Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 31. 10. 2006
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Aus der presse

Nachgeführt 3. 6. 2011, 13. 2. 2011


31. 10. 2006

swka.: Fragebogen: Gérard A. Goodrow, Direktor der Art Cologne. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 10. 2006, nr. 253, s. K6, Kunstmarkt extra

Welche Reform bewundern Sie am meisten? Die Rechtschreibreform, weil sie der größte sprachwissenschaftliche Schwachsinn ist.

28. 10. 2006

Lauterbach, Jörn: Haben Sie heute schon gehunken? Die Welt, 28. 10. 2006, nr. 43, Literarische Welt, s. 2, Porträt

Bastian Sick kennt die Fallstricke der verflixt schwierigen deutschen Sprache. […] Er ist der freundliche Deutschlehrer der Nation. […] Sein Vorteil: Er ist einer der wenigen, die die Regeln tatsächlich noch beherrschen. Das reicht heutzutage, nach all' den verwirrenden Debatten über Rechtschreibreform und reformierte Rechtschreibreform, über PISA und Unterschichtendeutsch schon aus, um respektiert zu werden. […] Der Bedarf nach dem Thema Sprache ist riesig, vermutlich gerade weil die Rechtschreibreform und die sie begleitende Diskussion so lang und undurchsichtig war. Sicks Erfolg ist ein Kollateralschaden der allgemeinen Sprach-Verunsicherung, die die einen nutzen, um völlig regelbefreit vor sich hin zu fabulieren, andere aber bis ins Mark trifft.

27. 10. 2006

schmoo: FDP prangert Verschwendung an. Hamburger Abendblatt, 27. 10. 2006, Hamburg (73 wörter)

Sylvia Canel, bildungspolitische Sprecherin der FDP Hamburg, spricht sich gegen das bundesweit geplante Schülerregister aus. "Nachdem die Kultusministerkonferenz jahrelang Steuergelder für ein überflüssiges Rechtschreibchaos verschleuderte, bahnt sich ein neuer Skandal von Verschwendung, Inkompetenz und Überregulierung zulasten der Schüler und auf Kosten der Steuerzahler an" […].

Pojar, Sherin, und Scheuer, Karen: 40 Personen im Rechtschreibtest. suedkurier.de, 27. 10. 2006, Villingen

Spätestens nach der Reform der Reform der deutschen Rechtschreibung herrscht in vielen Köpfen heilloses Durcheinander. Zwei Schülerinnen stellten die Rechtschreibkenntnisse von rund 40 Testpersonen mit zwei Sätzen auf die Probe […]. Im Generationenvergleich zeigt sich, dass die 50- bis 60-Jährigen die weitaus besseren Ergebnisse erzielten, und das, obwohl sie die Rechtschreibreform nur passiv miterlebt haben.

19. 10. 2006

Bischof, Erwin: Allzu zaghafte Rechtschreibrefom. Neue Zürcher Zeitung, 19. 10. 2006, 227. jg., nr. 243, s. 44, Briefe an die NZZ (258 wörter)

Die normative Kraft des Faktischen wird wohl dazu führen, dass wir in absehbarer Zeit nur noch klein schreiben wie im Englischen […]. Das umfangreiche Wörterbuch der deutschen Sprache (32 Bände) der Brüder Grimm kennt übrigens auch nur die Kleinschreibung, und es ist ohne Probleme zu lesen. Das wäre ein echter Reformschritt gewesen, der der deutschen Sprache im Zeitalter der Globalisierung und der mangelnden Integration der Ausländer geholfen hätte.

18. 10. 2006

sda: Laute Kritik an den neuen Regeln. Basler Zeitung, 18. 10. 2006, bazkulturmagazin, s. 3 (90 wörter)

Nach dem Inkrafttreten der neuen Rechtschreibung am 1.8. hat sich die siehe Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) zu Wort gemeldet und kritisiert «zahlreiche handwerkliche Mängel», die das dritte amtliche Regelwerk wie auch die neuen Wörterbücher von Duden und Wahrig aufwiesen.

17. 10. 2006

sda: siehe Orthographische Konferenz stösst sich an Mängeln. St. Galler Tagblatt, 17. 10. 2006 (204 wörter)

Ein Hauptfehler sei die falsche Auffassung von orthographischer > Variante, schreibt die SOK in einem Communiqué. Beispiel: «Wohl bekannt» sei nicht eine orthographische Variante zu «wohlbekannt», sondern drücke eine andere Bedeutung aus.

