Bund für vereinfachte rechtschreibung (BVR)

willkommenchronik → leipziger lehrerverein
2017-11-9

Vorschlag des leipziger lehrervereins von 1931

autoren

titel

vereinfacht die rechtschreibung!

untertitel

ein vorschlag des leipziger lehrervereins.

verlag

Dürrsche buchhandlung

ort

Leipzig

datum

ausstattung, umfang

broschiert, 135 s.


Auszug: seiten 1, 3 und 4

seiten 1, 3 und 4
seite 1

[s. 3]

vorwort

wir übergeben der öffentlichkeit mit diesem buche einen beitrag zu den erörterungen über eine neugestaltung unserer rechtschreibung, die in letzter zeit wieder eingesetzt haben . wir rufen die deutsche lehrerschaft auf — aber auch alle andern von der frage berührten: buchdrucker, korrektoren, germanisten, ingenieure, architekten, grafiker, kaufleute, reklameleute, kulturorganisationen, die presse, den rundfunk, vereine und bünde .

möge das buch dazu beitragen, daß die einzelnen gruppen sich zusammenschließen zu einer gemeinschaft mit dem ziele:

die vereinfachung der rechtschreibung
zu einer sache des volkes zu machen .

für freundlichst erteilte auskünfte bzw. für sonstige förderung der vorliegenden arbeit danken wir herrn universitätsprofessor dr. th. frings vom germanistischen institut der universität leipzig, dem akademischen übersetzungs- und dolmetscherbüro an der universität leipzig, herrn schulrat k. rößger-gotha, herrn schulrat r. block-eisenach, der comeniusbücherei leipzig, dem bildungsverband der deutschen buchdrucker, berlin .

leipzig, kramerstraße 4II, im mai 1931

der leipziger lehrerverein

[s. 4]

inhaltsverzeichnis

seite
vorwort*)   3
geschichtliches erich buchholz 5
pädagogisches albin börner 29
psichologisches johannes jäschke 58
fonetisches willi michaelis 65
in fremden sprachen marianne casper 72
freunde und gegner erich buchholz 94
das ergebnis (der leipziger plan) erich buchholz 114
das neue schriftbild max schreiter 116
statistisches elisabeth gnauck 119
wichtige neuere literatur   135

illustrationen besorgte herbert engel

die vorlagen zu den abbildungen wurden von der lichtbildstelle des bildungsverbandes der deutschen buchdrucker, sitz berlin, zur verfügung gestellt .

*) sämtliche hauptüberschriften sind nach der 1. stufe des leipziger plans (s. seite 115) gedruckt.

Auszug: seiten 73, 74, 76, 77 und 78

in fremden sprachen

[…]

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seiten 73, 74, 76, 77 und 78
seite 73

I. Betrachtung der gegenwärtigen Rechtschreibungssysteme in den Fremdsprachen unter orthographischen Gesichtspunkten

A. Druck- und Schreibschrift in den Fremdsprachen

In Anlehnung an die Reformvorschläge, die wir im Rahmen dieser Abhandlung für die deutsche Rechtschreibung geben wollen, interessiert uns zunächst einmal die Frage der Druck- und Schreibschrift in den Fremdsprachen. In den meisten Sprachen ist Antiqua als Normalschrift, als „Weltletter“, wie die Buchdrucker sie bezeichnen, durchgeführt. Wir finden sie z. B. im Französischen, im Englischen, im Italienischen, im Spanischen, im Polnischen (durch diakritische Zeichen [Akzentzeichen, Doppelstriche usw.] und einige Spezialzeichen leicht abgeändert), im Tschechischen ([ebenfalls diakritische Zeichen]. Die Fraktur wurde hier im Anfang des 19. Jahrhunderts ganz aufgegeben, sie wird höchstens noch gelegentlich als Zierschrift verwendet) und im Türkischen.

Im Russischen und Serbokroatischen, zwei Sprachen slavischen Ursprungs, haben sich die Antiqua und die Kyrillische Sonderschrift nebeneinander gehalten. Im Russischen sind Bestrebungen im Gange, die Antiqua als Normalschrift einzuführen.

B. Klein- und Großschreibung in den Fremdsprachen

Nach einer Mitteilung im „Sprachwart“ (Monatsblätter für Sprachpflege und Rechtschreibung, 23. Jahrgang, Nr. 3, Berlin, März 1931) besteht folgende Lage. Man schreibt groß in

England: Monate, Wochentage, Eigennamen und ihre Ableitungen, das persönliche Fürwort I (ich), außerdem alles, was hervorgehoben werden soll (Titel, Namen der Gottheit usw.).
Frankreich: Eigennamen, Hervorhebung sonst klein geschriebener Wörter, namentlich in Überschriften.
Italien: Eigennamen, Völkernamen, Höflichkeitsformen.
Spanien: Eigennamen, Anredeformen U., Ud. usw., sonstige Hervorhebungen.
Portugal: Eigennamen, Hervorhebung einzelner Wörter.
Niederlande: Eigennamen, Monate, Wochentage, Anredeform U.
Schweden: Alles klein, auch die Anredeformen „ni“ und „eder“, abgesehen vom Briefstil.
Dänemark: Großschreibung der Hauptwörter.
Norwegen: Nur die Anredeform De, Deres, Dem.
Rußland: Eigennamen, Anredeformen in Briefen und Schriftstücken, die Bezeichnungen Gottes und Titel.
Polen: Eigennamen.
Tschechien: Länder- und Eigennamen und die davon abgeleiteten Eigenschaftswörter.
Serbokroatien: Eigennamen.
Litauen: Kleinschreibung.
Lettland: Nur Anredeform „Jus“.
Griechenland: Eigennamen, Monate, Wochentage.
Finnland, Estland: Eigennamen.
Türkei: Eigennamen, Titel und Anreden.*)

Für uns ist an dieser Zusammenstellung zunächst einmal wichtig, daß die Tendenz, klein zu schreiben, in allen Fremdsprachen viel größer ist als bei uns, und daß in keiner der Fremdsprachen so differenzierte Großschreibungsregeln vorhanden sind wie in der deutschen Sprache.

