ist - weil eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung unnötig teuer wäre oder weil man aus psychologischen Gründen nicht mehr zurück kann, sondern weil sie die regelungsmächtigere ist und weil sie leichter lehr-, lern- und handhabbar ist.

Unfried, Peter: "Der pedantischen unart gipfel." die tageszeitung, 12. 8. 2004, nr. 7433, s. 1 (225 wörter)

Selbstverständlich haben hier nach wie vor die inhalte des geschriebenen priorität vor sprachregelungen. Aber wir möchten die debatte um die rücknahme der rechtschreibreform auch mal um einen konstruktiven beitrag bereichern. Es ist zwar schön, dass sich Springer und Spiegel um die "nachfolgenden generationen" in Deutschland sorgen: zurückgehen ist aber konservativer kulturkampf, wir gehen lieber nach vorn. [. . .] Wir hoffen, damit verwirrungen aufzulösen, damit auch anderenorts wieder spielraum für das wesentliche entsteht: die inhalte.

Bollmann, Ralph: "Der kompromiss eines kompromisses." die tageszeitung, 12. 8. 2004, nr. 7433, s. 3, Themen des Tages, Interview (622 wörter)

Für den Bund für vereinfachte rechtschreibung war die kleinschreibung schon 1924 ein "nahziel". Seinem vorsitzenden siehe Rolf Landolt geht die jetzige rechtschreibreform denn auch nicht weit genug: "nach der reform ist vor der reform"

11. 8. 2004

Ammann, Egon: Für eine Akademie der Sprachwächter. Tages-Anzeiger, 11. 8. 2004, s. 46, Kultur (770 wörter)

Als vor Jahren in Deutschland verlautbart wurde, die Rechtschreibung werde reformiert und an unsere zurzeit gültigen Bedürfnisse der Vereinfachung, wie von allem und jedem, hier aber im Speziellen im Hinblick auf die Aufnahmekapazitäten unserer Auszubildenden, angepasst, liess mich das kalt. Doch dann nahm das Reformwerk Formen an. [. . .] Unsere Verlagswerke, bestimmte ich, mit der Rückendeckung unserer Autoren, sollten weiterhin nach der bewährten klassischen Orthographie gedruckt und publiziert werden. [. . .] Jedenfalls ist ein existentieller Streit im Gange, soviel zeichnet sich ab, geht es doch nicht um weniger als uns selbst, merkt doch endlich auf, Leute!, unsere Sprache und darum, wie sie für alle verbindlich zu schreiben ist — damit wir uns auch schriftlich eindeutig verständigen können, notabene. [. . .] Kann es sein, dass wahlabhängige Politiker bestimmen, wie zu schreiben ist? Kann es sein, dass die Duden-Redaktion bestimmt, wie zu schreiben ist? Nein. Politiker dekretieren heute die Verschickung von Friedenstruppen und morgen das Subventionsgeld für Milchkühe, und das wollen und sollten wir uns nicht bieten lassen, dort, wo es um unser teuerstes Gut, unsere Sprache geht. [. . .] Ein Vorschlag zum Schluss: Unterhalten wir an der Berliner Akademie, deren Vorsitz zurzeit siehe Adolf Muschg innehat, eine ständige Sprachkommission, die wir zu unseren nicht herrschaftlichen, sondern demokratischen Sprachwächtern machen. [. . .] dann haben wir so etwas wie eine vergleichbare Institution, wie sie in Frankreich seit 1635 existiert.

Überlassen wir den politikern so unwichtige dinge wie den globalen umweltschutz und den weltfrieden. Für wichtiges wie die rechtschreibung schaffen wir sich selbst konstituierende ältestenräte — und nennen das auch noch demokratisch. Es steht herrn Muschg natürlich frei, noch eine kommission zu bilden, nur ist dann noch ein problem zu lösen: Wer gibt ihr das weisungsrecht für die volksschule?

Widmer, Urs: Für etwas Durcheinander. Tages-Anzeiger, 11. 8. 2004, s. 46, Kultur (167 wörter)

Die Reform ist nie angenommen worden, weil nie ein Bedürfnis nach einer Reform bestand. Wir haben uns gegenseitig immer bestens lesen können [. . .].

