Nachgeführt 30. 9. 2011, 3. 6. 2011
Gumbrecht, Hans Ulrich: Wie objektiv ist Wehler? Deutschland ohne das Wunder von Bern: Das schnelle Altern der Sozialhistorie. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. 9. 2008, nr. 229, s. 39, Feuilleton
Hans-Ulrich Wehlers "Gesellschaftsgeschichte" wurde an der Wende von den siebziger zu den achtziger Jahren konzipiert […]. Dem heutigen Leser wird das am deutlichsten bewusst durch die Prominenz der Kategorie "soziale Ungleichheit" in Wehlers Buch. Sie wirkt wie ein Gruß aus jener fremd gewordenen Zeit, als die Bildung "sozial-liberaler Koalitionen" utopische Erwartungen freisetzen konnte und eine Rechtschreibreform etwa mit dem unwiderstehlich wichtigen Versprechen ins Rollen gebracht wurde, sie könne zur Nivellierung von "Chancenungleichheiten" beitragen.
Wagner, Claudia: Wenn das Leben vom Komma abhängt. Südkurier (suedkurier.de), 27. 9. 2008, Radolfzell
Warum es im Südkurier denn viele Rechtschreibfehler gebe. Gute Frage. Auf die der Lokalchef mehrere Antworten hat: Zum einen habe es früher hauptberufliche und ausgebildete Korrektoren gegeben, die gibt es heute aus Kostengründen nicht mehr. Zum anderen sei es wirklich ärgerlich, aber manchmal sehe man den eigenen Fehler nach einem Tag vor dem Computer-Bildschirm einfach nicht mehr. Drittens sei falsch und richtig nach der jüngsten Rechtschreibreform manchmal schwer zu definieren.
Clayton, Theresa: Manchmal ist es besser, man sieht Wörter nicht. Südkurier (suedkurier.de), 27. 9. 2008, Pfullendorf
Neuerdings achte ich darauf, dass die Bücher, die ich ausleihe oder kaufe, vor der Rechtschreibreform geschrieben wurden. Sonst bleibe ich alle paar Meter im Text hängen und überlege, warum da zum Beispiel steht, etwas ginge "zulasten" von irgendwem, wo ich der Meinung bin, man schreibt das "zu Lasten". […] Der Geistesblitz, wo denn bei manchen Schreibweisen und Wortkreationen der gesunde Menschenverstand ihrer Erfinder abgeblieben sein könnte, kam bei mir bisher noch nicht. Viele dieser Ungereimtheiten machen mich ganz wirr im Kopf und gehen eindeutig zu Lasten meines Leseflusses. Deshalb habe ich mir schon überlegt, auf Hörbücher umzusteigen.
Behrendt, Gisela: Die korrekte Schreibweise: ss oder ß? ratschlag24.com, 25. 9. 2008, Lernen und Weiterbildung
Briefe und Emails erreichen uns jeden Tag in Hülle und Fülle. Die meisten Verfasser richten sich dabei inzwischen nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung. Schwierigkeiten scheint allerdings die Regel zur Schreibweise des „ß“ zu bereiten. Dieser Buchstabe ist nämlich im deutschsprachigen Raum außer in der Schweiz und Liechtenstein nicht durch das Sieb der Rechtschreibreform gefallen.
Staudt, Dörte: Der Duft von Orangenblüten. Rafik Schami. rundschau-online.de (Kölnische Rundschau), 23. 9. 2008
Der gebürtige Syrer und Buchautor Rafik Schami kam zum zweiten Mal nach Sankt Augustin. […] Voller Witz und Selbstironie verbindet und vergleicht Rafik Schami Welten: die Eigenheiten der arabischen Schrift mit der jüngsten Rechtschreibreform in Deutschland zum Beispiel, die er beide mit dem durch Abstand geschärften Blick eines Gastes ins Visier nimmt.
RPO:
FDP fordert Entmachtung der
Kultusministerkonferenz. Kritik an Unterrichtsausfall.
rp-online.de (Rheinische Post), 22. 9. 2008
"Ich kann nicht akzeptieren, wie geringschätzig und stiefmütterlich Bildungspolitik bisher behandelt wurde", sagte
Westerwelle der "Mittelbayerischen Zeitung". Da arbeite sich eine Kultusministerkonferenz anderthalb Jahrzehnte an der "intellektuell so erhebenden Frage" ab, ob man nach der Rechtschreibreform Schifffahrt mit zwei oder mit drei f schreibt. Das sei eine völlige Verkennung der Notwendigkeiten.