Der Gedanke, daß die einfachen Regeln der Fremdsprachen über Groß- und Kleinschreibung auch von den weitesten Kreisen des Volkes beherrscht werden könnten, bewog einen Teil der deutschen Reformer, die sich in den letzten Jahrzehnten mit der Frage der Groß- und Kleinschreibung beschäftigt haben, zu der Forderung, diese Frage bei uns ähnlich zu regeln, wie es im Ausland geschieht.

Man könnte uns nun fragen: Warum stellt ihr die Forderung der radikalen Kleinschreibung? Warum paßt ihr euch nicht der Schreibung auf „internationaler Grundlage“ an? Zunächst spricht schon die Übersicht selbst gegen eine Lösung der Frage in diesem Sinne. Es gibt Länder, die eine radikale Kleinschreibung — von der Anredeform abgesehen — durchgeführt haben. Bei den übrigen Ländern kann man von einer völligen Übereinstimmung nicht sprechen. Es würde sich für uns dann wieder die Schwierigkeit ergeben, welches Vorbild wir nehmen sollten.

Sollen wir Monate, Wochentage und auch die Ableitungen der Eigennamen groß schreiben, wie es die Engländer tun? Sollen wir nach französischem Vorbild nur die Eigennamen und hervorgehobene Wörter in Überschriften groß schreiben, oder sollen wir wie Italiener und Tschechen zur Großschreibung der Völkernamen kommen?

Unsere Übersicht weist uns an, bei einer bewußten Umstellung für unsere Rechtschreibung das Einfachste zu fordern, zumal unsere Forde-

[…]

*) Die Satzanfänge werden in allen Sprachen noch durch Großbuchstaben bezeichnet.

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ferieren, könnten uns aber aus Zweckmäßigkeitsgründen damit begnügen, das Familialzeichen e dafür zu setzen. Ähnlich ergeht es uns mit vielen anderen Lauten. Trotzdem können wir eine solche Schreibung noch als grundsätzlich phonetisch bezeichnen.

Bei einer vergleichenden Betrachtung der lebenden Kultursprachen unter diesem Gesichtspunkt läßt sich eine steigende Linie von der primitiven Wort- und Silbenschrift bis zur fast rein phonetischen Lautschrift feststellen. Der Weg führt von der Wort- und Silbenschrift ganz weniger asiatischer Völker, z. B. der Chinesen und der Japaner, über das Englische, das Französische, das Deutsche, das Russische, das Polnische, das Tschechische, das Schwedische und Dänische, das Italienische, das Spanische zum modernen, äußerst phonetisch eingestellten Türkisch und Serbokroatisch.

China.*) Betrachten wir zunächst einmal das Chinesische. Ich lasse hier einen Auszug aus dem Artikel folgen, den Prof. Hans Driesch in seinem Buche Fern-Ost (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1925), S. 29f. über die Sprache Chinas geschrieben hat:

Das Chinesische nebst seinen Verwandten kennt, im Gegensatz zu den übrigen „mongolischen“ Sprachen, nur einsilbige oder, in einigen Fällen, aus einsilbigen zusammengesetzte Wörter. Das Seltsamste ist nun dieses: jeder „Gegenstand“ im allgemeinen Sinne des Wortes, so wie auch die moderne Logik es versteht, sei es Ding, Beziehung oder bloße abstrakte Bedeutung, wie „Zahl“, „Tugend“ usw., hat sein eigenes Schriftzeichen, das wohl ursprünglich eine Art Bild war, ganz wie im Ägyptischen. (Siehe „Geschichtliches“, S. 6.) Solche Gegenstandszeichen soll es über 20000 geben, aber selbst der Gebildetste kennt ihrer schwerlich über 12—15000, und der Ungebildete, soweit er überhaupt lesen und schreiben kann, vermag die täglichen Bedürfnisse mit etwa 600 zu decken.

Diese Gegenstandszeichen sind in ganz China dieselben, und eine große Zahl von ihnen ist auch in die Schrift Japans übernommen worden, unter Hinzufügung besonderer Charaktere.

Jeder Chinese kann also das von jedem Chinesen Geschriebene lesen und kann auch aus einem japanischen Buche, ohne irgendwie die japanische Sprache zu kennen, vieles verstehen. Aber die gesprochene Sprache ist in China absolut anders als in Japan.

Der gesprochenen Worte oder besser Silben gibt es nur gegen 500. Wie reimt sich das nun zusammen mit der Feststellung, daß es etwa 20000 Gegenstandszeichen gebe? Dadurch, daß jede gesprochene Silbe sehr viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Was wir europäisch szĕ schreiben, kann z. B. vier oder buddhistisches Kloster heißen. Die Silben werden nämlich nicht gleich gesprochen. Es gibt da „Töne“, und von denen hat jeder Silbenlaut mindestens acht. Nehmen wir die Silbe shü: sie kann lang oder kurz sein, musikalisch von oben nach unten gehend oder von unten nach oben oder gleichbleibend, tief oder hoch usw. Jedesmal ist etwas anderes gemeint, aber mit jeder Nuance kann auch noch sehr viel Verschiedenes gemeint sein, was sich dann nur aus dem Zusammenhang ergibt.“

*) In den letzten Jahren sind starke Bestrebungen feststellbar, die die Rechtschreibung grundsätzlich fonetisch gestalten wollen.

Aus dem oben Gesagten ergibt sich von selbst, daß im Chinesischen von einer Rechtschreibung im europäischen Sinne nicht die Rede sein kann, da die Schrift nicht aus Buchstaben für die Laute, sondern aus Zeichen für jedes Einzelwort besteht.

Japan. Wie aus der Betrachtung der chinesischen Sprache hervorgeht, sind eine große Anzahl chinesischer Wortzeichen in die japanische Schrift übernommen worden. Im allgemeinen werden die Hauptwörter und der Stamm der Eigenschaftswörter und Tätigkeitswörter mit chinesischen Wortzeichen, dagegen die Adjektiv- und Verbalendungen, die Kasus- und anderen Suffixe, Partikeln, auch Fremdwörter und fremde Namen mit japanischen Silbenzeichen geschrieben. Außerdem ist es erlaubt, die Aussprache der Wortzeichen durch beigesetzte Silbenzeichen anzugeben, und besonders für lexikalische Zwecke werden auch die Wörter ganz in Silbenzeichen geschrieben.

