Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenstichwort → varianz
nachgeführt 25. 6. 2012 , 14. 1. 2011

varianz

definition

Tolerierung mehrerer schreibungen innerhalb eines regelwerks.

problem

Varianten entstehen u. a. bei änderungen der schreibung (reformen, angleichung von fremdwörtern). Die (evtl. vorüber­gehende) weiter bestehende «gültigkeit» der früheren variante soll die akzeptanz neuer schreibungen erhöhen. Bei der letzten neuregelung wurde in einigen fällen die (auch von uns angestrebte) reduktion von unterscheidungs­schreibungen «entschärft».

Null varianz ist nicht möglich, aber im interesse der regel­haftigkeit der schreibung strebt man möglichst wenig varianz an.

beispiele

ghetto/getto, portrait/porträt, sitzen bleiben/sitzenbleiben, komma zwischen hauptsätzen.

Beispiel für die unterscheidungs­schreibung: vor 1996 sitzen bleiben = wörtliche, sitzenbleiben = über­tragene bedeutung; 1996 sitzen bleiben = wörtliche und übertragene bedeutung; 2006 sitzen bleiben = wörtliche und übertragene bedeutung (also eine variante), sitzenbleiben = übertragene bedeutung.


Peter Müller, LEAD, Newsletter der SDA-Gruppe, 12. 2007

Varianten sind in der grafischen Industrie unbeliebt. Sie sind kostentreibend, weil sie zu Unsicherheit führen, weil Hausorthographien erstellt werden müssen, die naturgemäss unterschiedlich ausfallen. Schon früh in der Geschichte der Vereinheitlichung der Recht­schreibung drängten die Buchdrucker auf Festlegung auch der schwierigen Bereiche Gross- und Klein­schreibung und Getrennt- und Zusammenschreibung. Konrad Duden tat ihnen den Gefallen und brachte 1903 den Buchdrucker-Duden heraus, der 1915 mit Dudens Orthographischem Wörterbuch zum Duden vereinigt wurde.

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Jan Fleischhauer und Christoph Schmitz: Hit und Top, Tipp und Stopp. Der Spiegel, 2. 1. 2006

[…] zwei Schreibweisen für ein und dasselbe Wort führen zur Verwirrung. Dass Schüler entscheiden können zwischen Portemonnaie (alt) oder Portmonee (neu), macht es ihnen nicht leichter. „Schreibt einfach Geldbeutel“, rät die Lehrerin der Klasse.

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Ralf Osterwinter, Sprachspiegel, 2. 2002

Grundsätzlich gegen Schreib­varianten spricht vor allem das bei Lesenden und Schreibenden gleichermassen weit verbreitete Bedürfnis nach Einheitlichkeit und Eindeutigkeit, das die Reformkommission vermutlich unterschätzt hat. Dass die neue Varianten­vielfalt vom Gros der Sprachteilhaber keineswegs als Erweiterung ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten begrüsst wird, zeigt sich in vielen der täglich rund 180 Anrufe in der Duden-Sprachberatung. Die gewachsene Wahlfreiheit wird offensichtlich nicht selten als Qual der Wahl empfunden und deshalb rundweg abgelehnt.

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Redaktion und Verlag, Die Welt, 1. 8. 2006

Die im März 2006 endgültig beschlossene Reform erlaubt nun eine solche Vielzahl von Schreibvarianten, dass die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung gefährdet ist.

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Deutschlandradio, Deutschlandfunk, 1. 8. 2007

Nach Ansicht von Fritz Elster, Leiter der Schluss­redaktion der "Süd­deutschen Zeitung", hat der "Duden" durch die Angabe von drei Schreib­möglichkeiten die Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache zerstört.

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neu Alois Grichting, Walliser Bote, 6. 5. 2011

Mit der Zulassung von «Es tut mir leid» als «Variante», verdeckten die Politiker nur die ihnen vom «Volk» aufgezwungene und peinliche Rückkehr zur herkömmlichen Schreibweise. […] Dieses durch die heuchlerische «Varianterei» entstandene Chaos ist auch noch 2011 gewaltig. Es verleitet die Schüler zur Meinung, Rechtschreibung sei gar nicht wichtig, ja beliebig.

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Edgar Haberthür, NZZ am Sonntag, 26. 10. 2003

Adieu, Gämse.

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Klaus Reichert, Junge Freiheit, 10. 10. 2003

Rechtschreibreform rückgängig machen? Pro und Contra II.

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neu Jürg Amann, Schweizer Monatshefte, 11. 2010

Und ich - als Beispiel, das ich aus der eigenen Erfahrung kenne - aus Ver­legen­heit ins Impressum meiner neuen Bü­cher, die in meinem österreichischen Verlag erscheinen, Er­klärungs­notsätze wie "Die Schreibweise des Autors orientiert sich an der schweizerischen moderaten neuen Recht­schreibung der Neuen Zürcher Zeitung» oder zuletzt "Die Rechtschreibung des Autors orientiert sich an den Empfehlungen der Schweizer Or­tho­graphischen Konferenz SOK» drucken lassen muss; während die Bücher, die in meinem Hamburger Verlag erscheinen, un­deklariert einer moderaten deutschen neuen Recht­schreibung verpflichtet sind. Von den verschie­densten Schreibweisen in den verschiedensten Anthologien und den Nachdrucken in Schulbüchern gar nicht zu sprechen. Ein Unding natürlich.

Natürlich. Besser wäre: "Die schreibweise des autors orientiert sich am moderaten vorschlag des Bundes für vereinfachte rechtschreibung.

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neu Der Spiegel, 19. 6. 1995, s. 107

Könnten Sie nicht gelegentlich sagen: Das stellen wir frei? Der Gedanke, Freiheit zu gewähren, ist der Dudenredaktion völlig fremd, wie uns scheint. Drosdowski: Ja, der ist uns fremd, und der muß uns fremd bleiben. Wenn die Reformer ratlos und uneinig sind - eine für sie ziemlich typische Situation - und sich nicht für die eine oder andere Regelung entscheiden können, meldet sich immer irgend jemand zu Wort und ruft: Liberalisieren! Das ist Gift für die Rechtschreibung. Wir brauchen Klarheit. Aber je stärker man das Schreiben liberalisiert, desto schwerer macht man das Lesen. Der Leser erwartet eine gleiche Schreibweise, kein Neben- und schon gar kein Durcheinander. Und was soll der Lehrer tun? Den Schülern sagen, schreibt, wie ihr wollt?

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neu Elisabeth Leiss, Die regulierte §chrift, 1997, s. 98

Lesende müssen […] ein Wort nicht Buchstabe für Buchstabe wie ein Scanner abtasten. Es werden nur soviele Grapheme dekodiert als für das Ver­ständnis nötig sind, dann wird der Dekodierungs­prozeß abgebrochen – es sei denn, man stellt auf den 'Korrektur­lesemodus' um und arbeitet jedes Wort linear ab. Die Leser der Moderne, die auf einer total normierten Orthographie bestehen, weil sie sich sonst gestört fühlen, haben sich unnötigerweise dauerhaft in den primitiveren 'Korrektur­lesemodus' gezwungen. Einen funktionellen Vorteil hat diese Selbstdisziplinierungs­maßnahme nicht.

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