Ja, und bedeutung drückt eine andere bedeutung aus als bedeutung, weil es mal importance und mal meaning heissen kann. Was nun?

14. 10. 2006

Weiß, Benno: Geist der Reform. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. 10. 2006, nr. 239, s. 9, Briefe an die Herausgeber (75 wörter)

Nach allem, was man […] über die neue Bibelübersetzung in Erfahrung bringen konnte, drängt sich die Frage auf: War hier letztlich der Geist am Werk, der uns schon die Rechtschreibreform gebracht hat?

«Ein jegliches hat seine zeit.» Prediger Salomo, 3, 1.

Matthes, Ansgar: Beibehalten. junge Welt, 14. 10. 2006, s. 14, Leserbriefe (94 wörter)

Mein Kompliment, daß Sie sich nicht dem angeblichen, in Wirklichkeit aber gar nicht existenten Diktat dekadenter selbsternannter Sprach»experten« und arroganter, rechtsbeugender Kultusminister gebeugt haben und weiterhin Ihre Schrift in der lese(r)freundlichen, hochentwickelten Orthographie belassen (haben). Bitte, bitte, bleiben Sie dabei!

11. 10. 2006

Schichtl, Ludwig: Stetiger Lehrermangel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 10. 2006, nr. 236, s. 11, Briefe an die Herausgeber (153 wörter)

Die größte "Leistung" der deutschen siehe Kultusministerien der letzten Jahre war die sogenannte Rechtschreibreform, von niemandem gewollt und auch nicht benötigt.

10. 10. 2006

gü.: Herkömmliche Varianten haben Vorzug. Die amtliche Rechtschreibung seit dem 1. August und die Praxis der siehe NZZ. Neue Zürcher Zeitung, 10. 10. 2006, 227. jg., nr. 235, s. 15 (1048 wörter)

Auch jetzt ist längst nicht alle Unzufriedenheit getilgt, aber der zwischen Reformern und Traditionalisten erzielte Kompromiss hat die grössten Steine des Anstosses aus dem Weg geräumt. Längerfristige Verbindlichkeit scheint möglich. […] Keine Änderungen hat der siehe Rechtschreibrat im Bereich der Zuordnungen von Lauten und Buchstaben vorgenommen. […] Die NZZ folgt diesem Usus weitgehend, jedoch nicht bei einigen Einzelfällen mit Umlauten. Aus der Gams wird bei uns nicht die «Gämse», sondern weiterhin die Gemse […]. Den Grundgedanken, dass Bindestriche der besseren Lesbarkeit von Wortzusammensetzungen dienen sollen, teilt die NZZ und ist daher in einem Punkt sogar progressiver als das Reformwerk […]. Die reformierte Zeichensetzung in der Fassung von 1996 hatte vor allem für Ärger gesorgt […]. Die NZZ hat hier immer an der traditionellen Schreibung festgehalten […]. Die von vielen Traditionalisten bekämpfte Trennung von st und die Abtrennung von ck […] behalten ihre Gültigkeit, doch dürfen Einzelbuchstaben nun nicht länger einsam ans Zeilenende zu stehen kommen. Auch sind sinnwidrige Trennungen, wie sie die Reform erlaubt hatte, jetzt untersagt. […] Heute dürfen die Pronomina «Du» und «Deiner» in Briefen wieder gross geschrieben werden; das Gleiche gilt für feststehende Begriffe […]. Der «Neuen Zürcher Zeitung» geht diese Erlaubnis, die auch Kuriosa wie das «Neue Jahr» einschliesst, zu sehr ins Uferlose […]. Zusammengeschrieben wird, wenn die Verbindung eine übertragene bzw. eine neue Gesamtbedeutung erhält […].

