Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

nachgeführt 2017-10-21 , 2017-7-24

Aus presse und internet

19. 12. 1995

: Jahrelange Verwirrung vorprogrammiert. Süddeutsche Zeitung, , Leserbriefe (418 wörter)
Die schwerwiegendste Änderung der Reform ist die weitgehende Abschaffung des ß, das sich seit dem 15. Jahrhundert als sinnvoller deutscher Sonder­buchstabe bewährt hat. Gerade diese Änderung wurde in den Ver­öffentlichungen der letzten Monate praktisch nie erwähnt. Vielmehr hat man die bewahrenden Kräfte erfolgreich auf den Nebenkriegs­schauplatz Fremdwort­schreibung abgelenkt.

5. 12. 1995

: Dreizehn Jahre Stress. Süddeutsche Zeitung, , s. 4
Das Getöse um die unselige Rechtschreib­reform – der Teufel soll sie holen! – hat die jüngste Sitzung der Kultus­minister-Konferenz derart dominiert, dass deren wichtigere Entscheidung darin beinahe unterging: Beim Abitur bleibt alles, wie es war […].

4. 12. 1995

: "Warum müssen wir uns nach den Buckligen richten?" Stichtag 1. August 1998: Ob Siegfried Lenz oder Martin Walser, die Schriftsteller sind gegen die Orthographiereform, die Verlage finden sich ab. Die Welt, , nr. 283, s. 10
Offensichtlich können Rechtschreib­reform und Schrift­steller nicht zueinander­kommen. […] Recht­schreibung sei "Stimmungs­sache", weiß Martin Walser, eine "Konvention", von der man sich inspirieren lassen kann, aber nicht muß. […] Auf völliges Un­verständnis stoßen die Pläne bei Siegfried Lenz. "Jedes Wort trägt schließlich in der geschriebenen Form seine Bedeutung. Warum soll man das ändern?" fragt der Hanseat. "Wo ist die Legitimation derer, die uns die neuen Regeln aufzwingen?"

18. 11. 1995

: Wer diktiert die Rechtschreibreform? Eine Stellungnahme aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Neue Zürcher Zeitung, , 216. jg., nr. 269, s. 46
Unklar ist, wie denn die Entscheidungs­prozesse in der Bundes­republik verlaufen.

3. 11. 1995

: Der Duden, nicht das Amtsblatt. Neue Zürcher Zeitung, , 216. jg., nr. 256, s. 79, Briefe an die NZZ
Diese verlegerischen Freiheiten werden — wenn es denn zu einer neuen amtlichen Regelung kommen soll — auch in Zukunft erhalten bleiben. Man wird bei Rechtschreib­fragen also weiterhin im Duden, in einem anderen Wörterbuch oder auch in einer geeigneten Grammatik nachschlagen und nicht im Amtsblatt.
neu : Zweifelhafte Vereinfachung der Rechtschreibung – Chance vertan. Eine Reform der deutschen Orthographie sollte nicht übers Knie gebrochen werden. Neues Deutschland (), , s. 14, Wissen (774 wörter)
Eine Rechtschreib­reform verfolgt im Grunde zwei miteinander verbundene Ziele, nämlich erstens die Ortho­graphie zu systematisieren, d.h. Ausnahmen zu beseitigen, und zweitens die Ortho­graphie an den erreichten Stand der Sprach­entwicklung an­zupassen. Beides bedeutet eine Vereinfachung der Schreibung. Eine Reform ist daran zu messen, inwie­weit sie das tut. Hier muß man sagen, daß mit dem vor­liegenden Reform­konzept die Chance vertan wurde, die deutsche Recht­schreibung in möglichst starkem Maße zu vereinfachen. […] wes­halb hat man die Frage der Klein­schreibung von Substan­tiven aus­gespart, weshalb werden Fremd­wörter nicht strikter an die deutschen Sprach­gewohnheiten angepaßt?

