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Jahresbericht des vorsitzers für 2001

Allgemein

Im abgelaufenen jahr gab es zwei «jubiläen» zu «feiern»: die neuregelung wurde fünf jahre alt und ihr vorläufer hundert. Der chef der dudenredaktion fand es «nicht erstaunlich, dass das Zustande­kommen der Regelung von 1901 und dasjenige der Neuregelung von 1996 zahlreiche Parallelen aufweist. Im Guten wie im Schlechten — werden manche sagen — hat sich die Geschichte wiederholt.» (Sprachspiegel, 10. 2001.)

Im jahr 2001 ist die rechtschreib­frage, wie es Hermann Unterstöger in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte, «ein wenig in den Hinter­grund gerückt, wird aber von den Reformgegnern mit dem von ihnen gewohnten Ernst weiter­behandelt. Die Lage stellt sich, kurz skizziert, so dar, dass die im Alltag geübte Doppel­schreibung, die sich aus der Rückkehr der FAZ zur alten Orthographie ergeben hat, von den Mehrfach­lesern nicht als nationale Spaltung empfunden wird.»

Der vergleich des jahres:

Zur Munitionierung der Regierung gegen die Bürger­initiative suchte sogar der Verfassungs­schutz nach Fehlern in der Recht­schreibung ihres Initiators Matthias Dräger, während ein Mo­hammed Atta in Kiel und Hamburg un­gestört konspirieren konnte. Als dieser den Airbus in einen der New Yorker Türme stürzte, bewirkte er Sach­schäden fast in gleicher Höhe wie die Kosten der Rechtschreib­reform.

Sigmar Salzburg, rechtschreibreform.com, 20. 11. 2001

Ein ausgesprochenes «sommerteater» blieb diesmal aus; aber wie die kommentierte BVR-presseschau im internet belegt, gab es im ganzen berichts­zeitraum nur wenige tage «ruhe». Unter anderem die pisa-studie, der euro und ein bericht der rechtschreib-kommission gaben vor allem den reform­gegnern gelegenheit, sich in erinnerung zu rufen.

Die studie pisa (programme for international student assessment) der OECD erregte einiges aufsehen, vor allem in Deutschland, das noch schlechter abschnitt als die Schweiz. Dabei kam immer wieder auch die recht­schreibung zur sprache, sei es in vorwürfen an die schule und an die bildungspolitiker, sei es mit der interessanten erkenntnis, dass die finnen mit ihrer vorbildlichen recht­schreibung auch im lesen führend sind. Gleiches kann man bekanntlich von den engländern nicht sagen; bereits zum zweiten mal machte regierungschef Blair mit einem ortografie­fehler von sich reden, was dem schweizer radio anlass für eine sendung war und dem schreibenden gelegenheit zu einem kurzen auftritt gab.

In der Schweiz bekommt man die deutschen nöte nur am rande mit. Nun gibt es aber auch hier zu lande einen fleissigen reformgegner und Ickler-anhänger, den sanktgaller lateinlehrer Stefan Stirnemann. Er organisierte einen vortrag von professor Theodor Ickler in St. Gallen und pflegt in renommierten organen zu publizieren; man kann ihn als aufsteiger des jahres bezeichnen. Nur: Wo war er vor 2000?

Im februar 2002 lieferte die zwischen­staatliche kommission für deutsche rechtschreibung ihren dritten bericht ab. Sie kommt zum nicht erstaunlichen schluss, dass sich die neuregelung noch nicht durch­gesetzt hat. In einzel­fragen werden präzisierungen und kompromisse in aussicht gestellt. In einem teil der deutschen presse wurde das lautstark als scheitern und rücknahme der reform interpretiert.

Wenn man sagt, daß man einer Sache grundsätzlich zustimmt, so bedeutet es, daß man nicht die ge­ringste Absicht hat, sie in der Praxis durchzuführen.