9. 10. 2006

Cerny, Karin: Interview: „Sehr kinderlieb bin ich nicht“. profil, 9. 10. 2006, nr. 41, s. 136, Kultur

Autorin Christine Nöstlinger, die am 13. Oktober 70 wird, über ihre Abneigung gegenüber Streberkindern, Gusenbauers Schulvorschläge und ihre Defizite in Sachen Popmusik. […] profil: Wie stehen Sie zur Rechtschreibreform? Nöstlinger: Die ist mir völlig Blunzn: Ich schreibe, wie ich will, habe aber nichts dagegen, wenn ein Lektor meine Rechtschreibung ändert. Früher hat es auch keine festeren Regeln gegeben. Ich habe ein handschriftliches Manuskript von Goethe gesehen, in dem er Kraft mit drei f geschrieben hat. Solange man kapiert, was mitgeteilt wird, soll jeder schreiben, wie er will.

8. 10. 2006

Zielke, Anne: funzen. Das Wortporträt. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8. 10. 2006, nr. 40, s. 34, Feuilleton

Die schlimmste Rechtschreibreform findet im Internet statt. Davon kann sich jeder überzeugen, der sich in ein Forum abseilt […]. Dort unten, im Abgrund des Netzes, kann man jene Dramen mitverfolgen, die sich immer nur um eines drehen: ob es "funzt" oder ob es nicht "funzt". Das nämlich ist alles, was vom ursprünglichen "funktionieren" übriggeblieben ist […].

7. 10. 2006

Cacciola, Giuliana: Unverständnis in Italien. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 10. 2006, nr. 233, s. 42 (143 wörter)

Im übrigen habe ich den Eindruck gewonnen, daß niemand in Deutschland genau weiß, was unter dem Begriff "neue Rechtschreibung" zu verstehen ist.

Das gegenteil von «alte rechtschreibung». Für das kind, das die rechtschreibung lernt, gleichbedeutend mit «rechtschreibung». Für die alten ist es etwas komplizierter, aber das ist bei allem so.

6. 10. 2006

smw/sda: siehe Günter Grass bekocht tote Persönlichkeiten. news.ch, 6. 10. 2006

Grass plädierte für eine weitgehende Freigabe der Schreibweise: Sprache sei immer im Fluss.

5. 10. 2006

Schmidt, Martin: Von Sprachmüll, Deichbau und bedenklichen Symptomen. Die Tagespost, 5. 10. 2006 (1562 wörter)

Organisationen wie der „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) reden bereits vom Aufkommen einer neuen Mischsprache, dem „Denglischen“. […] Immerhin gehören dem VDS mittlerweile mehr als 27 000 Mitglieder an. Sie sind empört über den Qualitätsverlust des Deutschen (hierzu zählt für viele auch die misslungene Rechtschreibreform), seine stark abnehmende Ausstrahlungskraft und die bisherige Untätigkeit der Politik.

2. 10. 2006

E. B.: Salzkorn. St. Galler Tagblatt, 2. 10. 2006

Die «Macht der Sprache» beschwört das Goethe-Institut, um die deutsche Sprache im In- und Ausland zu fördern. Das ist wohl auch bitter nötig. Wer will denn heute noch Deutsch lernen, wenn Englisch leichter ist und man damit weiterkommt? Und die Rechtschreibereform ist auch nicht gerade förderlich.

Doch, und eine echte reform wäre der sache noch förderlicher. Übrigens gilt das auch für das siehe englische.

1. 10. 2006

Wahnemühl, Marc: Weiter Wirrwarr um Rechtschreibreform. Der Tagesspiegel, 1. 10. 2006, Kultur (526 wörter)

"Das ist bloß der vorläufige Abschluss der Rechtschreibreform", ist sich Peter Mießen sicher. Der 27-jährige Student ist seit vier Jahren wissenschaftliche Hilfskraft beim Grammatischen Telefon und hat das Wirrwarr der Reformschritte hautnah erlebt. "Es besteht eine generelle Verwirrung. Nach dem jüngsten Reformschritt sind viele > Schreibvarianten hinzugekommen. Dann ist eben vieles richtig."

26. 9. 2006

ap: Jeder vierte Europäer spricht Deutsch. Frankfurter Rundschau, 26. 9. 2006, s. 15, Feuilleton

Mit dem weltweiten Projekt "Die Macht der Sprache" versucht das Goethe-Institut zur Zeit, die Rolle und die Bedeutung von Sprache in einer globalisierten Welt zu beleuchten. […] Trotz der Allgegenwärtigkeit von Sprache in der Diskussion um Sprachtests und Rechtschreibreform gebe es in der Politik ein mangelndes Bewusstsein für die Bedeutung von Sprache.

