Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2001-4

Jahresbericht des vorsitzers für 2000

Das vergangene jahr ist gekennzeichnet durch das erscheinen eines neuen dudens sowie eines «antidudens», ein unerwartetes aufflammen der debatte um die neuregelung, interessante wissenschaftliche erkenntnisse sowie durch den hinschied von René Schild.

Im oktober befasste sich die deutsche kultusministerkonferenz mit der neuregelung. Sie lehnte eine «reform der reform» ab, wies aber die kommission für deutsche rechtschreibung an, bereits bis ende 2001 über die erfahrungen mit den neuen regeln in der praxis zu berichten. Die arbeit der (internationalen) kommission wird künftig durch einen (deutschen) beirat begleitet.

Im august erschien die 22. auflage des rechtschreibdudens. Fazit des «Sprachspiegels»: «Also keine grundsätzlichen orthographischen Neuerungen. Die Dudenredaktion hat jedoch den Spielraum, den die offizielle Regelung offensichtlich bietet, konsequenter genutzt, indem sie vermehrt verschiedene Möglichkeiten (nicht nur diejenigen der alten Schreibung, die bis 2005 ohnehin gelten) zulässt, vor allem in Bezug auf die umstrittene Getrennt- bzw. Zusammenschreibung.»

Wenn man etwa den duden als rechtschreibpapst bezeichnete, kann man jetzt einen gegenpapst ausmachen: Prof. Theodor Ickler veröffentlichte im august ein rechtschreibwörterbuch, das auf der alten regelung und einer «auswertung umfangreicher textquellen» basiert.

Als wahrscheinlich letzte schweizerische tageszeitung, dafür mit einigem brimborium und ausgeklügelten abweichungen, führte die Neue Zürcher Zeitung die neuregelung von 1996 im mai ein.

Einen höhepunkt für die gegner der neuregelung bildete die spektakuläre rückkehr der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur alten rechtschreibung am 1. august. Sie fand aber keine nachahmer, nicht einmal in der internetausgabe der gleichen zeitung. Auch die schriftsteller freuten sich, dass die «FAZ als erste deutsche Sprachgroßmacht» (Eckhard Henscheid) für wirbel sorgte. Gerade dieses zitat sollte aber aufhorchen lassen: Man bezeichnet die presse als vierte gewalt, hier spielt sie aber erste gewalt. Indem sie ihre beiden rollen als informationsvermittler (mit auswahlfunktion) und partei (man macht die ereignisse gleich selbst) nicht auseinander hält, betreibt sie machtmissbrauch. «Letztlich war das alles natürlich reine mediale Selbstbespiegelung: Medien machten Ereignisse, über die andere Medien berichten konnten, was weitere Medien auf den Plan rief», las man in einem anderen zusammenhang (Big brother). Die alte weisheit, dass öffentliche meinung und veröffentlichte meinung nicht dasselbe sind, zeigt sich hier besonders und lässt den häufig geäusserten vorwurf, die neuregelung sei in einem «elfenbeinturm» ausgeheckt worden, als zynismus erscheinen. Es gibt in der ganzen wissenschaft keinen übleren elfenbeinturm als eine redaktion. Sie tront unerreichbar über dem gewöhnlichen volk. Das muss der BVR immer wieder erfahren und sich gleichzeitig von der FAZ und anderen mit dem vorwurf verhöhnen lassen, die reformer scheuten die öffentlichkeit.

Die redaktion der Zeit machte die erfahrung, dass jemand noch arroganter sein kann: einige schriftsteller (die eingestandenermassen vor lauter schreiben nicht zum lesen kommen). Ein diktat, das hätte klären sollen, ob die schriftsteller die von ihnen so vehement verteidigte rechtschreibung auch beherrschen, kam nicht zu stande.

Ein beispiel für eine nicht falsche, aber unausgewogene information ist die untersuchung «Rechtschreibreform und Nationalsozialismus», die von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung veröffentlicht wurde und in der die Schweiz und der BVR keine rolle spielen.

«In Deutschland, wo der Kampf zwischen Sprachbewahrern und Sprachmodernisierern Leidenschaften entbunden hat, die die europäischen Nachbarn geradezu erstarren liessen, sind die vermeintlich geräumten Vorposten an der Orthographie-Front sogleich wieder besetzt worden», meldete die Basler Zeitung. Die deutsche «mediale Entrüstungsindustrie» (Basler Zeitung) und der «Anti-Reform-Alarmismus» (taz) taten ihre wirkung und schwappten auch in die Schweiz über. Aber: «Auffällig etwa, wie wenig Niederschlag die neue deutsche Debatte in der Schweiz fand: Bei der zuständigen Erziehungsdirektoren-Konferenz ging kein einziger Vorstoss ein, kein Antrag, nichts.» (Facts)

Die zeitungslektüre bot - weniger auffällig - auch erfreuliches, ja für die begründung einer rechtschreibreform geradezu sensationelles.

Im november wiesen die agenturen auf einen wissenschaftlichen essay von prof. Elisabeth Leiss hin, in dem sie die berechtigung der regulierten rechtschreibung radikal in frage stellt. Eindeutige plädoyers für rechtschreibreformen ergeben sich aus untersuchungen der hirnforscher Pöppel und Paulesu. Alle befassen sich mit dem lesen. Dagegen folgerten reformgegner schon immer reflexartig, dass eine das schreiben erleichternde massnahme mit einer erschwerung des lesens verbunden sein müsse. Nun bringen die untersuchungen (zusammen mit früheren zur grossschreibung) gewissermassen einen historischen interessengegensatz zu fall, was wir in unserer argumentation berücksichtigen müssen.

Auch über die notwendigkeit einer reform der französischen rechtschreibung wurde wieder einmal diskutiert, und zwar im juli in Paris an einem kongress von französischlehrern aus 108 ländern.

BVR

Die generalversammlung fand am 25. 3. in Zürich statt.

Am 7. juli starb unser vorstandsmitglied René Schild im alter von 69 jahren. Er war seit 1954 mitglied des BVR und diente ihm lange und mit grösster gewissenhaftigkeit als kassier und schriftleiter der «Rechtschreibung» sowie 15 jahre als vorsitzer. Der BVR hat ihm ausserordentlich viel zu verdanken.

Im vorstand hinterlässt René Schild eine grosse lücke. Kurzfristig übernimmt Peter Anliker die kasse und die «Rechtschreibung» und gibt das amt des geschäftsführers an den schreibenden ab. Längerfristig ist aber die mobilisierung neuer kräfte überlebenswichtig.

Unser mitteilungsorgan Rechtschreibung konnte von René Schild noch zweimal herausgegeben werden.

Unser internetauftritt unter www.sprache.org, jetzt auch unter www.rechtschreibreform.ch zu erreichen, konnte weiterhin durchschnittlich alle vier tage aktualisiert werden und ist damit nicht nur das wichtigste informationsmedium des BVR (nicht zuletzt in anbetracht der oben geschilderten probleme mit der presse), sondern eigentlich die hauptaktivität. Allein der pressespiegel mit zitaten und einigen kommentaren wuchs seit der letzten gv um über 600 einträge.

Allen mitstreitern danke ich für ihren einsatz.

Zürich, 28. april 2001

Der vorsitzer: Rolf Landolt