Eine Orthographie in unserem Sinne kann es natürlich nur für die Silbenschrift, und auch da nur bedingt, geben. Diese herkömmliche Rechtschreibung ist historisch und ist durch ihren Silbencharakter der modernen Umgangssprache nicht immer gemäß, also unphonetisch.

kawa Tōkyō totte : gesprochen
ka|ha tou|ki|ya t|tsu|te: geschrieben

England. Die Frage der phonetischen oder der historisch-etymologischen Schreibung erscheint im Englischen von besonderer Wichtigkeit, da das Englische nicht nur für sein Mutterland, sondern als Weltsprache auch große Bedeutung für alle lebenden Völker hat. Und doch gibt es wohl keine Sprache, die unserer Kulturwelt nahe steht, deren Rechtschreibung so wenig phonetisch ist wie die englische.

Eine kurze Übersicht (nach R. Büttner: An English Grammar, Leipzig 1913, Wilhelm Schunke) von gleichklingenden Lauten mit verschiedener Schreibweise und von verschieden klingenden Lauten mit derselben Schreibweise soll das beweisen:

gespr. a: (deutsch etwa langes a) grass, hearth, aunt, bazaar, hurrah, vase, clerk.
gespr. ε: (     „         „    ä) care, air, pear, their, there.
gespr. ɔ: (     „         „    dumpf. o) tall, warm, water, straw, fault, thorn, broad.
a gespr. wie a (deutsch etwa a) grass, wie æ (deutsch etwa kurzes ä) mad, wie ei (deutsch etwa eï) Mary, wie ɔ (deutsch etwa dumpfes o) tall.
e     „       „   ә: (deutsch etwa ö) her, wie a (deutsch etwa a) clerk, wie e (deutsch etwa kurzes ä) led, wie i (kurzes i) pretty, wie ε (ä) were, wie i (ie) here.
u     „       „   Λ (zwischen a und u) sun, wie u (langes u) tune, wie ә (ö) turn.

Wenn wir die Willkür, die in obiger Übersicht zum Ausdruck kommt, verstehen wollen, müssen wir einen kurzen Blick in die Geschichte der englischen Rechtschreibung werfen.

Die Anfänge der englischen Sprache gehen auf die Angeln und Sachsen zurück, die im 5. Jahrhundert das heutige England eroberten, sie brachten ihr Runenalphabet mit nach England. Bei ihrer Bekehrung zum Christentum nahmen sie das lateinische Alphabet an und schrieben nun ihre Wörter der Aussprache gemäß, soweit das mit dem ihrer Sprache fremden römischen Alphabet möglich war. So können wir die frühenglische Zeit als phonetisch bezeichnen, wie etwa auch die frühdeutsche.

Im Mittelenglischen, nach der Eroberung des Landes durch die Normannen (1066) macht sich der französische Einfluß in der Rechtschreibung bemerkbar, zuerst der normannische, dann der Pariser. Man schrieb die Wörter französisch, sprach sie aber englisch aus (sauacion, u = w). Am Ende dieser mittelenglischen Periode treten nun auch betont unphonetische Schreibungen auf, da man die Wörter etymologisch schreibt, so „dette“ in „debt“ verwandelt durch den Einfluß des Lateinischen: „debitum“. „Iland“ erhält durch das französische „isle“ ein s = island, aber das s wird nicht gesprochen. Das Schriftbild zeigt also die Aussprache vergangener Jahrhunderte ohne Rücksicht auf die Aussprache der Gegenwart. Da das Wissen um die Etymologie der Wörter aber nur unvollständig war, konnte die etymologische Schreibweise auch nur unvollkommen sein. Trotzdem hat sie sich bis heute erhalten.

Im Zusammenhang mit der lautlichen Untersuchung interessiert uns die Frage der Dehnungs- und Kürzungsbezeichnung der Silben im Englischen. Dehnungsbezeichnungen, wie im Deutschen das „h“ und das „e“ nach i, gibt es im Englischen wenig, die Länge und Kürze der Silben hängt vielmehr von dem Platz eines Lautes im Wortganzen ab, sie verändert sich in betonten und unbetonten Silben, durch Endstellung oder Stellung des Vokals zwischen stimmhaften und stimmlosen Konsonanten. — Die Betonung wird im Englischen nicht bezeichnet.

Frankreich. Auch im Französischen läßt sich an einer kurzen Übersicht leicht beweisen, daß die französische Rechtschreibung unphonetisch ist. Ein Laut kann durch zwei, drei, vier Zeichen versinnbildlicht werden und

[…]

Auszug: seiten 86 bis 93

[s. 86]

seiten 86 bis 93
seite 86

II. Rechtschreibungsreformen im Ausland

Die Unzulänglichkeit bestehender Rechtschreibungssysteme hat in allen Völkern und zu den verschiedensten Zeiten Männer ans Werk gerufen, die versucht haben, die Rechtschreibung zu reformieren. Betrachten wir diese Reformvorschläge und lernen wir daraus!

China. In China hat Hu-Shi, Professor für Philosophie an der Staatsuniversität in Peking, eine solche Reform vorgeschlagen. Er erstrebt eine geschriebene Lautsprache an Stelle der in China heute gebräuchlichen Wortbilderschrift.

Die „Weltletter“ Antiqua ist auch hier für die Schriftreform in Aussicht genommen.

Japan. Im Japanischen wird seit 25 Jahren in einigen Schulen eine neuere Orthographie gelehrt, die sich allerdings noch wenig durchgesetzt hat.

Auch die Japaner entscheiden sich bei diesen modernen Bestrebungen für die Antiqua.

England. Ansätze zu einer Reform der Rechtschreibung sind auch im Englischen gemacht worden. Näheres schreibt Hermann Flasdieck in seinem Buch: „Der Gedanke einer englischen Sprachakademie“ (Jena, Frommannsche Buchhandlung, 1928).

