Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2001-7-3

Jahresbericht des vorsitzers für 1984

60 jahre alt ist er also nun geworden, der Bund für vereinfachte rechtschreibung, der nach dem ersten weltkrieg von jungen lehrern gegründet wurde, um der scheinbar unmittelbar bevorstehenden rechtschreibreform einen letzten anstoss zu geben. Ob das ein anlass zur freude oder zur trauer ist, wurde schon anlässlich des 50-jahr-jubiläums vom gründungsmitglied Hans Cornioley (Rechtschreibung nr. 106) und nun auch von meinem vorgänger als präsident, René Schild (nr. 134), erörtert.

Ihren erwägungen wäre noch als positivum anzufügen, dass es (vor allem in der Schweiz, aber auch darüber hinaus) kaum eine institution gibt, die sich über eine so lange zeit so kontinuierlich mit der frage einer rechtschreibreform beschäftigt hat. Das wird gerade auch im ausland anerkannt, wo ja auch die politische entwicklung in dieser zeit nicht so geradlinig verlaufen ist wie bei uns.

Den wert dieses faktums ermisst man aber erst, wenn man sich vor augen halt, warum in dieser zeit in unserer sache nicht mehr erfolge zu verzeichnen sind. Es sind einerseits die von meinen beiden amtsvorgängern genannten gründe, wobei ich der von René Schild hervorgestrichenen gefühlsbelastung dieser frage eher weniger gewicht beimessen möchte (welche politische frage ist nicht oder auch nur weniger mit emotionen belastet?). Das hauptproblem scheint mir vielmehr darin zu liegen, dass wir es hier mit einem extremen langzeitproblem zu tun haben, wie man es in der politischen landschaft nun wirklich selten findet.

Man muss sich nämlich der zeiträume und der damit verbundenen politischen (politisch sowohl in einem weiteren als auch in einem engeren sinn) mechanismen bewusst sein. Wenn alles nach unseren wünschen liefe, könnte vielleicht alle fünfzig jahre mit einer grösseren oder kleineren änderung unserer ortografie gerechnet werden. Das sind praktisch schon zwei generationen, nicht zu reden vom fall, dass es nicht nach unseren wünschen geht. Es ist aber bekannt, dass politiker in zeiträumen von lediglich zehn (oder gar nur vier) jahren denken, was ja für einen sehr grossen teil ihrer geschäfte auch angemessen ist. Langfristige probleme, zu denen auch fragen des umweltschutzes, die einigung Europas, die bundesverfassungsrevision, das frauenstimmrecht, die automatische eisenbahnkupplung, die «metrification» in Amerika usw. gehören, haben immer mühe, durch das dickicht der tagespolitik in das bewusstsein der bürger und eben auch der politiker vorzudringen. Wie viel mehr gilt das für ein problem, das auch nach unserer ansicht nicht jede politikergeneration beschäftigen muss. Für ein solches anliegen sind bürger und politiker einfach nicht «auf empfang» eingestellt; und die frage «Muss das gerade jetzt sein?» ist (auch bei grundsätzlich positiver einstellung!) schnell zur hand, da muss man nicht einmal auf die argumente unserer gegner zurückgreifen.

Dazu kommt, dass sich in rechtschreibfragen nicht jeder bürger und politiker im gleichen mass verantwortlich und angesprochen fühlen muss wie beispielsweise beim umweltschutz oder auch in rein sprachlichen dingen. Wenn aber schon die sprachpflege nicht zu einer breiten volksbewegung werden kann, sondern (was nicht nachteilig sein muss) immer auf einen kreis interessierter beschränkt bleiben wird, wird das ja wohl um so mehr für die ortografiepflege gelten.

Schlimm ist nun aber, dass viele politiker sich gerade mit der tatsache herausreden, es gebe ja keine breite volksbewegung wie etwa für das frauenstimmrecht. Hier stolpern wir über eine tatsache, auf die wir ja eigentlich stolz sind: dass unser problem eben weitgehend ein kopfproblem ist und – gerade wegen der bemühungen um eine rein sachliche diskussion auf der befürworterseite – nicht (wie etwa frauenstimmrecht oder überfremdungsproblem) das mass an emotionen freisetzt, das wahrscheinlich nötig ist, um eine sache auf breiter front durchzuziehen. Die erfahrung zeigt, dass einige unserer gegner, deren echte argumente natürlich auch den intellekt ansprechen, viel eher emotionen schüren. Sollen wir das auch tun (wenn das unser standpunkt überhaupt zulässt)? Nötig haben wir es nicht, denn verschiedene umfragen haben gezeigt, dass breite bevölkerungskreise durchaus mit unseren zielen einverstanden sind. Eine breit angelegte politische kampagne, in der ja naturgemäss emotionale argumente lauter tönen würden als verstandesmässige, wäre unserer sache nicht unbedingt förderlich. Es hängt also viel davon ab, dass man die sache politisch richtig anpackt, dass vor allem eine entscheidung auf der richtigen hierarchischen ebene angestrebt wird. Aber wie bringen wir den politikern diesen für eine solche frage selbstverständlichen sachverhalt bei? Da stellt sich eben das weiter oben angesprochene problem: Wie man strassenverkehrsregeln ändert, wissen die politiker, das kommt ja auch immer wieder vor. Aber was fängt man mit der ortografie an?

Dabei könnten die politiker mit uns wirklich zufrieden sein. Sie müssten nur einmal unser anliegen unvoreingenommen mit anderen politischen fragen vergleichen. Gibt es einen reformstreit, der – zumindest in der Schweiz – so wenig parteipolitisch beeinflusst ist? Wo ein politiker also kaum durch seine politische linie fixiert ist? Gibt es einen reformstreit, in dem die befürworter so mit einer stimme sprechen (materiell und politisch!) und die gegner ausser ihrer ablehnenden haltung so wenig gemeinsam haben? Gibt es eine debatte, in der die wissenschaft einen in diesem mass einheitlichen standpunkt vertritt?