Otto von Bismarck

Unterschiedlich interpretieren kann man auch zwei umfragen in Österreich (im september 2001) und in Deutschland (april 2002), Gemäss beiden hat die neuregelung wenig freunde. Ob ihre gegner echte freunde der alten regelung sind, ist schwer zu sagen. Die frage­stellung ist wie immer undifferenziert. Das alte wird nicht positiv begründet; dass eine mehrheit damit offensichtlich subjektiv keine probleme hat, muss ja nicht bedeuten, dass es auch objektiv so ist. «56% schreiben wie gewohnt», hat man in Österreich festgestellt. Aber wie? Das wäre schon eine wichtige frage, wenn sich die neu­regelung, die man ja kaum als reform bezeichnen kann, stärker von der alten unterscheiden würde. Sinnlos wird die umfrage aber vor allem in anbetracht der (vom BVR schon immer beklagten) tatsache, dass der unterschied der regelungen kleiner ist als die bandbreite der individuellen schreibungen. So oder so wusste man schon immer, dass eine reform zeit braucht. Fraktur und deutsche schreib­schrift liegen noch nicht so weit zurück, aber sie werden wohl zeitweise mehr freunde gehabt haben als die vielleicht 0,001%, die sie heute noch anwenden. Die umfragen deuten das an: Ob jemand umgestellt hat, hängt natürlich stark vom alter ab. «Es ist sehr unwahr­scheinlich, dass diese [die junge] Generation nach der Schule zu Rechtschreib­regeln zurückkehren wird, die sie nie gelernt hat» (Der Standard).

Im zusammenhang mit dem euro kamen in der deutschen presse die schulbücher zur sprache, und zwar sowohl im sinne einer kumulation als auch einer kompensation der umstellungsprobleme. Im kanton Aargau stellte der regierungsrat fest: «Die Anpassung an die neue Recht­schreibung erfolgte bei den Nachdrucken bisheriger Lehrmittel ohne nennens­werte zusätzliche Kostenfolge.» Dies als antwort auf ein postulat eines rechtsgerichteten parlamentariers, der eine denkpause gefordert hatte.

BVR

Die generalversammlung fand am 28. april in Zürich statt. Leider trat Guido Appius aus dem vorstand zurück; wir danken ihm für seine langjährige, aktive mitwirkung. Neu in den vorstand gewählt wurde dr. Siegfried Schuller, Zürich. Nach wie vor ist eine verstärkung dringend nötig.

Das mitteilungsorgan «Rechtschreibung» konnte leider nur einmal erscheinen. Die nummer 182, betreut von Peter Anliker, enthält einen nachruf auf René Schild, eine stellungnahme des Instituts für deutsche sprache, hinweise auf den rechtschreibduden und «Duden Korrektor» sowie den jahresbericht 2000.

Generell haben die unfreiwilligen ämterkumulationen dazu geführt, dass die vereins­geschäfte und der kontakt mit den mitgliedern zu kurz kamen.

«Wir melden uns zurück!» ist das editorial der «Rechtschreibung» überschrieben. Aber wir waren immer da, nämlich via internet. Sprache.org konnte wöchentlich aktualisiert werden und erlaubte damit eine verfolgung der presse­diskussion. Es ist das informationsmedium des BVR. Wenn es den BVR noch nicht gäbe, müsste man ihn allein zu diesem zweck gründen. Leider ist das innerhalb des BVR noch zu wenig bekannt. Unsere zahlreichen älteren mitglieder haben hier vielleicht noch ein problem, aber heutzutage hat jedermann die möglichkeit, sich irgendwie zu beteiligen. Von ent­scheidender bedeutung ist das internet für die wirkung nach aussen. Das haben auch die gegner erkannt; wenn wir nicht mitziehen würden, wären wir weg vom fenster.

Anlässlich des vortrags von professor Theodor Ickler in St. Gallen konnte der BVR informationsschriften auflegen.

Allen vorstandskollegen und mitstreitern danke ich für ihren einsatz in dieser zwiespältigen zeit.

Zürich, 20. april 2002

Der vorsitzer: Rolf Landolt


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Rolf Landolt, 2002-4-21