28. 10. 1995

: Der Tod aller Bücher. Badener Tagblatt, , 148. jg., nr. 252, s. I/II, BT am Samstag
Um die Jahrtausendwende müssen wir uns 12 500 neue Wortbilder einprägen. Dieses Zitat stammt […] von Wolf Schneider. Diese hätten, worauf er ebenfalls hinweist, "die dramatische Wirkung, alle nach der alten Norm gedruckten Bücher fast unlesbar zu machen für die, die in die neue Norm hinein­gewachsen wären . . ." […] Angesichts derart schwerwiegender Konsequenzen darf ich getrost das Schluss­wort wagen: Der Eifer der Reformer ist grösser als der Bedarf an den Reformen, die sie ebenso zielstrebig wie inkompetent verordnen.
: "Sie sind unfähig, zu entscheiden" Deutschland verschiebt Rechtschreibreform — Auswirkungen auch auf die Schweiz. St. Galler Tagblatt, , 157. jg., nr. 252, s. 2
Die Rechtschreib­reform stehe in der 10. Priorität an der 20. Stelle, soll der frühere Zürcher Erziehungs­direktor Alfred Gilgen einmal gesagt haben.
: Rechtschreibreform erhält Verspätung. Deutsche Bundesländer vertagen Entscheid. Tages-Anzeiger, , 103. jg., nr. 251, s. 12, Kehrseite
Die Einführung der Rechtschreib­reform in Österreich, Deutschland und der Schweiz gerät in Verzug. […] Einige Minister­präsidenten fragten, ob sie überhaupt das Recht zu einer solchen Verordnung hätten.
: Eine Reform der Halbherzigkeit. Berliner Kurier, , s. 2, Politik, Kommentar (205 wörter)
Nach der deutschen Vereinigung gab es gering­fügige Veränderungen im Wortschatz, nicht aber in der Orthographie. Der Grund, sie zu ändern, ist nicht zu finden. Schon gar nicht durch eine auf­gezwungene und halbherzige Reform, die nur auf platte Vereinfachung zielt. Eine wirkliche Reform bestünde in genereller Klein­schreibung ähnlich dem Englischen.
: Sie kommt nicht, sie kommt. Frankfurter Rundschau, , 51. jg., nr. 251, s. 3, kommentar
"Ach Sie wissen doch, wie es ist: Man beschäftigt sich mit den Dingen erst, wenn man entscheiden muß." So sagt Bayerns Kultus­minister treuherzig. Und so sagen es auch die in Lübeck versammelten Minister­präsidenten und verlangen Aufschub zwecks (Eigen-)Bildung und Aufklärung. Von der Rechtschreib­reform, den internationalen Vereinbarungen im deutschsprachigen Raum wollen sie in den letzten zehn, zwanzig Jahren nichts gehört, nichts gesehen, nichts gelesen haben.

27. 10. 1995

: Wer ohne Hindernis lernt, lernt nichts. Noch einmal: Vom Irrtum, die deutsche Rechtschreibung ließe sich bürokratisch regeln. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , nr. 250, s. 43, Feuilleton
Diese Reform versucht, semantische Merkmale der Sprache durch formelle zu ersetzen, und geht dabei von einer falschen Vorstellung der "Form" aus: Weder die Groß- oder Klein­schreibung noch das Zusammen- und/oder Getrennt­schreiben sind bloße "orthographische Varianten". Sie drücken verschiedene Inhalte aus. […] Vom ursprünglichen Vorschlag zur Neuregelung der Orthographie, in dessen Mitte die längst vergessene "gemäßigte Klein­schreibung" stand, ist ohnehin so wenig übriggeblieben, daß man von einer "Reform" gar nicht mehr reden kann.

23. 10. 1995

Rechtschreibung. Neue Regeln: Jetzt oder nie. Der Spiegel, , nr. 43, s. 102 bis 109, Gesellschaft
Die Reform der Rechtschreibung steht auf der Kippe, diese Woche entscheiden die 16 Länderchefs. In den Medien und in der Bevölkerung wächst die Stimmung gegen das umstrittene Reformwerk. Worum es wirklich geht, wissen noch immer nur wenige Bundesbürger. […] "Es steht 50 zu 50, ob es zu einer Rechtschreib­reform kommt." Größere Chancen gibt Sachsens Kultus­minister Matthias Rößler dem Projekt nicht, das sieben Jahre lang vorbereitet wurde und seit einigen Wochen das meist­diskutierte Bildungs- und Schulthema ist.

17. 10. 1995

: Für eine sanfte Sprachrenovation. Neue Zürcher Zeitung, , 216. jg., nr. 241, s. 67, Briefe an die NZZ
Hundertjährige französische Bücher wirken denn auch noch durchaus modern, während deutsche Werke aus jener Zeit dank unablässigem Reform­eifer praktisch unlesbar geworden sind.