OTZ/-lz:
Lebenswelten im Versmaß.
Reiner Kunze fasziniert seine Zuhörer mit seinem jüngsten Gedichtband "lindennacht".
Ostthüringer Zeitung, 19. 9. 2008
[…] bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen, in dem sich der Sprachwahrer und Gegner der Rechtschreibreform offenbart - "die sprache hat den mund zu halten, ....wenn barbaren sie verwalten"- erzählt Kunze in unnachahmlicher Weise.
Füller, Christian: Gewandelter General. die tageszeitung, 17. 9. 2008
Dann wurde der
KMK wegen der Rechtschreibreform gleich komplett das Lebensrecht abgesprochen - und das aus den Reihen der Union.
Der alte Mann spricht mit seiner Seele. Mitteldeutscher Rundfunk, Radio, MDR Figaro, 13. 9. 2008, 19:05 Uhr, Essay
Günter Kunert liest aus seinen Reflexionen über das Alter. […] Bis heute kämpft Kunert gegen die Rechtschreibreform, die er für unsinnig hält.
Für freie Kommunikation und gegen Werbeverbote. Publizistische Verantwortung soll stärker wahrgenommen werden. persoenlich.com, 11. 9. 2008, Medien
An der Mitgliederversammlung des Verbandes Schweizer Presse […] beschlossen die Mitglieder eine Umbenennung des bisherigen "Departements Ethik" in "Departement Publizistik". […] Schliesslich unterstützte der Verband - wie zuvor schon die Konferenz der Chefredaktoren - die Empfehlungen der
Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) zur Rechtschreibung in Presse und Literatur. Die SOK wurde von Sprachwissenschaftern und Praktikern der Presse und der Verlage gegründet, um die von der Rechtschreibreform beeinträchtigte Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur der Schweiz wiederherzustellen.
Thomas, Gina: Update. 2b or not 2b: Die britischen Rechtschreibreformer würden gern so einfach schreiben, wie sie sprechen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 9. 2008, nr. 213, s. 40, Feuilleton (495 wörter)
Kinder haben es schwer. Englischsprachige Kinder haben es noch schwerer. So jedenfalls sieht es die sich für eine vereinfachte Rechtschreibung einsetzende
Spelling Society. Sie feiert in dieser Woche ihr hundertjähriges Bestehen mit einem neuen Vorstoß gegen die Ungereimtheiten der traditionellen englischen Orthographie, die vor allem daher rühren, dass Aussprache und Schreibweise weit stärker voneinander abweichen als in anderen europäischen Sprachen. […] Die Spelling Society hat sich zwar nicht offiziell durchgesetzt, doch sickern ihre Vorstellung bis zu den Prüfungsbehörden durch, die Rechtschreibfehler kaum noch bestrafen, mit der Folge, dass die Orthographie bei jüngeren Briten deutlich nachlässt.
Anz, Thomas: Proczeßss. Kafkas Titel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 9. 2008, nr. 212, s. N3, Natur und Wissenschaft, Geisteswissenschaften
Was dem Laien irrwitzig erscheinen mag, hat professionelle Methode. Dem Editionsphilologen ist in theologischer Tradition jedes Schriftzeichen heilig, mitunter heiliger als dem Autor selbst. […] Autoren sind bei aller Eigenwilligkeit ihren Verlagen und Lesern gegenüber meist kompromissbereiter als ihre Editoren. Bei allem Respekt vor den wissenschaftlichen Leistungen der Kafka-Philologie lautet mein Plädoyer darum: Schreiben wir wie Wagenbach, wenn wir den alten Rechtschreiberegeln folgen, "Der Prozeß", wenn wir uns an den neuen orientieren, jedoch "Der Prozess". Alles andere ist philologischer Manierismus und nur in spezialisierten Forschungszusammenhängen sinnvoll.
