Nachgeführt 2. 1. 2010, 4. 11. 2009
neu Winter, Ingmar: Der Bastian Sick ist dem Fehlerteufel sein Tod. westfaelische-nachrichten.de, 31. 10. 2009, Lokales
An der Videowand illustriert, galt Sicks erster „Angriff“ dem falsch gesetzten Apostroph. Aber wer diese einfache Regel nicht beherrscht, dem sollte man „von morgen’s bis abend’s recht’s und link’s“ die neue Rechtschreibreform unters Kopfkissen legen […].
neu
Ickler, Theodor:
Ausgemistet, aussortiert, exiliert. Rückblick auf ein Büchermassaker: Wie der Rechtschreibreformwahn Lücken in die Schulbibliotheken riss.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 10. 2009, nr. 251, s. 31, Feuilleton (905 wörter)
Im Rechtschreibwortschatz der Grundschulen betraf die Reform zwar nach amtlicher Zählung nur 24 Wörter (alle wegen der ss-Schreibung). Gleichwohl wurden von Anfang an auch Schul- und Leihbibliotheken durchforstet und von Büchern in "alter" Rechtschreibung gereinigt. Typische Vollzugsmeldung: "Alle Bücher in alter Rechtschreibung wurden ausgemistet." Die Dunkelziffer dürfte enorm sein; wahrscheinlich sind Millionen Bände vernichtet worden. […] Vergleichbare Verluste hat es in Friedenszeiten bisher nicht gegeben. Die Urheber der Rechtschreibreform allerdings dürften von solchen Schreckensmeldungen unbeeindruckt bleiben. Auf Warnungen vor einem Traditionsbruch antworteten sie schon 1992 mit der kulturrevolutionären These: "Das meiste, was gedruckt oder geschrieben wird, gilt dem Tagesbedarf […]. Geht man von 1995 als einem möglichen Reformdatum aus, so brauchen die Kinder, die ab dann lesen lernen, in den seltensten Fällen etwas von dem zu lesen, was vor 1995 geschrieben und gedruckt wurde."
Der ganze vorgang sowie die den reformern unterschobene beschwichtigung sind ausfluss des leider in Deutschland nach wie vor nicht überwundenen obrigkeitskomplexes. Unsere antwort auf warnungen vor einem traditionsbruch: Alles auf der welt wird von bösen menschen missverstanden und missbraucht; für die anderen kann das kein argument dagegen sein.
neu Traxler, Günter: Pallawatsch, wohin man blickt. Der Standard, 24./25./26. 10. 2009, Medien, rubrik Blattsalat
Auf anderen Gebieten hapert es noch, wie der schriftgelehrte Redakteur ein paar Tage später enthüllte. Dafür legte er auf Seite 2 den Ausriss aus einer SPÖ-Broschüre vor. Schmied: Die Bildungsreform geht weiter. Utl: Jedes Kind, dass in Österreich zur Schule geht, muss Deutsch können. Diese offizielle Aussendung der SPÖ-Zentrale samt schwerem Rechtschreibfehler erreichte uns Mittwoch kurz vor Redaktionsschluss, so C. P., hin- und hergerissen zwischen Verständnis für geplagte Mitarbeiter der SPÖ-Zentrale […] und der Empörung über die unselige Rechtschreibreform.
Kolokythas, Panagiotis: Geheime Fakten über das "deutsche" Windows 7. pcwelt.de, 21. 10. 2009
Wir werfen exklusiv mit Jürgen Schwertl von Microsoft, der die Übersetzung von Windows 7 ins Deutsche verantwortet, einen Blick hinter die Kulissen. […] Die verunglückte Rechtschreibreform ist immer noch nicht ausgestanden: Zur Zeit widersprechen sich etwa der aktuelle Duden und der Wahrig an vielen Stellen, obwohl sie aus dem gleichen Verlag stammen, es gibt massenhaft "sowohl als auch"-Möglichkeiten. Welche Schreibung benutzt Microsoft im Zweifelsfalle? Jürgen Schwertl: Unser Style Guide orientiert sich am Duden in der jeweiligen Fassung. Allerdings werden ja nicht bei jeder neuen Produktversion alle Texte komplett neu geschrieben. […] So kann es uns leider gelegentlich passieren, dass unsere Schreibweise nicht genau den formalen Vorgaben der Rechtschreibung entspricht. Natürlich versuchen wir aber, dieses Problem so klein wie möglich zu halten.
