Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)presseartikel → bis 29. 8. 2009

Aus der presse

Nachgeführt 27. 1. 2012, 3. 6. 2011


29. 8. 2009

Crosina, Eduard: «Wie viel Harmonie erträgt die Schule?» (III). Neue Zürcher Zeitung, 230. jg., 29. 8. 2009, nr. 199, s. 9, Briefe an die NZZ

Gerade das Schulwesen gibt uns genügend Beispiele dafür, dass es oft klüger ist, das Rad zurückzudrehen, als an etwas festzuhalten, das sich nicht bewährt hat. […] Und wie steht es mit der grossen Orthographiereform, diesem «Jahrhundertwerk»? Jeder Verlag hat sich seither bemüssigt gefühlt, das Reformrädchen wieder nach eigenem Gusto zurückzudrehen - die einen schneller, die anderen weniger.

26. 8. 2009

Hundt, Marcus: Unvergleichlicher Besserwisser. Über jeden Zweifel erhaben: Die 25. Auflage des Duden. pragerzeitung.cz, 26. 8. 2009, Bildung & Karriere

Die Regeln, die der Namensgeber im 19. Jahrhundert aufstellte, galten weitgehend noch bis zur deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. In keinem anderen europäischen Sprachraum richteten sich die Menschen nach derart alten orthografischen Regeln. Dem „Einheitsduden“, der das rund vier Jahrzehnte währende Nebeneinander einer ost- und einer westdeutschen Ausgabe beendete, folgte 1996 die notwendige Reform.

25. 8. 2009

na/ddp: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung besteht seit 60 Jahren. news-adhoc.com, 25. 8. 2009, Unterhaltung

«Wir versuchen in der Diskussion um die Rechtschreibreform, die schlimmsten Dinge zu verhindern», sagt der Präsident der Akademie, Klaus Reichert, zur Auseinandersetzung um die Reform von 1996. Ob «wohl bekannt» zusammen oder getrennt geschrieben wird, ob in «tut mir leid» leid mit großem oder kleinem l beginnen soll: Für Reichert sind das keine Petitessen, sondern «Eingriffe in die Wortbedeutung» – und damit in die Sprache, mit der in den Worten Adolf Grimmes «ein Volk lebt und stirbt, blüht und verdorrt».

20. 8. 2009

Schibli, Sigfried: Vom Pinguin zum Punkt. Basler Zeitung, 20. 8. 2009, s. kmgab2

Das Sinfonieorchester Basel hat ein neues Signet. […] Die noblen Majuskeln im Schriftzug des alten Logos sind konsequenter Kleinschreibung («sinfonieorchester basel») gewichen […]. Ein ungeschriebenes Gesetz verlangt heute, dass alles und jedes eine Marke ist, ein Label hat und sich schon sprachlich von der Konkurrenz abhebt. So schreibt sich das Kammerorchester Basel absurderweise «kammerorchesterbasel», und auch die «basel sinfonietta» huldigt der radikalen Kleinschreibung. Übrigens hat auch die Allgemeine Musikgesellschaft Basel ein neues, elegant geschwungenes Schrift-Logo in – erraten! – radikaler Kleinschreibung.

19. 8. 2009

Walter, Hanspeter: gross und KLEIN. Südkurier (suedkurier.de), 19. 8. 2009, Überlingen (99 wörter)

HaBEN sie sich auch schon mal geWUNdert, dass viele kreative Sprach- und WortSCHÖPFer sich imMER häuFIGer von VERSal eingestREUTen GROSSbuchstaben ganz alLEINstellende eigenNAMen und AufMERKsamkeit verSPRECHen? […] Auch die GROSS- und Kleinschreibung ist zwar mit der RECHTschreibreFORM mEHRfach hin- und HER geDREHt worden.