Wo kann man – falls man das will – rationale und emotionale argumente so klar voneinander trennen? Wo lassen sich – in anbetracht der langen reformgeschichte und der gleichgelagerten probleme in anderen sprachen – möglichkeiten und risiken so leicht abschätzen? Und schliesslich; wie viele debatten gibt es, in denen die befürworter einerseits so ausdauernd und anderseits so geduldig und verständnisvoll sind? Für mit wasser- und atomkraftwerken, verkehrspolitik usw. geplagte bürger und politiker müsste die beschäftigung mit fragen der rechtschreibreform doch geradezu eine erholung sein – wenn man die sache nicht zu ungeschickt anpackt und immer schön auf dem boden der ratio bleibt.

Wir sind der ansicht, dass wir – gerade mit der langen kontinuität, die mit dem nun sechzigjährigen bestehen des BVR verbunden ist – unseren teil zu den beschriebenen guten voraussetzungen beigetragen haben; und Wenn wir ein übriges tun können, nehmen wir jederzeit anregungen entgegen.

Nach diesen grundsätzlichen gedanken sei noch ein blick auf das abgelaufene jahr geworfen.

Nach aussen hin «lief» in sachen rechtschreibreform im abgelaufenen jahr relativ wenig; doch der schein trügt.

Anfang september wurde der vorsitzer des BVR zu einer tagung auf die Lenzburg eingeladen, die mit unserem ziel nur indirekt zu tun hat. Sie galt bestrebungen, in der Schweiz eine art «Institut für deutsche sprache» zu schaffen, das sprachwissenschaftliche, sprachpolitische und sprachpflegerische (und rechtschreibpflegerische?) aktivitäten koordinieren könnte.

Die serie internationaler wissenschaftlicher tagungen, mit der der reihe nach verschiedene ortografieprobleme (zwecks zusammenstellung eines ganzen reformpakets) erörtert werden, wurde anfang november von der DDR fortgesetzt. Diesmal waren die silbentrennung und teilweise die zeichensetzung an der reihe. Aus der Schweiz nahmen prof. dr. Hans Glinz (als vorsitzer der rechtschreibkommission des mannheimer Instituts für deutsche sprache) und der schreibende teil.

Die jahresversammlung des BVR fand am 21. januar 1984 in Basel statt, wobei der ganze vorstand in seinem amte bestätigt wurde. In der Basler Zeitung erschien aus anlass des jubiläums ein ausführlicher bericht über die versammlung. Vorstandssitzungen wurden wie üblich zwei durchgeführt, nämlich am 7. april in Olten und am 25. august in Basel.

Wiederum spedierten der geschäftsführer, Walter Neuburger, und seine helfer eine grosse zahl – ungefähr 8000 – werbe und informationsschriften. Dafür sei ihnen herzlich gedankt. Gegen jahresende wurde wieder einmal ein neues informationsblatt mit angehängtem einzahlungsschein entwickelt. Es spielt mit einem nostalgischen lorbeerkranz und einem zitat von Johann Martin Usteri (mit den «tröpfchen auf den stein») auf das jubiläum des BVR an. Im laufe des jahres konnte auch das von frau Frank geschaffene rote werbebüchlein nach einer leichten überarbeitung neu aufgelegt werden.

Die Rechtschreibung erschien, wie es sich gehört, drei mal, in den monaten juni, september und november. Die erste nummer enthielt einen nachruf auf Heinrich Matzinger sowie die fortsetzung der aktion zur mitgliederwerbung. In der zweiten ausgabe, mit der die schriftleitung wieder an René Schild überging, erschienen unter anderem drei buchbesprechungen. Schwerpunkte der novembernummer sind gedanken zur silbentrennung und das sechzigjährige bestehen des BVR. Letzteres veranlasste uns zu einer erhöhung der auflage, um vor allem auch die presse bedienen zu können.

Nachdem 1983 keine ausstellung durchgeführt werden konnte, waren es 1984 deren zwei. Die erste (lehrerfortbildungskurse in Basel) wurde eher schlecht besucht, die zweite (kantonsschule Örlikon) dagegen erfreulich gut.

Ende 1984 zählte der BVR 1417 mitglieder, das sind leider vor allem auf grund vieler austritte auf jahresende – 18 weniger als ein jahr zuvor. Das dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass in der öffentlichkeit zu wenig über unsere sache zu hören und zu lesen war. Es ist aber zu bedenken, dass etwa eine arbeitstagung wie die in Rostock, so wichtig sie auch ist, nicht an die grosse glocke gehängt werden kann. Unsere aufrufe, man möge uns adresslisten zusenden, sind von unterschiedlichem erfolg gekrönt. Eine aktion mit prämien für geworbene mitglieder (Rechtschreibung nrn. 131 und 132) soll einen zusätzlichen anstoss geben. Die zahl der mitglieder, die den beitrag für lebenslängliche mitgliedschaft einbezahlt haben, ist erfreulicherweise um 25 auf 163 gestiegen.

Die folgenden mitglieder sind uns durch tod entrissen worden: Julie Baumann (Zürich), Hansueli Baumgartner (Adliswil), dr. Waldemar Fucymann (Horn, Österreich), Heinrich Matzinger (Zürich), Martha Meyer (Zürich), Thomas Plattner (Oberentfelden), Gottlieb Sutter (Sissach).

Abschliessend danke ich allen mitgliedern und besonders den kollegen im vorstand für ihre selbstlose mitwirkung und die gute zusammenarbeit.

Zürich, 19. januar 1985

Der vorsitzer: Rolf Landolt