Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → einheitlichkeit
nachgeführt 2018-9-2

einheitlichkeit

Definition

geografisch

Das bestreben, im ganzen sprachgebiet in der schule die gleiche norm zu lehren. Problem: grosse sprachgebiete erstrecken sich über mehrere staaten; dazu kommt eine föderalistische organisation innerhalb der staaten, z. b. in Deutschland und in der Schweiz. Im deutschen sprachgebiet wurde die einheitlichkeit zu beginn des 20. jahrhunderts erreicht, allerdings mit ausnahme der verwendung des ß. Die neuregelung von 1996 hat daran nichts geändert.

anwendung der norm

Das bestreben, alle sprachteilnehmer dazu zu bringen, die schulnorm mit möglichst wenig spielraum anzuwenden. Damit wird die einheitlichkeit zum argument gegen

  • varianten von schreibungen
  • reformen
  • varianten von regelsystemen
vgl. auch

varianz

«… ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß»

Georg Christoph Lichten­berg 1781 (nach Wort­schatz und Ortho­graphie in Geschichte und Gegen­wart, Tübingen 2000, s. 63)

Einigkeit ist in der Tat alles, was man bei solchen Dingen suchen muß, ja selbst mit einigem Verlust von Seiten der strengen Wahrheit erkaufen müßte, wenn Einigkeit nicht anders zu erhalten wäre.

Rudolf von Raumer, 1855

Auch eine minder gute Orthographie, wofern nur ganz Deutschland darin überein­stimmt, ist einer voll­kommeneren vor­zuziehen, wenn diese voll­kommenere auf einen Theil Deutschlands beschränkt bleibt und durch eine neue und keineswegs gleich­gültige Spaltung hervorruft.

Peter Eisenberg, Frankfurter All­gemeine Zeitung, 17. 4. 2009

Einheitlichkeit der Schreibung bleibt das stärkste Band im vielfältig ge­gliederten deutschen Sprach­gebiet.

Horst Haider Munske, Frank­furter All­gemeine Zeitung, 29. 7. 2000

Das war auch die größte Leistung Konrad Dudens: dass er in seinem Ortho­graphischen Wörter­buch von 1880 - gegen eigene frühere Reformideen - der tra­ditionellen Recht­schreibung in der Form der ver­einheitlichten preußischen und bayerischen Regeln zum Durchbruch verholfen hat.

Hans Krieger, Süd­deutsche Zeitung, 14. 8. 1998

Einheitliche Geltung im gesamten Sprachraum aber ist zentraler Zweck jeder ortho­graphischen Regulierung; wird sie preis­gegeben, so hat die Normierung jeglichen Sinn verloren, und damit entfällt auch der Grund wie die Legitimierung für eine Reform dieser Normierung.

Gerhard Augst, zitiert von Alexander Smoltczyk, Der Spiegel, 25. 7. 2005

Die deutschen Lehrer haben im 19. Jahrhundert vom Staat eine einheitliche Recht­schreibung erbeten. Das war der Sünden­fall. Aus dem kommen wir jetzt nicht mehr heraus. Die Bürger wollen Regeln, der Duden antwortet mit Kasuistik und wird dick und dicker.

erziehungs­direktoren­konferenz, 1975

Ein Alleingang der Schweiz ist kaum zu verantworten.

Fred Sinowatz, öster­reichischer unterrichts­minister, 1976

Ich möchte betonen, daß ein Alleingang Öster­reichs nicht in Frage kommt.

prof. Völker, St. Gallen, Pädagogi­scher Beobach­ter, 8. 4. 1876

Warum sollten es aber die Schweizer, die es wagten, einen freien Staat mitten unter monarchischen und despotischen Staaten zu gründen, die andern Nationen voranleuchten in humanen Institutionen und die durch ihre Girards, Pestalozzis und Fellen­berge eine gänzliche Um­gestaltung, in Deutschland wie in der Schweiz, im Erziehungs­wesen bewirkt haben, nicht auch wagen dürfen, den ersten Schritt zu thun für eine eigentliche Rechtschreibung, die gewiss nicht nur von allen Lehrern, sondern auch von der Masse des Volkes freudig begrüsst würde? Die Bahn einmal gebrochen (und in der Schweiz beginnt sie sogar schon sich zu ebnen) würden die deutschen Staaten gewiss bald nach­folgen und auch andere Nationen, wie Franzosen und Engländer, würden ein Beispiel nehmen und der Zeitgewinn für er­spriesslichen Unterricht würde kein un­beträchtlicher sein.