Eder, Angelika: Garant für guten Führungsstil. Dr. Egon Christ neuer Präsident des Wiesbadener Verwaltungsgerichts. Wiesbadener Tagblatt, 10. 9. 2008, Wiesbaden
Der Staatsminister bezeichnete das Wiesbadener Verwaltungsgericht als eines der leistungsfähigsten […]. Als "Hauptstadt"-Gericht sei es insbesondere mit rechtlich und tatsächlich bedeutsamen Verfahren betraut, die die Öffentlichkeit bewegten. Als Beispiel nannte Banzer die erstinstanzliche Entscheidung der 6.Kammer des Verwaltungsgerichtes im Jahr 1997, die dem Land Hessen auf dem Wege der einstweiligen Verfügung die Einführung der Rechtschreibreform untersagte.
Westerwelle wirft der Deutschen Bahn "unverschämtes Abkassieren" vor.
Deutschlandradio Kultur, dradio.de, 6. 9. 2008, 13:04 Uhr, sendung: Tacheles
Guido Westerwelle: […] Wir haben eine
Kultusministerkonferenz, die ja eine der mächtigsten Bildungsinstitutionen der Republik ist. […] Die hat ja die letzten Jahre Deutschland mit der erhebenden Fragen beschäftigt, ob man nach der Rechtschreibreform Schifffahrt mit zwei oder drei "f" schreibt. Eine solche Kultusministerkonferenz, die sich daran abarbeitet, aber die Schicksalsfragen der Kinder vernachlässigt, gehört aufgelöst […].
ek: Eine Erziehung ohne Super-Nanny. Der Präsident des Lehrerverbandes empfiehlt Eltern “Mut zur Autorität”. Freies Wort, 4. 9. 2008, Thüringen
Kraus hat sich als Kritiker der Rechtschreibreform hervorgetan und den so genannten Pisa-Schock verarbeitet, indem er ein Buch über den „Pisa-Schwindel“ schrieb.
Pfiffner, Lukas: Brosmete. Was ich genauso gerne hätte. St. Galler Tagblatt, 2. 9. 2008, Appenzellerland
Für Verienträume, tatsächlich mit V geschrieben, wirbt orange auf gelb der Katalog, den ich am Wochenende meinem Briefkasten entnahm. Hat das Korrektorat des Herstellers gepfuscht? Oder ist die nächste flächendeckende Rechtschreibereform bereits umgesetzt? Beides nicht, wie im Vögele-Prospekt erklärt wird: «Wir schreiben Ferien seit 20 Jahren mit V, wie Vertrauen und Verlässlichkeit». Aha, alles klar.
Halter, Martin: Das letzte Wort: Gähnende Leerzeichen. Halters Sprachkritik. Badische Zeitung (badische-zeitung.de), 30. 8. 2008, Meinung
Gerade erst haben die Österreicher im Zuge der Rechtschreibreform ihren Sonderweg bei den Straßennamen aufgegeben: Auch in Wien heißt der Johann Strauß-Weg in Zukunft Franz-Josef-Strauß-Straße.
Burmeister, Jens: Muttersprache Denglisch. Ostsee-Zeitung, 29. 8. 2008, Blickpunkt
Selbst Politiker geben immer häufiger Sprechblasen von sich, die eigentlich nichts aussagen. Verstärkt wird dieser Trend durch immer kürzer werdende Nachrichten-Schnipsel im Fernsehen, wild wuchernde SMS-Botschaften, eine comicartige Chat-Sprache im Internet, den Rückgang des Bücherlesens und die verwirrende Rechtschreibreform. Fast 80 Prozent aller Deutschen wissen heute nicht, wie sie bestimmte Wörter schreiben müssen. Mehr als die Hälfte ignoriert die Reform einfach.
Rechne: Wer die reform einfach ignoriert, weiss ja wohl, wie er schreiben muss. Das sind mehr als 50 prozent. Wer sind denn die 80 prozent aller deutschen, die nicht wissen, wie sie schreiben müssen?
Rüther, Tobias: Der unsichere Kantonist. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 8. 2008, nr. 199, s. 37, Feuilleton
Wenn die Schweiz ein kommunistisches Weltreich wäre: Heute beginnen wir mit dem Vorabdruck von Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten". […] Im neuen Roman […] benutzt er die Schweizer Rechtschreibung.
Groß, Thomas: Zwei Pizzen! Oder Pizzas? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. 8. 2008, nr. 194, s. 9, Deutschland und die Welt
Linguisten geben nicht viel auf strikte Richtig-Falsch-Unterscheidungen. Sie seien zwar bei der Orthographie unabdingbar, sagt Bruno Strecker vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (IDS). Für die Grammatik gelte das aber weniger.
