Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

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2001-7-3

Jahresbericht des vorsitzers für 1985

Allgemein

Das jahr 1985 wird als ein ruhiges jahr in die lange geschichte des Bundes für vereinfachte rechtschreibung eingehen. Die serie der internationalen wissenschaftergespräche, von der im moment alles abhängt, läuft programmgemäss, sah aber für 1985 kein treffen vor. Die einladung für das nächste, im juni 1986, ist bereits eingetroffen, und auch diesmal wird ein vertreter des BVR dabei sein. Solange alles zwar langsam, aber wie vorgesehen läuft, ist es eher von vorteil, wenn in der öffentlichkeit nicht zuviel wind gemacht wird. Solange man von uns nichts hört, hört man auch von den gegnern nichts — auch nicht von denen, die eine angeblich leichter realisierbare verbesserte grossschreibung entwickeln.

Einen anlass hätte es für die politiker allerdings gegeben, etwas mehr dampf aufzusetzen: das internationale jahr der jugend. Schon der verstorbene bundesrat Ritschard sagte ja einmal, dass wir mehr an unsere enkel als an unsere grossväter denken sollten. Eine rechtschreibreform wäre eine einfache und billige möglichkeit, etwas für unsere enkel zu tun. Vielleicht hätte der BVR seine öffentlichkeitsarbeit speziell auf das jahr der jugend ausrichten sollen. Anderseits sollen alle generationen, auch die «grossväter», von einer rechtschreibreform profitieren; dazu kommt, dass wir unsere kampagnen im allgemeinen (entgegen der behauptung unserer gegner) nicht emotional ausrichten.

Neben den internationalen wissenschaftergesprächen, in denen zur zeit andere probleme als die grossschreibung auf der traktandenliste stehen, ging die politische diskussion über den 1982 verabschiedeten gemeinsamen regelvorschlag zur gemässigten kleinschreibung weiter. Eine anfrage aus Wien, in der alle deutschsprachigen staaten um eine stellungnahme zu diesem vorschlag ersucht wurden, konnte von seiten der Schweiz im september 1985 beantwortet werden. Das eidgenössische departement des innern übergab die ganze angelegenheit der konferenz der kantonalen erziehungsdirektoren (edk), die nun auch für kontakte mit dem ausland zuständig ist. Das innendepartement beschäftigt sich nicht mehr mit der angelegenheit — wohl in der (eigentlich nicht richtigen) annahme, es handle sich um ein reines schulproblem (vgl. dazu Rechtschreibung nr. 116, mai 1978, s. 6f.). Die edk, die sich vor zehn jahren sehr positiv zur gemässigten kleinschreibung äusserte, aber die dauerhaftigkeit ihrer beschlüsse nicht sehr hoch einzuschätzen scheint, übergab die sache einer kommission. Die von dieser kommission (unter mitwirkung unseres vorstandsmitglieds René Schild) ausgearbeitete stellungnahme ist grundsätzlich positiv, im einzelnen jedoch etwas zwiespältig, was sich aus zusammensetzung und arbeitsweise der kommission ergab.

Dadurch, dass nun die erziehungsdirektorenkonferenz die sache bearbeitet, ist der 1972 von bundesrat Tschudi eingesetzte «vorberatende ausschuss für fragen der rechtschreibreform» funktionslos geworden. Er war in den letzten jahren ohnehin nicht mehr sehr aktiv, weshalb die geschäftsprüfungskommission beider räte anlässlich einer durchforstung des kommissionendschungels anfang jahr seine aufhebung beantragte, was dann auch geschah. Ein humorvoller zeitungskommentator tröstete sich damit, dass durch die beibehaltung der «kommission zur beurteilung der eber, stiere und ziegenböcke» «das kulturelle gleichgewicht gewahrt» bleibe. Dieser kommentar sei hier auch deshalb zitiert, weil das ortografieproblem im rahmen der staatsaufgaben hierarchisch korrekt eingeordnet wird, was für eine speditive durchsetzung unserer anliegen sehr wichtig ist.

BVR

Die jahresversammlung des BVR wurde am 19. januar in Zürich abgehalten. Vorstandssitzungen fanden am 17. august und am 23. november statt, während sich geschäftsführer und vorsitzer laut zählung des ersteren 23mal zu besprechungen trafen.

Schwerarbeit leisteten der geschäftsführer, Walter Neuburger, und seine helfer mit dem versand sehr vieler werbe- und informationsschriften. Zusammen mit den zeitschriftenbeilagen wurden 37'800 schriften versandt. Einmal mehr wurde mehrheitlich die lehrerschaft angesprochen, wobei ein schwerpunkt beim Schweizerischen lehrerverein lag. Dagegen war es leider im abgelaufenen jahr nicht möglich, eine ausstellung durchzuführen. Als ausgleich wurde die werbung durch inserate verstärkt.

Walter Neuburger (und zusammen mit ihm der vorsitzer) erfuhr eine verdiente ehrung durch ein interview, das (mit bild) in der pädagogischen zeitschrift schule 85 erschien. Ein weiteres gespräch (auch zusammen mit dem vorsitzer) erschien in der umfangreichen und professionell gemachten schülerzeitschrift Rheinfelden Times in Badisch Rheinfelden.

Die Rechtschreibung erschien drei mal. In nummer 136 berichtete René Schild ausführlich über die arbeit der oben erwähnten edk-kommission. Die nummer 137 brachte reichlich spät, dafür illustriert, einen bericht über die tagung in Rostock vom november 1984 sowie einen kommentierenden bericht über ein geplantes schweizerisches «institut für deutsche sprache».

Die mitgliederzahl blieb stabil, das heisst, sie nahm um 1 mitglied auf 1418 zu. Gestiegen ist wiederum die zahl der mitglieder, die den «lebenslänglichen» beitrag eingezahlt haben; es sind jetzt 188 (+25).

Wir bedauern den hinschied der folgenden mitglieder: sr. Helena M. Allenspach, frau Susy Eicher-Ammann, frau Frieda Fischer-Kocher, dr. Fritz Gropengiesser, Gustav Höflin, Ludwig Knupfer, Otto Reber, Hans Ramseyer, frl. Mina Stierli, frl. Rosa Stirnemann, Johannes J. Sturzenegger, prof. dr. Louis Wiesmann.

Die rechnung des BVR schliesst mit einer vermögensverminderung von fr. 4238. Was bei den ausgaben vor allem zu buche schlägt, sind grössere werbeaktionen.

Allen mitgliedern sowie den kollegen im vorstand, aber auch verschiedenen ungenannten helfern danke ich für ihren einsatz und die gute zusammenarbeit.

Zürich, 18. januar 1986

Der vorsitzer: Rolf Landolt