Schon 1573 tauchten Vereinfachungsvorschläge für die englische Rechtschreibung auf (Baret). Bis in unser Jahrhundert hinein hat es in England Reformversuche gegeben. Sie scheiterten bisher zwar immer, traten aber immer von neuem auf. Auch in jüngster Zeit sind Reformer am Werke. Wir entnehmen dem Buch: „Die englische Sprache und das neue England“ (Heinrich Spies, Langensalza; J. Beltz), daß trotz vielfacher Bedenken gegen weitgehende Änderungen der Vereinfachungsgedanke auch in letzter Zeit immer weiter greift. Gelehrte und Literaten vertreten ihn. Aus Nützlichkeitsgründen setzen sich Sozialreformer und Lehrer für ihn ein (Shaw und Wells). Aus nationalen Gründen zwecks weiterer Verbreitung des Englischen fordern ihn namentlich seit dem Kriege Politiker, da sie der Meinung sind, daß besser organisierte Sprachen das Englische aus seiner Vormachtstellung als Weltsprache verdrängen könnten. Das „neue“ England (Staat gegen Individuum) fordert staatliches Eingreifen.

Eine Zeitungsnachricht neuesten Datums soll uns zum Schluß noch zeigen, daß der „geheiligte englische Traditionalismus“ auch im eigenen Lande immer wieder Gegner findet, die mit ihrer Forderung einer phonetisch gerichteten Rechtschreibung den Reformern in anderen Ländern zur Seite stehen. In der „Times“ vom 28. Dezember 1930 wurden zwei wichtige Änderungen befürwortet: Einführung des Dezimalsystems für Münzen, Maße und Gewichte und Vereinfachung der englischen Rechtschreibung. Über letztere wird ausgeführt:

„Eine grundlegende Reform unserer augenblicklich geradezu chaotischen Rechtschreibung würde die Aufgabe bedeutend erleichtern, die jedes Kind beim Lesenlernen zu bewältigen hat. Hier versperrt, wie so manchmal, unangebrachter Konservativismus den Weg. Wenn man sich nur einmal die Mühe machte, in unsere ältere Literatur hineinzublicken! Gleich würde man finden, daß unsere gegenwärtige Rechtschreibung eigentlich recht neuen Datums ist und in Wirklichkeit keinerlei historische Berechtigung hat. Ebensowenig kann sie ein zuverlässiger Schlüssel sein für die Herkunft der Wörter, ja, oft genug verleitet sie erst zu Trugschlüssen über Ableitungen. Wenn wir überflüssige und irreführende Buchstaben fallen ließen, wie e in have, b in debt, ugh in though,

hav — det — tho

würde das nicht allein eine ansehnliche Zeitersparnis bedeuten für Lehrer und Schüler, sondern es würde vor allem dazu beitragen, die englische Sprache leichter erlernbar für den Ausländer zu machen.“

Frankreich. In Frankreich zeigten sich die ersten Anfänge der Reformbewegung auf dem Gebiete der Rechtschreibung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Zivilisationsbedürfnis der königlichen Kanzlei und Verwaltung, vor allem aber das Aufkommen eines neuen auf Ordnung und Einheit angewiesenen Schriftmittels, der Buchdruckerkunst, forderten eine zweckmäßige, einfache Orthographie. Interessant ist ein Blick in die Geschichte der französischen Rechtschreibung, weil sie mancherlei Parallelen zur Geschichte der deutschen aufzeigt.

Ein erster Versuch war der des Geoffroy Tory (1529), ihm verdanken die Franzosen die Cedille, den Apostroph, den Accent aigu und die Einführung der Antiqua in den Buchdruck. Schlag auf Schlag folgen nun die Reformvorschläge der orthographischen Systematiker. Sie werden immer kühner einerseits, immer reaktionärer andererseits. Das beste System von allen, das des Louis Meigret (1542), hat sich nicht durchzusetzen vermocht.

Meigret und seine Schule vertreten den Grundsatz: Schreibe, wie du sprichst. Für jeden Laut gibt es nur ein einziges Zeichen, die nicht gesprochenen Buchstaben werden namentlich im Inlaut nicht geschrieben (qu = q). Das offene e wird vom geschlossenen durch ein diakritisches Zeichen unterschieden (e, ę, ai = ę, stimmhaftes s = z, ž = j: uzaje). Die Vorschläge bedeuteten für damals einen gewaltigen Fortschritt, sind aber nicht durchgeführt worden. Meyer-Lübke („Historische Grammatik der französischen Sprache“) äußert sich dazu folgendermaßen: „Auch kommt es bei Fragen der Rechtschreibung mehr auf die Macht, auf geistige Autorität und Werbekraft als auf eine konstruierte theoretische Richtigkeit an. Eine solche literar-politische Macht und Autorität aber wurde von der individualistisch gesinnten Schriftstellerwelt des 16. Jahrhunderts noch niemand in Frankreich zuerkannt."

Die Frage der Rechtschreibung wurde also nicht mit einem Schlage erledigt, sondern zog sich in das 17. Jahrhundert hinüber.

Abseits von den Grammatikern hat damals der Dichter Baïf in seinen Dichtungen eine Reformschreibung durchgeführt; die im Gegensatz zum heutigen Französisch auf phonetischer Grundlage beruht.

Mon Dieu, ke de jans konbien d'énemis
ki se sont élevés pŏr me kŏrir sus
Plusieurs murmuret ankontre de moe
Il n'a de son Dieu konfwrt ne sekŏrs

ŏ deutsches u, w dumpfes o

Heutiges Französisch:

Mon Dieu que de gens combien d'ennemis
qui se sont élevés pour me courir sus
Plusieurs murmurent encontre de moi
Il n'a de son Dieu confort ne secours.

In dieser Zeit nehmen nun gesellschaftliche Gruppen, namentlich die Salons, die Sprachpflege und damit auch die Rechtschreibung in ihre Hand. Man sah in der Reinigung der Sprache und namentlich auch der Rechtschreibung eine nationale Tat, ja schließlich geradezu eine Angelegenheit des Staates. Gelehrte und Dichter haben in diesem Sinne in der Umgebung der Könige gearbeitet, in diesem Sinne hat auch Richelieu 1635 die Académie française gegründet. Unter den Forderungen der Salons sei erwähnt, daß sie das historische c teilweise aus der Schrift entfernt haben. Sie schrieben savoir für scavoir, fait für faict, mit folgender Begründung:

« affin, que les femmes puissent écrire aussi asseurément et correctement que les hommes »
(damit die Frauen ebenso sicher und richtig schreiben können wie die Männer)

Allmählich sind nun freilich die phonetisch gerichteten Reformbewegungen versandet, aber auch die etymologisch-historische Reaktion ist zum Stillstand gebracht, und ein sehr gemäßigter Traditionalismus kommt auf. 1694, bei den langen Beratungen über die Orthographie des Wörterbuches der Akademie, tragen die Latinisten den Sieg über Vaugelas, Corneille und Bossuet davon, trotzdem müssen sie doch Zugeständnisse machen. Die Ausgabe des Wörterbuches der Akademie von 1740 bringt einige Vereinfachungen.