25. 9. 2006

oll.: Keine weiteren Empfehlungen. siehe Rat für deutsche Rechtschreibung betrachtet Überarbeitung der Reform offenbar als abgeschlossen; "Markt und Menschen beruhigen". Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 9. 2006, nr. 223, s. 4, Politik (598 wörter)

Nach der Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung am vergangenen Freitag hat sich der Eindruck erhärtet, daß die Überarbeitung der Rechtschreibreform als abgeschlossen betrachtet wird und keine weiteren Änderungen mehr geplant sind. […] Noch vor einem Jahr hatte siehe Zehetmair bekräftigt, der Rat werde es sich nicht nehmen lassen, sich mit anderen Feldern der Reform zu beschäftigen, um auch hier Ungereimtheiten zu beseitigen. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede.

22. 9. 2006

neu > Lehrerverband bemängelt Rechtschreibleistungen der Schüler. Verbandschef > Kraus beklagt eine anhaltende Verunsicherung an den Schulen nach der Rechtschreibreform. Deutschlandradio, Deutschlandfunk (dradio.de), 22. 9. 2006, Sendung: Kultur heute

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat nach den ersten Wochen im neuen Schuljahr beklagt, dass die Reform der deutschen Rechtschreibung nicht zu einer Vereinfachung für die Schüler geführt hat. Angesichts der vielen Nachbesserungen "hat man in der Schule resigniert", sagte Kraus im Deutschlandfunk.

12. 9. 2006

Sigusch, Volkmar: Die Liberalität siegt. Rechte Politiker scheitern mit ihren Hasstiraden gegen Homosexuelle. Frankfurter Rundschau, 12. 9. 2006, s. 36, Wissen & Bildung

In Deutschland hat mich in den achtziger Jahren eine öffentliche Äußerung des bayerischen Kultusministers > Hans Zehetmair besonders empört. Er sagte, gegen Homosexuelle gerichtet: "Diese Randgruppe muss ausgedünnt werden, weil sie naturwidrig ist" (Süddeutsche Zeitung vom 7. April 1987). Nach öffentlichen Protesten versuchte er, seine Äußerung zu "differenzieren". Diese "Differenzierung" ist ein Dokument der sprachlichen Verdrehung, der intellektuellen Verknödelung und der moralischen Verkommenheit. Zehetmair, der heute wegen seines feinen Sprachgefühls für die Rechtschreibreform zuständig ist, erläuterte schriftlich: "… dass man für Homosexualität Verständnis aufzubringen hat, auch wenn man sie, wie ich persönlich, als naturwidrig und ein im Grunde krankhaftes Verhalten ansieht. Meine Aufgabe kann und darf es nicht sein, um Verständnis für Homosexualität und damit für Randgruppen unserer Gesellschaft zu werben. Sondern sie muss vielmehr in erster Linie darin bestehen, dafür Sorge zu tragen, dass möglichst wenig junge Leute in diesen durch Aids besonders gefährdeten Randbereich hineingeraten. Wir müssen den Schutz der Vielen in der Bevölkerung als zentrales Ziel im Auge sehen und uns nicht nur darum bewegen, wer am Rand noch besser verstanden werden kann. Dieser Rand muss durch Aufklärung dünner gemacht bzw. ausgedünnt werden, denn er stellt für die Jugend keine Zukunftsperspektive dar. Nur zur Ergänzung darf ich Sie auf die Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, (…) hinweisen. Darin heißt es, dass homosexuelle Verbindungen nicht mit der Lebensform Ehe und Familie gleichzustellen seien. Sie verstießen nicht nur gegen das Grundgesetz, sondern leisteten damit auch der Verbreitung der Immunschwäche-Krankheit Aids Vorschub."

4. 9. 2006

neu Spreng, Jürgen: Spreng: Wähler, glaubt uns nicht! Hamburger Abendblatt, 4. 9. 2006, Deutschland

Glaubt nicht, was wir gestern gesagt haben - das ist das eine Prinzip der Großen Koalition; versteht nicht, was wir heute machen, scheint das andere zu sein. Zumindest gilt das für die Gesundheitsreform. Sie ist das unverständlichste Reformwerk seit der Rechtschreibreform.