18. 8. 2009

Schütte, Christoph: Wechselspiel der Formen. Zu wenig: "Positionen Konkreter Kunst heute" im Landesmuseum Mainz. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 8. 2009, nr. 190, s. 39, Rhein-Main-Zeitung

Am Anfang war die Abgrenzung. Schließlich haben es die der Zukunft zugewandten Avantgarden noch stets als ausgemacht betrachtet, sich von allem bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Dagewesenen erst einmal zu unterscheiden. […] Dabei ist es im Kern geblieben, auch wenn sich die inzwischen meist unter dem Doppelbegriff "konstruktiv-konkret" firmierende Kunst heute, mehr noch als zu ihren Anfängen, durch eine immense Vielfalt der Medien, Stile und Temperamente auszeichnet und spätestens seit Max Bill in Texten, Titeln und Manifesten die konsequente Kleinschreibung dominiert.

Heine, Matthias: Unserer Sprache geht es ganz hervorragend. Welt Online, 18. 8. 2009, Kultur

Viele beklagen den Verfall unserer Sprache und verweisen auf Jugendwörter, Szenesprache und die verunglückte Rechtschreibreform. […] Ganz anders sehen es die Wissenschaftler. Die neueste Ausgabe ihres Fachblattes "Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes" stellt schon im Titel die Diagnose: "Name: Deutsch, Alter: 1200, Befund: gesund!" Darin warnt André Meinunger vor allem davor, aus den im Einzelnen durchaus lächerlichen Entgleisungen der Gegenwartssprache gleich auf deren "Tod" zu schließen […].

17. 8. 2009

Saxer, Sibylle: Das Ziel bleibt: fehlerlos schreiben. Schulanfang: Ab heute gilt in den Schulen definitiv nur noch die neue Rechtschreibung. Zürichsee-Zeitung, ausgabe bezirk Horgen, 17. 8. 2009, s. 5 (784 wörter)

«Ich habe andere Probleme als die Notenrelevanz der neuen Rechtschreibung – ich bin froh, wenn meine Schüler ‹wir› ohne ‹h› schreiben und ‹war› von ‹wahr› unterscheiden können», sagt Thomas Fausch, der in Oberrieden Sek B/C unterrichtet. […] Wenn seine Schüler nur bei den Neuregelungen Fehler machten – beispielsweise «Stengel» anstatt neu «Stängel» schreiben –[,] hätten sie trotzdem gute Noten. […] Persönlich findet Thomas Fausch es «unangebracht», wenn «Spaghetti» neu «Spagetti» geschrieben werden sollte. […] «Die Schüler dürfen bei mir weiterhin ‹Spaghetti› schreiben. Ich finde es fragwürdig, wenn wir in der mehrsprachigen Schweiz Fremdwörter phonetisch schreiben. Es geht doch nicht, dass ich den Schülern im Deutschunterricht beibringe, man schreibe ‹Portmonee› und im Französischunterricht ‹portemonnaie›.»

Es geht doch: Möbel (mit grossem M) gegen meuble, Affäre gegen affaire, Republik gegen repubblica.

16. 8. 2009

Bohn, Beatrix: Mit Abwrackprämie. Der neue Duden. borkenerzeitung.de, 16. 8. 2009, Kultur

Aber wo ist die rote Farbe geblieben? Die gibts nicht mehr. Bislang wurden durch die Rechtschreibreform veränderte Schreibungen rot markiert - aber nun, nach 13 Jahren „neuer“ Rechtschreibung, ist eine solche Heraushebung wahrlich nicht mehr nötig.

AK: Auswirkungen der Rechtschreibreform. wortlos-textagentur.de, 16. 8. 2009

Für viele ist es immer noch ungewohnt, statt „Schiffahrt“ nun „Schifffahrt“ und „Stopp“ statt „Stop“ zu schreiben. Besonders eingedeutschte Fremdwörter wie „Portmonee“ und „Frisör“ wirken grotesk und stoßen häufig auf Kritik. […] 79 % der Deutschen stimmten hingegen der folgenden Aussage zu: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden.“

Unsere aussage: Durch die rechtschreibreform weiss man, dass man bei vielen wörtern auch vorher nicht gewusst hat, wie sie richtig geschrieben werden. „Stopp“ und „Frisör“ sind alte, uralte rechtschreibung.

15. 8. 2009

Frei, Koni: Ein Berg hat eine Maus geboren. St. Galler Tagblatt, 15. 8. 2009, Briefe (248 wörter)

An der neuen Rechtschreibung kann ich mich nicht richtig erwärmen. Da werden unnötige Änderungen vorgenommen, aber was wichtig wäre, wird belassen. […] Wie einfacher würde das Schreiben gemacht, wenn man die Kleinschreibung einführen würde. Wie viele Lernstunden könnten für einen Schüler während der ganzen Schulzeit eingespart werden? Besonders in der heutigen Computerzeit sollte die Kleinschreibung selbstverständlich sein.

