Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)was ist was: stichworte → dreikonsonantenregel

Nachgeführt 18. 10. 2011, 8. 8. 2010


dreikonsonantenregel

Geschichte

Amtsblatt der Stadt Zürich, 9. 1869

Schifffahrt.

Konrad Duden: Vollständiges Ortho­graphisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1880.

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In betreff des Zusammentreffens dreier gleicher Konsonant­zeichen in zusammengesetzten Wörtern folgt das Wörterbuch der preußischen Regel. Nach dieser schreibt man dennoch, Dritteil, Mittag, Brennessel, Schiffahrt. In allen übrigen Wörtern, in welchen durch Zusammensetzung drei gleiche Konsonanten zusammentreffen, behaupten alle drei ihren Platz; z. B. Betttuch, Schwimmmeister. Das bayerische Regelbuch schreibt vor, daß in allen Wörtern, in denen durch Zusammensetzung drei gleiche Konsonant­zeichen zusammenstoßen würden, eins auszulassen sei; also z. B. auch Schalloch, Bettuch, Kammacher; aber Rückkehr, Schutzzoll.

Die dreikonsonanten­regel im «urduden».

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Betttuch, Schiffahrt, Stillleben.

inserat in einer zürcher zeitung, 8. 1891

Schifffahrt.

Konrad Duden: Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1904.

Wenn bei Zusammensetzungen drei gleiche Konsonanten zusammen­treffen, z. B. in Brennnessel, Schifffahrt, Schnellläufer, so kann man davon einen ausfallen lassen; man darf also schreiben Brennessel.

Es handelt sich um eine typografische, durchaus nicht zwingende spar­schreibung.

Konrad Duden: Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1915. XII.

Wenn bei Zusammensetzungen drei gleiche Mitlaute zwischen Selbstlauten nebeneinander zu stehen kommen, so ist einer davon zu streichen.

Eine folge der ver­schmelzung des allgemeinen Ortho­graphischen Wörterbuchs und des so genannten buchdrucker­dudens: Die regelung wird strikter.

Vorschlag «kleine rustsche reform». 1944.

In zusammensetzungen werden konsonanten nur zweimal geschrieben: Schiffahrt, aber auch Schiffracht.

Ausweitung der regel.

Lutz Mackensen: Deutsche Rechtschreibung. 1968.

Wir ſchlagen […] vor, drei gleiche Mitlaute zu meiden: Schnelläufer […], aber auch Ballettruppe […], Sauerstofflasche.

Wieder die ausweitung der regel.

Duden, die deutsche Rechtschreibung. 20. auflage, 1991. R 204.

Treffen bei Wortbildungen drei gleiche Konsonanten zusammen, dann setzt man nur zwei, wenn ein Vokal (Selbstlaut) folgt.

Schiffahrt, Brennessel, Ballettheater (th, griech. ϑ, gilt hier als ein Buchstabe), wetturnen.

Bei Silbentrennung tritt der dritte Konsonant wieder ein. Schiff-fahrt, Brenn-nessel, Ballett-theater, wett-turnen. […]

Nach ck darf k nicht ausfallen, und nach tz bleibt z erhalten.

Folgt auf drei gleiche Konsonanten noch ein anderer, vierter Konsonant, dann darf keiner von ihnen wegfallen. Auspuffflamme, Pappplakat, Balletttruppe, fetttriefend.

Treffen drei s aufeinander, wenn ss als Ersatz für ß steht, dann werden immer alle drei s geschrieben, also auch bei folgendem Vokal.

Zwingende regeln für immer mehr spezialfälle bei unveränderter grundlage, der amtlichen regelung von 1902.

Neuregelung von 1996.

 

Die regel entfällt.

Zitate zur neuregelung von 1996

neu S. Stirnemann, rechtschreibreform.com, 20. 4. 2002

Die brennende Nessel.

neu David Weiers, oculis-vigilantibus.com, 27. 7. 2010

Im 19. Jahrhundert war das Ausschreiben aller drei Konsonanten des Kompositums tatsächlich aktuell. Aber das ist lange her. Durch Assimilation ging nämlich der dritte Konsonant im Kompositum verloren, wenn ihm ein Vokal folgte. […] Man tut gut daran, getreu dieser Entwicklung auch weiterhin zu verfahren […]. Der Reformer (als solcher Weltverbesserer faschistoid-chauvinistischer Ausrichtung) denkt nämlich folgendermaßen: „Trenne ich mit drei Konsonanten (Brenn-nessel), dann ist es doch nur logisch, auch ohne Trennung Brennnessel zu schreiben.“ Aber er fragt sich nicht, warum dieser Weg auf einmal logischer sein soll als der Lauf der „natürlichen“ Entwicklung. Und vor allem fragt er sich nicht, warum die Entwicklung auf einmal grundlos zurückgedrängt werden soll. Weshalb wir uns fragen: Was soll der Unsinn?!