Wenn man die «‹Sowohl als auch›-Möglichkeiten» beklagt, sollte man wenigstens nicht noch eine weitere «‹sowohl als auch›-Möglichkeit» hinzufügen. Und «verunglückt» ist die rechtschreibreform schon ein bisschen, aber was kleine und grosse softwarehersteller releasen, macht es uns usern ja auch nicht leichter. Vgl. dazu auch Neue Zürcher Zeitung, 10. 1. 2009.
Günther, Markus: Die neue Koalition: Politik im Geht-nicht-Land. Augsburger Allgemeine, 20. 10. 2009
Wer etwas verändern will, in der Politik oder anderswo in Deutschland, wer Ideen hat und Neues wagen will, der kriegt eine Breitseite aus den Floskelkanonen der Stagnation: 1. Das haben wir noch nie gemacht. 2. Das haben wir immer schon so gemacht. 3. Das haben wir alles schon ausprobiert, es hat aber nichts gebracht. Das Neue macht Angst; der Widerstand gegen Veränderungen ist selbst da noch groß, wo längst kein Weg mehr an ihnen vorbeiführt. Und die schlechten Erfahrungen mit „Reformen“ – von Hartz IV bis zur Rechtschreibreform – nähren diese Angst.
Schanz, Andreas: "Wir müssen die Leistungen der Jugend würdigen." Schwäbische Zeitung, 17. 10. 2009, Wir im Süden
Doch der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau will auch die besonderen Fähigkeiten junger Menschen gewürdigt wissen. Sie könnten die Informationsflut bewältigen und verfügten über mehr Basiswissen als frühere Generationen, hat der CDU-Politiker im Gespräch mit unserem Redakteur Andreas Schanz betont. […] Rau: […] Ein Thema ist die Rechtschreibreform, mit der wir selbst dazu beigetragen haben, dass Rechtschreibung beliebig geworden ist. Die Möglichkeiten und die Art und Weise, sich im Internet und auf dem Handy auszudrücken, tragen auch dazu bei. Ich bedaure diese Verwahrlosung von Sprache, aber Kommunikation ist trotzdem nicht unmöglich geworden.
Immerhin! Die kommunikation ist nicht nur nicht unmöglich, sie funktioniert sogar perfekt – sie ist der alleinige zweck von sms und internettexten und keine beliebigkeit.
Neue Rechtschreibung kein Thema. 20 Minuten, 13. 10. 2009, s. 24, Students (90 wörter)
Eine nicht repräsentative Umfrage unter 143 Studenten hat ergeben: Nur 4 Prozent halten sich an die neuen Regeln.
Wetter, Ingo: Charmant und witzig. schwarzwaelder-bote.de, 11. 10. 2009, Lokales, Wildberg
Während es draußen herbstlich kalt und nass ist, amüsiert sich das Publikum in der Wildberger Stadthalle prächtig. Grund sind »Nachtschattengewächse«, die von der Gärtnerin und Hauptdarstellerin des Chanson-Theaters, Stefanie Kerker, mit ihren Vorzügen überzeugend präsentiert wurden. […] An der nächtlichen Bushaltestelle sinnierte das Nachtschattengewächs Kerker […] trefflich über längst vergangene Schulzeiten und die Streiche mit ihrer Freundin Anke. Insbesondere machten den beiden die Verwirrungen um die ständigen Rechtschreibreformen zu schaffen, die Schüler und Lehrer ausbaden mussten.
Schmid, Sabine: ein hurra auf heutige recht schreibung! Toggenburger Tagblatt, 9. 10. 2009, s. 37, Toggenburg (258 wörter)
Als Schulmädchen war mir nichts mehr verhasst als zu Schreiben. […] Kommas setzte ich dorthin, wo sie mir passten und nicht wo sie Herr Duden, Frau Grammatik und meine Deutschlehrer sehen wollten. Am schlimmsten war aber die Gross- und Kleinschreibung. […] Leider zeigen Studien immer wieder, dass ein Text, der nur mit kleinen Buchstaben geschrieben wurde, schwer lesbar ist. Um Ihnen also ihr tägliches Lesevergnügen nicht zu vergällen, strenge ich mich an und besinne mich auf meine Deutschstunden zurück. Obwohl es andersherum viel leichter wäre.