Dass alle bestens lesen können, ist neu.

9. 8. 2004

Schibli, Sigfried: Der Triumph der Intellektuellen. Basler Zeitung, 9. 8. 2004, s. 5, Inland (516 wörter)

Die vorab in den deutschen Feuilletons geführte Debatte trug über weite Strecken den Charakter einer Ersatzdebatte, die vor allem der Profilierung einiger Reformgegner und der Ablenkung von ihrem mittlerweile verwelkten Polit-Engagement diente. [. . .] In vager Erinnerung an das Antikriegs-Engagement der sechziger und siebziger Jahre witterte mancher Geistesarbeiter die Chance, sich doch noch einmal in radikaler Systemkritik zu üben. [. . .] Die Herren Reich-Ranicki, Walser, Enzensberger, Muschg etc. — allesamt Autoren in vorgerücktem Alter — haben mit Erfolg einen Reformprozess verweigert, an dem sie sich nicht aktiv beteiligt hatten, als die Dinge noch im Fluss waren. [. . .] Ihr Erfolg beruht auf einer unheiligen Allianz von muffiger Reformfeindlichkeit und diffuser Staatsferne. Und er vermag nicht zu kaschieren, dass den meisten Intellektuellen deutscher Zunge zu brennenden Zeitfragen [. . .] schlicht nichts mehr einfällt.

Bucheli, Roman: Auf der Kippe. Zu den jüngsten Vorgängen um die Rechtschreibreform. Neue Zürcher Zeitung, 9. 8. 2004, 225. jg., nr. 183, s. 19, Feuilleton (1094 wörter)

Dass die Reform gefährdet ist, mag richtig sein, gekippt freilich ist sie noch lange nicht. [. . .] Bedenklich stimmt es, wenn die genannten Grossverlage die Abkehr von der neuen Regelung nun unter die etwas demagogische Begründung stellen, die Mehrheit der Bevölkerung sei gegen die neue Orthographie. Denn ginge es danach, so wäre vermutlich jede Rechtschreibregelung überflüssig. Unverhältnismässig ist es, die erst fünf Jahre nach Übernahme der Neuregelung vollzogene Rückkehr zur alten Rechtschreibung als einen [. . .] «Akt des zivilen Ungehorsams» zu bezeichnen. [. . .] letztlich wird die Wirklichkeit das derzeit tatsächlich bestehende Durcheinander spielend lösen: In drei Jahrzehnten werden die heutigen Grundschüler auf den Sesseln der jetzt amtierenden Chefredaktoren sitzen; Grass und Enzensberger werden von einer neuen Schriftstellergeneration abgelöst sein; in den Verlagen werden Lektoren sitzen, die heute erst das Schreiben und Lesen lernen: Niemand wird mehr von der Reform reden [. . .]. Und wohl wird man auch, ohne zu zögern, in dem getrennt geschriebenen sitzen bleiben die Mehrdeutigkeit erkennen, wie man ohnehin gelernt hat, die Sprache als etwas — glücklicherweise — Schillerndes, nie gänzlich auf Eindeutiges und Wortwörtliches Festlegbares zu begreifen.

7. 8. 2004

Tsp: Traditionalisten in der Minderheit. Unter den Ministerpräsidenten gibt es einige Zweifler, eine Reform der Reform wollen die meisten nicht. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Politik (518 wörter)

Der Mainzer Regierungschef Kurt Beck (SPD) sieht keinen Handlungsbedarf [. . .]. Er könne sich auch nicht erklären, warum es so schlimm sein solle, wenn Delfin mit f geschrieben werde, sich beim Wort Fotograf aber niemand aufrege. Beck nennt die neue Diskussion um die Reform, die 30 Jahre lang vorbereitet worden sei, ein reines Sommerthema. [. . .] Die Sprecherin des Cornelsen-Verlags in Berlin, Irina Pächnatz, sagt: „Diese Umstellung ist absurd. Es gibt sechs Millionen Schüler, die keine andere Rechtschreibung kennen.[. . .]“

Huber, Markus: Die Nachbarn wundern sich über die Deutschen. Wien und Bern bleiben bei der Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Politik (503 wörter)