14. 10. 1995

: Der Duden ist tot — es lebe der Duden! Neue Zürcher Zeitung, , nr. 239, s. 81, Wochenende (348 wörter)
Doch ab morgen wird alles anders. Die Schrift­gelehrten unseres Jahrzehnts in unserer Sprachregion haben sich etwas Neues ausgedacht, das sie — wie könnte es anders sein — als Reform, als Verbesserung, als Vereinfachung, kurz: als ideale Lösung empfinden. Eine Lösung, die unsere Abc-Schützen und alle, die es geblieben sind, aus dem Labyrinth der deutschen Ortho­graphie sicher herausführen soll. Ein neuer Duden ist schon fast auf dem Markt, und ab 1996 ist beinah alles erlaubt, was verboten war, und umgekehrt. Nein, nicht das Chaos wird herrschen, sondern die ganz grosse Freiheit. Da freuen sich die Computer, denn es gibt neues Futter, die Verlage, denn es gibt neue Bücher, und nur die Deutschlehrer, Redaktoren und Korrektoren überlegen, ob sie den Beruf wechseln oder sich einen Strick kaufen sollen.

12. 10. 1995

: Schmerz fürs Auge. Lukas Lessing: "Katastrofen und Ketschup"; Nr. 37 (I). Weltwoche, , 63. jg., nr. 41, s. 19, Forum (leserbriefe)
Besonders die Manie zur Eindeutschung fremdsprachiger Wörter irritiert.
: Schmerz fürs Auge. Lukas Lessing: "Katastrofen und Ketschup"; Nr. 37 (II). Weltwoche, , 63. jg., nr. 41, s. 19, Forum (leserbriefe)
Dieser aufschlussreiche Artikel lässt mich erschaudern, wenn ich denke, was da alles noch auf die Schreiberinnen und Schreiber deutscher Sprache zukommen soll.
: Schmerz fürs Auge. Lukas Lessing: "Katastrofen und Ketschup"; Nr. 37 (III). Weltwoche, , 63. jg., nr. 41, s. 19, Forum (leserbriefe)
Liber keine reform als so eine, kann mensch dazu nur sagen. Di ide einer reform wäre docch eigentlich, dass die orthografi einfaccher und/oder konsekwenter und/oder sinnvoller würde.

29. 9. 1995

Einheitliche Kleinschreibung. Berliner Zeitung, , s. 30, Ratgeber (56 wörter)
Wir schlagen vor, den Unter­schied zwischen "daß" und "das" abzuschaffen, eine einheitliche Klein­schreibung ein­zuführen und Wörter so schreiben zu können, wie wir sie sprechen.

26. 9. 1995

: Die lächerlichste Bastelei der Welt. Zur aktuellen Orthographie-Diskussion. Neue Zürcher Zeitung, , 216. jg., nr. 223, s. 45, Feuilleton
Natürlich gäbe es eine Lösung. Die Politiker und die Experten sollten ihre amtsmässigen Kompetenzen in Fragen der Rechtschreibung an drei Personen abtreten. An je eine deutsche, eine österreichische und eine schweizerische Schriftstellerin oder Journalistin, die in ihren Büchern bewiwsen haben, dass sie Meisterinnen im Umgang mit der Sprache sind. Die drei Frauen setzen sich für drei Monate zusammen und teilen der deutsch­sprachigen Welt dann mit, wie sie es für die kommenden dreissig Jahre mit der Recht­schreibung zu halten hat.

25. 9. 1995

: Wie man seine Mitmenschen mobbt. Warum eine Rechtschreibreform nur Scherereien bringt. Focus, , nr. 39
Manche Reformen sind nützlich, andere wenigstens diskutabel; für die dritten gilt, daß sie Genugtuung und Belästigung redlich verteilen, wie die drohende Rechtschreibreform dies tut: 100 Reformer sind hochzufrieden, und von den 100 Millionen Menschen deutscher Muttersprache, die sich der Reform nun unterwerfen sollen, haben 98 Millionen den Ärger. […] Mindestens sollte es uns stutzen machen, daß in England und Frankreich eine Rechtschreibreform gar keine Chancen hat, obwohl dort Sprache und Schrift viel weiter auseinanderklaffen.