9. 2006

Krogerus, Mikael: Vereinsleben. Kleinschreibung. NZZ Folio, 9. 2006, nr. 9, s. 17 (250 wörter)

Herr siehe Rolf Landolt, Sie sind Vorsitzender des BVR (Bund für vereinfachte rechtschreibung). Was genau soll vereinfacht werden? Ganzer artikel

30. 8. 2006

Neff, Berthold: Mehr sortiert, weniger verbrannt. Süddeutsche Zeitung, 30. 8. 2006, Bayern s. 37

Wenn demnächst auf Tausenden Plakaten, auf 180 Müllautos und auf allen 390 000 Restmüll-, Bio- und Papiertonnen die Silbentrennung prinzipiell gegen die Grammatik verstößt [z. b. Gril-lasche], ist das nicht eine weitere Wende in der Rechtschreibreform, sondern die neue Kampagne der Stadt zur besseren Mülltrennung.

21. 8. 2006

neu pum: Rechtschreibreform: Wie wird sie an Schulen umgesetzt? Hamburger Abendblatt, 21. 8. 2006, Hamburg (72 wörter)

Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Dittmar Lemke will mit einer kleinen Senatsanfrage die genaue Handhabung der Rechtschreibreform an den Schulen erkunden.

19. 8. 2006

Posener, Alan: Günter Grass (V) - GG , SS und Eszett. WamS.de-Blogs, Apocalypso, 19. 8. 2006, Nebenwidersprüche

Bekanntlich haben die Schweizer bei der Rechtschreibreform für sich einen Dispens hinsichtlich des Eszett herausgehandelt: Sie brauchen ihn auch fürderhin nicht zu verwenden, und nicht einmal siehe Günter Grass konnte sie dazu zwingen.

16. 8. 2006

Mühling, Jens: Das S-Wort. Eine EnthÜllung. Der Tagesspiegel, 16. 8. 2006, Kultur

So erklärte gestern ein anonymer Germanist, auch siehe Grass’ vehemente Ablehnung der Rechtschreibreform müsse im Lichte seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft neu bewertet werden. Der Wissenschaftler wies schlüssig nach, Grass habe die Reform des Regelwerks vor allem deshalb zu verhindern getrachtet, weil die weitgehende Ersetzung des Buchstabens ß durch den Doppelkonsonanten ss ein „biografisches Trauma des Schriftstellers berührt“ habe.

17. 8. 2006

Mäder, Alexander: Der Planet ist rund ... ... und es gibt mindestens zwölf davon im Sonnensystem; so schlägt es eine internationale Astronomen-Kommission vor. Berliner Zeitung, 17. 8. 2006, Wissenschaft

Die Debatte unter Astronomen erinnert ein wenig an die Rechtschreibreform: Jahrelang wird über ein für viele Menschen recht belangloses Thema mit großer Leidenschaft gestritten. […] Markus Landgraf vermutet jedoch, dass die Diskussion auch nach einer Entscheidung nächste Woche weitergeführt wird: "Ich bin sicher, dass das nicht das letzte Wort sein wird." So ähnlich lief es ja auch bei der Rechtschreibreform.

Das hat die wissenschaft eben so an sich, dass ein letztes wort erst gesprochen ist, wenn unser sonnensystem verglüht. Wahrscheinlich.

15. 8. 2006

Gaßner, Lothar: Rosenholtz. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 8. 2006, nr. 188, s. 6, Briefe an die Herausgeber (78 wörter)

Es hat zwar nichts mit der Rechtschreibreform zu tun, aber mit korrekter Schreibweise eines Namens: Es muß "Rosenholtz" heißen und nicht "Rosenholz".

13. 8. 2006

Uphoff, Lisa, und Vogt, Jacqueline: Das neue Schul-Alphabet. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. 8. 2006, nr. 32, s. R2, Rhein-Main

Nach den Ferien wird zwar nicht alles, aber einiges anders an Hessens Schulen. […] Rechtschreibung: Mit Beginn des neuen Schuljahres gilt die amtliche Regelung der Rechtschreibung in der Fassung von 2006 als verbindliche Grundlage für den Unterricht an allen hessischen Schulen. […] Nach einem Erlaß des Kultusministeriums vom Mai dieses Jahres werden jedoch bis zum 31. Juli 2007 Schreibweisen, die duch die amtliche Reglung überholt sind, nicht als Fehler markiert und bewertet.

