Nachgeführt 3. 6. 2011, 21. 2. 2011
Steinbrecht, Wolfgang: Resignation der Lehrer in Sachen Rechtschreibung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. 4. 2009, nr. 100, s. 35, Briefe an die Herausgeber (319 wörter)
Dass die Lehrer im Titel des Aufsatzes als Hauptschuldige der Schäden der Rechtschreibreform herausgestellt werden, ist ungerecht. Es gab sicherlich Verirrte und Überzeugungstäter unter ihnen. Aber überwiegend waren "die" Lehrer genauso Opfer der Reform wie der Rest der Bevölkerung. Dummerweise sind Lehrer weisungsgebunden, was den Eindruck hervorrufen könnte, sie täten das alles aus Überzeugung. In der Anpassung an vorgeschriebene - oder als vorgeschrieben vermutete - Normen taten und tun sie jedoch nichts anderes als F.A.Z.-Redakteure, die "im Übrigen" oder "des Weiteren" schreiben.
Polizeinachwuchs scheitert am Diktat. tt.com, 30. 4. 2009
Die Tiroler Polizei ist derzeit wieder auf Suche nach Nachwuchs. […] Von denen, die bereits zum ersten Aufnahmeteil angetreten sind, ist die Hälfte aber am schriftlichen Deutschtest gescheitert, konnte die Hürden Rechtschreibung und Grammatik (Das- und Dass-Schreibung, Satzstellung...) nicht nehmen, bestätigt der Aufnahme-Fachbereichsleiter Anton Brida. Ein Wert, der nicht nur für Tirol gilt: Wie die statistische Auswertung zeigt, gilt diese Ausfallquote auch für Restösterreich.
Heise, Katrin:
Klaus Reichert: Auf einmal waren sie alle "innere Emigranten". Akademie-Präsident über die Ausstellung "Doppelleben".
Deutschlandradio, dradio.de, 27. 4. 2009, Radiofeuilleton: Thema
Die
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung pflegt und fördert die deutsche Literatur und Sprache, hat sich vehement beispielsweise in die Debatte um die Rechtschreibreform eingemischt und vergibt unter anderem den renommierten Georg-Büchner-Preis. […] Jetzt, zum 60. Geburtstag, sollten die ersten Jahre, die literarischen Aufbruchsjahre der gerade gegründeten Bundesrepublik unter die Lupe genommen werden.
Ossner, Jakob:
Was ist, wie es ist.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 4. 2009, nr. 95, s. 9, Briefe an die Herausgeber (334 wörter)
Eisenberg stellt diejenigen, die er "Schulvertreter" nennt, als unvernünftige Manipulatoren an dem dar, "was ist, wie es ist". Aber die Rechtschreibung ist nicht naturwüchsig, wie sie Eisenberg propagiert, sondern ein kompliziertes Geflecht aus Regelmäßigkeiten, Konventionen und gesetzten Normen. Am Setzen neuer Normen hat sich Eisenberg selbst fleißig beteiligt.
Cancik-Kirschbaum, Eva: Ein machtvolles Instrument. In einem neuen Graduiertenkolleg erforschen Wissenschaftler der Freien Universität die nichtsprachlichen Aspekte von Schrift. Tagesspiegel, 18. 4. 2009, Sonderthemen
Schrift ist eine junge Erfindung. Erst seit 5300 Jahren verwendet der Mensch sie in größerem Umfang. […] Die Fähigkeit, Schrift umfassend zu nutzen, also lesen und schreiben zu können, ist auch heute keineswegs selbstverständlich. Es handelt sich schließlich nicht um eine angeborene Fähigkeit, sondern um eine erworbene. Sie zu erlernen ist nicht einfach. Bewusst wird dies typischerweise dann, wenn die Fähigkeit zu schreiben unzureichend oder gar nicht ausgebildet ist oder wenn ihre Bedingungen infrage gestellt werden: Die weltweiten Bemühungen um die Steigerung des Alphabetisierungsgrades, die Orthographie-Reform, die Ergebnisse von PISA-Studien, die Entstehung digitaler Schrifträume und das immer wieder postulierte Ende der Gutenberg-Galaxis machen die Bedeutung von Schrift und Schriftlichkeit für viele moderne Gesellschaften offenkundig. Dabei wird deutlich: Schrift ist nicht nur eine komplexe Kulturtechnik, sie bedarf auch eines hohen Maßes an gesellschaftlichem Konsens.
Eisenberg, Peter:
Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 4. 2009, nr. 89, s. 33, Feuilleton (1283 wörter)
Vor gut fünf Jahren hat die
Ständige Konferenz der Kultusminister den
Rat für deutsche Rechtschreibung ins Leben gerufen. […] Trotz aller Rechtschreibfrustration verliert die Frage, wer die orthographische Norm künftig wie bearbeitet und entwickelt, nichts von ihrer Tragweite.