Wegfall des s in bestise, isle
  des c in bienfaicteur, scavant
  des e in seu und deu

Die Haupterrungenschaft der Ausgabe von 1762 war die Unterscheidung des i vom j und des u vom v. Wegen mancher anderen Änderung bedurfte es allerdings eines langen Kampfes. Um die Schreibung françois durch français, il chantoit durch chantait (man sprach die letzten Silben schon lange wie ä) zu verdrängen, bedurfte es des ganzen Einsatzes und Ansehens eines Voltaire. 1675 hatte der Jurist Bérain diese Schreibung vorgeschlagen, von 1780 an wurde sie durch Voltaire allgemein, aber erst 1835 entschloß sich die Akademie zu ihrer Anerkennung.

Reformvorschläge von geringer Bedeutung werden im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts immer wieder gemacht, das Resultat ist eine im Ganzen etymologische Rechtschreibung, die nur den allerschwersten Ballast fortwirft, dabei aber viel irrtümliche Schreibungen duldet.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts riefen linguistische und lautphysiologische Studien, die neuen Reflexionen über Sprache und Schrift, die Verallgemeinerung der Bildung und das gesteigerte Tempo der Zeit eine Orthographiereform herbei.

Wir müssen bei dieser Reformbestrebung zwei Richtungen unterscheiden: Die erste geht vom rem wissenschaftlichen Standpunkt aus, verwirft die historische Orthographie, da sie in Wahrheit vielfach ganz unhistorisch sei, und fordert als Endziel eine rein phonetische Schreibweise. Ihr tätigster Vertreter ist der Phonetiker Paul Passy (1886), der an der Spitze der Société de la Réform orthographique stand. 1887 taten sich hervorragende Gelehrte zur Association fonétique zusammen. Diese Schule begnügt sich im Augenblick mit rationellen Vereinfachungen: die Konsonantenverdoppelung, wo sie nicht hörbar ist, fällt weg, x wird durch s ersetzt, wo die Aussprache es zuläßt.

Die zweite Strömung hat ihren Ursprung in der Volksschule wie in der höheren Schule. Bei allen Prüfungen für die Beamtenlaufbahn wurde so großer Wert auf die Rechtschreibung gelegt, daß die Lehrer gezwungen waren, das Diktat über alles andere in der Schule zu stellen, damit ihre Schüler nicht in allen Prüfungen durchfielen. Die übertriebene Wertschätzung der Orthographie als eines Maßstabes der Bildung datiert in Frankreich erst seit ungefähr 1820. Anatole France sagt:

Aujourd'hui (um 1900) Bonaparte serait refusé à Saint-Cyr, pour l'orthographe. (Heute würde Napoleon von der Militärakademie Saint-Cyr wegen seiner Rechtschreibung zurückgewiesen werden.)

Die Stimmen aus Lehrerkreisen nach einer Besserung der Rechtschreibung wurden immer dringender. Man suchte Hilfe dort, wo die höchste Autorität in sprachlichen Dingen ihren Sitz hat, bei der Académie française. 1891 legte der Philologe Louis Havet der Akademie eine Petition vor, die von mehr als 7000 Lehrern und Lehrerinnen unterstützt, wurde, mit der Bitte um Vereinfachung der Rechtschreibung. Die Akademie versprach auch Hilfe, aber eine wirkliche Besserung blieb aus. Da entschloß sich der damalige Unterrichtsminister M. Georges Leygues auch ohne die Mitarbeit der Akademie zu einem ungewöhnlichen Vorgehen, das man als Leyguessche Reform bezeichnet. Noch keiner seiner Vorgänger hatte so in die „geheiligte Domäne“ der Akademie hinübergegriffen wie er, aber es war ein wirklicher Notstand vorhanden. Es stand nämlich zu befürchten, daß der Staat gewisse Beamtenkategorien nicht mehr vollzählig erhalten konnte, wenn keine Änderung im Betrieb gewisser Prüfungen, bei denen die Rechtschreibung und Grammatik eine entscheidende Rolle spielten, eintrat. Die Reform sollte keine eigentliche Gesetzgebung sein, sondern eine Norm dessen, was noch geduldet werden konnte. Sie ist im Julierlaß von 1900 und im Februarerlaß von 1901 niedergelegt. Beide sind nicht das, was man in Lehrerkreisen eigentlich ersehnt hatte, eine organische, systematische Reform, sondern eben nur ein Notbehelf in erster Linie für die Prüfungen.

Seit der Jahrhundertwende haben kleine Bestrebungen zur Verbesserung der französischen Rechtschreibung nie aufgehört, aber es ist bis jetzt, noch nichts wirklich Brauchbares geschaffen worden. Vernichtend ist das Urteil, das Gaston Paris, einer der bedeutendsten Philologen Frankreichs, gegen die Überschätzung der Rechtschreibung fällt:

„Pascal, La Fontaine, Bossuet und Voltaire haben ein so bewundernswertes Französisch geschrieben, weil sie keine Grammatik zu lernen brauchten, weil sie die Zeit, die unsere Schüler auf Erlernung der Orthographie verwenden müssen, besser ausgenutzt haben.“

Holland. In einer holländischen Lehrerzeitung stand über neuzeitliche Reformbestrebungen ein kurzer Artikel. Es existiert in Holland eine Vereinigung zur Vereinfachung der Rechtschreibung, die ihren Sitz in Amsterdam hat. Aus dem Artikel geht folgendes hervor: Die Vereinigung hat sich an die Regierung gewandt, und die Regierung hat sich auch viermal, in den Jahren 1909, 1916, 1919 und 1927 mit dem Reformvorschlag befaßt. Sie hat ihn nun aber endgültig abgewiesen, mit dem Bemerken: daß die Rechtschreibungsveränderungen aus dem Volke selbst kommen müßten. Da nun keine Hilfe mehr von der Regierung zu erwarten ist, gibt der Verfasser seinen Kollegen den Rat, die vereinfachte Schrift soviel als möglich zu schreiben und dem Verein beizutreten.