Eckes, Birgit: Nicht geliebt, aber angekommen. Kölnische Rundschau, 18. 8. 2008, Interview
Dr. Matthias Wermke ist Leiter der Duden-Redaktion. Mit ihm sprach Birgit Eckes über die Bilanz nach zehn Jahren Rechtschreibreform. […] Die neue Rechtschreibung wird zwar nicht geliebt. Aber sie ist im Alltag angekommen, trotz aller Unkenrufe. Mittlerweile wird sie in den meisten Publikationen verwendet, sogar in der FAZ. Und eine ganze Schülergeneration hat sie auch schon durchlaufen. […] Es ist eine alte Erfahrung der Duden-Sprachberatung, dass die Ratsuchenden nicht von uns wissen wollen, wie sie ein Wort schreiben können, sondern wie sie es schreiben sollen . . . Sie suchen nach eineindeutigen Regeln. Varianten entsprechen diesem Bedürfnis einfach nicht. […] Vielleicht haben sie (die Reformatoren) das Sicherheitsbedürfnis der Schreibenden unterschätzt.
Wie sagte doch Joachim C. Fest?
Weinzierl, Ulrich: Verwirrungen des Zöglings Heller. Welt Online, 16. 8. 2008
[…] André Hellers Erzählung "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein." […] Für künftige Auflagen sei dem löblichen Lektorat, falls vorhanden, mitgeteilt: Ungeachtet der Verheerungen der Rechtschreibreform heißt es nach wie vor "Triptychon", nicht "Tryptichon".
dsw:
75. Geburtstag
Reiner Kunzes: einzigartiges Sprachbewußtsein gewürdigt.
Deutsche Sprachwelt, 15. 8. 2008, Pressemitteilung
Später kämpfte er gegen die staatlich verordnete Rechtschreibreform. Er schrieb eine Streitschrift über die von der Reform bedrohte „Aura der Wörter“ und verspottete in Versen die „hohen staatsgewalten“, die sich für den Vormund der Sprache hielten. Wenn „barbaren sie verwalten“, habe diese „den mund zu halten“. […] Die Leser der Deutschen Sprachwelt (DSW) wählten Kunze zum „Sprachwahrer des Jahres 2002“.
Vogler, Ulf:
Reiner Kunze wird 75.
suedkurier.de, 15. 8. 2008, Literaturreportage
Im vergangenen Jahrzehnt ist er immer wieder gegen die Rechtschreibreform auf die Barrikaden gegangen. Auch nach der mittlerweile beschlossenen Reform der Reform kann Kunze der neuen amtlichen Schreibung nichts abgewinnen. «Es ist ein Chaos», sagt er. «Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidenszeit haben.»
Alle leidenden dieser welt haben unser mitgefühl! Wir sind allerdings der meinung, dass eine sprache nicht leiden kann, und schon gar nicht wegen der rechtschreibung.
Hirsch, Wolfgang: Der Wahrheit, Schönheit. Thüringische Landeszeitung, 15. 8. 2008
Auch im Westen ließ
Kunze sich nicht vereinnahmen. "Sie wollen nicht deinen Flug, sie wollen/ die Federn" sträubte er sich gegen die Mechanismen des Literaturbetriebs. Er beharrt auf und verharrt in der Sprache; vehement wehrte er sich gegen die Rechtschreibreform.
Von den mechanismen der «Empörungs-Kampagne» (Basler Zeitung) in sachen rechtschreibung liess er sich leider stark vereinnahmen.
Wiarda, Jan-Martin: Dummer s-Laut. Sprachschützer klagen die Rechtschreibreform an; doch die Belege sind schwach. Die Zeit, 14. 8. 2008, nr. 34, s. 65 (390 wörter)
Zwar sind die Unzulänglichkeiten der Rechtschreibreform unübersehbar, doch die von der
FDS vorgelegten Zahlen und deren Interpretation beweisen eigentlich nur eines: wie leicht wissenschaftliche Objektivität dem Wunsch, recht zu haben, zum Opfer fallen kann. […] Und was ist mit der Feststellung der Studie, gerade in den Bereichen, wo die Rechtschreibreform eingegriffen habe, sei die Fehlerhäufigkeit noch dramatischer angestiegen? Auch sie sagt nichts anderes aus, als dass es sich offenbar um besondere Stolpersteine handelt – die die Rechtschreibreformer ja gerade beseitigen wollten. Ob ihnen das gelungen ist oder nicht, ob heutige Schüler also ohne die Veränderungen besser oder womöglich noch mieser abschneiden würden, kann keiner mit Sicherheit sagen.