Mannheimer Morgen, 29. 7. 2000

Der Schriftsteller Ralph Giordano […] wird mit den Worten zitiert: "Bravo, bravissimo! — endlich ein Ende mit dem Klamauk der so genannten neuen Rechtschreibung. Schifffahrt mit drei 'f'? Nur über meine Schriftstellerleiche!" Dass er zuvor schon die Sauerstoffflasche mit drei 'f' schreiben musste, hat seine Tätigkeit aber offenbar nicht beeinträchtigt.

neu Matthias Heine, Welt am Sonntag, 9. 10. 2011

Darüber, dass man in zusammengesetzten Substantiven jetzt immer dreimal denselben Konsonanten hinter­einander schreiben muss - "Schifffahrt", "Balletttänzerin" -, regen sich wohl nur noch Rechtschreib-Taliban auf. Denn so etwas musste man auch schon vorher machen, wenn auf den Mehrfachkonsonanten ein weiterer Konsonant folgte und das Wort an dieser Stelle getrennt oder gekoppelt geschrieben wurde wie in "Ballett-Truppe" oder "Schiff-fracht". Hier ist das Regelwerk also ein bisschen leichter und logischer geworden.

Die gegner verteidigen etwas, was sie nicht kennen:

Max F. Ruppert, Die Welt, 10. 2. 1999

Bei Rechtschreibproblemen hilft das Grammatische Telefon.

Ingeborg Krupar, Die Welt, 19. 2. 1999

leserbrief zu "Bei Rechtschreibproblemen hilft das Grammatische Telefon"

Nordkurier-Online, 2. 8. 1999

Bei "Pappplakat" sträuben sich dem Kulturamtschef die Haare. Die Rechtschreibreform auf dem Weg in die Amtsstuben - doch willkommen ist sie dort nicht

Doch Jakubzik bemängelt an der neuen Sprachvorschrift nicht so sehr die Reibungsverluste der Umstellung. Seine Kritik zielt tiefer: "Diese sogenannte Reform ist völliger Quatsch. Eine unausgegorene Sache, die niemandem nützt und zu einem Sprachchaos führt", wettert der studierte Deutschlehrer, der die Aktion persönlich als halbherzig und im Sinne der Sprachentwicklung rückschrittlich ablehnt. "Wenn ich Wörter wie Pappplakat lese, sträuben sich mir die Haare."

Wie hat der kulturamtschef Pappplakat vorher geschrieben?

Carolin Mülver­stedt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Großes Erstaunen löst häufig auch die Erkenntnis aus, dass „Kunststoffflasche” schon bisher mit drei „f” zu schreiben war […].

Ralph Giordano, Südwest Presse, 29. 7. 2000

Hans-Joachim Thron, Zurück, marsch marsch.

Marcel Reich-Ranicki, Bild, 5. 8. 2000

Literaturkritiker Reich-Ranicki: „Zurück zur alten Rechtschreibung!"

newsclick.de (Braunschweiger Zeitungsverlag), 15. 9. 2000

Ihre Lehrer sind zwei Jahre nach der verbindlichen Einführung der neuen Rechtschreibung im Unterricht immer wieder aufflackernde Diskussionen um Tip oder Tipp, Papplakat oder Pappplakat leid. […] Der stellvertretende pädagogische Leiter der Kreisvolkshochschule (KVHS) erlebt in Kursen zum zweiten Bildungsweg, dass sich Schreibweisen wie Pappplakat gut vermitteln lassen, Zusammen- und Getrenntschreibung aber weiterhin Probleme bereiten.

Es ist erfreulich, dass sich Pappplakat gut vermitteln lässt. Man hat es ja auch schon immer so geschrieben; Papplakat hat man weder geschrieben noch diskutiert. Es ist wohl wirklich so: Eine rechtschreibreform lässt sich höchstens dann vermitteln, wenn sich nichts ändert.

Karl-Heinz Reith, Südkurier, 1. 8. 2003

Zwei von 1000 Wörtern.

Ulrich Wickert, ARD-«tagesthemen», 3. 6. 2005, 23:10

Trotzdem, eins verspreche ich Ihnen, meine Damen und Herren: Solch einen Schwachsinn wie Schiffahrt mit drei f und Ballettruppe mit drei t werde ich nie schreiben, selbst wenn ich dann eine schlechte Note bekomme.

Wenn «mister Tagesthemen» bisher «Ballettruppe» mit 2 t geschrieben hat, hat er kaum gute noten bekommen.


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Rolf Landolt