12. 8. 2009

dfr: Geht Reform zu wenig weit? Rechtschreibung: Letzter Schritt der umstrittenen Rechtschreibreform. Zürichsee-Zeitung, ausgabe bezirk Meilen, 12. 8. 2009, s. 1 (151 wörter)

Manche hoffen, dass nun etwas Ruhe in den jahrelangen Rechtschreibe-Wirrwarr einkehren wird. Andere sind unzufrieden mit der neuen Regelung. Rolf Bommeli, Schulsekretär von Stäfa, informiert, dass der Stäfner Oberstufe die Änderungen zu wenig weit gehen würden. «Sie hätte sich eine radikalere Reform gewünscht», sagt er auf Anfrage. Viele Rechtschreibfehler würden in der Gross- und Kleinschreibung passieren. Darum plädiert die Oberstufe Stäfa für eine konsequente Kleinschreibung analog dem Englischen. Rolf Bommeli meint: «Das wäre eine wirkliche Erleichterung gewesen.»

Fritzsche, Daniel: Die «Gemse» ist definitiv erlegt. Ab Montag gilt an den Schulen nur noch die neue Rechtschreibung. Zürichsee-Zeitung, ausgabe bezirk Meilen, 12. 8. 2009, s. 3, Zürichsee (741 wörter)

Die «Gemse» ist ab Schulbeginn von nächstem Montag definitiv erlegt. Schüler, welche die alpinen Paarhufer in Aufsätzen nicht mit «ä» schreiben, erhalten einen Fehlerpunkt. […] Corinne Hoss-Blatter, Schulpflegerin in Zollikon, weist darauf hin, dass alle Lehrmittel im Kanton Zürich seit mehreren Jahren in der neuen Rechtschreibung verfasst seien. Die parallele Verwendung beider Varianten, wie von der EDK ausdrücklich erlaubt, ist in Zollikon schon seit Längerem Vergangenheit. «Von einem Wirrwarr kann deshalb nicht die Rede sein», sagt Hoss-Blatter weiter.

10. 8. 2009

neu : Endlich wieder Eindeutigkeit und Einheitlichkeit. , , Forum
Die verschiedenen Hausorthographien der Zeitungs- und Buchverlage, die nur eine Auswahl der Neuschreibungen verwenden, zeigen deutlich, daß die Allgemeinheit keineswegs mit den für die Schulen verordneten Neuschreibungen einverstanden ist.

8. 8. 2009

Kaiser, Martin: Die Probleme in der Schule. Reform ist da – Schulen haben jedoch andere Probleme. Solothurner Tagblatt, 8. 8. 2009, s. 23 (913 wörter)

Die gut dreijährige Übergangsfrist ist abgelaufen; alte Rechtschreibung ist jetzt falsch, nur die neue ist richtig. Obschon die jüngste Rechtschreibereform immer Kritiker hatte und noch immer hat, schauen die Solothurner Schulbehörden und Lehrer dem Ganzen relativ gelassen entgegen. «Wir sind parat», sagt etwa Andreas Walter, Leiter des Amtes für Volksschulen und Kindergarten. Man habe sich lange genug auf die Umsetzung der Reform vorbereiten können – «für uns ist alles klar». […] Ähnlich pragmatisch sieht man die definitive Einführung der neuen Rechtschreibung an der Basis, bei den Solothurner Lehrerinnen und Lehrern. Mehr noch: Nicht die neue Rechtschreibung sei das Problem, heisst es, vielmehr hätten die Schülerinnen und Schüler teils grundsätzlich Mühe mit der Sprache.

Su.: Lob der Sprache. Unser wichtigstes Denk-Organ. St. Galler Tagblatt, 8. 8. 2009, nr. 182, s. 9, Focus

[…] in der Tat ist die neue Orthographie eine Quelle der Verunsicherung und wird es bleiben – Regelsicherheit und Unzweideutigkeit lassen sich als Folge der verunglückten Reform wohl auf längere Sicht nicht wieder herstellen.