21. 9. 1995

: Meinen Sprachforscher das wirklich ernst? Wenn der Keiser vom Tron fellt — eine Katastrofe! Blick, , s. 15, Feuilleton
Konrad Duden (1829—1911) würde zusammen mit seinem «Vollständigen ortho­graphischen Wörterbuch der deutschen Sprache» im Grab rotieren: Sein 1880 erschienenes Sprach-Standardwerk wird komplett überarbeitet.
: Gibt sich und hat Mühe; wie Lehrlinge schreiben. Neue Zürcher Zeitung, , nr. 219, s. 96, Schule und Erziehung (659 wörter)
Um Aufschlüsse über die schriftsprachlichen Stärken und Schwächen von Lehrlingen und Lehrtöchtern zu erhalten, wurden im Schuljahr 1991/92 Aufsätze von Schülern einer Zürcher Berufsmittelschule auf ihre formalen Qualitäten hin untersucht. […] Beinahe jede oder jeder dritte schreibt jedoch dezidiert ungern: «freiwillig nie» oder «nur wenn es unbedingt notwendig ist». […] Über alle Kategorien sprachlicher Korrektheit (orthographisch-inter­punktionelle, grammatische, semantische) betrachtet, ist durchschnittlich auf 16,6 Wörter einmal eine Sprachregel verletzt worden. […] Bei knapp drei Vierteln aller sprachlichen Irrtümer handelt es sich um Verstösse gegen die Regeln der Recht­schreibung und Zeichensetzung. […] Am häufigsten, d. h. in 40 Prozent aller Fälle, wurde gegen Interpunktions­regeln verstossen. Vier von fünf dieser Fehler betreffen die Kommasetzung, vor allem jene im zusammen­gesetzten Satz. In zwei von fünf Orthographie­fehlern geht es um die Gross- bzw. Kleinschreibung, in einem von fünf um die Getrennt- und Zusammen­schreibung; beide Gebiete der Recht­schreibung gelten als besonders schwierig. Da sich die Schreibung leicht überprüfen lässt, werden Texte oft auf Grund ihrer ortho­graphischen Qualität als gut oder schlecht beurteilt — vorschnell, wie die Analyse der Lehrlings­texte vermuten lässt, konnte doch kein signifikanter Zusammenhang zwischen der orthographischen Fehler­dichte und den übrigen formalen Qualitäten eines Aufsatzes eruiert werden.

16. 9. 1995

: Rechtschreibreform. Nötige Denkpause. Bayernkurier, , 46. jg., nr. 37, s. 2
Es geht sicher nicht darum, die Neuregelung zu stoppen. Sie enthält viele sinnvolle Neuerungen und eindeutige Erleichterungen, reduziert das für niemand mehr überschaubare Regelwerk auf ein erträgliches Maß und macht Schluß mit Inkosequenzen wie "Auto fahren" und "radfahren". […] Das kann aber nicht heißen, daß die in Deutschland für die Neuregelung ver­antwortlichen Kultus­minister jetzt nur noch automatisch abzusegnen hätten, was ihnen ihre Beamten auf­geschrieben haben.

15. 9. 1995

: Setzen, Hans Zehetmair! Ulrich Raschke über einen wahren Kämpfer um die Rechtschreibung. Die Woche, , nr. 38, s. 48, Menschen
Das war knapp! In letzter Minute konnten Sie eine Konspiration ungeahnten Ausmaßes aufdecken: Wissenschaftler und Ministerial­beamte wollten allen Ernstes die deutsche Rechtschreibung reformieren.

14. 9. 1995

: Katastrofen und Ketschup. Viel Wirbel um die Orthographie-Reform — aber kommt sie auch wirklich? Weltwoche, , 63. jg., nr. 37, s. 65, Kultur
Eine Gemeinsamkeit mit dem Jahrhundert­werk von 1901 steht jetzt schon fest — das Scheitern. […] Jetzt gelingt nicht mal die von Linguisten und Germanisten so sehr herbei­gesehnte Ver­einheitlichung , von der Vereinfachung ganz zu schweigen: Die Deutschen und die Österreicher mochten sich nicht (analog zu den Schweizern) zur vollständigen Abschaffung des fehler­verursachenden Buchstabens ß entschliessen […] Was noch scheiterte: die von allen Linguisten erwünschte gemässigte Klein­schreibung […] Alles sei ein Kompromiss auf kleinstem gemeinsamem Nenner, meint auch Dr. Klaus Heller von der Arbeits­stelle Graphie und Orthographie beim Institut für deutsche Sprache […] Witzig erscheint […] der Ursprung der gesamten Orthographie­diskussion, der eindeutig in der Themengruppe Orthographie am Zentralinstitut für Sprachwissenschaft an der Akademie der Wissen­schaften in Berlin/Ost zu lokalisieren ist.