Jetzt gilt's. Rundschau Online, Oberösterreichische Rundschau, 13. 8. 2008, Magazin, Glosse
Anders als bei der Erstversion der Reform wird nun wieder mehr zusammengeschrieben. […] Wegen dieser und manch weiterer Finessen hat sich der
Rat für die deutsche Rechtschreibung jahrelang redlich abgemüht. Jetzt sind die honorigen Herrschaften am Ziel. Um sich dieses schöne Gefühl zu bewahren, sollten sie allerdings dringend vermeiden, SMS und E-Mails zu lesen.
neu Reichenbach, Hermann: Rechtschreibreform und kein Ende. Münchner Merkur (merkur-online.de), 11. 8. 2008, Leserbriefe
Wer fragt überhaupt, wem dieses seltsame Reformunternehmen nützt? Dazu gibt es eine klare Antwort: auf dem Buchmarkt den Konkurrenten des Duden-Verlages des Bibliographischen Instituts Mannheim / Wien / Zürich!
Wagener, Björn: Das kennt man ja. Björn Wagener zu den Diskussionen zum Thema Rauchen in Gaststätten. Märkische Allgemeine, 5. 8. 2008, Lokales, Ostprignitz-Ruppin
Am Ende herrscht nur noch das Chaos. Aber Moment mal, das kennen wir doch irgendwoher. Genau: von der Rechtschreibreform. Da war es ganz genauso: heiße Diskussionen, Übergangsregelungen. Alles sollte anders und viel besser werden, aber dann doch lieber nur ein bisschen oder – na ja, vielleicht noch mal überlegen ... Bis die ganze Sache von der Bildfläche verschwand. Seitdem schreibt jeder wie er will […]. Die Deutschen sind wohl das einzige Volk, das mit seiner eigenen Sprache nicht zurechtkommt.
nik/AFP: Reformer sind erschöpft. Südkurier, 5. 8. 2008, Politik
Niemand werde Energie und Mut aufbringen, diese Reform noch einmal anzupacken, sagt Verbandschef
Josef Kraus. Wer da noch Diskussionsbedarf habe, werde verständnislos angesehen, heißt es. Das Thema habe sich zumindest in der Schule "wahrscheinlich für eine ganze Generation erledigt."
Wir haben noch diskussionsbedarf. Und wir haben auch schon mehr als eine generation gewartet.
Arzberger, Karin, und Hauft, Uta: Reform, reformiert. kurier.at, 3. 8. 2008
Würde Herr
Duden im Grab rotieren? Weil exakt 97 Jahre nach seinem Tod heute in Österreich die neue Rechtschreibung in Kraft tritt? Wohl kaum. […] Lassen wir den Duden ruhen, fix ist, dass ab sofort neue Schreibregeln gelten.
Schulte, Bettina: Geschichte eines Scheiterns. Badische Zeitung (badische-zeitung.de), 1. 8. 2008, Leitartikel
Kein anderes Gesetzesvorhaben in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte war so umstritten wie die Rechtschreibreform.
Duden, der Rechtschreib-Papst.
Focus Online (focus.de),
Freitag, 1. 8. 2008,
Wissen
Die Dudenredaktion, so ihr Leiter,Dr. Matthias Wermke, „bleibt dem Anliegen Konrad Dudens nach einer einfachen, einheitlichen und für jedermann leicht anwendbaren deutschen Rechtschreibung verpflichtet.”
Kaiser mit "ei"? Vor 10 Jahren: Deutsche Rechtschreibreform tritt in Kraft. Westdeutscher Rundfunk, WDR 2, 1. 8. 2008, sendung Stichtag
Aus den hehren Plänen der
"Kommission für Rechtschreibfragen" wird trotzdem nicht viel. Die Aufbruchstimmung und der Wunsch nach Chancengleichheit in den frühen siebziger Jahre hat in den Neunzigern längst einem eher traditionellen Sprachgefühl Platz gemacht.