Welche studien? Statt der rückbesinnung, die offensichtlich nicht von erfolg gekrönt ist, empfehlen wir einen blick in die zukunft:
eigennamengrossschreibung.
bz: Humor und wache Augen. Badische Zeitung, 7. 10. 2009, Ettenheim
"Halte sie in Ehren hoch, unsere schöne Muettersproch." Mit diesen Worten führte sich der Mundartdichter Otto Meyer aus Endingen beim Herbststammtisch der Muettersproch-Gsellschaft Rund um de Kahleberg ein. […] Der Dichter geht mit wachen Augen durchs Leben und versteht es, Begebenheiten aus dem Alltag zu glossieren. So hatte er sich auch Gedanken um die Rechtschreibreform gemacht, die er teuer und unnötig fand, weil die Menschen doch so schreiben wie bisher und jeder es versteht.
Rolf Waldvogel blättert im Sündenregister der Schreiber. Schwäbische Zeitung, 7. 10. 2009, Lindau
Warum, so fragt sich und die Zuschauer der ehemalige Leiter der SZ-Kulturredaktion Rolf Waldvogel, schreibt man regelmäßig Sprachglossen? Sie haben sich zwischenzeitlich unter der Überschrift "Sprachplaudereien" zu einem besonders lieb gewordenen Bestandteil der Schwäbischen Zeitung gemausert. […] In Eifer gerät er aber dann doch noch, als es um die Folgen und die Auswüchse der Rechtschreibreform geht, mit denen sich gerade die Leute beschäftigen müssen, deren Beruf es ist zu schreiben, und die sich nun mit den zahllosen Möglichkeiten der Variantenschreibung herumschlagen.
Dazu kommen, wie figura zeigt, die komma-varianten, mit denen man sich schon immer herumschlagen musste.
Gertsch, Silvan: Neue Rechtschreibung an der Uni. students.ch, 1. 10. 2009, Campus Nachrichten (160 wörter)
Wir wollten von euch wissen: Seit dem 1. August ist die neue Rechtschreibung in Kraft. Wendet ihr sie an? […] Bleiben noch 21 Umfrageteilnehmer oder umgerechnet 13%. Sie zählen zu den sturen Verweigerern der neuen Rechtschreibung, die sich nicht an das neue Reglement halten.
13 (nach unserer rechnung 14,7) prozent? Da müssen ein paar die alte rechtschreibung nachträglich gelernt haben. 90% der erstabschlussstudenten der uni Zürich haben die neue rechtschreibung in der schule gelernt, etwa 60% sogar in der primarschule.
Rohrer, Andreas: Studis kümmert Rechtschreibreform wenig. 20 Minuten Online, 20min.ch, 1. 10. 2009, Campus (258 wörter)
Seit August ist die neue Rechtschreibung in Kraft, und die Studis müssen sich in schriftlichen Prüfungen und Arbeiten an die neuen Regeln halten. Bewusst ist das den Wenigsten. Eine Umfrage der Studentenplattform Students.ch zeigt, dass nur gerade vier Prozent der Studierenden die neue Rechtschreibung konsequent anwenden. […] Über 80 Prozent der Befragten verfassen ihre Arbeiten weiterhin nach den alten Rechtschreibregeln oder sind sich der Neuerungen gar nicht bewusst.
Meier, Markus, und Tarnutzer, Rico: Neue Rechtschreibung: Sek mit alten Lehrbüchern. Tüüfner Poscht, Die Teufner Dorfzeitung, 10. 2009, 14. jg., nr. 8, s. 29, Jugendseite 4-US
Wir fragen uns: Wenn nun ein Schüler einen Fehler in einem Aufsatz schreibt, weil er mit veralteten Schulmaterialien arbeiten musste, ist dann nicht auch die Schule daran mitschuldig?