Hanimann, Beda: Falsch ist jetzt richtig falsch. St. Galler Tagblatt, 8. 8. 2009, nr. 182, s. 9, Focus (797 wörter)

Tatsächlich scheint es, dass die Hausaufgaben gemacht wurden und man an den Schulen bereit ist für den Tag X, wie eine kleine Umfrage bei Lehrpersonen der Primar-, Sekundar- und Mittelschule ergab. «Es gibt keinen Donnerschlag», lacht der an der Primarschule Niederbüren tätige Urs Weber, «für die Kinder ändert sich nichts, für die Eltern vielleicht – und für mich als Lehrer ist das einfach ein Auftrag.» Für die Dritt- und Viertklässler seiner Stufe sei die Rechtschreibung ohnehin etwas Neues, sie kennten ja keine andere.

Reichlin, Bernadette: Sprache ist viel mehr als Orthografie. Zürichsee-Zeitung, 8. 8. 2009, s. 13, Obersee, Inland (761 wörter)

Die neue Sprachregelung ist nicht logisch. Nur: War es denn die alte? Hatte sie nicht einfach den eklatanten Vorteil, dass es 100 Jahre lang keine Sprachreform gegeben hat? Dass Generationen von Schülern gelernt haben, dass «st» nicht getrennt wird (Ko-sten), «sp» (Knos-pe) aber schon? Dass Zucker und Bäcker bei der Trennung je ein Doppel-k bekommen, dass «die andern» nur klein geschrieben wird, wenn das Subjekt bereits benannt worden ist?

Aha, die alten regeln («die andern») schon vergessen! Jedenfalls würde dieses problem durch die eigennamen­grossschreibung gelöst.

Bolduan, Viola: Ein Braten mit Kruste. Interview zur Neuübertragung von Grimmelshausens Barock-Roman "Simplicissimus". Main-Spitze, 8. 8. 2009, Wiesbaden

Am 17. August, dem Todestag des Barock-Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, wird in dessen Geburtsstadt Gelnhausen die Neuübertragung seines großen Romans "Simplicissimus Teutsch" durch Reinhard Kaiser erstmals vorgestellt. Literaturwissenschaftler Professor Heiner Boehncke hatte das Projekt aus der Taufe gehoben […]. Das Original war vor jeder Rechtschreibreform verfasst. Ist es auch deshalb nur schwer entschlüsselbar? [Boehncke:] Ja, es gab noch keine einheitliche Rechtschreibung, keine festen Regeln für die deutsche Schriftsprache, aber das betrifft von vielen Verständnisschwierigkeiten nur eine, wenn auch eine recht große. […] Übrigens ist die Übersetzung in der neuen Rechtschreibung erschienen. Sie soll ja bitteschön auch in den Schulen gelesen werden.

7. 8. 2009

Richard, Christine: Jubel-Duden. Basler Zeitung, 7. 8. 2009, s. 13, KulturMagazin, Bücher (253 wörter)

Drei Übergangsjahre blieben Lehrer «korrekturtolerant», ab sofort ist ein Schreibfehler «notenrelevant». Ausnahmen bestetigen die Rägel: SVP-Deutschlehrer Oskar Freysinger will seinen Rotstift in Zweifelsfällen weiterhin nicht einsetzen. Sogar also in Parteien, die sich bislang nicht durch ihre Korrekturtoleranz hervorgetan haben, verflüssigt sich Richtig und Falsch bis zur Notenirrelevanz.

Stolz, Fredi: Der neue Duden – alles schon dagewesen. St. Galler Tagblatt, 7. 8. 2009, nr. 181, s. 29, Briefe (228 wörter)

Die Probleme mit der Rechtschreibreform hatten schon früher Verleger und Buchdrucker. […] Nachdem nun am 31. Juli 2009 auch für die in der deutschsprachigen Schweiz liegenden Schulen die Übergangsfrist abgelaufen ist, bleibt zu hoffen, dass Medien wie das Tagblatt der Verantwortung gegenüber den Schülern gerecht werden und auf «fehlerhafte» Wörter wie «Stop» und «Tip» verzichten und wie die Buchdrucker vor fast 100 Jahren wieder zur Vernunft zurückfinden.