Doch im Gegensatz zu Deutschland gab es in Österreich mit der Umsetzung bislang keinerlei Probleme. [. . .] Sämtliche Schulbücher sind in Österreich seit Jahren auf die neuen Rechtschreibregeln umgestellt. Erst kürzlich ergab eine im Auftrag des Unterrichtsministeriums erstellte Studie, dass die Rechtschreibsicherheit der Jugendlichen durch die neuen Regeln deutlich zugenommen hat [. . .]. Im Gegensatz zu anderen Themen, bei denen innerdeutsche Diskussionen mit etwas Verzögerung nach Österreich überschwappen, sind in Sachen Rechtschreibreform keine Aufstände zu erwarten. [. . .] Auch in der Schweiz löst die deutsche Debatte eher Erstaunen aus.

Appenzeller, Gerd: Auf gut Deutsch. Da alles Wesentliche geregelt ist, können wir ja jetzt über Rechtschreibung streiten. Der Tagesspiegel, 7. 8. 2004, Meinung (560 wörter)

Wir werden uns gedulden müssen, bis die Schreibung wieder einheitlicher wird – wenn wir es denn überhaupt als dramatisch empfinden, dass es mehrere Optionen gibt. Mindert es die Klarheit der Schriftsprache wirklich, wenn sie über einen gewissen Zeitraum, oder gar auf Dauer, in einzelnen Fällen mehrere Schreibweisen zulässt? Nein – und was Springer und Spiegel gestern als Vorgabe präsentiert haben, nach der die Nation sich nun richten solle, wirkt ziemlich anmaßend, in dieser Form auch undemokratisch. Und es geschieht nicht zum Nutzen der Kinder, sondern wird sie verwirren; falls sie Zeitung lesen.

neu Franzobel: Schreibet recht und tuet Gutes! Der Standard, 7./8. 8. 2004 (1195 wörter)

Gott ist unbeweisbar, die politischen Strukturen bröckeln, alle Grenzen verstückelt, undurchsichtig das Weltall, die Lebensmittel nur noch Geschmacksverstärker, wer weiß, wie lang die Flüsse noch stromabwärts fließen, und auch sonst, wenn sogar Griechenland Europameister wird, kann man sich auf nichts und niemand mehr verlassen und dann auch noch die Rechtschreibung? Alles, was Recht ist. [. . .] Die Argumente dagegen kamen aus allen Löchern, reichten vom Vorwurf der Inkonsequenz über die Ästhetik, Unvermittelbarkeit, hoher Kosten bis zum Wozu brauchen wir jetzt das. Im Kern aber wurde und wird Sprache wohl als etwas Gottgegebenes und Unabänderliches angesehen, als virtueller Gradmesser seiner eigenen Gültigkeit, Kindheitsrelikt, Restidentität, Erbgut, was auch in der immer latenten Angst vorm Sprachverfall zutage tritt - ohne einzusehen: Sprache ist lebendig, verändert sich, sonst würden wir immer noch so sprechen wie im Hildebrandslied oder im Muspili.

6. 8. 2004

sda/dpa: Spiegel und Springer kehren zur alten Rechtschreibung zurück. NZZ Online, 6. 8. 2004 (123 wörter)

Die zum Spiegel-Verlag und zu Axel Springer gehörenden Titel, die nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise «schnellstmöglich umstellen».

4. 8. 2004

Reuter, Arnulf: Lanze für die Rechtschreibreform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 8. 2004, nr. 179, s. 6, Briefe an die Herausgeber (309 wörter)

Ehrlich staune ich oft über manche Leserbriefe und Beiträge zur neuen Rechtschreibung, in denen pingelig irgendwelche Details genannt werden, an denen man sich trefflich hochziehen und den Untergang der deutschen Kultur beklagen kann. Ich selbst als Vielschreiber und -leser mit großem Latinum und Graecum [. . .] habe die neue Rechtschreibung als Offenbarung begrüßt, wegen ihrer wesentlich größeren Logik und ihrer größeren Freizügigkeit. [. . .] Ob man Einzelheiten noch ändert, sollte den Fachleuten überlassen bleiben, auf jeden Fall nicht den Alten und nicht den Politikern.


up nach oben     older articles ältere artikel
Rolf Landolt