«… gerade durch die Reform bedroht»

Christian Meier, Frank­furter Allgemeine Zeitung, 13. 8. 1997

Die Einheitlichkeit der deutschen Recht­schreibung ist also gerade durch die Reform bedroht. Denn es geht ja nicht nur darum, daß in den verschiedenen Bundes­ländern samt Österreich und den Schweizer Kantonen das gleiche gelehrt wird, sondern auch darum, daß die ver­schiedenen Teile der deutsch­sprachigen Gesellschaft und nicht zuletzt die Schrift­steller die gleiche Schrift schreiben.

Fernando Wassner, Frank­furter All­gemeine Zeitung, 24. 12. 1997

Natürlich steht es diesem oder jenem Poeten, sagen wir Ernst Jandl, frei, alles groß oder alles klein zu schreiben und - das gibt es - mit der Rechtschreibung spielerisch musikalische Scherze zu treiben ("Dasdadur"). Aber das Leben wird - das ist ja nichts Schlechtes - zunehmend von Computern geprägt wie von Autos. Und da wird es dann brenzlig, denn die Programmierer müssen weithin dieselbe Sprache schreiben wie die Benutzer. Denn falls ein Auto­mechaniker-Lehrling ein "Kappel" für die Batterie sucht, um den Strom­speicher mit der Licht­maschine zu verbinden, dann gehen teure Arbeits­stunden verloren, wenn der Programmierer des Ersatzteil-Lager­verzeichnisses noch "Kabel" geschrieben hat. Woraus folgt, daß die Recht­schreibung gewiß langsame Wandlungen auch rechtlich verträgt, aber keine Revolutionen und keine Beliebigkeit.

Wenn der lehrling jetzt erkennt, dass es vorteile bringt, sich an schreibregeln zu halten, ist es ja nicht zu spät. Anders gesagt: Die schreibung ist auch ohne zwang so einheitlich, wie sie sein muss. Ein elektronischer suchvorgang ist im übrigen ein gutes beispiel – für die um­gekehrte schluss­folgerung: Programmierer wollen uns gar nicht zu einheitlichkeit zwingen, ganz im gegenteil. Immer raffiniertere suchalgoritmen und frontend­techniken erleichtern den umgang mit varianten und tippfehlern.

Thomas Steinfeld, Frank­furter Allgemeine Zeitung, 26. 7. 2000

Es gibt keine einheitliche deutsche Orthographie mehr.

Josef Kraus, Die Woche, 4. 8. 2000

Das eigentliche Ärgernis ist der Verlust der Einheitlichkeit der Schreibung.

Friedrich Denk, Tages-Anzeiger, 9. 8. 2003

«Errungenschaft» bezeichnet, «dass eine Sprach­gemeinschaft eine einheitliche Schreibung pflegt». Nur wurde diese dank Konrad Duden seit 1903 existierende Einheitlichkeit von den Rechtschreibe­reformern für lange Zeit zerstört.

Reiner Kunze, suedkurier.de, 15. 8. 2008

«Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidens­zeit haben.»

Axel Springer AG, presse­mitteilung, 7. 3. 2006

Eine Einheitlichkeit existiert mit reformierter Recht­schreibung nicht mehr.

Romanus Otte, Welt am Sonn­tag, 30. 7. 2006, Editorial

Die Rechtschreibreform […] hat Verwirrung gestiftet, das Land gespalten und die Ein­heitlichkeit der Schreib­weise zerstört.

Jan Henrik Holst, janhenrikholst.de, 2. 2005

[…] heute ist die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zerstört und unsere Schriftkultur dem Dahinsiechen preisgegeben.

Jens Jessen, Die Zeit, 3. 8. 2006

Was damit auf absehbare Zeit nicht zurückkommt, ist freilich die Ein­heitlichkeit der Schreibung jenseits der Schulen. Die Reform­gegner, die das beklagen, müssen sich allerdings auch an die eigene Nase fassen: Sie haben mit ihren Blockaden den Zustand der neuen orthografischen Freiheit mit erzeugt. Das Ergebnis ist nicht ohne Ironie. Die Anhänger einer unwandelbaren Rechtschreib­autorität haben diese Autorität durch partisanen­hafte Abweichung ihrerseits beschädigt.