Nicht nur zur vernunft, auch zur sachkenntnis. Der duden schrieb schon immer «Stopp», vgl. Volksblatt Würzburg, 8. 1. 2000.

6. 8. 2009

Müller, Peter: Was bei der Sprache wirklich auf dem Spiel steht (I). Neue Zürcher Zeitung, 6. 8. 2009, 230. jg., nr. 179, s. 9, Briefe an die NZZ (361 wörter)

Es geht überhaupt nicht um die albernen «Gämsen», über die die Reformgegner sich angeblich so fürchterlich ärgern. Es geht um etwas viel Wichtigeres: um den Verlust an Ausdrucksmöglichkeiten, hervorgerufen durch den fatalen Ansatz der Reform, Anfängern das Schreiben zu erleichtern und dabei eine Erschwerung des Lesens in Kauf zu nehmen. Die Branche, in der auch der Autor des «Gämsen-Artikels» sein Brot verdient, steckt in enormen Schwierigkeiten, in einem epochalen Umbruch. Zeitungen haben ein grösseres Interesse denn je, ihren Lesern den Zugang zu den Texten auf jede erdenkliche Art zu erleichtern. Auch mit Hilfe der Unterscheidungsschreibung, die von der Reform zum grossen Teil eliminiert worden ist.

Ansatz der reform ist nicht, «eine Erschwerung des Lesens in Kauf zu nehmen» (siehe auch entsprechende zitate), sondern u. a. die erkenntnis, dass die so genannte unterscheidungsschreibung zwar bei laien beliebt ist, aber in den meisten fällen nicht funktioniert und nichts bringt. (Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des lesers und stellungnahme zu Kellenberger) Jedenfalls werden die unterscheidungsschreibung im speziellen und das festhalten am alten im allgemeinen die zeitungen nicht retten.

Fischer, Hans: Was bei der Sprache wirklich auf dem Spiel steht (II). Neue Zürcher Zeitung, 6. 8. 2009, 230. jg., nr. 179, s. 9, Briefe an die NZZ (53 wörter)

Das im Moment herrschende Durcheinander kann nur durch einen Marschhalt, eine Denkpause und einen geordneten Neubeginn entwirrt werden.

wid: Gerüstet für neue Rechtschreibung. Thurgauer Zeitung, 6. 8. 2009, s. 1 (122 wörter)

Die Reform sei im Thurgau pragmatisch umgesetzt worden, sagt Walter Berger, Chef des Amts für Volksschule.

Widmer, Christof: Nun gilt die neue Rechtschreibung. Thurgauer Zeitung, 6. 8. 2009, s. 12, Thurgau (629 wörter)

Die neuen Regeln seien längst in den Unterricht eingeflossen, sagt Raphael Kummer, Primarlehrer in Hüttlingen-Mettendorf. […] Sein Wigoltinger Kollege Beat Sonderegger findet, dass die Umstellung für die Lehrer der «grössere Krampf» gewesen sei als für die Schüler. Die Lehrkräfte hätten die alten Regeln intus gehabt. […] Zeitungs- und Buchverlage haben ihre eigenen Regeln, die vom Lehrer rot angestrichen würden. Dass die Schüler deswegen ein Durcheinander bekommen, glaubt Lehrer Sonderegger nicht. Wenn ein Schüler mit einem Zeitungsausschnitt in die Schule käme und auf eine Abweichung von der Schulrechtschreibung hinweise, würde ihn das freuen, sagt er. Dann nämlich habe der Schüler bewiesen, dass er ein Rechtschreibe-Problem erkennen kann.

5. 8. 2009

Giobbi, Roberto: Richtig schreiben oder besser denken? Basler Zeitung, 5. 8. 2009, s. 22, Briefe (236 wörter)

Frau Goebel schreibt von Unsicherheit bei Mehrfachmöglichkeiten in der Sprache, und dass es deswegen die Ausländer beim Deutschschreiben schwer haben sollen. Ich wäre froh, wenn ich im Französischen nicht immer wissen müsste, ob das Verb nun é, és, ée oder ées als Endung hat. Und gerade wir Schweizer sollten doch wissen, dass Intelligenz und Kontext das Eszett überflüssig machen, welches unsere Sprachnachbarn so verzweifelt verteidigen. In diesem Sinne wird man immer wissen, was der vielversprechende Schreiber meint, sogar wenn er sich ein wenig verspricht, pardon, verschreibt, oder?