Er schließt mit dem Aufruf: Kollegen, helft, damit die Lehrer frei werden von dem Ballast, der jedes Jahr soviel Zeit und Energie von Lernenden und Lehrenden verbraucht.

Rußland. (Siehe K. A. Paffen, Die neue russische Rechtschreibung; Industrieverlag Spaeth und Linde, Berlin 1926.) Das Russische hat seine letzte Reform im Jahre 1917 durchgemacht. „Am 11. Mai 1917 wurden in Rußland die Bestimmungen über die neue russische Rechtschreibung dem Publikum bekanntgegeben. Eine Reform war schon zu einer früheren Zeit erwartet worden; denn schon vor dem Weltkriege gab es einzelne Interessengemeinschaften, deren Bestrebungen auf eine Vereinfachung der Rechtschreibung zielten. Daher kann die neue russische Rechtschreibung nicht ohne weiteres als eine ,kommunistische Neuerung’ hingestellt werden; sie ist der Abschluß einer Reformbewegung, die schon vor langer Zeit eingesetzt hatte.“

Durch die Reform wurden einige rein „historische“, für die moderne Sprache überflüssige Buchstaben beseitigt, die orthographischen Regeln in einigen Fällen vereinfacht und der lebendigen Aussprache nähergebracht. Trotzdem hat die Rechtschreibung auch nach der Reform noch viel historischen Ballast. Neuerdings ist in Rußland eine starke Bewegung zu ausnahmsloser Kleinschreibung im Gange.

Polen. Eine durchgreifende Reform hat in der neueren Zeit in Polen nicht stattgefunden. Die Rechtschreibung entwickelte sich in Teilverbesserungen im Laufe des 17.—19. Jahrhunderts.

Tschechei. Im Tschechischen wurde im Anfang des 19. Jahrhunderts eine Vereinfachung und Anpassung an die Aussprache durchgeführt. Vor allem wurde der Gebrauch des g für j beseitigt (früher „geden“ = „jeden“).

Italien, Spanien. Die Italiener haben im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts durch die Bemühungen der damaligen Grammatiker, die sich in der Akademie zusammengeschlossen hatten, eine phonetische Schreibweise erhalten. Der Zeitpunkt für diese Reform war sehr günstig, da die Akademie die Aufgabe hatte, überhaupt erst einmal eine einheitliche Sprache für Italien zu schaffen. Im Jahre 1815 folgten die Spanier dem italienischen Beispiel, indem sie ihre Rechtschreibung auch auf phonetischer Grundlage aufbauten.

Jugoslavien. Im Serbokroatischen geht die moderne Rechtschreibung auf Vuk Karadjič zurück, der sie im Anfang des 19. Jahrhunderts ausgearbeitet hat. Durch sie wurde die frühere chaotische, aus russischen und kirchenslavischen Elementen gemischte Schreibweise beseitigt, die phonetische Schreibung nach Maßgabe der Volkssprache zum Prinzip erhoben (wenn auch nicht ganz konsequent durchgeführt). Die Vuksche Orthographie wurde aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts amtlich anerkannt und zugelassen. Sie wurde später überarbeitet und in Einzelheiten verbessert. Die Herausarbeitung der neuen Rechtschreibung ist auch heute noch nicht ganz abgeschlossen.

Türkei. (Siehe Auslandsbeilage Nr. 14 der Leipziger Lehrerzeitung, Jhrg. 1930.) Die türkische Schrift- und Rechtschreibungsreform ist von den Reformen der betrachteten Sprachen die jüngste. „Nach langen Vorarbeiten ersetzte im Sommer 1928 die Nationalversammlung das arabische Alphabet mit seinen 482 Schriftzeichen, mit seiner chaotischen Struktur und seiner nichtssagenden Rätselhaftigkeit besonders für Kinder durch das lateinische Alphabet mit 29 Schriftzeichen auf nahezu rein phonetischer Grundlage. Schon vor dem Kriege waren Reformbestrebungen dahin gerichtet, aber die Geistlichkeit wußte sie zum Scheitern zu bringen. Sie führte ins Feld, daß die Lateinschrift wider den Koran und wider die Religion verstoße. Seit ihr Einfluß gebrochen ist, wurde die Bahn auch hier frei.

Als 1926 der Kongreß der Türkvölker in Baku für die Türkvölker der Sowjet-Union die in Aserbeidschan schon gebräuchlichen lateinischen Schriftzeichen angenommen hatte, ließ die Türkei immer noch zwei Jahre vergehen, ehe sie sich zu dem gleichen Schritte entschloß.

Der Rechtschreibungsreform ist die Mundart von Stambul zugrunde gelegt. Ein Wörterbuch, das nach wissenschaftlichen Grundsätzen aufgebaut ist und 60000 Wörter erfassen soll, erscheint bogenweise und verbürgt die wachsende Ordnung. Das Unterrichtsministerium hat von der Universität eine Liste derjenigen arabisch gedruckten Bücher angefordert, die für die gesamte Nation so wichtig sind, daß sie in der neuen Form nachgedruckt werden sollen.“

schau um dich:
italienisch filosofia teatro reumatismo igiene carattere
spanisch filosofia teatro reumatismo higiene carakter
esperanto filozofio teatro reumatismo higieno karaktero
französisch philosophie théatre rhumatisme hygiène caraktère
englisch philosophy theatre rheumatism hygiene charakter
Deutſch Philoſophie Theater Rheumatismus Hygiene Charakter