Der BVR würde niemals für sich in anspruch nehmen, der ursprung der gesamten ortografiediskussion zu sein, aber immerhin kommt 1924 (seine gründung) vor 1949 (gründung der DDR).

12. 9. 1995

neu : "Geplante Rechtschreibreform eine Kulturbarbarei". Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 4, Politik (92 wörter)
Als "Kulturbarbarei" hat der Präsident des deutschen Lehrer­verbandes, Kraus, die geplante Ein­deutschung von Fremd­wörtern be­zeichnet.

11. 9. 1995

: Spiegel-Gespräch: "Viele werden erschrecken." Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair über die Rechtschreibreform. Der Spiegel, , nr. 37, s. 226 bis 229, Kultur
Spiegel: Haben Sie Ihre Meinung über die Rechtschreib­reform gewechselt? Uns hat voriges Jahr überrascht, daß Sie als erster Minister den Reform­vorschlag ohne jeden kritischen Unterton begrüßt haben, als er im November 1994 auf einer internationalen Konferenz in Wien verabschiedet wurde. Zehetmair: Nun, da ist uns ein Malheur passiert. […] Spiegel: Wissen denn die Deutschen in etwa, was auf sie zukommt? Zehetmair: Nein, überhaupt nicht. Die breite Öffentlichkeit ist so gut wie gar nicht informiert. Deshalb werden viele erschrecken, wenn es nun zu einer Reform kommt […]. Viele haben gar nicht mehr an eine Reform geglaubt, nachdem seit fast hundert Jahren alle Vorschläge gescheitert sind. […] Zehetmair: Es wäre eine Katastrophe, wenn es zu Katastrofe käme. […] Spiegel: […] Wie schreiben Sie: Heiliger Vater? […] Zehetmair: Heiliger groß natürlich. Spiegel: Das ist heute richtig und künftig falsch. […] Zehetmair: Unmöglich, das halte ich beinahe für einen Eingriff in Glaubensfragen.

2. 9. 1995

: Alles gleich ist alles anders Die Reform der Orthographie: Risiken und Nebenwirkungen eines nicht ganz durchdachten Vorschlags. Frankfurter Allgemeine Zeitung, , s. 28, Feuilleton
Doch wer nun glaubt, es sei eine einheitliche Schreibung des Deutschen beschlossen, der irrt: Auch in Zukunft wird es keine Rechtschreibung des Deutschen geben, sondern, wie gehabt, eine deutsche, eine österreichische und eine Schweizer Recht­schreibung der gemeinsamen Sprache. Warum dieser Reichtum an Varianten jetzt fest­geschrieben — oder, wie es in Zukunft heißen soll, "fest geschrieben" wird, ist nicht einzusehen. […] Vor kaum fünf Jahren ist in Paris der Vorschlag zur Neu­regelung der französischen Recht­schreibung an der letzten Hürde, nämlich an der Académie française, gescheitert. Er war ähnlich siegessicher vorgetragen worden. Storniert wurde eine Vorlage, die offiziell nur 273 Wörter betreffen sollte. Doch ein Verlag, dem es weder an unternehmerischer Kapazität noch an wissen­schaftlicher Kompetenz mangelt, rechnete schnell das Zehnfache an betroffenen Wörtern aus. Leider gibt es keine deutsche Akademie mit dem gleichen Einfluß wie die französische.

1. 9. 1995

: Ungehaltene Rede. Rechtschreibreform: Schon jetzt die Schnauze voll. Der schweizerische Beobachter, , 69. jg., nr. 18
Konrad Duden (1829—1911) diktierte unserem Chef­redaktor Josef Rennhard aus dem Jenseits eine Botschaft zur bevorstehenden Reform der deutschen Recht­schreibung.