Ziegler, Anton: Gesellschaftliche Übereinkunft. Basler Zeitung, 5. 8. 2009, s. 22, Briefe (117 wörter)

Was hat Rechtschreibung mit Sprache zu tun? […] Das «Schweizer Sprachbuch» […] zielt auch in diese Richtung. Die Mitautorin Elly Glinz brachte das Problem auf den Punkt: «Rechtschreibung ist nicht wichtig» – nach einer Kunstpause – «aber man muss sie können.» Dies mit einem Augenzwinkern wegen der Gewichtung beim Finden der Sprachnote.

4. 8. 2009

Gillis, Abraham: Neue Rechtschreibung beunruhigt Lehrer am See nicht. Tages-Anzeiger, ausgabe RSE Rechtes Ufer, 4. 8. 2009, s. 45, Aufschlag (750 wörter)

Ab dem 1. August gilt Null-Toleranz bezüglich neuer Deutscher Rechtschreibung. Trotzdem sind oft diverse Varianten möglich. […] Jetzt gilt es ernst, jetzt heisst es Null-Toleranz, und das klingt nach Stress. Doch unter der Lehrerschaft scheint Gelassenheit zu herrschen. Markus Hanhart, Deutschlehrer an der Kantonsschule Küsnacht, findet die «Floskel der Null-Toleranz» eher amüsant. So viel Toleranz wie seit dem 1. August habe die Rechtschreibung bisher wohl noch nie gesehen, sagt er. Der Grund: Für die meisten Neuerungen darf laut des offiziellen Leitfadens der Erziehungsdirektorenkonferenz auch künftig die ältere, gängigere Variante verwendet werden.

Ickler, Theodor: Zweieinhalb Pfund für den Ranzen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 8. 2009, nr. 178, s. 30, Feuilleton (996 wörter)

Nicht allgemeingültig, aber Profit bringend? Duden und Wahrig haben neue Wörterbücher vorgelegt, die sich nicht immer an die amtlichen Regeln halten. Der fünfte Duden innerhalb von dreizehn Jahren Rechtschreibreform kann erstmals nicht mit orthographischen Neuigkeiten aufwarten, da die Reparaturarbeiten des Rates für deutsche Rechtschreibung Anfang 2006 unterbrochen wurden - zwecks "Marktberuhigung", wie der Vorsitzende Hans Zehetmair sagte. […] Der Markt für gedruckte Rechtschreibbücher bewegt sich, zugleich wird er wegen der elektronischen Hilfsmittel immer enger. Seit der Dudenverlag vom Schulbuchriesen Cornelsen erworben wurde, der auch den Wahrig mitherausgibt, sind weitere Synergieeffekte zu erwarten, denn die Konkurrenz unter demselben Dach dürfte kein Dauerzustand sein.

3. 8. 2009

Hess, Lilo: Schöne neue Rechtschreibung. Basler Zeitung, 3. 8. 2009, s. 26, Briefe (158 wörter)

Es dürften allerdings noch einige Duden-Neuausgaben erscheinen, bis man wieder bei den altbewährten Regeln angelangt ist. Die wenigen Ungereimtheiten der alten Regelung (währenddessen/statt dessen u.a.) hätten sich problemlos eliminieren lassen. Aber Hauptsache, ein paar Neunmalkluge konnten sich profilieren und dabei kassieren.

Stehula, Daniel: Der oberste Sprachhüter. Johannes Wyss, 63, kümmert sich um die deutsche Sprache in der Schweiz. Tages-Anzeiger, 3. 8. 2009, s. 7, Hintergrund (496 wörter)

Als Vorsitzender des grössten Schweizer Sprachvereins war er in den Prozess der Rechtschreibreform miteinbezogen. […] Der 63-jährige Wyss begrüsst, dass es nun soweit ist: «Die Mehrheit hat nicht gerne Varianten in der Rechtschreibung.» […] Die Fragen, die telefonisch oder per E-Mail an das linguistische Sorgentelefon gerichtet werden, drehen sich selten um die Orthografie. «Die meisten Menschen», sagt Wyss, «haben Mühe mit den Fällen, der Grammatik und den Zeiten.» Insofern scheint ihm übertrieben, dass um die Rechtschreibreform so grosses Aufhebens gemacht wurde und wird: «In der Schweiz betreffen die Änderungen nur knapp ein Prozent des Wortschatzes.»

