Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)was ist was: stichworte → autonomiehypotese

Nachgeführt 15. 9. 2011

autonomiehypotese

Schrift (geschriebene sprache) entwickelt sich unabhängig von der gesprochenen sprache und folgt anderen prinzipen. Gegensatz: dependenzhypotese; schrift (wenigstens im fall der alfabetschrift) ist eine sekundäre, zusätzliche, willentliche realisierung der gesprochenen sprache. Interdependenz­hypotese: geschriebene sprachform ist nicht sekundäre ausdrucksform der gesprochenen, aber diese ist stets das modell für die verschriftung.

autonomiehypotese

dependenzhypotese

> Horst Hai­der Munske, Frank­furter All­gemeine Zei­tung, 4. 10. 2004

Lob der Rechtschreibung.

Wolf­gang Krischke, > Frank­furter All­gemeine Zei­tung, 10. 8. 2011

Was Duden und andere Reformer bewusst herunter­spielten, war, dass die Schrift sich gegenüber dem gesprochenen Wort schon längst emanzipiert hatte. Seit dem Mittel­alter - als Texte grundsätzlich laut gelesen wurden - hatte sie sich vom reinen Laut-Code für das Ohr zu einem differenzierten System für das Auge entwickelt, das dem Leser durch grammatische und semantische Zusatz­informationen die Sinn­zu­sammen­hänge verdeutlicht. Viele schein­bar unlogische Regeln erleichtern die visuelle Verarbeitung […].

Leo Weis­ger­ber, Die Verant­wortung für die Schrift, 1964

Sprache ist primär, Schrift ist sekundär.

Elisabeth Leiss, Die regu­lierte §chrift, 1997

Bei der Alphabetschrift, also bei der Verschriftung der Ausdrucksseite, wird der Inhalt immer mitasso­ziiert. Er ist sozusagen 'in Abwesenheit anwesend'. Die Umkehrung trifft ebenfalls zu. Wird bei der Verschriftung einer Sprache der Inhalts­seite Priorität zugestanden, wird also der Inhalt durch die Schriftzeichen sichtbar gemacht, wie zum Beispiel im chinesischen Schriftsystem, dann wird die ent­sprechende Aussprache sofort damit assoziiert. Ganz gleich, welches Schriftsystem man wählt, jedesmal gilt, daß jeweils nur die 'Hälfte der Sprache' sichtbar gemacht wird. Jedes dieser Schriftsysteme ist auf seine Art ökonomisch. Nicht mehr ökonomisch sind jedoch Alphabetschriften, in die durch willkürliche ortho­graphische Normierungen eingegriffen wurde. Sie erzwingen eine doppelte Gedächtnis­leistung. […] Wer sich zusätzlich Wort­bilder merken muß, d.h. Bilder, die nicht automatisch evoziert und assoziiert werden, weil sie ja nicht zur Bedeutung, sondern wiederum nur zur Ausdrucksseite gehören, verwendet ein Zeichensystem, das völlig unnötig und unmotiviert zusätzliche Gedächtnis­kapazität verschwendet. Der Vorteil eines guten Verschriftungs­mediums, nämlich daß nur die Hälfte des sprachlichen Zeichens materialisiert zu werden braucht, wird aufgegeben. Das Verschriftungs­medium wird somit nicht optimal genutzt. Orthographie­theoretiker haben für dieses Dilemma einen fragwürdigen Ausweg gefunden. Sie postulieren die Autonomie des Schrift­systems von der gesprochenen Sprache. Sie suggerieren damit, auch die Alphabet­schrift sei - ähnlich wie etwa das Chinesische - unabhängig von der gesprochenen Sprache. Sie behaupten sogar, das für Alphabetschriften charakteristische phono­graphische Prinzip sei gar nicht so wichtig. Es gebe weit wichtigere Prinzipien, die wirksam seien. Das trifft jedoch nicht zu oder stellt zumindest eine ungerecht­fertigte Über­treibung dar. […] Die These von der Autonomie der Alphabetschrift ist dennoch auf überraschende Resonanz gestoßen. Die Defekte einer durch orthographische Eingriffe verstümmelten Alphabet­schrift werden als prinzipien­geleitete Vorzüge umgedeutet.