Engel, Esteban: »ss« und »ß« machen immer noch Probleme. gea.de, Reutlinger General-Anzeiger, 1. 8. 2008
Nach einer Untersuchung der
Forschungsgruppe Deutsche Sprache, der einige Reformgegner angehören, haben die neuen Regeln das korrekte Schreiben an Schulen nicht erleichtert - im Gegenteil. […] Vor allem die Verwendung von Doppel-S und »ß« löse bei vielen Schülern noch Kopfzerbrechen aus. Die Gegner blicken hoffnungsvoll in die Schweiz, wo die
Orthographische (oder Orthografische) Konferenz eine Reform der Reform anstrebt.
Aber zu fest dürfen die gegner auch nicht in die Schweiz blicken, sonst sehen sie, wie bei uns das gelöst ist, was ihnen «vor allem Kopfzerbrechen auslöst».
Schmachthagen, Peter: Mer Feler wegen Rechtschreibrevorm? Zehn Jahre danach: Lasst es endlich gut sein! Hamburger Abendblatt, 1. 8. 2008, Aus aller Welt
[…] fragwürdige Untersuchungen, nach denen die Rechtschreibfehler in Abituraufsätzen um 120 Prozent zugenommen haben. Das mag ja sein, die Frage bleibt nur, ob die Rechtschreibreform daran schuld ist und wie die Aufsätze nach alter Norm ausgesehen hätten. Um hier einen Vergleich ziehen zu können, hätten wir eine Kontrollgruppe zehn Jahre lang nach alter Rechtschreibung unterrichten und von der Reform abschirmen, sie andererseits aber der stetig zunehmenden Lese- und Schreibfeindlichkeit, dem Internet, dem Fernsehen, den PC-Spielen, der Handy-Sprache und den leistungsfremden Lehrplänen aussetzen müssen.
Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zur Rechtschreibreform. presseportal.de, 1. 8. 2008, ots
Während Ältere, die Sprache als hohen Wert ansehen, auf Korrektheit bei Rechtschreibung und Formulierungen achten, bekommen sie im Gegenzug Briefe von ihren Enkeln, die von großer sprachlicher Gleichgültigkeit zeugen. Ohnehin möchten viele Jugendliche am liebsten nur noch SMS schreiben, auf dem Handy regiert der Abkürzungswahn.
Der übliche kulturpessimismus, den wir schon von den alten griechen kennen. Ausser dem mit den sms natürlich. Aber hatte nicht mal die stenografie den gleichen zweck wie der abkürzungswahn? Als wahn wurde das damals nicht bezeichnet.
APA/ih: Der "Ketschup" wird Dir noch "leidtun". Vieles wurde zurückkorrigiert: Die wichtigsten Änderungen der Reform. Der Standard, 1. 8. 2008
Bei feststehenden Begriffen wie Blauer Brief, Gelbe Karte oder Heilige Vater (der auch in der ersten Reform groß belassen worden war) soll wieder dem allgemeinen Schreibgebrauch folgen und großgeschrieben werden.
Zurückkorrigiert? Reformiert! Siehe kommentare zu Bündner Tagblatt, 31. 7. 2006 und Die Welt, 1. 8. 2007.
Hager, Isabella: Die Diktatur beim Diktat. Ende der Toleranzphase; nach über zehn Jahren Reform-Streit gilt ab heute in Österreich verbindlich die neue Rechtschreibung. Der Standard, 1. 8. 2008
Das Kreuz mit der aktuellen Rechtschreibreform analysiert Standard-Korrektor Markus Tinhof: "Der große Wurf ist an Kleingeisterei gescheitert." Zu viele Vetos und Abänderungen hätten die Entwürfe zerstört. Die anfangs angedachte generelle Kleinschreibung konnte nicht umgesetzt werden, in mehreren kleinen Schritten wurde immer wieder zurückkorrigiert. "Grundsätzlich war die Reform dringend notwendig", sagt Tinhof, "um nicht in einen Notstand zu kommen, wie es im Englischen und Französischen der Fall ist", wo zwischen der gesprochenen und der Schriftsprache eine große Lücke klafft. Nach Tinhof hätte die Reform aber "wesentlich radikaler" durchgesetzt werden müssen. Dafür ist es nun zu spät.
Es ist nie zu spät.