Ein Rückblick auf die Reformbewegungen in den verschiedenen Sprachen läßt uns erkennen, daß das Streben aller Reformer auf eine phonetische Rechtschreibung gerichtet ist. Das ist eine Folge der Tatsache, daß alle Sprachen unter einer Verkümmerung der Wortstämme zu leiden haben, daß viele Sprachen mit geschichtlichen Schreibungen belastet sind, die keine Beziehungen mehr zu den gegenwärtig gesprochenen Sprachen haben, daß nur sprachlich besonders ausgebildete Schichten der Völker die Rechtschreibungen wirklich schreiben können. Wenn dieser Spannungszustand in vielen Sprachen auch schon Jahrhunderte und Jahrtausende dauert, so drängt er doch in der Gegenwart besonders stark nach einer Lösung. Eine wichtige Ursache dazu ist wohl das wirtschaftliche und kulturelle Erwachen breitester Volksmassen, die bisher von den Segnungen des Abc nicht allzuviel berührt waren, durch die veränderten Zeitumstände aber mehr und mehr gezwungen werden, zu Schulheft und Buch, zu Gesetzblatt und Merkzettel, zu Zeitung und Briefpapier zu greifen. Diese Massen werden es sein, die in ihren Ländern die neuen Rechtschreibungen schaffen.

[…]

Auszug: seiten 114 bis 118

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das ergebnis

oberster grundsatz jeder schriftgebung muß sein: gleichschritt mit der gesprochenen sprache zu halten, also nicht nur fonetisch zu sein, sondern auch fonetisch zu bleiben .

wir haben eine „betagte“ sprache, die stammsilben sind verwittert . alle versuche, die alten stämme in ihrer reinheit wieder in unsere schriftbilder zu bringen, sind gescheitert . die schriftgebung anderer völker ist ähnlich wie die unsere „in fonetischen rückstand“ geraten . andere völker haben diese spannung zwischen heutigem lautstand und überliefertem schriftbild durch fonetische reformen auszugleichen versucht . die heutige rechtschreibung ist angelegenheit eines nur reproduzierenden (mechanisierten) spezialgedächtnisses . infolge der vielerlei schreibungsmöglichkeiten werden assoziative entgleisungen, besonders für nichtoptische tipen zur dauernden gefahrenquelle . grammatische und historische schreibungen bedeuten umwege und erfordern im rechtschreibunterricht eine unmenge von zeit und kraft . die schule aber braucht zeit und kraft für solche aufgaben, die im gegensatz zur rechtschreibung „inneren“ bildungswert verbürgen .

die schrift ist ein spiegel der zeit . unsere zeit findet neue stil-formen . sie rückt ab vom luxus, ist sachlich eingestellt, geht zurück auf das einfache, wesentliche . es bleibt nur der ausweg der einfachen lautzeichenschreibung!

der leipziger plan soll ein vorschlag für solche neugestaltung sein:

der leipziger plan

ein vorschlag des leipziger lehrervereins zum aufbau einer besseren deutsche rechtschreibung in vier stufen, für das ganze deutsche volk!

pädagogische bedeutung dieses vorschlages: das kind schreibt wirklich, wie es gemäß einer guten schulsprache spricht . das gute sprechen wird ja in der schule besonders gepflegt . das kind liest nicht mehr mechanisch, sondern achtet mehr als bisher auf den satzzusammenhang, auf den sinn . darum keine angst vor verwechslung mehrdeutiger wortbilder!

vorbemerkung: zurzeit liegt der nachdruck auf der forderung einer sofortigen verwirklichung der I. stufe . die folge der nächsten stufen bleibt der geschichtlichen entwicklung und weiterer bemühung überlassen . es erfolgt also ein planmäßiger aufbau von der bestehenden rechtschreibung aus .

I. stufe: antiqua ist normalschrift — kleinschreibung ohne ausnahme — angleichung der letzten griechisch-lateinischen reste an deutsche bezeichnungen: ph wird zu f, th zu t, rh zu r, y zu i, ch zu k — apostrof fällt ganz weg . … filosof, teater, reumatismus, higiene, karakter … wie mans treibt, so gehts … (keine doppelschreibungen mehr!) .
II. stufe: keine bezeichnung der dehnung mehr — wegfall von v, ß, x, chs, qu (ersetzt durch f, s, ks, kw) — komma nur noch natürlicher haltepunkt im redefluß, semikolon fällt weg: teile ab, wie es der raum verlangt! — häufig auftretende und schwer übersetzbare fremdwörter (auch aus lebenden sprachen) werden so geschrieben, wie sie im deutschen ausgesprochen werden … hun, al, bine, fater, strase, hekse, kwark … ich frage wo er ist … denke dir, karl ist krank … frisör .
III. stufe: keine bezeichnung der kürzung mehr — keinerlei stammsilbenschreibung mehr: statt ä nur noch e, statt äu nur noch oi — auch eu wird zu oi — ei wird zu ai — z wird zu ts — wörtliche rede im allgemeinen nur mit doppelpunkt … este, hoiser, efoi, laise, haitser, hunt … er sagt: du blaibst!
IV. stufe: neue zeichen für ng und sch .
(für ch als bezeichnung des (a)ch- und (i)ch-lautes wäre ebenfalls eine unterscheidung ratsam . da wir aber in ch das familialzeichen für beide klänge sehen, unterscheiden wir von ihm nur das mit ihm leicht zu verwechselnde sch durch ein besonderes zeichen: ein langes s!) . für ng empfehlen wir das zeichen, das aus einem n mit g-schleife besteht .

nachwort: in wirklichen zweifelsfällen ist ausnahmsweise eine bezeichnung der länge durch über den vokal gesetzten querstrich gestattet, die der kürze durch einen senkrechten akzent .

den letzten schritt, die zurückführung von d—t, b—p, g—k auf gemeinsame familialzeichen (etwa t, p, k) gehn wir vorläufig nicht . anderseits haben wir uns auch nicht entschließen können, für stimmlos gesprochene endkonsonanten (berg, hund) die harten zeichen vorzuschlagen, weil das ein zurückschrauben des uns sehr wichtigen prinzips der familialzeichen bedeuten würde . für den augenblicklichen stand der deutschen sprachentwicklung genügt unseres erachtens die einsetzung der familialzeichen f, s, e .