7. 1995

: Was ändert sich an der deutschen Rechtschreibung? Deutsch als Fremdsprache, , nr. 3, s. 168 bis 176
Abstract: In diesem Beitrag wird ein Überblick über die bevorstehenden Neuregelungen zur Orthographie des Deutschen gegeben, die im November 1994 in Wien als Reform­vorschlag beschlossen wurden. Neben knappen Ausführungen zu Charakter und Geschichte von Orthographie und Orthographie­reformen werden die vorgesehenen Änderungen bei Laut-Buchstaben-Zuordnung (einschließlich Fremdwörtern), Getrennt- und Zusammen­schreibung, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende detailliert erläutert, z. T. erörtert und mit Beispielen illustriert.

19. 6. 1995

Zwei Jahre im Zwielicht. Der Spiegel (spiegel.de), , nr. 25, s. 106 bis 107, Gesellschaft (691 wörter)
Eine umfassende Reform der Rechtschreibung steht bevor. Sie bringt mehr Änderungen, als es bislang in diesem Jahrhundert gegeben hat. Letzte Instanz sind die deutschen Kultusminister der 16 Bundesländer, sie entscheiden im Herbst. Verzichten sie auf not­wendige Korrekturen? Den Schaden hätten die Schulen. […] Der siebenjährige Krieg um das Ausmaß der Reform hat in dem jetzt vor­liegenden Regelwerk Spuren hinterlassen, die seinen Wert erheblich mindern. Positiv ist, daß vieles vereinfacht und erleichtert wird. Negativ ist, daß einiges unnötig schwierig bleibt oder sogar erschwert wird.
: Packet, Rytmus, Tron? Günther Drosdowski über die Reform der Rechtschreibung. Der Spiegel (spiegel.de), , nr. 25, s. 107 bis 110, Gesellschaft (2446 wörter)
Herr Drosdowski, Sie gehörten der deutschen Kommission an, die jahrelang an der Reform der Rechtschreibung gearbeitet hat. Die meisten Mitglieder wären gern viel weiter gegangen, als im November vorigen Jahres auf einer internationalen Konferenz in Wien beschlossen wurde. Sie auch? Drosdowski: Nein, ich hätte lieber da und dort Abstriche gemacht.

4. 1995

: Ein Kaubeu am Rein. NZZ-Folio, , nr. 4, s. 75, Sprachlese (843 wörter)
Dass wir eine Lautschrift hätten […], wird gern gesagt und ist doch in doppelter Hinsicht irre­führend: Weder sind unsere Laute geeignet, das, was sie benennen, halbwegs sinnvoll abzubilden, noch sind unsere Buch­staben imstande, die gesprochenen Laute in schlüssige Symbole umzusetzen. […] Nun sollen wir uns, wenn es nach den Reformern geht, um die Jahrtausend­wende 12 500 Wortbilder einprägen, Alfabet zum Beispiel oder Stängel, weil der eigentlich eine kleine Stange sei. Eine Umgewöhnung, eine Belästigung also wird uns zugemutet, und der Vorteil, der sie aufwiegen soll, liegt auf einem Feld, auf dem die Schrift ohnehin wenig zu vermelden hat: der Logik.

stellungnahme

27. 1. 1995

: Rechtschreibreform: Stammtischwitze und Desinformation. Werbewoche, , nr. 2, kolumne
An den Stammtisch gesetzt hat sich auch der Chef­redaktor der «Welt­woche», Rudolf Bächtold. Eine halbe Spalte sollte am 1. Dezember auf Seite 2 einen Eindruck ver­mitteln, wie ein Text ab 2001 aussieht: «Jetz dürfen wir deutsch sprachigen entlich so schreiben, wie uns der Schnabel gewaxen ist ...» […] Nein, das war Des­information.

20. 1. 1995

: Vom Tron bis zum Komputer und dem Bändel. Mehr Bindestriche und kleines „du“ zur Tante. Schwäbische Zeitung,
Glücklich sind Rechtschreibreformer wie der Immendinger Realschulrektor Wilhelm Werner Hiestand über die Ende November 1994 in Wien beschlossene Neuregelung der deutschen Rechtschreibung jedoch keineswegs. „Dass die substantivkleinschreibung der zaghaftigkeit der machtträger zum opfer gefallen ist, schmerzt freilich sehr“, urteilt er mit der „Tribüne“ […].