Einheitlichkeit der Schreibung bleibt das stärkste Band im vielfältig gegliederten deutschen Sprachgebiet. Auch nimmt seine Bedeutung eher zu als ab. […] Der Rat sollte die Kastanien aus dem Feuer holen - und wider alle Erwartung tat er das. […] Drei Hauptgründe ermöglichten den Erfolg. Der erste ist in der Person des Ratsvorsitzenden
Hans Zehetmair zu sehen. […] Mehrfach hatte sich der Rat unter Mühen auf seine eigentliche Aufgabe zu besinnen. Die orthographische Norm entsprechend dem allgemeinen Schreibgebrauch zu erfassen und zu entwickeln ist etwas anderes, als sie den Bedürfnissen bestimmter Institutionen anzupassen. Um es ganz einfach zu sagen: Die Orthographie ist weder dazu gemacht, dass man mit ihr erfolgreich Wörterbuchverlage betreibt, noch dazu, in der Schule gelehrt zu werden. Sie ist, wie sie ist. […] Jede noch so gutwillige, gutgemeinte Manipulation am Gegenstand hat zu unterbleiben.
Es ist interessant, dass ein sprachwissenschafter ein laiengremium mit einem laienvorsitzenden preist. –
Einheitlichkeit der schreibung ist nicht das oberste ziel. Das war es vorher nicht, und der rat hat es auch nicht erreicht. Die ortografie ist nicht, wie sie ist; sie ist eine junge menschliche schöpfung (sie ist im gegensatz zur sprache eben «gemacht»), die gemäss dem ursprünglichen konzept gepflegt werden muss. Sie ist unter anderem auch dafür gemacht, gelernt zu werden.
neu Winkler, Gerhard: „amm“ statt „äää“. Münchner Merkur (merkur-online.de), 17. 4. 2009, Leserbriefe
Wer aber kümmert sich um das gute alte „ä“? Wer aufmerksam Rundfunk und Fernsehen verfolgt wird teglich feststellen können, dass es von Presidenten, Bewehrungsproben […] und sonstigem Keese nur so wimmelt. […] Nachdem anlesslich der Rechtschreibreform aus der Gemse eine Gämse wurde, könnte sich der Verein Deutsche Sprache auch mal darum bemühen, dass „Gämse“ nicht nur so geschrieben wird […].
Frenzel, Mira: Goethes Kampf ums Komma. Hamburger Abendblatt, 16. 4. 2009, Harburg
Die vielen Kniffe und Verschmitztheiten der deutschen Rechtschreibung waren schon sehr lange vor der 1998 in Kraft getretenen Rechtschreibreform ein Reizthema. […] An einem Sommerabend im Jahr 1822, soll sich im Hause Goethes folgender Monolog zugetragen haben: Über seinen Umgang mit der Rechtschreibung erklärte der Dichterfürst: "Ich halte sie - die Rechtschreibung - mir nach Möglichkeit vom Halse. Und mache, wenn man streng sein will in jeden Brief Schreibfehler und vermeide vor allem die Kommata!" […] Dann fuhr Goethe fort: "Mein Gewissen beruhige ich in dieser Angelegenheit mit einer Erkenntnis des verehrten Christoph Martin Wieland (Zeitgenosse Goethes, Dichter der Aufklärung): 'Religion und Interpunktion sind Privatsache'".
neu Schmachthagen, Peter: Hamburger sprechen ein gediegenes Deutsch. Hamburger Abendblatt, 11. 4. 2009, Hamburg
Glücklicherweise hat weder die Kultusministerkonferenz noch der Rat für deutsche Rechtschreibung die plattdeutsche Orthografie verschlimmbessern dürfen wie bei der hochdeutschen Rechtschreibreform. Doch auch auf Platt muss sich die Redaktion an gewisse Normen halten. Das Germanische Seminar der Universität Hamburg hat seit 1917 fast eine Million Belege für hamburgische Ausdrücke gesammelt und seit 1956 in 30 Lieferungen publiziert. Schreibweise und Aussprache werden dort mithilfe diakritischer Zeichen dargestellt, was für den Laien ein wenig unübersichtlich ist. Wir benutzen deshalb nach Möglichkeit die Schreibweise nach Johannes Sass, die auch Hartmut Cyriacks und Peter Nissen übernommen haben. Ein Beispiel: Ein langer Vokal wird in offener Silbe einfach geschrieben (sno-pen = naschen), in geschlossener Silbe, also in einer durch einen Konsonanten beendeter Silbe, jedoch verdoppelt: Snoop-kraam = Naschzeug.
Harder, Lydia: Mister Duden. Als Kind las er Grammatiken statt Comics: Wie ein Autodidakt Rechtschreibprofi wurde. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. 4. 2009, nr. 77, s. 9, Deutschland und die Welt
Christian Stang, 34 Jahre alt, Halbglatze und Silberblick, sieht sich selbst als Rechtschreibpapst. Schon an 20 Orthographiebüchern hat er mitgeschrieben. […] 1996 wurde die Rechtschreibung reformiert, Stang freute sich. Endlich sollte alles einfacher werden, allen verständlich. Stang verfasste eine Broschüre über die orthographischen Neuregelungen, sie wurde in allen Postfilialen des Landes verteilt.