[s. 116]

das neue schriftbild

(nach dem leipziger plan)*)

I. stufe

im pastorgarten sah ich vor mir auf der erde etwas nacktes, ein sperlingskind, das aus dem neste gefallen war . ich hob es auf, und als ich sein herzchen zucken fühlte, wurde mir weh zumute, und ich trug es, selbst zitternd und in tränen, nach hause . die mutter behandelte den zufall mit sicherer überlegenheit, verfertigte ein nest aus watte, kochte ein ei und brachte etwas von dem zerhackten inhalt mit einem federkiel in das winzige geschöpf .

II. stufe

im pastorgarten sa ich for mir auf der erde etwas nacktes, ein sperlingskind, das aus dem neste gefallen war . ich hob es auf, und als ich sein herzchen zucken fülte, wurde mir we zumute, und ich trug es, selbst zitternd und in tränen, nach hause . di mutter behandelte den zufall mit sicherer überlegenheit, ferfertigte ein nest aus watte, kochte ein ei und brachte etwas fon dem zerhackten inhalt mit einem federkil in das winzige geschöpf .

III. stufe

im pastorgarten sa ich for mir auf der erde etwas naktes, ain sperlingskind, das aus dem neste gefalen war . ich hob es auf, und als ich sain hertschen zuken fülte, wurde mir we zumute, und ich trug es, selbst tsiternd und in trenen, nach hause . di muter behandelte den tsufal mit sicherer überlegenhait, ferfertigte ain nest aus wate, kochte ain ai und brachte etwas fon dem tserhakten inhalt mit ainem federkil in das wintsige geschöpf .

IV. stufe

im pastorgarten sa ich for mir auf der erde etwas naktes, ain sperliŋskind, das aus dem neste gefalen war . ich hob es auf, und als ich sain hertschen zuken fülte, wurde mir we zumute, und ich trug es, selbst tsiternd und in trenen, nach hause . di muter behandelte den tsufal mit sicherer überlegenhait, ferfertigte ain nest aus wate, kochte ain ai und brachte etwas fon dem tserhakten inhalt mit ainem federkil in das wintsige geſöpf .

*) quellen s. s. 119 .

[s. 117]

I. stufe

längere zeit lag ein schatten auf meiner sonst so sonnigen jugend . in dem pfarrhaus mit den fünf kindern herrschten geldsorgen . meine mutter sparte an allen ecken und enden . ich selber setzte meinen stolz darein, in mülhausen so wenig wie möglich zu brauchen . als meine mutter einmal im herbste meinte, mein winteranzug müsse mir zu klein geworden sein und ich brauche einen neuen, verneinte ich es . da ich ihn aber wirklich nicht mehr tragen konnte, lief ich im winter in meinem gelben sommeranzuge herum .

II. stufe

längere zeit lag ein schatten auf meiner sonst so sonnigen jugend . in dem pfarrhaus mit den fünf kindern herrschten geldsorgen . meine mutter sparte an allen ecken und enden . ich selber setzte meinen stolz darein, in mülhausen so wenig wi möglich zu brauchen . als meine mutter einmal im herbste meinte, mein winteranzug müsse mir zu klein geworden sein und ich brauche einen neuen, ferneinte ich es . da ich in aber wirklich nicht mer tragen konnte, lif ich im winter in meinem gelben sommeranzuge herum .

III. stufe

lengere tsait lag ain schaten auf mainer sonst so sonigen jugend . in dem pfarhaus mit den fünf kindern herschten geldsorgen . maine muter sparte an alen eken und enden . ich selber setste mainen stolts darain, in mülhausen so wenig wi möglich zu brauchen . als maine muter ainmal im herbste mainte, main winterantsug müse mir tsu klain geworden sain und ich brauche ainen noien, fernainte ich es . da ich in aber wirklich nicht mer tragen konte, lif ich im winter in mainem gelben somerantsuge herum .

IV. stufe

leŋere tsait lag ain ſaten auf mainer sonst so sonigen jugend . in dem pfarhaus mit den fünf kindern herſten geldsorgen . maine muter sparte an alen eken und enden . ich selber setste mainen stolts darain, in mülhausen so wenig wi möglich zu brauchen . als maine muter ainmal im herbste mainte, main winterantsug müse mir tsu klain geworden sain und ich brauche ainen noien, fernainte ich es . da ich in aber wirklich nicht mer tragen konte, lif ich im winter in mainem gelben somerantsuge herum .

[s. 118]

I. stufe

entwicklung selbst ist keine angelegenheit der technik und der expansion, sondern der ausdruck des organischen lebens, der geistigen einheit in den völkern . über sie entscheiden letzte, untereinander nicht meßbare, wägbare und vergleichbare geistige werte: kulturideen, völkerkaraktere . es herrscht im gebiet der geschichtlichen entwicklungslehren ein wüster wirrwarr: es überkreuzen sich die verschiedenartigsten vorstellungsreihen .

II. stufe

entwicklung selbst ist keine angelegenheit der technik und der ekspansion, sondern der ausdruck des organischen lebens, der geistigen einheit in den fölkern . über si entscheiden letzte, untereinander nicht mesbare, wägbare und fergleichbare geistige werte: kulturiden, fölkerkaraktere . es herrscht im gebit der geschichtlichen entwicklungsleren ein wüster wirrwarr: es überkreuzen sich di ferschidenartigsten forstellungsreien .

III. stufe

entwiklung selbst ist kaine angelegenhait der technik und der ekspansion, sondern der ausdruk des organischen lebens, der gaistigen ainhait in den fölkern . über si entschaiden letste, unterainander nicht mesbare, wegbare und ferglaichbare gaistige werte: kulturiden, fölkerkaraktere . es herscht im gebit der geschichtlichen entwiklungsleren ein wüster wirwar: es überkroitsen sich di ferschidenartigsten forstelungsraien .

IV. stufe

entwikluŋ selbst ist kaine angelegenhait der technik und der ekspansion, sondern der ausdruk des organiſen lebens, der gaistigen ainhait in den fölkern . über si entſaiden letste, unterainander nicht mesbare, wegbare und ferglaichbare gaistige werte: kulturiden, fölkerkaraktere . es herſt im gebit der geſichtlichen entwikluŋsleren ein wüster wirwar: es überkroitsen sich di ferſidenartigsten forsteluŋsraien .