Haller, Fränzi: Neue Rechtschreibung gilt definitiv! radio DRS 1, regionaljournal Ostschweiz, 3. 8. 2009, 17:40 (7,50 min., dialekt)

Der St. Galler Germanist und Kantilehrer Roman Looser hat an der jetzigen Version mitgearbeitet. Wir haben mit ihm über diese neuen Regeln geredet. […] Sind Sie damit zufrieden, wie es jetzt herausgekommen ist? [Looser:] Mit Kompromissen von Kompromissen von Kompromissen kann man nie zufrieden sein. […] Wenn es darum geht, wirklich eine logische Rechtschreibung hinzubekommen, dann müsste man viel radikaler eingreifen. Da gab es bereits verschiedene Versuche im Lauf der letzten Jahrzehnte. Ein Beispiel wäre, dass man Nomen klein schreibt.

Wein, Martin: "Ich will downshiften." Lehrerin Renate Domanske über schräge Neuaufnahmen im Duden. Frankfurter Rundschau, 3. 8. 2009, s. 18, Wissen & Bildung

Der Duden verkauft sich als "Bibel der Rechtschreibung". Bringt er für die neue Rechtschreibung wirklich Klarheit? [Domanske:] Es steht natürlich alles drin, aber zum Erlernen der Orthografie ist der Duden keine besondere Hilfe. Insbesondere was die Zusammen- und Getrenntschreibung angeht, sind auch die Fachleute zehn Jahre nach den Rechtschreibreformen nicht sicher.

Dörner, Christian: Ein Quentchen Analogkäse. Wörterbücher: Duden und Wahrig. Süddeutsche Zeitung, 3. 8. 2009, Kultur

Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem neuen Duden und Wahrig, welche beide gleich groß und gleich schwer sind, jeweils 1216 Seiten umfassen, vom selben Unternehmen gedruckt wurden und inzwischen beide zu Cornelsen gehören, sind schnell genannt: Der Duden ist 4 Euro teurer, enthält das amtliche Regelwerk nicht mehr, verzichtet auf die bisherige Rotmarkierung der Neuschreibungen und empfiehlt durch Gelbmarkierung in 3000 Fällen die jeweils von der Duden-Redaktion bevorzugten Schreibvarianten - meist die reformierten. Im Wahrig findet man stattdessen tabellarisch die 1500 Variantenempfehlungen der Nachrichtenagenturen, während im Wörterverzeichnis weitgehend darauf verzichtet wird, dem Schreiber nahezulegen, wie er sich zu entscheiden habe.

2. 8. 2009

neu Rolland, Maria Theresia: Für die praktische Arbeit untauglich. Münchner Merkur (merkur-online.de), 2. 8. 2009, Leserbriefe

Auch wenn der Duden-Verlag bisher mit jeder Neuauflage des einstigen Klassikers den Eindruck zu erwecken suchte, das Thema „Rechtschreibreform“ sei damit endgültig durchgesetzt und erledigt, ist die Kritik an den von ihm vorgeschlagenen Reformschreibungen niemals verstummt und erweist sich jedesmal erneut als nur zu berechtigt. Die > aktuelle Neuauflage fordert diese Kritik sogar noch mehr heraus als ihre Vorgänger.

Krause, Werner: 5000 neue Wörter bringt der Jubiläums-Duden. kleinezeitung.at, 2. 8. 2009, Kultur

Vor allem die jüngste Rechtschreibreform brachte den als unumstößlich geltenden Schlachtturm gegen die babylonische Sprachverwirrung gehörig ins Wanken. Konkurrenzverlage publizierten eigene Lexika, weil die kollektive Unsicherheit über richtige und falsche Schreibweisen ständig wuchs.


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Rolf Landolt