10. 8. 2006

Mynall, David: Apropos. March-Anzeiger, 10. 8. 2006, s. 3, Ausserschwyz (253 wörter)

Am 12. Februar 1890 ereiferte sich schon ein Leser in unserer Zeitung über die ständigen und uneinheitlichen Reformen der deutschen Rechtschreibung. Und so meint dann jeder, er wisse selbst am besten, wie etwas zu schreiben sei: «Wenn er nun flözen und ritzen einander gegenübersteht und meint, beide sollen entweder mit tz oder beide nur mit z geschrieben werden, so zeigt er zwei Dinge: 1) dass er auch die alte Rechtschreibung nicht kennt (...) 2) dass er vermuthlich Einsiedler ist, denn nur in Einsiedeln flötzen mit kurzem ö gesprochen.»

8. 8. 2006

G.T.: Sie können's nicht. Britische Studenten schreiben schlecht. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 8. 2006, nr. 182, s. 34, Feuilleton (158 wörter)

Die Rechtschreibung und Grammatik britischer Studenten ist derart schwach, daß die neue Ausgabe des "Compact Oxford English Dictionary for Students" ein Sonderkapitel mit den elementarsten Regeln enthält. […] und die Eisenbahngesellschaft Network Rail sagte, sie lehne fünfzig Prozent der Bewerbungen von Graduierten schon deswegen ab, weil sie so schlecht geschrieben seien.

6. 8. 2006

Keese, Christoph: Zurück in Garbassen. Editorial. Welt am Sonntag, 6. 8. 2006, Politik

Alle, die sich ihre Sprache nicht vom Staat vorschreiben lassen wollen, haben mit der Reform der Reform einen Sieg errungen.

stellungnahme

5. 8. 2006

Oldenburg, Volker: Der Professor im Praxistext. Der Übersetzer Volker Oldenburg liest Umberto Ecos großen Übersetzungs-Essay und übersetzt David Mitchells "Wolkenatlas". Die Welt, 5. 8. 2006, nr. 181, Literarische Welt, s. 3, Buch der Woche

Eines von Mitchells Stilelementen ist zum Beispiel, bei allen Wörtern, die auf "Ex" beginnen, das "E" wegzulassen. Die x-losen Italiener haben damit ein echtes Problem, während ich beruhigt "Xemplar" und "xtra" schreiben kann. Bei einer anderen stilistischen Besonderheit, der häufigen Großschreibung von Substantiven, bin wiederum ich derjenige mit dem Darstellungsproblem, denn im Deutschen werden, im Unterschied zu allen anderen Sprachen, Substantive bekanntermaßen immer großgeschrieben. Ein klassischer Verlust also. […] Diese Verluste muss ich als Übersetzer hinnehmen, aber ich kann auch versuchen, sie auf anderer Ebene wettzumachen. Indem ich […] ein Element einfüge, das im Original nicht vorhanden ist. So habe ich mich beispielsweise dazu entschlossen, die erste "Wolkenatlas"-Episode in der Rechtschreibung des 19. Jahrhunderts zu verfassen, ein Element, das es im Englischen nicht gibt, weil es dort keine Rechtschreibreformen gab.

4. 8. 2006

siehe Stirnemann, Stefan: Chaos in der Rechtschreibung. Warum die Reform der Orthographie-Reform kaum Bestand haben wird. Neue Zürcher Zeitung, 4. 8. 2006, 227. jg., nr. 178, s. 15, Schweiz (1070 wörter)

Hans Ambühl, Generalsekretär der siehe Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK), nannte die erneuten Änderungen der Reform der Rechtschreibreform «marginal». Wenn das Wort ernst genommen wird, treffen die Neuerungen also den Rand (lateinisch margo) der Neuregelung, nicht ihren Mittelpunkt. Das ist falsch. In Wahrheit sind nun alle Wörterbücher unbrauchbar, welche die EDK erst im letzten Sommer für verbindlich erklärt hatte. […] Das hat es noch nie gegeben, dass Wörterbücher Schreibweisen aufnehmen, die der Bedeutung und dem Schreibgebrauch widersprechen, also falsch sind […].

dpa: Mehrheit von Rechtschreibung verunsichert. Die Welt, 4. 8. 2006, nr. 180, s. 23, Feuilleton (87 wörter)

79 Prozent der Befragten erklärten nach Angaben von n-tv vom Donnerstag, sie seien "eher unsicher" wie man nach den neuen Regeln schreibe.