Wenn der schüler jurist werden will, wird ihm die klärung der schuldfrage sehr helfen.
Teske, Knut: Was Wähler wirklich wollen. Was erwartet der Bürger von der kommenden Regierung? BILD.de fragt nach; Folge 1: Dierk Nähring (40), Vermögensberater. bild.de, 22. 9. 2009, Politik
Dass Plätze auf den Berliner Gymnasien jetzt per Auslosung und/ oder Sozialquoten vergeben würden, verschlägt ihm die Sprache. Wo will eine solche Politik hin, fragt er. Wohin hat sie uns schon gebracht mit der Rechtschreibreform?
Lepenies, Wolf: Frankreich schreibt falsch. Im Nachbarland beherrschen immer weniger die Orthographie; zur Debatte steht eine Vereinfachung. Die Welt, 15. 9. 2009, s. 23, Feuilleton (1318 wörter)
Die Diktate der französischen Schüler fallen immer schlechter aus. […] In diesem Jahr hat der Essayist
François de Closets mit seinem Buch
"Zéro Faute" die Debatte um die Rechtschreibreform zu neuen Höchsttemperaturen angeheizt. […] Noch stärker als in Deutschland ist die Debatte um die Rechtschreibreform in Frankreich eine Auseinandersetzung der politischen Lager. […] Die Heftigkeit der französischen Debatte um die Rechtschreibreform erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass es sich um ein Problem der Schule handelt. […] Im 17. Jahrhundert herrschte, was "l'orthographe" anging, eine vordemokratische Gleichheit. Madame de Sévigné, die größte Briefschreiberin Frankreichs, schrieb nicht korrekter als ihre Köchin. […] Jetzt muss jedermann lernen, korrekt zu schreiben. […] Es ist außerordentlich mühsam, ein fehlerfreies, korrektes Französisch zu beherrschen. Wer diese Fähigkeit aber einmal erworben hat, ist nicht bereit, anderen die gleiche Mühe zu ersparen. Man setzt die eigene Distinktion nicht leichtfertig aufs Spiel. So ist, wie François de Closets schrieb, die Rechtschreibreform in keinem Land dringender notwendig als in Frankreich - und nirgendwo unwahrscheinlicher.
Thomas, Jessica: Pour les mariannautes, l'orthographe, c'est de la politique. marianne2.fr, 6. 9. 2009, Débats (939 wörter)
Les précédentes réformes de l'orthographe ont d'ailleurs divisé les mariannautes. Certains considèrent qu'elle a déjà été assez réformée comme ça. D'autres, au contraire, y voient une preuve que l'orthographe peut, pourquoi pas, être de nouveau réformée. […] La réforme de l'orthographe soulève les passions. Et le débat se déplace, prenant une tonalité beaucoup plus politique. L'orthographe soulève le débat sur les inégalités, scolaires, puis sociales. Certains voient dans l'orthographe une réminiscence du passé, un conservatisme absurde.
de Closets, François:
Zéro faute l'orthographe, une passion française de François de Closets. Extraits...
LePoint.fr, 3. 9. 2009, N°1928, Société
Ecrire sans faute, c'est se mettre en tête les milliers de cas particuliers qui ne découlent d'aucune règle grammaticale. Notre langue, magnifique dans son ordonnancement général, se démultiplie en des milliers de règles, puis de détails toujours particuliers, souvent déroutants, parfois aberrants. C'est alors que l'orthographe française devient diabolique. D'où la question récurrente depuis deux siècles: serait-ce un toilettage revigorant ou une chirurgie mutilante que de mettre un peu d'ordre dans ce fatras?
neu J.A.: Korrekturen. Frankreich und die Orthographie. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. 9. 2009, nr. 203, s. N5, Natur und Wissenschaft (255 wörter)
Von Sartre bis Sarkozy hatten und haben viele mit der Orthographie ihre Probleme. […] Reine Schinderei im Dienste der Disziplinierung, schreibt
François de Closets.
"Zéro fautes" - null Fehler - ist der Titel seines Pamphlets. Für eine Reform sei es zu spät: Auf der Tastatur sollen die Kinder schreiben lernen und die Korrekturprogramme anwenden.