«… die Grundsatzfrage nach dem Stellenwert der Einheitlichkeit»

Peter Wapnewski, Süddeutsche Zeitung, 3. 12. 1997

In einer Reihe von Konferenzen zwischen 1880 und 1902 wurde festgelegt, was noch heute im wesentlichen gilt: ein Regel­system, das der Schulmann Konrad Duden auf der Basis des Preußischen Ortho­graphie-Wörter­buchs hergestellt hatte. Man hat nicht gehört, daß diese Ver­einheitlichung die deutsche Sprache merklich verändert habe – obwohl sie radikal vor allem dadurch war, daß sie die regional bis dahin gültigen Schreib­weisen außer Kraft setzte.

Matthias Wermke, Sprach­spiegel, 4. 2001

Auch hinsichtlich der geschriebenen Sprache gibt es trotz der amtlichen Regelung von 1901 nur eine relative Einheit­lichkeit. Bis heute werden Leser mit Texten konfrontiert, die nicht der amtlichen Regelung von 1901 entsprechen.

Robert Nef, Schweizer Monats­hefte, 11. 2003

Schliesslich stellt sich auch die Grundsatz­frage nach dem Stellenwert der Einheitlich­keit. Wie wichtig ist die rigorose Aus­schaltung von Streit­fragen und Grenz­fällen, wie schädlich ist eine Bandbreite, die regionalen Eigen­heiten und persönlichen Vorlieben Raum lässt?

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, 1964

Die Forderung nach völlig lückenloser Uniformität der Schreibung ist keineswegs zwingend; im Bereich der schönen, auch der wissen­schaftlichen Literatur, erheben sich sogar sehr ernst­hafte Einwände gegen eine ortho­graphische Einheits­tyrannei.

Rudolf Walther, die tages­zeitung, 4. 12. 2006

Der Fetisch der Einheitlichkeit dient dazu, die mit der Rechtschreibreform (und zum Teil gegen deren ursprüngliche Motive!) gewonnene Freiheit der Wahl aus ver­schiedenen Schreib­varianten zu denunzieren.

Martin Walser, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Soll doch jeder, auf eigenes Risiko, schreiben, wie er will. Er will ver­standen werden, soll er's versuchen auf seine Art. Wie gut und eigenartig hat das Goethes Mutter in den Briefen an ihren Sohn praktiziert.

Hans Magnus Enzens­berger, Der Spiegel, 14. 10. 1996

Ich zitiere Ihnen einen beliebigen Satz aus Wielands "Gesprächen unter vier Augen": "Von einer Republik, die auf die Rechte der Menschheit gegründet seyn will, und mit den großen Zauber­worten, Freyheit und Gleichheit, Vernunft, Filosofie und Filanthropie, so viel Geräusch und Geklingel macht, sollte man doch wohl mit gutem Fug ein besseres Beyspiel erwarten dürfen." Wie viele "Schreib- und Komma­fehler" würden die Anbeter des Dudens in diesem Satz finden, je nachdem, welche Auflage ihrer heiligen Schrift sie gerade zu Rate ziehen? Sechs? Sieben? Acht? Dabei muß man schon ein ganz besonderer Trottel sein, um nicht zu begreifen, was Wieland meint und was niemand besser aus­drücken konnte als er.

Elisabeth Leiss, Die regulierte §chrift, 1997

Das zentrale Argument aller Rechtschreib­normierer ist, daß in der Moderne die Ein­heitlichkeit der Schrift­sprache höchste Priorität habe. Worauf sich diese Ein­heitlichkeit gründe, sei sekundär. […] Hauptsache, die Anzahl der konkurrierenden Schreib­varianten werde reduziert. Die Orthographie­reformer der Moderne hatten und haben tatsächlich regelrechte 'Ausrottungs­phantasien', was die Existenz von Varianten betrifft. Opfer sind dabei nicht nur die Buchstaben. Geopfert wurde und wird nicht nur die Regel­haftigkeit und Motiviertheit der Schrift. Die Vernichtung von Varianz ist eine Geistes­haltung, die viele Bereiche usurpiert. Das Prinzip der Vernichtung von Varianz ist ein 'Gedanken­gift', das nicht nur den Sprachen, den Dialekten und Soziolekten gefährlich werden kann.

Alfons Müller-Marzohl, 1973

Unser land darf nicht abwarten, bis sich sämtliche kultus­minister, erziehungs­direktoren, alle romantiker und alle rationalisten zu einheits­glauben an die klein­schreibung bekehrt haben: Jeder­mann und jedes land sollte den schritt vollziehen, wann es ihm beliebt.