3. 8. 2006

Jessen, Jens: Und Schluss. Die Reform der Rechtschreibreform tritt in Kraft; was lehrt der lange Streit um »ss« oder »ß«? Die Zeit, 3. 8. 2006, nr. 32 (612 wörter)

Auch die plötzlich verklärte alte Rechtschreibung war nur das Ergebnis einer vielfältig nachgebesserten, im Kern aber > staatlich verordneten Reform vom Beginn des 20. Jahrhunderts. > Schriftsteller zuvor haben anders geschrieben; bei Fontane beispielsweise findet man all die Groß- und Getrenntschreibungen, deren Übermaß man der jetzigen Reform zum Vorwurf macht.

2. 8. 2006

SDA: Denkmal für die Rechtschreibreformer. Tages-Anzeiger, 2. 8. 2006, s. 42, Kultur (46 wörter)

Für die Urheber der Rechtschreibreform hat die reformkritische Sprachzeitung «Deutsche Sprachwelt» ein Internetdenkmal geschaffen. Auf einer Homepage mit einer Gedenktafel […] stellt sie mit charakteristischen Zitaten die Hauptverantwortlichen der Reform vor.

Zitate im internet? Das haben wir schon lange: Das aktuelle zitat, frühere zitate.

1. 8. 2006

Karasek, Hellmuth: Eine Reform, besser als nichts! Bild, 1. 8. 2006, nr. 177, s. 2, Gast-Kommentar (191 wörter)

Die Reform ist, wie die meisten Reformen in Deutschland, wenn sie zurückreformiert werden, besser als nichts. Vorher, als Reform, war sie schlechter. Also leben wir mit der Verbesserung und hoffen auf weitere Einsicht. Zurück in die Zukunft! Vorwärts in die Vergangenheit.

Gemeint ist natürlich nicht die vergangenheit, sondern die eigene bequemlichkeit. Vergangenheit könnte z. b. eigennamengrossschreibung bedeuten.

Die neue Rechtschreibreform. Ab heute im Abendblatt. Hamburger Abendblatt, 1. 8. 2006, Kultur/Medien (342 wörter)

Ab sofort finden Sie in Ihrem Hamburger Abendblatt nur noch Schreibungen, die sich im Rahmen der von den Kultusministern unumkehrbar verabschiedeten reformierten Rechtschreibung bewegen. […] Trotz Ablehnung der Reform können wir als Verlag nicht weiterhin in einer Weise schreiben, die Kindern in der Schule zukünftig als fehlerhaft angestrichen wird.

hjf, mj: Zur Gams gehört jetzt eine Gämse. Hamburger Abendblatt, 1. 8. 2006, Kultur/Medien (1155 wörter)

Da die Reformer insgesamt nur 0,5 Prozent des deutschen Wortschatzes angefasst haben, wird sich das Erscheinungsbild der Abendblatt-Texte nur in einer überschaubaren Anzahl von Fällen ändern. Wir zeigen Ihnen hier in einer Auswahl, was sich geändert hat.

Siebenhaar, H.-P., und Sommer, Ulf, und Beukert, L.: Schreibreform lässt Firmen kalt. Erleichterung bei Buchverlagen über Ende des Streits; ansonsten geringes Interesse. Südkurier, 1. 8. 2006, Wirtschaft

Die ab heute geltende Reform der Rechtschreibreform sorgt bei den Buchverlagen für Erleichterung. Doch den großen Rest der deutschen Unternehmen interessieren die Änderungen kaum. Das ist das Ergebnis einer Handelsblatt-Umfrage. […] "Wir wollten von Anfang an eine verständliche Entscheidung. Das Hin und Her hat den Verlagen geschadet", sagte eine Sprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. […] Einen Umsatzschub durch die neue Regelung erwarten die Schulbuchverlage nicht. "Die Etats der Schulen wachsen nicht. Und die Eltern halten sich mit Buchkäufen sowieso zurück", sagt Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer bei Cornelsen. Auch der Langenscheidt-Verlag in München rechnet nicht mit Impulsen. "Das wird kein Zusatzgeschäft. Wir erwarten durch die Rechtschreibreform sogar unterm Strich ein Verlustgeschäft", sagte ein Sprecher des traditionsreichen Verlages.

Tegtmeier, Sascha: Das kreative Schreibchaos. Die neue Rechtschreibreform gibt der Sprache Luft zum Atmen. die tageszeitung, 1. 8. 2006, nr. 8036, s. 9, Meinung und Diskussion, Kommentar (379 wörter)

In der Schreibanarchie, in der sich noch Goethe und Schiller austobten, sind wir damit zwar nicht angekommen. Aber die neu gewonnene Freiheit wird die Toleranz der Leser erhöhen, > Schreibvarianten zu akzeptieren, die sie vorher noch nie gesehen haben. So könnte im Laufe der kommenden Jahrzehnte "von unten" das erreicht werden, was die Rechtschreibreform nie erreicht hat: die Orthografie sinnvoller und einfacher zu gestalten.

Tegtmeier, Sascha: Die Reform der Reform. Nach den Ferien müssen Deutschlands Schüler wieder umdenken: Ab heute wird die in einzelnen Punkten revidierte Rechtschreibreform Grundlage ihres Unterrichtes. die tageszeitung, 1. 8. 2006, nr. 8036, s. 4, Themen des Tages (695 wörter)

Die jetzige Reform ist eine Reform der 1998er-Reform. Vor allem aber ist sie ein Schritt zurück. Nach jahrelangem Hickhack um Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung sowie Zeichensetzung und Worttrennung wurden die größten Streitfälle umschifft: Nun sind in vielen Fällen beide Schreibweisen möglich. […] Wie sollen die Lehrer und Lehrerinnen die erneuten Änderungen vermitteln? Der stellvertretenden Vorsitzenden der siehe Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, bereitet das keine Kopfschmerzen. […] Die jetzigen Veränderungen seien doch vergleichsweise "Peanuts". […] Den Schülern dürfte schwer zu vermitteln sein, dass es nun eine ganze Reihe von möglichen > Schreibvarianten geben wird.

Fink, Matthias: So schreiben Sie richtig. die tageszeitung, 1. 8. 2006, nr. 8036, s. 4, Themen des Tages (246 wörter)

Bei vielem/Vielem ist die Großschreibung Trend. Alle Adjektive, die in Kombination mit einem Substantiv irgendwas Eigenständiges ausdrücken sollen, dürfen großgeschrieben werden, selbst der Schwarze Mann im Schornstein, der Heilige Krieg egal welcher Religion, Kleine Anfragen, Große Koalitionen oder der Weiße Sport.

Einiges ist ganz neu. Der informationsgewinn ist gewaltig: Der "weisse Sport" ist ein gefärbter sport, also z. b. weisser fussball, dagegen handelt es sich beim "Weissen Sport" eindeutig um tennis oder eindeutig um schifahren. Oder wie oder was.

SAT: "Wir müssen weiter diskutieren." Der Orthografiexperte siehe Rolf Landolt hält die Rechtschreibreform für unfertig. die tageszeitung, 1. 8. 2006, nr. 8036, s. 4, Themen des Tages, Interview (622 wörter)

Glauben Sie, dass es nach zehn Jahren Diskussionen um die Rechtschreibung überhaupt noch den Willen in der Bevölkerung für weitere Reformen gibt? Vielleicht eben gerade, weil man gesehen hat, dass zu viele Kompromisse auch nicht gut sind. Da könnte sich der Gedanke durchsetzen, dass man es beim nächsten Mal richtig macht.

Liebe Leserinnen und Leser. Die Welt, 1. 8. 2006, nr. 177, s. 1 (210 wörter)

Immer wieder hatte die Axel Springer AG an die Vernunft der Politik und der Reformer appelliert, eine Korrektur der durch kultusbürokratische Überregulierung verursachten Fehlentwicklung der Rechtschreibreform vorzunehmen - leider vergeblich. Die im März 2006 endgültig beschlossene Reform erlaubt nun eine solche Vielzahl von > Schreibvarianten, dass die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung gefährdet ist.

Überregulierung oder zu grosse vielzahl von schreibvarianten, also zu wenig regulierung? Den einen kann man es nie recht machen.


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Rolf Landolt